Filmkritik: „Fenster Zum Sommer“ (2011)

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Originaltitel: Fenster Zum Sommer
Regie: Hendrik Handloegten
Mit: Nina Hoss, Fritzi Haberlandt, Mark Waschke u.a.
Land: Finnland, Deutschland
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama, Thriller
Tags: Schicksal | Liebe | Tod | Zeitsprung | Prädestination

Das Fenster zur Unentschlossenheit.

Kurzinhalt: Als die gerade erst von ihrem Ex-Freund getrennte Juliane (Nina Hoss) zu ihrem ersten Sommerurlaub mit ihrem neuen Freund August (Mark Waschke) aufgebrochen ist, ereignet sich etwas merkwürdiges. Nachdem sie an der Seite ihres Geliebten eingeschlafen ist, wacht sie nicht wie erwartet an seiner Seite auf – sondern sieht sich um einige Monate in der Zeit zurückversetzt. Nach dem anfänglichen Entsetzen versucht sie, festzustellen was passiert ist – und ihren Freund wiederzufinden. Doch der weiß noch gar nichts von seinem (späteren) Glück. Überhaupt ist Juliane zu diesem Zeitpunkt noch mit ihrem Ex-Freund Philipp (Lars Eidinger) zusammen, der entsprechend verdutzt auf ihr merkwürdiges Verhalten reagiert. Was sie noch mehr schockiert ist allerdings, dass ihre bei einem Unfall tödlich verunglückte beste Freundin Emily (Fritzi Haberland) wieder lebt. Juliane plant, sich möglichst genau so zu verhalten wie sie es vor einigen Monaten bereits getan hat; auch um ihren späteren Freund kennenzulernen – den Tod ihrer Freundin will sie aber verhindern. Doch kann sie wirklich gegen eine Macht wie die des Schicksals ankommen ?

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Was allein vom Titel her eher nach einem seichten Heimatfilm klingt, ist in Wahrheit ein durchaus vielversprechender Drama-Thriller mit der bekannten deutschen Schauspielerin Nina Hoss in der Hauptrolle. In seinem FENSTER ZUM SOMMER stützt sich Regisseur Hendrik Handloegten (unter anderem auch für zwei TATORT-Folgen verantwortlich) auf eine gleichnamige Buchvorlage von Hannelore Valencak, die aus dem Jahre 1967 stammt. Eine, die durchaus fantastische Züge annimmt – sodass auch der 2011 realisierte, mit einem Budget von immerhin 3,2 Millionen Euro doch recht üppig finanzierte Film vor allem eines in den Mittelpunkt stellt. Denn neben der allseits und in jeder Szene omnipräsenten Nina Hoss dreht es sich in FENSTER ZUM SOMMER um eine Zeitreise – eine der etwas anderen Art. Und sicherlich auch eine, die so manch geheimen Wunschtraum entsprechen mag: die plötzliche Reise der Titelfigur Juliane ist nicht physischer, sondern rein spiritueller Natur – etwa so, wie man sich eine Seelenwanderung vorzustellen hat. Und so findet sie sich einige Monate in der Zeit zurückversetzt wieder – in ihrem einige Monate jüngeren Körper, aber mit all dem zwischenzeitlich angeeigneten Wissen.

Die Erwartungen in Anbetracht dieser Prämisse sollten – auch wenn es sich um kein allzu ausgeklügeltes und hintergründiges Werk mit etwaigen Deutungsansätzen, sondern eben doch nur um ein eher stilles Drama mit Thriller-Elementen handelt – geradezu mannigfaltig sein. Speziell natürlich in Bezug auf die Möglichkeiten, die sich aus einem solchen Wissensvorsprung ergeben würden – und in Bezug auf das Seelenleben des weiblichen Hauptcharakters. Wie wäre mit einem solchen Wissen umzugehen, wem würde man sich anvertrauen ? Was würde man anders machen, was wiederholen ? Mit eben dieser Frage beschäftigt sich FENSTER ZUM SOMMER zwar, allerdings – und das ist das große aber – nur in einer äußerst heruntergebrochenen Form. Einer, die sich im wesentlichen allein auf das unausweichliche Schicksal bezieht – immerhin sowohl im positiven als auch negativen Sinne. So wird Juliane nicht nur ein zweites Mal mit einem ihr nun gar nicht mehr so fremd vorkommenden Mann anbändeln – sondern auch ein weiteres Mal miterleben müssen, wie ihre beste Freundin bei einem Unfall umkommt. Und das trotz der Versuche, eben dies zu verhindern – der zeitliche Ablauf verschiebt sich etwas, doch das eigentliche Ereignis scheint unausweichlich.

