Filmkritik: „Chappie“ (2015)

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Originaltitel: Chappie
Regie: Neill Blomkamp
Mit: Sharlto Copley, Dev Patel, Hugh Jackman u.a.
Land: USA, Mexiko
Laufzeit: ca. 114 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction / Action
Tags: Zukunft | Dystopie | Intelligenz | Roboter | Menschheit

Pass auf, dass Du nicht Schlafi-Schlafi geschickt wirst…

Kurzinhalt: Im südafrikanischen Kapstadt der nahen Zukunft hat die Polizeiarbeit eine völlig neue Dimension erreicht. Längst machen Menschen nur noch einen Bruchteil der operativen Kräfte aus – während es vor allem äußerst widerstandsfähige und mit einer gewissen Intelligenz ausgestattete Roboter sind, die das Straßenbild prägen. Doch natürlich rauchen die verantwortlichen Köpfe hinter der kongenialen Erfindung trotz der bisherigen Erfolge munter weiter; wenn auch in gänzlich unterschiedliche Richtungen. Wenn es nach der Konzern-Chefin Michelle Bradley (Sigourney Weaver) geht, müssen nur die Verkaufszahlen weiter angekurbelt werden – während vor allem die Spezialisten Deon (Dev Patel) und Vincent (Hugh Jackman) an Weiterentwicklungen der Modelle arbeiten. Gerade Vincent scheint dabei wenig angetan von der Idee, die Roboter mit zu viel künstlicher Intelligenz auszustatten – sein neues, alternatives Modell ist weitaus brachialer; und wird von einem menschlichen Operator aus sicherer Entfernung gesteuert. Deon dagegen ist fasziniert von der Idee, einem Roboter so etwas wie eine menschliche Seele einzuverleiben – was ihm eines Tages auch tatsächlich gelingt. Der Androide CHAPPIE ist geboren. Dumm nur, dass er zum Zeitpunkt von dessen Fertigstellung in der Gewalt eines Gangster-Duos ist, die den neuen Roboter für einen Raubzug missbrauchen wollen. Doch noch ein weiteres Problem offenbart sich: da der Verstand von CHAPPIE dem des Menschen nahekommt, ist er im Grunde nicht viel mehr als ein kleines, hilfloses Baby – das immerhin mit der Fähigkeit ausgestattet ist, weitaus schneller als jeder Mensch zu lernen. Und so versuchen die Gangster, ihn möglichst schnell zu einem der ihren zu machen… was Deon natürlich alles andere als gutheißen kann, vorerst aber geschehen lassen muss.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Vor einigen Jahren noch nicht allzu bekannt, ist er spätestens seit DISTRICT 9 (Review) und ELYSIUM (Review) in aller Munde – Neill Blomkamp ist der vielversprechende Nachwuchs-Regisseur aus Südafrika. Vornehmlich, da seine Werke trotz einer gewissen Eigenständigkeit und des ein oder anderen Quäntchens Gesellschaftskritik eine breite Masse ansprechen; und sich zudem durch eine hervorragende visuelle Komponente für die große Leinwand qualifizieren. Da mit CHAPPIE nun schon der dritte Film eines speziellen übergeordneten Sujets daherkommt, fällt es auch nicht schwer zu sagen worin die inhaltlichen Vorlieben des 1979 geborenen und damit vergleichsweise jungen Regisseurs liegen: es ist die immer wiederkehrende Zeichnung einer Dystopie. Einer, die von der Vermengung aktuell gesellschaftlich relevanter Hintergründe auf der einen; und fantasievoll umgesetzten Elementen der Science Fiction auf der anderen Seite lebt. Ganz im Sinne des Regisseurs spielen dabei vor allem Themen wie Gleichberechtigung eine wichtige Rolle – wobei sich die Kernaussagen der bisherigen drei Filme speziell in Bezug auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft ganz ähnlich lesen, nur dass die Bühne eine jeweils andere ist. In DISTRICT 9 stellte man denjenigen Bürgern der Erde, die man am ehesten als gewöhnlich bezeichnen würde Außerirdischen gegenüber, in ELYSIUM einer zutiefst menschlichen Elite – und in CHAPPIE einer neuen Generation von Robotern.

Dabei spielt Blomkamp immer wieder mit dem Gefälle zwischen den jeweiligen Parteien – und stellt dem Zuschauer nicht von ungefähr die Frage, in wie weit die speziellen Unterschiede vor allem aus einem moralischen Standpunkt heraus gerechtfertigt erscheinen. So stellt auch CHAPPIE eine grundsätzlich interessante Frage, angelehnt an eine sicherlich gar nicht mal so abwegige Zukunftsvision: was wäre, wenn es eines Tages tatsächlich eine künstliche Intelligenz geben würde, die mit allem was den Menschen nach gängigen Definitionen ausmacht durchaus konkurrieren könnte ? Das klingt spannend – aber dennoch sollte man sich nicht allzu früh auf ein rundum durchdachtes, kritisches oder in dieser Hinsicht gar offenbarendes Machwerk einstellen. Wie schon in DISTRICT 9 und ELYSIUM handelt es sich bei derlei Gedankenspielen nur um ein eher hintergründiges, durch die Prämisse beinahe automatisch entstehendes Element. Eines, auf das im weiteren Verlauf des Films nicht näher eingegangen wird – weshalb man dem Zuschauer einen gänzlich neuen Blickwinkel auf die Thematik verwehrt, und stattdessen eher altbekanntes serviert. Seien es potentielle Vorgänger wie NUMMER 5 LEBT, I ROBOT oder A.I. – KÜNSTLICHE INTELLIGENZ – allein dadurch, dass sich die Technologie und das Aussehen von CHAPPIE etwas von der Masse abheben, generiert man noch lange keinen frischen Wind im Mecha-Genre. Doch eventuell war dies auch gar nicht die Absicht von Blomkamp – anders lassen sich die überdeutlichen, eventuell als Hommage zu verstehenden ROBOCOP-Parallelen speziell in Bezug auf CHAPPIE’s quasi-Gegenspieler wohl auch nicht erklären.

