Filmkritik: „Camp Evil“ (2014)

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Originaltitel: Welp
Regie: Jonas Govaerts
Mit: Maurice Luijten, Titus de Voogdt, Stef Aerts u.a.
Land: Belgien
Laufzeit: ca. 85 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Horror
Tags: Pfadfinder | Urlaub | Reise | Kinder | Wald | Mord

Grusel(n) um jeden Preis ?

Kurzinhalt: Eine Pfadfindergruppe plant, mit drei Aufsehern zu einem kleinen Abenteuer-Kurztrip aufzubrechen. Einmal auf dem vorgesehenen Platz angekommen, müssen sie feststellen dass dieser von zwei Rowdys besetzt ist – und so fahren sie ein Stück weiter in den Wald. Zwar ist es hier ebenfalls recht idyllisch, doch speziell die Aufseher haben so natürlich die perfekten Vorlagen für die ein oder andere Horrorgeschichte. Das Problem: ein hiesiger Polizeibeamter teilt ihnen mit, dass es hier wahrhaftig einmal zu schrecklichen Vorfällen gekommen ist. Die Dinge spitzen sich zu, als einer der Pfadfinder; der 12-jährige Sam (Maurice Luijten) felsenfest behauptet, eine Art Kreatur im Wald gesehen zu haben. Das wird von den meisten natürlich als bloße Phantasterei abgetan – doch tatsächlich scheint sich irgendetwas oder irgendjemand im Wald zu verbergen. Alsbald gibt es ein erstes Opfer…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! CAMP EVIL präsentiert sich als ambitioniertes Erstwerk des belgischen Regisseurs und Drehbuchautors Jonas Govaerts, der in seinem Horrorfilm schnell mit der angedeuteten kindlichen Pfadfinder-Lagerfeuerromantik bricht und dem Zuschauer ein gleichermaßen spannendes wie in mehrerlei Hinsicht bedenkliches Schlachtfest serviert. Kinder in Horrorfilmen – die kennt man schließlich eher im klassischen Sinne, wobei viele der anzuberaumenden Beispiele eines gemeinsam haben. Sei es, dass Kinder als von Dämonen besessene, zusätzlich mystifizierte Aggressoren Angst und Schrecken verbreiten (DAS OMEN), gleich als ganze Gruppe und mit verschiedenen Interpretationsansätzen zum puren Bösen avancieren (EIN KIND ZU TÖTEN, THE CHILDREN, KINDER DES ZORNS) oder schlicht als Hauptcharaktere in eher typischen Horrorfilmen fungieren und allerlei Geheimnissen auf die Spur kommen (THE HOLE, MERCY) – sie nehmen niemals eine direkte Opferrolle ein. Doch gibt es im Rahmen einer vergleichsweise neueren Entwicklung hie und da auch Bestrebungen, eben jenen moralisch bedenklichen Bereich als Neuland zu betreten. Filme wie CRADLE WILL FALL – WENN MUTTERLIEBE TÖDLICH WIRD (Review) haben gezeigt, warum dieser Bereich als verpönt gilt, vielleicht gelten sollte – und was entstehen kann, wenn man das gängige Prinzip von simplen Horror-Slashern (ob sie auf einer wahren Begebenheit beruhen oder nicht) mit dem von kindlichen Opferrollen kombiniert.

Zunächst jedoch scheint man in CAMP EVIL eine andere Marschrichtung einzuschlagen – der Film beginnt vergleichsweise harmlos; ja sogar regelrecht vielversprechend. Dass liegt vor allem daran, dass er während seiner ersten Hälfte einen Spagat zwischen altbekannten Horrorfilm-Mustern und einer durchaus erfrischenden Prise eines Dramas wagt. Schließlich werden beide Seiten perfekt bedient: der unheimlich anmutende Waldschauplatz sorgt im Zusammenspiel mit den erzählten Geschichten (von denen man zunächst nicht weiß, ob sie sich bewahrheiten würden oder nicht), den idyllischen Bildern und dem doch auffälligen Fokus auf einen der Charaktere (Sam) für eine interessante Ausgangssituation. Eine, in Anbetracht derer man durchaus Hoffnungen hegen könnte dass der Film diesen eingeschlagenen Weg beibehalten, und sich intensiver mit dem Aussenseiter-Dasein von Sam als offenbar in der Vergangenheit traumatisiertes Kind beschäftigen könnte. Analog dazu hätte es sich so gesehen auch angeboten, die bis zu einem gewissen Zeitpunkt noch eher unterschwelligen Horror-Elemente etwas anders auflösen – und sei es als Produkt der kindlichen Fantasie oder als Sinnbild für das psychologische Dilemma von Sam.

