Filmkritik: „St. Vincent“ (2014)

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Originaltitel: St. Vincent
Regie: Theodore Melfi
Mit: Bill Murray, Melissa McCarthy, Jaeden Lieberher u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 103 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Tragik-Komödie
Tags: Erziehung | Familie | Einsamkeit | Alter | Freundschaft

Wenn auch DEIN Nachbar ein Heiliger sein könnte.

Kurzinhalt: Gerade erst ziehen die alleinerziehende Mutter Maggie (Melissa McCarthy) und ihr Sohn Oliver (Jaeden Lieberher) in ihr neues Zuhause ein – da machen sie auch schon Bekanntschaft mit ihrem neuen Nachbar Vincent (Billy Murray). Der scheint sich nicht sonderlich für die neu hinzugezogenen zu interessieren, und beschäftigt sich wann immer es geht und er das nötige Kleingeld hat mit der Stripperin Daka (Naomi Watts). Bald darauf aber sitzt Oliver vor seiner verschlossenen Haustür – seine Mutter arbeitet und sein Schlüssel wurde ihm gestohlen. So bittet er seinen mürrischen Nachbarn um Hilfe. Der lässt ihn tatsächlich herein und auch telefonieren, und macht kurzerhand einen Deal mit seiner Mutter: würde sie ihm ein angemessenes Entgelt zahlen, so würde er ab und zu auf ihren Sohn aufpassen. Auch wenn sie lieber einen anderen Babysitter für ihren Sohn auserkoren hätte, lässt sie sich darauf ein – und tritt damit etwas los, mit dem wohl keiner der Beteiligten gerechnet hätte. Denn zwischen all den Eskapaden von Vincent und seinem wenig geordneten Leben scheint sich noch etwas anders zu verbergen… ein überraschend großes Herz.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Eigentlich ließen die ersten Trailer zu ST. VINCENT, der neuen Tragik-Komödie von Theodore Melfi (der hier als Regisseur und Drehbuchautor fungiert) auf vieles schließen – nur nicht auf ein Projekt, bei dem man sich besonders weit aus dem Fenster lehnen würde. Und tatsächlich betritt man mit der Geschichte um einen alten Kauz und eine eher ungewöhnliche Freundschaft kein cineastisches Neuland – sondern inszeniert eine typische Feel-Good-Komödie mit dezent dramatischen Untertönen, die sowohl in Bezug auf die altbekannte Story, die eher konventionelle Machart und die bereits zum x-ten Male anberaumte Leichtigkeit einer US-Vorstadt-Atmosphäre wenig atemberaubendes zu Tage fördert. Das klingt grundsätzlich nach einem Totalausfall, oder zumindest einem Werk das man getrost vernachlässigen könnte – wenn, ja wenn der Film nicht doch noch für eine Überraschung gesorgt hätte. Eine vergleichsweise wirkungsvolle noch dazu – die in Form des bemerkenswerten Charakterensembles respektive der hochkarätigen, durch und durch sympathischen Besetzung daherkommt.

Schließlich sorgt erst die offenbar mehr als stimmige Chemie zwischen den Hauptdarstellern dafür, dass ST. VINCENT eine Seele eingehaucht wird – und damit etwas, was den Film doch noch markant von anderen, mittlerweile unzähligen Genrefilmen mit einer ähnlichen Intention abhebt. Speziell Billy Murray, der Newcomer Jaeden Lieberher und Melissa McCarthy spielen als unkonventionelles Kern-Trio des Films derart charmant und glaubwürdig, dass man meint diese Geschichte könnte sich genau so in der Nachbarschaft zutragen. Gut gelungen ist Theodore Melfi auch die Ausarbeitung seiner Charaktere – auch wenn er nicht gänzlich umherkommt, sich in so manchen Klischees oder Stereotypen zu vertiefen. Auch hier gilt: die allgemein charmante, auch mal zu Herzen gehende Art der Porträts tröstet über vieles hinweg – und lädt den Zuschauer sowohl zum Schmunzeln als auch zum Nachdenken ein. Ohnehin scheint die Mixtur aus den nicht wenigen urig-unterhaltsamen und den behutsam eingeschobenen tragischen Elementen vollkommen aufgegangen zu sein – ST. VINCENT ist ein auf vielerlei Ebenen emotionaler Film für das Herz geworden, bei dem Lachen und Weinen nah beieinander liegen.