Hinsichtlich der aufgefahrenen Charaktere und den dazugehörigen Interaktionen wird Blomkamp die Zuschauerschaft wohl ebenfalls spalten. Vor allem, da die angebotene Konstellation eine eher ungewöhnliche ist. Die Charaktere agieren typischerweise recht stereotyp, werden arg oberflächlich dargestellt – und dennoch entsprechen sie nicht gerade der Vorstellung, die man von ähnlichen Genrefilmen haben wird. Dieser spezielle Eindruck resultiert vornehmlich daraus, dass Neill Blomkamp Ninja und Yo-Landi Visser verpflichtet hat. Hier handelt es sich um zwei südafrikanische Künstler oder auch Kunstfiguren, die sich nicht nur für zwei der markanteren Rollen des Films verantwortlich zeichnen – sondern auch einen Teil zum ansonsten recht typischen Soundtrack von Hans Zimmer beigetragen haben. Auch wenn ihre Charaktere nicht gerade tief blicken lassen, interagieren sie nicht nur mit CHAPPIE – sondern machen tatsächlich auch so etwas wie eine Wandlung durch; womit sie allen anderen (entsprechend schwächer gezeichneten) Charakteren schonmal eine Nasenlänge voraus haben. Aber auch sonst ziehen die beiden schrillen Gestalten einen Großteil der Aufmerksamkeit auf sich – eigentlich sogar so sehr, dass alle anderen zu Randfiguren verkommen. Mit Ausnahme von CHAPPIE selbst versteht sich, sowie eventuell noch Deon (Dev Patel, u.a. SLUMDOG MILLIONÄR) als dessen Schöpfer.

Die weitere Besetzung führt dann auch rasch zu einem der markantesten Kritikpunkte an CHAPPIE – der sich auf den Status und die Atmosphäre des Films als solches bezieht. Schließlich wird man hie und da angehalten zu entscheiden, ob der Film nun tatsächlich für Voll zu nehmen ist oder nicht – mit einem mehr als schwammigen Ergebnis. Über weite Strecken fühlt es sich schließlich tatsächlich so an, als würde es Blomkamp durchaus ernst meinen mit seiner hier gezeichneten Dystopie – dem gegenüber stehen aber allerlei Faktoren, die man bestenfalls in der hintersten Ecke der Trashfilm-Sparte erwarten würde. Dabei geht es nicht einmal um die durchaus vorhandene, sich etwas makaber anfühlende Situationskomik – sondern vielmehr um die Auswüchse der aufgefahrenen Technologie und den damit einhergehenden, etwas zu einfachen Lösungswegen. Und natürlich dem alles andere als ernst wirkenden Unterton, den man den Film mit Gastauftritten von bekannten Stars wie Hugh Jackman und Sigourney Weaver verpasst – die hier eher wie Karikaturen ihrer selbst wirken und davon abgesehen kaum Bedeutung für den Filmverlauf haben.

So erscheint es mehr als schwierig, CHAPPIE in eine vorgefertigte Kategorie zu stecken. Sowohl in Bezug auf das vordergründigste Genre – als auch die etablierte Wirkung und Atmosphäre. Im schlimmsten Fall könnte man dies als als Schwäche hinsichtlich einer Unentschlossenheit und Inkonsistenz ansehen, im besten als weiteren rebellischen Aspekt der immer wieder mit der Atmosphäre des Films spielt – dafür aber einen vergleichsweise hohen Unterhaltungsfaktor mit sich bringt. Die größten, deutlicheren Stärken des Films sind aber ohnehin im gestalterischen Bereich zu suchen – und auch zu finden. Vom gelungenen und nicht zu hektischen Schnitt über die herausragende Kameraführung bis hin zur atmosphärischen Ausleuchtung stimmt hier alles. Der ganz spezielle Look, den Blomkamp dabei etabliert liegt irgendwo zwischen angenehm rauen Cyberpunk-Einflüssen a’la MAD MAX und einer typischen Hollywood-Machart der Marke Hochglanz – und vereint dabei die Stärken beider Seiten. Gut ist auch, dass die Actionszenen eher wohl dosiert daherkommen und der Zuschauer nicht zusätzlich mit sinnentleerten Effekt-Gewittern bombardiert wird.

Fazit: Sowohl von der Idee als auch von der inhaltlichen Ausarbeitung ist CHAPPIE alles andere als ein großer Wurf geworden. Dafür punktet der Film zumindest hie und da mit einem gewissen Hang zum unkonventionellen – und einem hohen Unterhaltungsfaktor, der vor allem durch allerlei innovative Elemente auf Seiten der optischen Gestaltungsarbeit und der akustischen Untermalung generiert wird. Schade ist nur, dass diese Eindrücke durch andere Fehlschläge wieder zunichte gemacht werden – wie etwa in Bezug auf die mehr als plumpe Charakterdarstellung und -Entwicklung, die allgemeine Oberflächlichkeit oder das zutiefst misslungene Finale. Letztendlich ist CHAPPIE weder Fisch noch Fleisch – und bleibt meilenweit hinter dem vermuteten Potential zurück. Am ehesten funktioniert er als reiner Spaßfilm; oder auch als Karikatur anderer bekannter Werke die sich mit dem Thema der künstlichen Intelligenz auseinandersetzten.

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„Chappie, oder: ein unentschlossenes Werk irgendwo zwischen stilvoller Indie-Produktion und ärgerlichem Hollywood-Einheitsbrei.“

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