Metal-CD-Review: LUCA TURILLIS RHAPSODY – Prometheus (Symphonia Ignis Divinus, 2015)

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Alben-Titel: Prometheus: Symphonia Ignis Divinus
Künstler / Band: Luca Turilli’s Rhapsody (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 19. Juni 2015
Land: Italien
Stil / Genre: Symphonic Power Metal
Label: Nuclear Blast Records

Alben-Lineup:

Patrice Guers – Bass
Alex Landenburg – Drums
Alessandro Conti – Vocals
Luca Turilli – Guitars, Keyboards
Dominique Leurquin – Guitars

Track-Liste:

1. Nova Genesis – Ad Splendorem Angeli Triumphantis (03:08)
2. Il Cigno Nero (04:08)
3. Rosenkreuz – The Rose And The Cross (04:34)
4. Anahata (05:03)
5. Il Tempo Degli Dei (05:03)
6. One Ring To Rule Them All (07:05)
7. Notturno (04:34)
8. Prometheus (05:06)
9. King Solomon And The 72 Names Of God (06:51)
10. Yggdrasil (06:00)
11. Of Michael The Archangel And Lucifer’s Fall Part II: Codex Nemesis (18:04)

Die neue Definition des Bombasts ?

Nach monatelangen Rumoren, unzähligen Vorab-Snippets und zwei offiziellen Singles ist es endlich draußen: das zweite Studioalbum der Symphonic Power Metal-Schmiede LUCA TURILLI’S RHAPSODY. Zweifelsohne wird das, was Italo-Mastermind Luca Turilli hier mit seinen Kollegen auf die Beine gestellt hat; abermals die Geister scheiden – vielleicht sogar noch ein stückweit mehr als das 2012 veröffentlichte ASCENDING TO INFINITY (Review). Schließlich macht Turilli keinen Hehl daraus, dass PROMETHEUS: SYMPHONIA IGNIS DIVINUS alles bisherige toppen könnte – vor allem in Bezug auf die relative Komplexität des Materials und die Präsenz der symphonischen Komponente. Die wurde zwar auch schon zu besten RHAPSODY-Zeiten vergleichsweise hoch gehalten – doch Turilli wäre nicht Turilli, wenn er nicht ständig noch eine Schippe drauflegen würde. Und so ist PROMETHEUS in erster Linie ein Fest für alle Genre-Fans. Vornehmlich natürlich solchen, denen es niemals zu bombastisch, zu pompös und ausschweifend genug zugehen kann.

Denn eines ist klar: PROMETHEUS bewegt sich hinsichtlich seines Konzepts recht nah an einer imaginären Schmerzgrenze. Und das nicht nur aus der Sicht solcher, die das bediente Genre ohnehin eher meiden. Einer, die in Bezug auf den jeweiligen Hörer über den Aufstieg oder den Fall des Albums entscheiden wird – eventuell sogar noch vor dem eigentlichen Hörgenuss. So kommen auch der ellenlange Alben-Titel und die Track-Liste mit etlichen sperrigen (ja nach Facón gar absurd anmutenden) Titelbezeichnungen nicht von ungefähr. Denn: auch sie untermalen das Bestreben Turilli’s, der einzig wahre Wegbereiter für das neu gegründete Genre des Cinematic Metal zu sein. Das mag kitschig klingen, und das ist es vielleicht auch. Und tatsächlich: wer bereits in Anbetracht dieser Ambition die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, und auch generell eher wenig für symphonische Spielereien übrig hat – der wird vermutlich wenig mit dem hier dargebotenen anfangen können und sollte einen großen Bogen um PROMETHEUS machen.

Alle anderen jedoch, und speziell jene die sich seit längerem mit den Werken RHAPSODYS befassen; sollten einen intensiveren Blick in die Welt von PROMETHEUS riskieren. Und das aus mehreren Gründen. Einer davon ist, dass es sich tatsächlich um ein Album handelt welches es sich in mehreren Durchläufen zu entdecken lohnt. Die bereits erwähnte Übertreibung und Ausreizung des Genres; oder in einem etwas positiveren Jargon auch die vielschichtigen Kompositionen mit unzähligen verschiedenen Sound-Elementen und Eindrücken erfordern es unbedingt, dass man sich Zeit nimmt und das Album so gesehen schrittweise verarbeitet. Musikalisch lohnt sich das Ganze allemal – man merkt dem Album einfach an dass hier einiges an Herzblut investiert wurde. Andere Gründe, dem Album eine Chance zu geben fänden sich vornehmlich in der Verfolgung des fulminanten und allemal interessanten Werdegangs von Turilli selbst; sowie in dem Hinweis dass PROMETHEUS offenbar nah am Sound eines der besten Turilli-Alben überhaupt orientiert – PROPHET OF THE LAST ECLIPSE (Review) aus dem Jahre 2002.

