Filmkritik: „Project: Babysitting – #EPICFAIL“ (2013)

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Originaltitel: Babysitting
Regie: Philippe Lacheau, Nicolas Benamou
Mit: Philippe Lacheau, Alice David, Vincent Desagnat u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 84 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Komödie
Tags: Geburtstag | Feier | Party | Fete | Babysitter | Erziehung

Project X mit Babysitter.

Kurzinhalt: Der am Empfang eines großen Verlages arbeitende Franck (Philippe Lacheau) hat so manch verborgene Talente, wie etwa das Comic-Zeichnen – was er auch seinem Chef Marc Schaudel (Gérad Jugnot) näherbringen möchte. Doch bevor er dazu kommt, hat der eine ganz andere Aufgabe für ihn parat: Franck soll während einer Geschäftsreise auf seinen Sohn Remy (Enzo Tomasini) aufpassen. Da sich Franck mögliche Chancen nicht verbauen möchte, willigt er ein – und stellt bald darauf fest, dass Remy nicht unbedingt eines der zugänglichsten und liebenswertesten Kinder ist. Doch das ist noch nicht einmal das eigentliche Problem… denn Franck hat Geburtstag, und wird von seinen besten Freunden mit einer großen Party überrascht. Dass diese aber ausgerechnet im Haus seines Chefs stattfinden soll, dafür kann sich Franck nicht gerade begeistern. So versucht er mit Ach und Krach, alles unter einen Hut zu bekommen: die Party, seinen neuerlichen Erziehungsauftrag – und die Anbändelungsversuche mit der hübschen Sonia (Alice David).

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Kritik: Achtung, Spoiler ! PROJECT BABYSITTING ist eine französische Komödie aus dem Jahre 2013, die erst jetzt einen Weg in die deutschen Verkaufsstände gefunden hat. Im vom jungen Regie-Duo Philippe Lacheau und Nicolas Benamou inszenierten Original horchte das spaßige Chaos-Projekt noch auf den schlichten Namen BABYSITTING – was mit einigen ohnehin vorhandenen inhaltlichen Parallelen zur ausufernden Party-Komödie PROJECT X (Review) zu einer entsprechenden Titelvergabe für den deutschen Markt führte. Einer durchaus geschickten, sollte man meinen – schließlich kann so die gesamte Zuschauerschaft, die bereits PROJECT X für gut befunden hat; direkt geködert werden. Und das sogar ohne allzu enttäuscht aus dem Nachfolger aus Frankreich hervorzugehen: der Film ist ganz ähnlich aufgemacht wie sein potentielles Vorbild aus Übersee; und stellt dem Zuschauer ein dementsprechend bekanntes Szenario vor. Das besteht vornehmlich aus einer völlig aus dem Ruder laufenden Privat-Party für ein erwachsenes Geburtstagskind – das an diesem Tag eigentlich etwas ganz anderes vorhatte und entsprechend verhalten reagiert.

Vielleicht wäre das Ganze tatsächlich nur ein müder Abklatsch geworden, würde PROJECT: BABYSITTING nicht doch noch eine neue Komponente einstreuen, die dem Titel auch gerecht wird: der von der Überraschungsparty völlig überrumpelte Frank muss an jenem besagten Tag auf den 10-jährigen Sohn seines Chefs aufpassen. Allein die Zusammenführung dieser beiden gegensätzlichen Elemente sorgt dann auch dafür, dass der Film größtenteils hält was er verspricht: die Veranschaulichung eines mehr als turbulenten Abends, bei dem nichts als Chaos herrscht. Inhaltlich sind demnach keine allzu großen Sprünge zu erwarten – dafür aber im Hinblick auf die allgemeine, dezent anarchistische Heiterkeit, die Charakterporträts und die Situationskomik. Dass diese Aspekte von den Machern gut umgesetzt wurden, liegt wohl auch daran dass Regisseur Philippe Lacheau zusätzlich die Hauptrolle als Franck innehat – und das Geschehen so von beiden Seiten der Kamera beeinflussen kann. Ein Gespür für eine alles andere als bahnbrechende, aber doch spaßige und leicht rebellische Form der Unterhaltung scheint er jedenfalls zu haben – PROJECT: BABYSITTING ist ein temporeich-turbulenter Film geworden, der hie und da sogar mit echten Highlights punkten kann.

Diese finden sich zunächst in Bezug auf die Art der Erzählung wieder: schließlich wird das Geschehen ab Beginn der Party-Nacht aus einer Rückblende erzählt, respektive von den beiden entsetzten Eltern (und einigen Polizisten) anhand einer Videokamera-Aufzeichnung begutachtet. So kommt es auch, dass die Aufnahmen einstweilen unterbrochen werden und man die Reaktionen der Eltern beobachten kann – die natürlich entsprechend kurios ausfallen. Nicht jedoch so kurios wie die der anwesenden Polizisten; vor allem die eines besonders eifrigen Ermittlers – der der Mutter mit einigen alles andere als hilfreichen Anekdoten aus seinem Berufsalltag daherkommt. In diesen Momenten ist PROJECT: BABYSITTING auch am witzigsten und gleichzeitig kritischsten – schließlich mildern sich die allzu empörten Reaktionen der Eltern mehr und mehr, als nicht mehr von einer Entführung auszugehen ist und sie sich immer mehr eigene Fehler eingestehen müssen. Eine ausufernde Party als erzieherischer Zeigefinger – das ist ungewöhnlich und mag nicht immer Sinn ergeben, doch die Botschaft; die gute Moral von der Geschicht‘ wird auch so transportiert.

