Filmkritik: „Undertow – Im Sog Der Rache“ (2004)

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Originaltitel: Undertow
Regie: David Gordon Green
Mit: Jamie Bell, Devon Alan, Josh Lucas u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 110 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama / Thriller
Tags: Vater | Verbrechen | Familie | Geheimnis

Hier wird wahrlich einiges heruntergesogen.

Kurzinhalt: Das Leben der Munn’s war nicht immer einfach – erst Recht nicht, als die geliebte Ehefrau und Mutter der Familie starb. Unter anderem deshalb, und um mit seiner Vergangenheit abzuschließen beschließt John (Dermot Mulroney) mit seinen beiden Söhnen Chris (Jamie Bell) und Tim (Devon Alan) in eine ländliche Gegend von Georgia zu ziehen. Die sind allerdings nicht besonders glücklich über die aktuellen Entwicklungen – sodass Chris des öfteren Probleme mit der hiesigen Polizei bekommt und speziell Tim sich immer mehr zurückzieht. Zu allem Überfluss wird eines Tages auch noch John’s Bruder Deel (Josh Lucas) aus dem Gefängnis entlassen – und bittet um Zuflucht in der Familie. John ist skeptisch, willigt aber unter der Bedingung ein, dass Deel im Haushalt helfen müsste. Lange geht das dann aber auch nicht gut, denn Deel scheint etwas ganz bestimmtes von seinem Bruder zu wollen – und ist dafür wenn nötig auch bereit, Gewalt einzusetzen.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Eigentlich startet David Gordon Green’s UNDERTOW mit einer vielversprechenden Prämisse – einer, die sich explizit mit einer verqueren Familiensituation und dem offensichtlichen Leid der einzelnen Beteiligten auseinandersetzt. Sowohl die Gedankenwelt des Vaters, als auch die der beiden Kinder lassen einen schnell auf ein intensives Charakter-Drama schließen – das mit der anberaumten Konfrontation des Vaters mit seinem kriminellen Bruder alsbald in einem zusätzlichen Höhepunkt münden würde. Auch die Idee, dem Film eine zusätzliche Thriller-Komponente zu spendieren scheint durchdacht, der allgemeinen Atmosphäre des Films dienlich – und wenn jemand wie Terrence Malick das Ganze mitproduziert, sollten eigentlich alle Zeichen auf grün stehen. Das Problem: UNDERTOW hat zwar gute Voraussetzungen; die auch noch von einem vielversprechenden und zweifelsohne talentierten Cast gekrönt werden – scheitert aber hinsichtlich seiner Ausführung. Und das so sehr, dass die grundsätzlich düstere und desolate Stimmung des Films alsbald ins lächerliche kippt.

Und das liegt in erster Linie am vergleichsweise hanebüchenen Drehbuch, welches von Regisseur David Gordon Green und seinem Kollegen Joe Conway geschrieben wurde. So schön und ehrenwert es auch erscheint, dass UNDERTOW keine Literaturverfilmung ist oder sich auf explizite Vorbilder bezieht – auch Originale sind nicht vor Schwächen gefeit. Dabei geht es gar nicht mal um die (vielversprechenden) Eckdaten oder die bereits erwähnte, durchaus spannende Prämisse – sondern vielmehr um die inhaltliche Entwicklung des Films. Denn spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem der Familienvater John von seinem kriminellen Bruder Deel ermordet wird und der ältere Sohn entscheidet mit seinem jüngeren Bruder zu fliehen – gerät UNDERTOW zu einem echten Ärgernis. Zwar versucht man, diese und so gut wie jede andere im Film dargestellte Handlung entsprechend zu erklären und nachvollziehbar zu gestalten; doch gelingt das nur selten. Beispielsweise scheint sich David Gordon Green vor allem hinsichtlich seines eigentlichen Hauptcharakters Chris (Jamie Bell, unter anderem bekannt aus BILLY ELLIOT) des öfteren zu widersprechen. Eigentlich als viel zu schnell erwachsen gewordener Teenager mit allerlei Lebenserfahrung und handwerklichem Geschick porträtiert, scheint eine jede von diesem Charakter getroffene Entscheidung völlig an den Haaren herbeigezogen. Das gleiche gilt für seine Funktion als Beschützer seines jüngeren, offenbar stärker als er in Mitleidenschaft gezogenen Bruders: zwar will er ihn beschützen; doch augenscheinlich nur vor ihrem neuen gemeinsamen Verfolger. Der sichtlich bedenkliche gesundheitliche Zustand seines Bruders scheint dagegen kein Anlass zu sein, sich Hilfe von Außen zu suchen. Die viel zu simple Erklärung dass er Angst hat, von der Polizei fälschlicherweise des Mordes bezichtigt zu werden; reicht hier einfach nicht aus.