Doch wie genau klingt nun eigentlich PROMETHEUS, und wie ist es aufgebaut ? Zunächst ist zu sagen, dass Turilli eine recht bunte Ansammlung von verschiedenen Titeln innerhalb eines übergeordneten Konzepts vorsieht. Dieses besteht aus nicht weniger, als die Geschichte der Menschheit an einigen markanten Punkten abzuarbeiten – mal mit einem etwas religiöseren Hintergrund, mal mit einem etwas fantastischeren. Immer mit von der Partie, und sicher auch ausschlaggebend für den Sound von PROMETHEUS ist die Nähe zur Filmmusik – was sich bereits im Intro niederschlägt. NOVA GENESIS bildet hier den Auftakt, der fulminanter nicht hätte ausfallen können: dezent elektrisch angehauchte Klänge mischen sich mit satten Erzählstimmen, apokalyptischen Chören und allerlei Bombast. Das macht entsprechend Laune, gesetzt dem Fall man ist ein Freund solch üppiger Arrangements – denn wie gesagt; Turilli schöpft hier aus dem Vollen. Und das so sehr, dass der Vorgänger ASCENDING TO INFINITY musikalisch vergleichsweise zurückhaltend wirkt.

Und doch hat es Turilli irgendwie geschafft, PROMETHEUS mit einem gewissen Ernst zu versehen – entgegen möglicher Erwartungen gibt er sich eben nicht der Lächerlichkeit preis. Auch, wenn einige Einzel-Titel nicht gänzlich davor gefeit sind. Wie etwa der Titeltrack PROMETHEUS, über den sich bereits viele in den sozialen Medien ausgetauscht respektive gestritten haben. Tatsächlich scheint die Ansammlung von lateinischen Wortfetzen nicht unbedingt zum glanzvollsten zu gehören, was das Album zu bieten hat – auch wenn die musikalische Hintergrundkulisse durchaus einiges zu bieten hat. Doch gilt das glücklicherweise für so gut wie alle Titel; sodass man zumindest in Bezug auf die beiden vorab veröffentlichten Singles eher zum weitaus gelungeneren ROSENKREUZ greifen wird.

Es folgen zwei weitere wichtige Faktoren des Albums – der Leadgesang und der Faktor der Abwechslung respektive die Wertigkeit der einzelnen Titel in Bezug auf das große Ganze. Festzustellen ist, dass nicht jedermann mit Alessandro Conti als Frontstimme glücklich ist – wohl, da er vornehmlich in höheren Lagen unterwegs ist und eher das Flair eines Opernsängers als das eines Power Metal-Frontmanns versprüht. Wobei ein nicht-metallischer Titel wie NOTTURNO sicher als Paradebeispiel zu verstehen ist. Doch scheint gerade diese klassisch ausgelegte Stimme perfekt zu einem Projekt wie LUCA TURILLI’S RHAPSODY zu passen; sie komplettiert das Lineup – auch wenn etwaige Gedankenspiele ihn einmal gedanklich mit seinem quasi-Vorgänger Olaf Hayer zu ersetzen, ebenfalls ihren Reiz haben. Und ihn wohl nie verlieren werden, dafür hat er auf dem PROPHET-Album zu gut abgeliefert. Aber auch Alessandro Conti versteht sein Handwerk, zweifelsohne. Ganz unabhängig davon, ob er nun in seiner Muttersprache oder einem durchaus einwandfreien und so gut wie akzentfreien englisch singt. Die wie immer satten und gut platzierten Chöre runden das Ganze dann wunderbar ab.