Speziell zu Beginn verpasst man es allerdings, die Rolle des Kindes sinnig in den Film zu integrieren. Nicht nur, dass sie inhaltlich kaum eine Rolle spielt und es keine besonderen Szenen zu sehen gibt, die sich aus einer Konstellation wie dieser ergeben hätten – auch der junge Darsteller von Remi, Enzo Tomasini hat hier nicht viel mehr zu tun als die unsympatisch-verzogene Göre zu spielen. Erst im weitaus späteren Verlauf wird der Film dem Titel endlich wieder gerechter – und rückt auch die Kinderrolle wieder expliziter in den Fokus, macht sie sympathischer. So gehören speziell die Szenen auf dem Jahrmarkt nicht unbedingt zu den furiosesten des Films (mit Ausnahme der Spritztour auf den Go-Karts), doch bieten sie eine willkommene Alternative zum ansonsten recht sinnfreien Party-Gegröle. Schließlich machten sowohl Franck als auch Remi eine entscheidende Wandlung durch – während alle anderen Charaktere größtenteils auf dem Status reiner Sidekicks sitzenbleiben. Aber auch das ist nicht schlimm – schließlich hat man auch hier und trotz der Bedienung gewisser Klischees das Gefühl, als könnte es diese Protagonisten tatsächlich geben. In wie weit sich die entsprechenden Schauspieler also aus dem Fenster lehnen mussten bleibt ungewiss – sicher ist wohl nur, dass alle eine gehörige Portion Spaß hatten. Und die überträgt sich auch auf den Zuschauer, zumindest über weite Strecken.

Was bleibt, sind die technischen Aspekte des Films – die sich vor allem durch die größtenteils verwendeten Aufnahmen einer Handkamera definieren. Glücklicherweise ist das Bild aber nicht ganz so wackelig wie in manch anderen Found-Footage-Produktionen und damit recht angenehm. Eher negativ zu beurteilen ist dagegen die etwas; man nenne sie beklemmende Gesamtwirkung des Films – die offenbar aus einem vergleichsweise geringen Budget resultiert und mit dem Prinzip der Handkamera-Aufnahmen kaschiert werden soll. So spielt sich das Geschehen beinahe nur in einem einzelnen Haus ab, auf den (größtenteils menschenleeren) Jahrmarkt geht es in tiefster Nacht – und die kurzen Ausflüge auf den Straßen (zunächst im Auto, später auf Go-Karts) wirken auch nicht so, als würde PROJECT: BABYSITTING neue inszenatorische Maßstäbe setzen. Bei den Darstellern setzt sich vor allem einer durch, und das ist Regisseur Philippe Lacheau – man kann einfach nicht anders, als mit dem aufstrebenden Comic-Zeichner und plötzlich-Babysitter mitzufühlen; beispielsweise auch was seine deeskalierenden Versuche angeht, die Party noch recht zeitig zu stoppen. Während alle anderen eine nicht ganz so prägnante, aber doch ordentliche Vorstellung abliefern bleibt speziell der Kinderdarsteller Enzo Tomasini hinter seinen Möglichkeiten zurück – und sei es nur gefühlt. Immerhin: der Auftritt von Gérard Jugnot als diesmal nicht ganz so vorbildlicher Vater entschädigt vieles. Ob er nun einen Gutmenschen spielt oder einen erfolgshungrigen Geschäftsmann wie hier – er kann wohl alles, nur nicht unsympathisch wirken.

Fazit: PROJECT: BABYSITTING bietet eine große Portion Spaß und veranschaulicht die regelrechte Anarchie einer ausufernden Party-Nacht – spielt mit seinen Zwischentönen aber durchaus auf ein eher gehaltvolles Thema wie das der Vernachlässigung an. Das mag alles nicht neu sein, und ist auch nicht aufregend anders inszeniert – und doch kann man sich getrost auf dieses größtenteils angenehm komische Werk einlassen. Wenn man nicht zuviel erwartet, das Ganze an den entscheidenden Stellen nicht hinterfragt und es eher als ein Feel-Good-Movie der turbulenten Art betrachtet, versteht sich. Angenehmer und stilvoller als ein PROJECT X ist PROJECT: BABYSITTING allemal.

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„Macht definitiv mehr Spaß als PROJECT X.“

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Project: Babysitting – #EPICFAIL“ (2013)

  1. 100 % Zustimmung, auch wertungstechnisch. 🙂 Unterhaltsamer Anarchostreifen den man sich auch durchaus mit etwas älteren Kids zusammen ansehen kann. Hier und da flackert ein wenig „Hangover-Touch“ durch. Der Humor ist leider etwas durchwachsen, mal treffsicher und mal ne Spur oder komplett daneben, in der Richtung hat das Französische Kino besseres zu bieten. Die Darsteller/Charaktere sind für so einen eher niveaufreien Film erfreulicherweise recht sympathisch.

    Philippe Lacheau hat mir sehr gut gefallen, irgendwie erinnerte er mich und seine Gesamtsituation an Pierre Richard im verdammt ähnlich gesonderten „Das Spielzeug“. Enzo Tomasini verkommt im Film leider etwas zum „plot device“. Gérard Jugnot ist wie immer toll. 😀 Wenn man bedenkt, dass er erst im Alter so richtig (international zumindest) bekannt wurde und früher auch eher unscheinbare Nebenrollen in Filmen neben Leuten, wie dem zuvor genannten Pierre Richard oder Gérard Depardieu verkörperte, die damals schon geachtete Darsteller waren. Jugnot sehe ich immer wieder gerne.

    Leider fällt der Filmspaß relativ kurzweilig aus. 84 Minuten, stimmt das wirklich? Hatte ihn kürzer in Erinnerung. O.O

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