Filmkritik: „Nightcrawler“ (2014)

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Originaltitel: Nightcrawler
Regie: Dan Gilroy
Mit: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Riz Ahmed u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 117 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Thriller, Drama
Tags: Reporter | Sensationen | Medien | Profitgier

Wie weit würdest Du für eine gute Story gehen… ?

Kurzinhalt: Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) ist der Meinung, dass nur jene im Leben erfolgreich sein werden; die sich auch entsprechend engagieren. Trotz seiner ehrenwerten Einstellung hat es bei ihm selbst bisher nicht geklappt – weshalb er sich als Kleinkrimineller über Wasser hält. Eines Tages aber wird er durch einen Zufall Zeuge eines Unfalls, bei dem neben der Polizei und den Sanitätern auch Reporter anwesend sind. Er erfährt, dass diese sogenannten NIGHTCRAWLER versuchen möglichst vor allem anderen an der Unfallstelle zu sein, Aufnahmen zu machen und diese an den meistbietenden Fernsehsender zu verkaufen – und das ganz ohne ein schlechtes Gewissen. Er wittert das große Geld, und versucht sich bald darauf als eigenständiger Kameramann – was überraschend gut bei der Chefredakteurin (Rene Russo) einer großen TV-Anstalt ankommt. Doch es scheint, als würde ihm der anfängliche Erfolg nur allzu schnell über den Kopf steigen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Mit NIGHTCRAWLER inszeniert der amerikanische Produzent und Drehbuchautor Dan Gilroy einen etwas anderen Krimi-Thriller vor dem Hintergrund eines Jobs, den es so tatsächlich gibt: den sprichwörtlich durch die Nacht kriechenden TV-Reportern; die stets auf der Suche nach möglichst erschreckenden Bildern sind und dafür eine entsprechende Entlohnung kassieren. Zwar kann man das Ausmaß jenes sicherlich außergewöhnlichen Berufsstandes nicht unbedingt auf die hiesige Medienwelt übertragen, die im Gegensatz zur amerikanischen noch vergleichsweise harmlos ist – und dennoch vermag es der nun auch erstmals als Regisseur fungierende Dan Gilroy, dem allgemein nach immer mehr Sensationen gierenden Zuschauer einen Spiegel vorzuhalten.

Dies geschieht jedoch ohne einen größeren Paukenschlag oder in Form besonders actionreicher Elemente; was den Film schnell zu einer vergleichsweise besonderen, alles andere als plumpen Erfahrung werden lässt. NIGHTCRAWLER inszeniert seine zunächst recht nüchtern erscheinende Geschichte schließlich auf eine im Filmsinne eher bodenständige, behutsame und ästhetisch anspruchsvolle Art – die gerade deshalb enorm authentisch wirkt und es einem kalt den Rücken hinunterlaufen lässt. Wenn nicht während des Films, dessen Auftakt zugegebenermaßen etwas mehr Schwung hätte vertragen können – dann doch in Bezug auf die erste problematischere Aufnahme des frisch gebackenen Reporter-Sternchens, oder aber das Finale.

Dieses ist gerade deshalb so spannend, da man zumindest nicht die einfachste aller denkbaren Möglichkeiten wählte – und auch nicht die zweiteinfachste. Anders gesagt: weder wird der Hauptcharakter in Anbetracht der von ihm gedrehten Bilder eines Tages verzweifeln, noch wird er von der Polizei verdächtigt werden die einstweilen erschreckend früh gefilmten Verbrechen selbst begangen zu haben. Auch wenn es zunächst offen gehalten wird, ob nicht doch eine dieser beiden Varianten auf NIGHTCRAWLER zutreffen würde; ergibt die letztendlich von Dan Gilroy vor allem rückwirkend betrachtet am meisten Sinn – und ist mit Abstand die kritischste aller Möglichkeiten. Schließlich kann es durchaus vorkommen, dass man sich insbesondere während der doch recht langen Auftaktphase fragt, wieso sich der Regisseur und Ideengeber nicht näher mit seinem Hauptcharakter auseinandergesetzt hat. In der Tat verstreicht hier viel Zeit, in der man dem Protagonisten lediglich bei dem zusieht was er gerade macht – aber nicht unbedingt, was er dabei denkt oder wie seine aktuelle Tätigkeit mit seinem bisherigen Leben (über das man so gut wie überhaupt nichts erfährt) zu vereinbaren wäre. Das mag in jenen Momenten dezent stören; doch wird das rundum gelungene Finale und die letztendliche Charakterzeichnung grundsätzlich keine Fragen mehr offen lassen.