Kommt man zu den einzelnen Nummern, so wird man sie gedanklich in zwei oder drei Kategorien einordnen; einordnen müssen. Die einen sind die sofort zündenden Nummern mit einer Extraportion Bombast – wie das Intro NOVA GENESIS, ROSENKREUZ oder PROMETHEUS. Das ebenfalls sehr hymnische IL CIGNO NERO bildet dann so gesehen den Übergang zur zweiten Kategorie; den auf italienisch vorgetragenen Stücken – die man entweder lieben oder hassen wird. Immerhin, nur NOTTURNO scheint hier direkt einer italienischen Oper entnommen – IL TEMPO DEGLI DEI kommt schon etwas facettenreicher daher. Die letzte Kategorie bilden dann die etwas längeren und / oder etwas sperrigeren Stücke – wobei der einzig wahre Knackpunkt des Albums in eben diesen begraben liegt. Nicht nur, weil sie vergleichsweise weniger Spaß machen – sondern auch, weil es nicht immer etwas besonderes zu entdecken gibt. ANAHATA, ONE RING TO RULE TO RULE THEM ALL, KING SOLOMON AND THE 72 NAMES OF GOD, YGGDRASIL… hier spielen verschiedene Einflüsse eine Rolle; vor allem aber wohl die klassischen. Doch letztendlich scheint es den Nummern an etwas zu fehlen – und sei es, dass man hie und da einen eingängigerne Refrain eingeworfen hätte. Das gleiche gilt dann auch für den in jeder Hinsicht überlangen Titel OF MICHAEL THE ARCHANGEL AND LUCIFERS FALL PART II: CODEX NEMESIS. Während der erste Teil auf dem Vorgänger zumindest noch einen schmackigen Refrain hatte an dem man sich orientieren konnte; ergötzt sich Turilli hier an endlosen klassischen Intermezzi und nur noch mehr Chören. Das kann bei dieser Dosierung irgendwann an den Nerven zehren – wie gut also, dass der Bonustrack in Form einer symphonischen Version des RIOT-Klassikers THUNDERSTEEL schon eher zündet.

Als letzter Punkt ist dann nur noch die allgemeine Produktions- und Abmischungsqualität anzuberaumen. Diese wird gemischte Gefühle entstehen lassen – was vor allem am nicht immer gut in Szene gesetzten Schlagzeug- und Gitarrensound (außerhalb der Soli) liegt. Tatsächlich scheint sich Turilli stärker auf seinen symphonischen Komponente fokussiert zu haben als jemals zuvor; was trotz des Orchesters aus der Konserve niemals allzu künstlich klingt und speziell in den Chor-Momenten einen enormen Eindruck hinterlässt. Doch bleibt es schade, dass die metallischen Komponente dadurch etwas in den Hintergrund rücken und speziell das Schlagzeug etwas lustlos und generisch klingt. Diesbezüglich kann das Album also keinesfalls mit dem rundum perfekt aufeinander abgestimmten PROPHET OF THE LAST ECLIPSE konkurrieren. Auch hat man das Gefühl, als hätte PROMETHEUS an der ein oder anderen Stelle noch etwas mehr Bumms vertragen können.

Fazit: Auch wenn es nicht immer die richtige Wahl sein mag, möglichst viele Zutaten (und auch noch in einer hohen Dosierung) zu verwenden, scheint das Konzept von Luca Turilli weiterhin aufzugehen. PROMETHEUS ist eine Ode an das Genre des filmreifen symphonischen Power Metals, und ein weiterer Meilenstein in der Diskografie des italienischen Ausnahme-Künstlers. Einer, der das parallele Schaffen seiner alten RHAPSODY-Kollegen eher müde aussehen lässt. Trotz der einstweilen bedrohlich schwankenden Stimmung irgendwo zwischen einer noch angenehmen, maximalen Ausreizung es Genres und einer potentiellen Lächerlichkeit sind sowohl die musikalischen Qualitäten und nicht zuletzt der Unterhaltungswert deutlich höher und damit klar auf der Seite Turilli’s. Sicher hätte man die ein oder andere Nummer etwas simpler hätte gestalten, sowie die schwermetallischen Komponente deutlicher hervorheben sollen – doch die positiven Eindrücke; zu denen sich noch eine gewisse Form einer längst vergessen geglaubten Aufgeregtheit gesellen, überwiegen. Turilli agiert alles andre als dezent – aber verdammt wirkungsvoll. Wenn nächstes Mal auch den Gitarren und dem Schlagzeug wieder etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, steht der Höchstwertung nichts mehr im Wege.

Absolute Anspieltipps: NOVA GENESIS, IL CIGNO NERO, ROSENKREUZ, IL TEMPO DEGLI DEI


80button

„Ein Album, das einen nicht nach mehr verlangen lässt – denn viel mehr geht nicht; zumindest in Bezug auf das Genre des Cinematic Metal.“

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