Filmkritik: „Taare Zameen Par – Ein Stern Auf Erden“ (2007)

taare_zameen_par_500

Originaltitel: Taare Zameen Par
Regie: Aamir Khan
Mit: Darsheel Safary, Aamir Khan, Tanay Chheda u.a.
Land: Indien
Laufzeit: ca. 165 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Kinder | Schule | Lehrer | Gesellschaft | Kritik

Ein Regie-Debüt und Lebenswerk.

Kurzinhalt: Auf den ersten Blick wirkt der 8-jährige Ishaan Awasthi (Darsheel Safary) wie ein ganz normaler indischer Junge. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass er doch etwas anders ist als die vielen anderen Kinder seines Alters. Schließlich entdeckt Ishaan die Welt auf seine ganz eigene Art und Weise, und bringt seine Eltern das eine ums andere Mal zur Verzweiflung. Doch was es ist, was ihn des öfteren seinen Tagträumen hinterherjagen lässt und dazu führt, dass er dem Unterrichtsstoff in der Regelschule kaum folgen kann bleibt zunächst offen – Fakt ist nur, dass Ishaan’s Eltern ihm eine bestmögliche Zukunft ermöglichen wollen. Deshalb schicken sie ihn kurzerhand auf ein Internat, wohl auch da sie davon ausgehen dass ihrem Sohne einfach nur die nötige Disziplin fehlt. Doch auch hier hat Ishaan Schwierigkeiten – sogar noch gravierendere als zuvor. Er scheint sich nun endgültig von der Außenwelt abzukapseln und durch das Raster des auf möglichst funktionierende Schüler ausgelegten Schulsystems zu fallen – bis eines Tages ein neuer Kunstlehrer (Aamir Khan) seine Tätigkeit am Internat aufnimmt. Tatsächlich scheint er eine der wenigen Personen zu sein, die tatsächlich einen echten Draht zu den Schülern herstellen können – und so auch zu Ishaan. Nachdem er mehr über den Jungen und seine bisherigen Schwierigkeiten erfährt, entschließt er sich ihm und seiner Familie zu helfen.

taare_zameen_par_00

Kritik: Achtung, Spoiler ! TAARE ZAMEEN PAR ist der Titel eines indischen Films und Regie-Debüts von Aamir Khan – der zuvor vor allem als Schauspieler in diversen Hindi-Produktionen aufgefallen ist. Offenbar reichte ihm das aber nicht mehr – sodass er neben seiner Hauptrolle erstmals auch hinter der Kamera Platz nahm. Und das mit einem durchaus ehrenwerten Ziel: TAARE ZAMEEN PAR ist als gesellschaftskritisches Drama über das indische (und nicht nur das) Schulsystem ausgelegt; und beschäftigt sich anhand eines Fallbeispieles mit dem Schicksal eines Jungen, der ohne eine entsprechende Förderung und Unterstützung wohl vollständig durch das Raster der standardisierten Bildungsinstitute gefallen wäre. Vor allem geht es dabei aber um die Frage, ob man Kinder wie den heimlichen Filmheld Ishaan tatsächlich als Heranwachsende mit eine Art Handicap betrachten sollte (was hier aus gesellschaftlicher Sicht durchaus zuträfe) – oder, ob nicht auch sie es verdient hätten dass man sich näher mit ihnen auseinandersetzt, mögliche Talente entdeckt und ihnen alternative Wege aufzeigt, um sich zu verwirklichen. Allein dass sich Aamir Khan in seinem ersten Film derart intensiv mit einem eher sperrigen Thema wie diesem auseinandersetzt, verdient Anerkennung – doch hat man im Falle von TAARE ZAMEEN PAR stets das Gefühl, dass noch mehr dahintersteckt. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob er als Kind tatsächlich ähnliche Erfahrungen gemacht hat oder ihn ein genereller Unmut über etwaige gesellschaftliche Missstände beschäftigt – der Film wirkt überraschend authentisch und ehrlich, und schließlich auch so als würde eine Riesengroße Portion Herzblut in ihm stecken.