Und so etabliert NIGHTCRAWLER neben seiner spannenden Suspense-Ebene irgendwo zwischen Krimi und Thriller mit ungewissem Ausgang noch eine weitere Wirkung. Eine eher verstörende, nachhaltig beeindruckende – die dem Zuschauer einen ganz anderen Blickwinkel auf den Hauptprotagonisten und sein Leben ermöglicht. Ob sich Dan Gilroy dabei von einem echten (und durchaus denkbaren) Fall hat inspirieren lassen, oder ob seine eher kritische Abrechnung mit einer in vielerlei Hinsicht gefährlichen Sensationsgier andere Hintergründe hat spielt kaum eine Rolle – wichtig ist, dass er sein Ziel zweifelsohne erreicht hat. Und das nicht nur, indem er auf potentielle gesellschaftliche Missstände hinweist die vor allem daher rühren, dass die falschen Menschen an der ein oder anderen wichtigen Position eingesetzt sein könnten – sondern auch, indem er grundsätzlich allen den Spiegel vorhält. Denn wo ein Angebot ist, ist bekanntlich auch immer eine Nachfrage – gerade im Falle der hierzulande glücklicherweise nicht ganz so expliziten; aber ebenfalls absurden Berichterstattung in den Medien sollte man sich vielleicht einmal selbst die ein oder andere Frage stellen.

Neben allen positiven Faktoren in Bezug auf den Inhalt, den Spannungsbogen und die letztendliche offenbarende Botschaft des Films stehen auch sonst alle Zeichen auf grün: NIGHTCRAWLER lebt von einer eher zurückhaltenden, aber dennoch stimmigen Art der Inszenierung. Ein Großteil der Atmosphäre wird aus der allgemeinen nächtlichen Stimmung und den eher düsteren Bildern generiert; aber auch die anderen handwerklichen Aspekte wie der Schnitt, die Kameraführung speziell bei Fahrten mit dem Auto oder die geschickte Verwendung der Kamera-im-Film wissen zu begeistern. Als Sahnehäubchen fungieren dann sicher die darstellerischen Leistungen – wobei ganz besonders Jake Gyllenhaal stolz auf sich sein kann. Allein seine Mimik lässt in diesem Fall tief blicken, und auch sonst kann er durchweg als zunächst unentschlossener; dann aber umso zielstrebigerer NIGHTCRAWLER überzeugen. Neben der wie immer sicher agierenden Rene Russo könnte man vielleicht auch noch Riz Ahmed als Geheimtipp anberaumen – schade nur, dass seine Rolle vergleichsweise klein ist.

Fazit: Mit NIGHTCRAWLER wird dem Zuschauer endlich einmal wieder ein intelligenter, gut gemachter Thriller offeriert – der sich fernab von bloßer Effekthascherei, plumpen Dialogen oder einer enttäuschenden Auflösung bewegt. Die stilsichere Optik, die grandiosen Leistungen der Darsteller und der insgesamt eher kritische, anprangernde Gesamteindruck runden das Ganze dann wunderbar ab. Das winzige, was man NIGHTCRAWLER vorhalten könnte wäre sein etwas langatmiger Auftakt – der sicher auch auf seine Länge mit knapp 2 Stunden zurückzuführen ist. Diesbezüglich hätten es dann vielleicht doch noch der ein oder andere inhaltliche Twist oder die ein oder andere charakterliche Offenbarung mehr sein dürfen.

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„Ein super-solider Thriller mit einem grandiosen Jake Gyllenhaal.“

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