Filmkritik: „Drachenläufer“ (2007)

drachenlaeufer_500

Originaltitel: The Kite Runner
Regie: Marc Forster
Mit: Khalid Abdalla, Atossa Leoni, Ahmad Khan Mahmidzada u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 122 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Afghanistan | Krieg | Frieden | Freundschaft

Lasst Drachen steigen – und die Welt wird ein kleines Stückchen besser.

Kurzinhalt: Die beiden Freunde Amir (Zekeria Ebrahimi) und Hassan (Ahmad Khan Mahmoodzada) wachsen gemeinsam in Afghanistan auf. Eigentlich sind ihre gemeinsamen Tage recht glückliche – zumindest bis die beiden älter werden und sich ihre unterschiedliche Herkunft bemerkbar macht. So gehört Hassan der Hazara-Minderheit an, und wird deshalb des Öfteren von anderen Jungs aus der Nachbarschaft schikaniert. Es kommt sogar so weit, dass er eines Tages von einer Gruppe Jugendlicher vergewaltigt wird – während Amir das Geschehen aus einer sicheren Entfernung beobachtet und seinem Freund nicht zur Hilfe eilt. Mehr noch: der sonst eher schüchterne Amir, der der allgemein angeseheneren Pashtunen-Kaste angehört; stellt Hassan als Übeltäter hin – und sorgt dafür, dass Hassan’s Familie nicht mehr für die seine arbeiten darf. Die beiden Freunde werden getrennt – und hören über viele Jahre nichts mehr voneinander. Jahre später, als Amir längst in die USA geflüchtet ist um an seiner Tätigkeit als Autor nachgehen zu können; plagt ihn aber noch immer ein schlechtes Gewissen. Nachdem er sein erstes größeres Werk veröffentlicht hat, erhält er plötzlich einen Anruf – ein alter Freund und Mentor namens Rahim (Shaun Toub) bittet ihn, ihm bei einem persönlichen Anliegen zu helfen. Überraschenderweise dreht sich dieses um Hassan’s Sohn. Die Geister der Vergangenheit holen ihn doch noch ein – wenn auch in einer eher unerwarteten Form. Hinzu kommt, dass sich die allgemeine Lage in Afghanistan deutlich verändert hat…

drachenlaeufer_00

Kritik: Achtung, Spoiler ! DRACHENLÄUFER basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage von Khaled Hosseini, der sogar einen kleinen Gastauftritt in Marc Forster’s (MONSTERS BALL, WENN TRÄUME FLIEGEN LERNEN) größtenteils hoch gelobter Verfilmung innehat. Hoch gelobt ist sie wohl zu Recht – und trotz, oder sogar gerade wegen der teilweise entstandenen erhitzen Gemüter und auf den Plan gerufener Fundamentalisten. DRACHENLÄUFER plädiert schließlich für all jene grundsätzlichen Werte, die durch die Wirren des Krieges und des allgemeinen Wahnsinns oftmals in Vergessenheit geraten – mit schwerwiegenden Folgen. Hauptsächlich geht es um eine Freundschaft, die auf die wohl härteste aller Proben gestellt wird – und sich im Laufe der Jahre zwar verliert, letztendlich aber doch wieder eine enorme Bedeutung erhält. Dabei spielt es durchaus eine Rolle, wo das Ganze spielt – im Gegensatz zu anderen Filmen einer vergleichbaren inhaltlichen Ausrichtung ist die in DRACHENLÄUFER erzählte Geschichte nicht ganz so leicht zu verallgemeinern oder auf andere Situation zu übertragen. So bringt der Schauplatz in Afghanistan mitsamt diverser historischer und politischer Hintergründe einiges an Konfliktpotential mit sich – wobei es Marc Forster und sein Drehbuchautor David Benioff (TROJA) aber grundsätzlich vermeiden, etwaige Pauschal-Urteile zu fällen. Im Gegenteil, sie gehen möglichst neutral vor; erzählen die Geschichte eher nach einer vorgegebenen Faktenlage (seitens der Buchverlage) und gehen gar nicht erst allzu sehr ins politische Detail. Dennoch werden einige wichtige Randdaten und Entwicklungen ersichtlich, wodurch vor allem eines geschieht: es wird ein Interesse generiert. Ein in diesem Falle eher positives; was den Zuschauer dazu anhält sich einmal näher mit der Geschichte Afghanistans auseinanderzusetzen und nicht immer nur die Dinge zu sehen, die einem von diversen Nachrichtenagenturen vorgesetzt werden.

