Filmkritik: „Fando Und Lis“ (1968)

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Originaltitel: Fando Y Lis
Regie: Alejandro Jodorowsky
Mit: Sergio Klainer, Diana Mariscal u.a.
Land: Mexiko
Laufzeit: ca. 96 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Fantasy, Drama
Tags: Pärchen | Liebe | Leben | Tod | Tar | Hölle

Zwischen Genie und Wahnsinn in vier Akten.

Kurzinhalt: Fando (Sergio Klainer) macht sich mit seiner Geliebten Lis (Diana Mariscal) auf, um die sagenumwobene Stadt Tar zu finden. Denn hier soll alles besser sein als in der restlichen, teilweise völlig zerstörten Welt – wenn nicht gar wie im Paradies. Problematisch ist nur, dass Lis schwer krank ist und deshalb auf einem selbst gebauten Wagen von Fando geschoben werden muss. Auf ihrem Weg begegnen sie allerlei merkwürdigen Gestalten – doch scheint die wahre Gefahr von ihnen selbst auszugehen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Alejandro Jodorowsky, der sich mit seinem quasi-Biopic THE DANCE OF REALITY (Review) zuletzt selbst ein filmisches Denkmal gesetzt hatte; gilt schon längst als leibhaftige Kult-Figur des auf die Leinwand gebannten Surrealismus. Wohl auch, da der 1929 geborene Regisseur, Drehbuchautor und Freigeist mit EL TOPO (1970) und DER HEILIGE BERG (1973) zwei bis heute unvergleichliche und unerreichte Ausnahme-Filme geschaffen hat, die interessierte Cineasten über Generationen beschäftigen sollten. Ebenfalls in aller Munde ist eine nie fertiggestellte Verfilmung von DUNE, der man stattdessen eine Dokumentation gewidmet hat (JODOROWSKY’S DUNE). Doch begann sein eigentlicher Werdegang als Filmschaffender schon früher, genauer gesagt mit seinem Kurzfilm LA CRAVATE aus dem Jahre 1957 – bis es jedoch zu seinem ersten abendfüllenden Spielfilm kommen sollte, vergingen noch einmal knapp 10 Jahre. Das erste handfeste Anschauungswerk der (sicher eigentümlichen) Marke Jodorowsky horcht auf den Namen FANDO UND LIS – und basiert; was ebenfalls kein Zufall ist, auf dem gleichnamigen Theaterstück von Fernando Arrabal. Denn nicht nur, dass die beiden Ausnahme-Talente und Freigeister eine Passion verbindet – beide hatten ihre cineastische Blütezeit um das Jahr 1970. Und so lange die Ära des Kinos schon zurückzuliegen scheint, so viele Jahre Pause insbesondere in einer Filmografie wie der von Alejandro Jodorowsky auftauchen – man kann sich einfach nicht des Gefühls erwehren, dass hier Filmgeschichte geschrieben wurde.

Dabei fällt es vergleichsweise schwer, die tatsächlichen Ursprünge dieser Faszination zu ergründen – was gerade aus heutiger Sicht und mit dem Wissen um die späteren Werke Jodorowsky’s sogar unmöglich sein könnte. Dennoch lohnt es sich zweifelsohne, einen retrospektiven Blick auf einen frühen Film wie FANDO UND LIS zu werfen – vielleicht auch einfach nur, um sich zu wundern. Darüber, wie ein alles andere als konventioneller Film wie dieser wohl beim damaligen Publikum angekommen ist, welches Potential man in Jodorowsky erkannte – und natürlich auch darüber, wie verquer der Film letztendlich gestrickt ist.

So gesehen erscheint es beinahe unabdinglich, den Film in mehrere (Deutungs-)Ebenen aufzuspalten; erst Recht wenn man sich eine wie auch immer geartete Bewertung heranwagt. FANDO UND LIS ist somit nicht nur ein Drama in Form einer nur schwer greifbaren Charakter- und Lebensstudie, dass sich auf einer tatsächlichen Handlungsebene abspielt – sondern auch ein surrealistischer Kunstfilm mit viel Symbolik und mehreren Interpretationsebenen. Betrachtet man zunächst nur die erste, oberflächliche Ebene; so ist zumindest eines schnell festzustellen: Jodorowsky scheint sich in FANDO UND LIS vielmehr seinen unterschwelligen, gleichermaßen philosophischen wie verstörenden Deutungsebenen hinzugeben; die eigentliche Handlung ist vergleichsweise schnell erzählt. Es geht schlicht um ein Pärchen, welches auf dem Weg in eine sagenumwobene Stadt namens TAR ist – und auf eben jenem Weg auf so manchen Stolperstein trifft. Das ist die grobe Handlung des Films – die demnach weder einen Anfang noch ein wirkliches Ende hat. Etwaige Dialoge oder markantere Zwischenstopps könnte man noch chronologisch und zwecks eines roten Fadens in die richtige Reihenfolge bringen – doch nützt auch das nicht viel. Ohne die zweite, weitaus mächtigere Ebene des Films bleibt FANDO UND LIS ein erschreckend langatmiges, und zudem handwerklich kaum beeindruckendes Werk; dass die Nerven des Zuschauers gleich in mehrerlei Hinsicht strapazieren könnte.