So spielt es auch nur noch eine bedingte Rolle, dass man viele der behandelten Nebengeschichten so oder in ähnlicher Form bereits kennt – was nicht nur auf die Rolle von Oliver als Außenseiter in der neuen Schule zu beziehen ist; sondern vor allem auch auf die Wandlung des alternden Vincent. Der erlernt erst durch einen Sprung ins kalte Wasser, seine mürrische Art dann und wann zurückzustellen und wieder menschliche Nähe zuzulassen. Dennoch sorgen gerade die Szenen, in denen diese beiden ungleichen Charaktere zunächst gezwungenermaßen aneinander geraten für die besten, unterhaltsamsten und eindringlichsten Szenen des Films. Das etwas kitschige, aber dennoch rührende Finale untermauert die neu gewonnene Freundschaft, und weist so gesehen doch noch auf eine recht erfrischende Art und Weise auf das durchaus sinnvolle Prinzip der sogenannten Patchwork-Familien hin. Eine Idee, die viel mehr als eine Notlösung sein kann – und eine Botschaft, die weitaus mehr Gehalt hat als eine sonst gängige, vereinfachte Darstellung von Nächstenliebe.

In technischer und inszenatorischer Hinsicht macht ST. VINCENT ebenfalls eine gute Figur – wenn auch längst keine ähnlich überraschende. Der allgemeinen Hochglanzoptik stehen einige Stillleben gegenüber (wie etwa die Wohnungseinrichtung von Vincent), die als in der Zeit eingefrorene Elemente für einige nette Kontraste sorgen, der oftmals rasante Wechsel zwischen den abwechslungsreichen Schauplätzen macht Spaß, lässt aber auch eine gewisse Intensität vermissen. Beispielsweise hätte man allein über zusätzliche optische Kniffe für eine noch bessere Veranschaulichung der Charaktere und deren Situation sorgen können, doch bleibt der Fokus diesbezüglich eher oberflächlich. Viele Szenen scheinen zudem dem Standard-Repertoire diverser Filmemacher entsprungen zu sein – in rein optischer und handwerklicher Hinsicht ist ST. VINCENT leicht mit anderen Filmen zu verwechseln. Hier hätte ihm eine etwas persönlichere Note definitiv gut getan – was so auch auf den Soundtrack zu übertragen ist, der zwar hier und da ein passendes Stück bereithält; insgesamt aber eher zu vernachlässigen ist. Das größte Lob bleibt aber ohnehin den Darstellern vorbehalten, die den Film so gesehen vor dem bloßen Mittelmaß retten.

Fazit: Was ST. VINCENT hinsichtlich seiner Prämisse, Story und doch eher handelsüblichen Machart der Marke Hollywood vermissen lässt, macht er durch die besondere Konstellation der Charaktere und speziell den Leistungen von Billy Murray und Jaeden Lieberher wieder wett. Und das in einem solchen Maße, dass man geneigt ist über die Schwächen des Films hinwegzusehen, ihn als unkompliziertes Feel-Good-Movie der unterhaltsamen Art zu betrachten – und vielleicht sogar zu genießen, sowohl in seinen witzigen als auch anrührenden Momenten. Die Botschaften (oder eher: Lösungsvorschläge), die man in Bezug auf Themen wie Vernachlässigung oder Vereinsamung im Alter anklingen lässt mögen hier zwar etwas utopisch wirken – was einen nicht davon abhalten sollte, sie als Ansporn zu verstehen.

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„Tolle Darsteller und starke Charaktere, inhaltlich eher konventionell – ein Film über und für ein besseres Miteinander.“

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