Doch es kommt eben doch, wie es kommen muss. Spätestens ab dem ersten explizit dargestellten Mord wird klar, worauf es CAMP EVIL letztendlich anlegt – auf die rücksichtslose Ausnutzung seiner Prämisse; allerdings im wohl unspektakulärsten und negativsten aller Sinne. So gesehen werden sogar regelrechte Cineasten-Alpträume wahr, denn in CAMP EVIL werden die Kinder erstmals wieder als das dargestellt, wovor sich die meisten Filmemacher glücklicherweise grauen – als perfekte Opfer. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob sie nun hysterisch schreien oder ob sich der Regisseur (und damit auch der Zuschauer) zusätzlich an ihren Angstzustände ergötzt – es reicht schon, wenn sie als Charaktere keine andere Rolle spielen müssen als die einer sicherlich bald ablebenden Person. Dies trifft auf so gut wie alle Kinder der hier vorgestellten Pfadfindergruppe zu – und auch wenn ein Großteil der Gruppe ’nur‘ von einem Laster überfahren wird (und so gut wie nichts von dieser Szenerie gezeigt wird), so hinterlässt dies einen mehr als herben Beigeschmack. Ganz unabhängig davon, ob man sich nun als Moralapostel bezeichnen würde oder nicht.

Doch ist das noch nicht einmal das eigentliche Problem von CAMP EVIL – denn schließlich fokussiert der Film wie bereits erwähnt speziell einen der kindlichen Charaktere; den jungen Sam. Alle zunächst angedeuteten Aspekte eines ernsten Dramas werden aber schneller über Bord geworfen als die anderen Kinder überfahren werden – als einziger, der hinter den Schrecken kommt der sich in diesem Waldstück abspielt; darf er fortan als Gegenspieler der Peiniger fungieren. Das ist ungewöhnlich, und sorgt einerseits auch für eine nicht unerhebliche Spannung – doch sollte man sich überlegen, ob man tatsächlich ein Kind in einem solchen Horrorfilm sehen möchte. Eines, das blutverschmiert um sein Leben kämpft, auch mal den ein oder anderen Schlag respektive Tritt abbekommt; und schlussendlich auch noch in die Bredouille gebracht wird einen potentiellen Freund zu töten.

Alles Aufregen über derlei Inhalte könnte man sicherlich als allzu hysterische oder pseudo-moralische Kritik im Bereich einer Kunstform abstempeln – doch ganz unabhängig davon sollte man sich nicht allein auf derlei vergleichsweise gewagte Elemente verlassen. Genau das macht jedoch CAMP EVIL in seinem späteren Verlauf – und konfrontiert den Zuschauer mit Darstellungen einer zutiefst nihilistischen Gewalt, bei der man sich nicht einmal die Mühe macht mögliche Motivationen zu ergründen. Obwohl der Film beileibe nicht in der Fantasy-Sparte zuhause ist, werden die beiden Peiniger (oder eher: der erwachsene, mit seinem aus seiner Sichtweise sicherlich gut erzogenen Ziehsohn) stets so dargestellt als handelte es sich um böse Waldgeister – die nur schemenhaft agieren, aber enorm zielstrebig sind wenn es um ihre wahllosen Opfer geht. Betrachtet man speziell das Finale des Films, so wird klar dass die Gewalt hier nur noch zu einem bloßen Selbstzweck verkommt. Fragen werden keine mehr gestellt, und auch als Zuschauer möchte man eigentlich gar nicht mehr näher über die Charaktere, ihre potentiellen Hintergründe und letztendlich auch diverse Logik-Probleme philosophieren.

Das letzte große Problem von CAMP EVIL liegt dann weniger im Film oder seinen mitunter perversen Darstellungen begründet, sondern darin wie man ihn im Sinne einer möglichst objektiven Filmrezension bewerten sollte. Eines ist schließlich Fakt: in handwerklicher Hinsicht hat das Projekt durchaus Hand und Fuß. Von der gelungenen Schauplatzwahl über die Kameraführung, den Schnitt und den Soundtrack bis hin zu dem Bestreben aus wenigen Mitteln eine vergleichsweise große Wirkung zu etablieren stimmt hier vieles (mit Ausnahme des deplatzierten Knurrens des Kindes mit der Maske) – und auch die Darsteller können durchweg überzeugen. So wird speziell die Darbietung von Maurice Luijten als Sam ein zwiespältiges Gefühl hinterlassen – einerseits spielt er seine Rolle perfekt und erschreckend glaubhaft, andererseits kann man sich nicht des Gefühls erwehren er wäre in einem anderen (d.h. anspruchsvolleren) Film wesentlich besser aufgehoben gewesen.