Das liegt sicher auch daran, dass TAARE ZAMEEN PAR zwar explizite gesellschaftskritische Elemente beinhaltet und sich einige deshalb auf den Fuß getreten fühlen könnten – er aber viel eher an das Gute im Menschen appelliert als zu jeder Situation den moralischen Zeigefinger zu erheben. Auch die recht erfrischende, gleichermaßen rebellische wie liebevolle Machart des Films ist angenehm – und zwar so sehr, dass die zunächst recht mächtig anmutenden 165 Minuten Gesamtlaufzeit wie im Fluge vergehen werden. Und das liegt nicht nur daran, dass wie für viele Filme aus Indien üblich auch in diesem Fall einige Tanz- und Gesangsintermezzi vorkommen; was für einige eher befremdlich wirken könnte. Und doch macht sich diesbezüglich schnell eines bemerkbar: mit den Musical-Elementen aus TAARE ZAMEEN PAR könnten selbst jene, die bisher gut auf dieses stilistische Element verzichten konnten; eines besseren belehrt werden. Wohl auch, da es ausnahmsweise mal nicht um den ganz großen Liebes-Kitsch geht – sondern vielmehr um menschliche Interaktionen im allgemeinen. So kann selbst eine zunächst nüchtern erscheinende Szene in einem Klassenraum zu einer kultverdächtigen, und trotz potentieller Sprachbarrieren mitreißenden Performance avancieren. Immer mit von der Partie ist dabei natürlich Aamir Khan – der es als vergleichsweise präsenter und engagierter Darsteller gerade noch schafft, seinem jüngeren Kollegen Darsheel Safary den benötigten Raum zu geben und ihm nicht völlig die Show zu stehlen.

Dass analog zu den angenehmen menschlichen Aspekten und Aussagen des Films auch noch der technische Part überzeugt, spricht in diesem Fall für sich. Die bereits erwähnten Darsteller spielen ihre Rollen stets glaubhaft und so, dass man kaum umherkommt sie direkt liebzugewinnen. Die allgemeine Optik lädt mit satten Farben und stimmigen Schauplätzen ein, ein wenig in der Welt von TAARE ZAMEEN PAR zu versinken – ebenso wie der höchst gelungene Soundtrack. Wenn dann hie und da alle Aspekte ineinanderlaufen, speziell in Bezug auf die gut choreographierten und aufwendig erscheinenden Musical-Szenen – bleiben kaum Wünsche mehr offen. Einzig die Tatsache; dass der Film zwar durchaus als modernes Märchen funktioniert – aber doch einige etwas zu kitschige Momente hat – trübt den kunterbunten Filmgenuss dezent. Davon abgesehen kann oder sollte TAARE ZAMEEN PAR durchaus im Kreise der Familie gesehen werden – schließlich sollten einem lebensbejahenden Werk wie diesem alle etwas abgewinnen können.

Fazit: Die zugrundeliegende Geschichte von TAARE ZAMEEN PAR mag vorhersehbar sein – doch wirkt sich das kaum auf die etablierte Wirkung dieses gleichermaßen spaßigen wie kritischen Dramas aus. Das Hauptaugenmerk gilt schließlich den wichtigen Botschaften und sicher auch dem Weg dorthin – der hier besonders unterhaltsam ausfällt und ein perfekte Balance zwischen eher ernsten und auch mal dezent komödiantischen Elementen offeriert. Um es im Geiste des Films zu sagen: jedes Kind ist etwas besonderes, wobei es sich manchmal lohnen oder sogar unausweichlich sein kann näher auf eben jene Besonderheit einzugehen. Und an wem sollte das – in Anbetracht oft festgefahrener gesellschaftlicher Umstände und Sichtweisen – liegen, wenn nicht an jedem einzelnen ?

border_01
90button

„Kritisch, authentisch, unterhaltsam, lebensbejahend und auch handwerklich ein Genuss.“

filmkritikborder

Advertisements

Über Kommentare Freut Sich Jeder.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s