Das Problem: es kann durchaus sein, dass der Zuschauer tatsächlich nicht viel mehr im Film sieht (oder besser gesagt: für sich herausholen kann) als die eben erwähnte Tatsachen-Ebene. Das hat zur Folge, dass FANDO UND LIS alles andere als ein Film für Jedermann ist – aber auch, dass man ihn vergleichsweise kritisch beäugen muss. Schließlich werden hier kaum nennenswerte Anhaltspunkte offeriert, ganz im Gegensatz zu seinen späteren, schon greifbareren Werken – ohne ein jegliches Vorwissen in Bezug auf Jodorowsky als Mensch, oder seine möglichen Ambitionen sich in einer eher niedergeschlagenen Art und Weise mit dem Leben zu befassen (Krieg spielt hier sicher eine nicht unwichtige Rolle) wird man während der gesamten knapp 90 Minuten des Films eher auf dem Schlauch stehen. Und sich; wie bereits schon weiter oben erwähnt, reichlich wundern – über den oberflächlich betrachtet verdächtig substanzlosen Film, die karge Optik, die hektischen Schnitte, die nervenaufreibende Filmmusik und die immer wiederkehrenden fremdartigen Elemente. Von denen gibt es in FANDO UND LIS reichlich zu sehen – nur tragen sie selten etwas zum Handlungsverlauf oder zur Charakterzeichnung bei. Sie sind einfach da – und könnten je nach Facón anders interpretiert werden. Die entscheidende Frage ist nur, ob man als Zuschauer auch das nötige Interesse, den nötigen Willen dafür mitbringen kann.

Denn wirklich reizvoll im eigentlichen Sinne erscheint FANDO UND LIS nicht. Zwar stellt sich einstweilen eine dezent hypnotische, im Sinne eines (Alp-)Traums fesselnde Atmosphäre ein – doch erscheint sie hier eher zusammenhanglos und aus reinen Versatzstücken generiert. Als großes Ganzes funktioniert der Film noch am ehesten als abstrakte Liebesgeschichte, die eine Reise zu einem bestimmten (aber nicht unbedingt existierenden  Ort) als Aufhänger nutzt – und bei der man einstweilen (und wenn man aufmerksam genug ist) tatsächlich einige interessante Zwischentöne heraushören kann. Insbesondere die ständigen Konflikte, die gegen Ende des Films einen traurigen Höhepunkt erreichen; dienen hier als Hauptorientierungspunkt.

Natürlich ist es auch möglich, weit mehr in FANDO UND LIS zu sehen als das bereits erwähnte. Hier gilt es dann allerdings, eine entsprechende Vorliebe für das Genre des Surrealismus mitzubringen – und auch sonst ein eher hart gesottener Filmzuschauer mit einem gewissen Abstraktionsvermögen zu sein. Dann, und nur dann erlangt man einen möglicherweise völlig differenten Blickwinkel auf den Film, und könnte die hier stattfindende Reise mit einem anderen Prozess in Verbindung bringen: dem des Sterbens. Demnach würde die Reise nach TAR nur dann erfolgreich sein, wenn sie wie im Film gezeigt scheitert – und man hätte ein Happy-End, wenn auch ein etwas anderes als man es erwartet hätte.

Neben allen sicherlich diskutablen inhaltliche Faktoren ist es derweil schade zu sehen, dass FANDO UND LIS nicht gerade vor einer großen Handwerkskunst strotzt. Im Gegenteil, das Ganze wurde aus der Erinnerung Jodorowsky’s an Arrabal’s Theaterstück rekonstruiert, und das mit einem so gut wie überhaupt nicht vorhandenen Budget. Als Schauplatz dient die Natur, respektive eine karge Steinwüste – in der nur selten Hand angelegt wurde, um der ein oder anderen Szene eine größere Identität zu verliehen. Auch die eingebrachten surrealen Elemente wirken nicht immer stilsicher: insbesondere das brennende Klavier zu Beginn wirkt recht plump und dezent abgekupfert, die Kostüme sind nicht herausragend, Effekte oder besondere Kamera-Kniffe sind nicht vorhanden. Es sei denn, man zählt den stark gewöhnungsbedürftigen Schnitt hinzu. Während man über die Leistungen der Darsteller nicht wirklichen sprechen kann (die Dialoge sind marginal, ihr Gebaren ohnehin so abstrus dass man keine gängigen Maßstäbe ansetzen kann), fällt vor allem der Soundtrack negativ auf. Wobei man nicht wirklich von einem Soundtrack sprechen kann – sondern vielmehr von endlos gesampelten Sound-Fetzen, die im Mittelteil des Films beispielsweise aus einem niemals enden wollenden Geräusch surrender Mücken, oder einer Art Tür-Knarren vermengt mit einem Schweine-Quietschen bestehen. Das, sowie die weitere nicht selten aufdringliche Soundkulisse führen schnell dazu, dass man geneigt ist den Lautstärkeregler ganz schnell nach unten zu drehen; Kunst hin oder her.

Fazit: Eigentlich entzieht sich ein Film wie FANDO UND LIS einer regulären (Film-)Wertung. Dennoch soll als Ergebnis dieser Rezension genau dieser Versuch unternommen werden – auch, um ihn von Jodorowsky’s späteren Werken abzugrenzen. FANDO UND LIS ist wie ein auf die Leinwand gebannter Traum, von dem man nie so Recht weiß ob es sich um einen Wunsch- oder Alptraum handelt – mit entsprechend verwirrenden Bild- und Soundelementen, völlig abstrusen Zwischenereignissen und einer handvoll Fragezeichen. Was genau man in diesen Film hineininterpretieren kann oder vielleicht auch sollte, ließe sich wohl am besten bei einer Tasse Tee mit Jodorowksy selbst erörtern – für den normalsterblichen Zuschauer bleibt FANDO UND LIS eher ein einstweilen merklich anstrengender, handwerklich und inszenatorisch wenig aufregender Film über die Wirren des Lebens. Ein unvergleichlicher zwar – doch reicht das allein nicht aus, um ihn als Meisterwerk abzustempeln.

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„Alles andere als ein alltägliches Erlebnis, über das sich auch heute noch streiten ließe.“

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