Ebenso abstrus wie die Verhaltensweisen der Charaktere sind dann auch der Plot und die investierte handwerkliche Arbeit. Teilweise sind sogar offensichtliche Film-Fehler erkennbar, die man sonst mit der Lupe suchen muss – wie in Bezug auf eine völlig misslungene Konfrontations-Szene auf einem alten Müllplatz. Hier sieht man Deel, wie er seinen älteren Neffen überzeugen will, ihm die Goldmünzen auszuhändigen – mit gutem Zureden, aber dennoch einem Messer in der Hand. Eventuell haben sich auch die Macher gedacht, dass dies keine glaubhafte Darstellung wäre – sodass das Messer in der nächsten Szene plötzlich verschwunden ist. Doch dann, und nach einem weiteren Schnitt taucht es doch wieder auf – das darf einfach nicht passieren. Auch erscheint es merkwürdig, dass der jüngere und kranke Bruder mit seinem älteren Beschützer Schritt halten kann – eigentlich sollte ihm das sein gesundheitlicher Zustand verbieten oder zumindest erschweren. Immerhin können die beiden so immer wieder vor ihrem Verfolger fliehen – dafür, dass die beiden allerdings Todesangst haben müssten; wirken sie oftmals merkwürdig besonnen. Die Tatsache, dass sich das leidliche Haupt-Element des Films (die Flucht) dann auch noch andauernd wiederholt – indem der Verfolger immer wieder ausgeschaltet wird und die beiden wieder einige hundert Meter davonlaufen – macht es auch nicht besser. Das Ende setzt dem Ganzen dann allerdings erst Recht die Krone auf: nach einer weiteren völlig abstrusen Kampf-Szene werden die beiden Kinder plötzlich zu ihren bisher überhaupt nicht erwähnten Großeltern gebracht. Trotz zweier Toter gibt es also ein klares (aber eben nicht wirklich stimmiges) Happy-End, dass alle potentiell noch offenen Fragen unsanft niederschmettert.

Hinzu kommen allerlei technische Aspekte, die den Filmgenuss ebenfalls dezent trüben können – wie in Bezug auf den hakeligen und inkonsequenten Schnitt; der den Zuschauer zunächst noch nah an den Rand eines epileptischen Anfalls bringt – es dann aber eher gediegen angehen lässt. Selbst der Soundtrack von Altmeister Philipp Glass ist eine herbe Enttäuschung: nicht nur, dass die hie und da eingespielten Stücke nicht so recht zum Geschehen und der Atmosphäre des Films passen wollen; sie sind zusammenfassend schlicht deutlich zu unspektakulär.

Fazit: Abgesehen von seinem starken, aber hoffnungslos unterforderten Cast und der zunächst vielversprechenden Prämisse weiß UNDERTOW nur verdächtig wenig anzubieten. In erster Linie, weil der gesamte Handlungsverlauf zu den kuriosesten, trotz des ernsten Grundtons geradezu lachhaftesten überhaupt gehört – aber auch, da David Gordon Green ein jegliches Gespür für eine ausgewogene Balance zwischen einem Charakter-intensiven Drama und einem packenden Thriller abhanden gekommen ist. In der vorliegenden Form kann er schließlich keinem der beiden anberaumten Genres gerecht werden – und verzettelt sich stattdessen in einer von der Idee her spannenden, in der Ausführung aber völlig abstrusen Reise zweier junger Protagonisten auf der Flucht vor ihrem kriminellen Onkel. Die trotz Low-Budget-Charme verdächtig laienhafte Inszenierung, zahlreiche Logikfehler, eine ausbleibende charakterliche Tiefe und das absolute Hintenan-stehen der essentiellen Aspekte (Verlust der Mutter, sozialer Rückzug, Depression, Bedeutung der Münzen) runden die Sache nach unten hin ab.

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„Eines der enttäuschendsten und ärgerlichsten Thriller-Dramen überhaupt.“

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