Fazit: CAMP EVIL reiht sich als nächster Vertreter einer Sorte von Horrorfilmen in die Filmhistorie ein, die man im besten Fall als diskutabel bezeichnen kann – und im schlimmsten als moralisch bedenklich. Schließlich wird der Weg hin zu noch imaginären, bei ihrer Verwirklichungen aber sicherlich mehr als problematischen Darstellungen im Sinne eines SAW oder HOSTEL mit Kindern immer kürzer. Noch ist es nicht so weit – aber man pirscht sich langsam heran, wird immer expliziter. Ob sich Jonas Govaerts mit CAMP EVIL und als quasi-Wegbereiter einer solchen Generation von Filmen also selbst einen Gefallen getan hat, bleibt Auslegungssache. Fakt ist bei aller potentieller Aufregung immerhin eines: CAMP EVIL hat bis auf eben jene gewagten inhaltlichen Elemente und ordentliche handwerkliche Aspekte kaum nennenswertes zu bieten. Dazu lohnt sich folgendes Gedankenexperiment: was bliebe übrig, würde man alle Kinderdarsteller durch Erwachsene ersetzen ? Eben.

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„Handwerklich solide, inhaltlich schwach bis kritisch.“

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Camp Evil“ (2014)

  1. Ja, besser hätte ich es an anderer Stelle wohl nicht formuliert. Dachte eigentlich mal auch hier bereits meinen Senf abgegeben zu haben, aber scheint wohl nicht so zu sein, ich seh jedenfalls nix dazu. ^^

    Geh mit deiner Kritik absolut konform (Wertung würd ich wohl auch so stehen lassen), kurz nochmal spontane Gedanken von mir:

    Ich bin ja dafür bekannt allesmögliche das in mein Interessenspektrum fällt zu erwerben, den Film hab ich im Fernsehen gesehen und ich will nicht mal die Aufnahme dazu behalten. Das sagt alles. Der Film fing gar nicht schlecht an, die Musik war nach meinem Gusto (leicht Synthie-Italo-Horror angehaucht), aber die Story entwickelt sich absolut negativ: Darsteller verhalten sich fast ausnahmslos alle unsympathisch, richtige „Camp Atmosphäre“ entwickelt sich nicht wirklich, dazu gehört auch eine Form von Gemeinschaft – ich seh da keine. Die Handlung beschränkt sich doch ausschließlich nur darauf, dass ab und zu jemand dran glauben muss und es immer wieder heißt „Sam hat dies getan…Sam hat das getan…Sam muss es gewesen sein.“ (ich nenne das jetzt ab jetzt den Trump Effekt ^^)

    Ich habe ja nichts grundsätzlich gegen „Anti-Happy Endings“, es gibt viele großartige Filme mit Unhappy Endings, aber dieser Film schafft es wirklich mit seiner nihilistischen Grundnatur (Vergleiche: Cradle will Fall, Martyrs, High Tension usw…) jegliche Luft aus dem Filmgenuss zu nehmen. Ich fand den Schluss entsetzlich (ich hör mich an als wäre ich ein alter Sack, der nichts abkann LOL), hatte etwas von einer besonders derben Version von Herr der Fliegen.

    Der Film macht einfach keinen Spaß punktum. „Camp Evil“ hält zudem sehr viele Informationen zurück, als ob ein Drittel des Filmes nicht fertiggestellt worden wäre. Wenn in Freitag der 13. oder ähnliche Vertreter anschaue, die sind alle vergleichsweise recht bieder/trashig/von Haus unfrewillig komisch gemacht, wenn da jemand gekillt wird kann ich mich wenigstens daran erfreuen. Da gehts nicht mysteriös verschwurbelt zu, sondern direkt *ZACK* Rübe ab und fertig. ^^ „Camp Evil“ präsentiert sich einfach VIEL zu ernst dafür und mit Kindern – egal wie arschlochig sie sich auch darstellen sollten – da dreht sich bei mir immer der Magen um, genauso wenn Tiere (wenn auch nur fiktiv) allzu offen dahingeschlachtet werden und meine persönliche Meinung ist da (ohne den Moralischen raushängenlassen zu wollen), sowas gehört sich einfach nicht, jedenfalls nicht auf diese Art. ICH möchte sowas jedenfalls nicht sehen.

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