Als Paradebeispiel und Symbol des Friedens fungiert dabei sicherlich der titelgebende DRACHENLAUF, der hier fast schon märchenhaft porträtiert wird und die Unbefangenheit der Kindheit Amir’s und Hassan’s repräsentiert. Analog dazu ist DRACHENLÄUFER auch grob in zwei Film-Hälften unterteilt: die eine befasst sich mit der Kindheit der beiden Hauptprotagonisten, und zeigt noch das für die Trennung ausschlaggebende Schlüssel-Ereignis – während die andere einen inzwischen erwachsenen Amir zeigt, der aus einem Heimatland fliehen musste und sich in den USA niedergelassen hat. Doch ist DRACHENLÄUFER nicht nur in Bezug auf das Porträt der beiden Hauptcharaktere zweigeteilt, sondern sicher auch hinsichtlich der politischen Hintergrundsituation: als Amir als erwachsener wieder in sein Heimatland zurückkehrt (so gesehen, um seine Schuld zu begleichen) sind einige Jahre vergangen – er muss sich als Taliban verkleiden, und findet überall wo stolze Bauwerke stehen sollten nur noch Schutt und Geröll vor. Immer wieder bemerkenswert dabei ist, wie Marc Forster auch das Innenleben der Protagonisten beleuchtet – und man an den entsprechenden, zumeist verzweifelten und nach Antworten suchenden Gedanken teilhaben kann. Vermutlich gelänge dies nur halb so gut, würden alle Beteiligten Darsteller nicht eine herausragende Leistung abliefern: vor allem die beiden Kinderdarsteller überzeugen auf ganzer Linie; und das, obwohl sie zuvor noch nie vor einer Kamera standen.

Hinzu kommt ein hervorragender technischer Part, bei dem durch wenige Mittel großes generiert wird. Beispielsweise sorgt allein die stimmige Kameraführung dafür, dass der Film enorm an Atmosphäre gewinnt – das gleiche gilt für die aufwendigeren Kamerafahrten, die gut gesetzten Nahaufnahmen und Zooms, die Landschaftsaufnahmen und den äußerst geringen Einsatz von Special Effects (Stichwort Drachenlauf).

Fazit: Wie sehr ein grundsätzlich humanistisches Werk wie DRACHENLÄUFER polarisieren kann, zeigt sich spätestens mit dem schier unglaublichen Fakt; dass einige der beteiligten Darsteller Morddrohungen erhielten. Und das nur, weil sie in einem Film mitspielten von dem sich einige auf die Füße getreten fühlen. Das geht nicht nur explizit gegen die eigentliche Intention des Films (und der Buchvorlage), sondern zeigt einmal mehr welche Gefahr von etwaigen Fanatikern ausgeht; ganz gleich welcher Nationalität oder Religion sie sich zugehörig fühlen. DRACHENLÄUFER ist ein in Filmform verpackte Botschaft des Friedens, und somit ein durchaus (ge-)wichtiger Film – der davon abgesehen auch noch einen hohen emotionalen Unterhaltungswert bereithält und handwerklich hervorragend gemacht ist.

border_01
90button

„Ein inhaltlich spezifischer, aber universell wirksamer und wichtiger Film.“

filmkritikborder

Über Kommentare Freut Sich Jeder.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.