Und so scheint das Stichwort hinter FENSTER ZUM SOMMER schlicht Prädestination zu lauten – ein Phänomen, welches in letzter Zeit wieder eine wahre Renaissance im Filmbereich erlebt, und das nicht erst seit dem auf den Punkt betitelten PREDESTINATION (Review). Grundsätzlich handelt es sich um eine spannende, immer auch den Bereich der Metaphysik ankratzende Thematik – die man allerdings auch weitaus weniger kompliziert behandeln kann; wie es nun auch FENSTER ZUM SOMMER zeigt. Denn bis auf die Tatsache, dass der hier gemachte Zeitsprung als Story-Aufhänger fungiert; gibt es keinerlei weitere Ansätze auf die Idee einzugehen – stattdessen, und sicher auch um mögliche Logik-Lücken zu füllen oder entstehende Fragen von vorneherein zu verhindern; verpasst man dem Ganzen schlicht eine Riesenportion Herzschmerz. Das mag grundsätzlich gar keine schlechte Idee gewesen sein, gerade da etwaige Beziehungsgeflechte unter dem Gesichtspunkt der Prädestination ganz anders betrachtet werden können – doch stellt FENSTER ZUM SOMMER eindeutig eine unspektakulärere, seichtere und stellenweise sogar explizit kitschige Variante vor.

Davon abgesehen bietet FENSTER ZUM SOMMER einen grundsoliden handwerklichen Part – auch wenn die teils opulenten Bilder oftmals nicht halten können, was sie versprechen. Doch speziell in Bezug auf die Leistungen der Darsteller, respektive die One-Man-Show von Nina Hoss gibt es nichts zu beanstanden. Wo genau die 3,2 Millionen Euro eingeflossen sind die die Produktion veranschlagt hat; bleibt allerdings weitestgehend offen respektive kaum ersichtlich. Schließlich ist das Ganze über weite Strecken wie ein Kammerspiel inszeniert – mit einem stärkeren Fokus auf Charakterszenen, und keineswegs auf Spezialeffekte oder explizit aufwendigere Szenen.

Fazit: So richtig durchdacht und nennenswert ausgearbeitet erscheint das FENSTER ZUM SOMMER nicht. Trotz der anberaumten übergeordneten Thematik, trotz des fantastischen Elements (welches erst dafür verantwortlich ist dass der Film überhaupt Interesse generiert) bleibt er verdächtig bodenständig und hat eben doch mehr von einer typischen Romanze, als es einem entgegen möglicher Erwartungen lieb sein könnte. Wer erwartet, interessante Denkanstöße zum Thema der Prädestination oder überhaupt nennenswerte Gedankenspiele serviert zu bekommen, wird gnadenlos enttäuscht. Anders gesagt: FENSTER ZUM SOMMER ist ein weder-noch-Film mit starken Figuren – aber einem Drehbuch, das wahrlich jeder schreiben können. Und das, obwohl es tatsächlich sogar relativ frei von der Vorlage adaptiert wurde – was weitere Möglichkeiten hätte zulassen sollen. Vielleicht hat man sich einfach nicht getraut und ist doch lieber auf Nummer sicher gegangen ? Das Ergebnis ist nicht katastrophal, aber insgesamt doch eher enttäuschend.

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„Insgesamt etwas zu unausgegoren.“

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