Filmkritik: „Predestination“ (2014)

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Originaltitel: Predestination
Regie: Michael Spierig, Peter Spierig
Mit: Ethan Hawke, Sarah Snook, Noah Taylor u.a.
Land: Australien
Laufzeit: ca. 98 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Science Fiction, Thriller
Tags: Zeitreise | Zeitschleife | Paradoxon | Metaphysik

Von Zeitreisen und möglichen Folgen.

Kurzinhalt: Eine rätselhafte Organisation namens Temporal Bureau, die von einem Mr. Robertson (Noah Taylor) angeführt wird, hat es sich zur Aufgabe gemacht mithilfe einer neuerlichen Zeitreise-Technologie in die Vergangenheit zu reisen. Dafür setzt sie spezielle Agenten ein, die verhindern sollen dass schlimme Verbrechen oder Anschläge geschehen. Einer dieser Agenten (Ethan Hawke) hat es mit einem besonders kniffligen Fall zu tun: er soll einen Bombenleger fassen, der für den Tod von mehreren Tausend Menschen verantwortlich ist. Um sein Ziel zu erreichen, begibt sich der Agent in die 70er Jahre und tarnt sich als Barkeeper. Eines Abends begegnet er dann einem unscheinbaren Fremden (Sarah Snook), der ihm eine schier unglaubliche Geschichte erzählt…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! PREDESTINATION ist ein eher ungewöhnlicher Science Fiction-Thriller der ambitionierten Spierig-Brüder, die bisher nur mit den höchst durchschnittlichen, eher Action-orientierten Werken NIGHTBREAKERS – THE UNDEAD (Review) und DAYBREAKERS (Review) aufgefallen waren. Ungewöhnlich ist er aber nicht nur, da er dezent mit der bisherigen Filmografie der Brüder bricht – sondern auch, da er mit einem vergleichsweise geringen Budget auskommt und so vor allem auf den ersten Blick (und vor allem Genre-intern) etwas nüchtern wirkt. Von bombastischen Special Effects, aufwendigeren Szenen oder experimentellen Technologien findet sich demnach auch kaum eine Spur – es sei denn, man zählt ein eher altbacken wirkendes Zeitreisegerät mit hinzu. Das macht aber nichts, denn die Science Fiction wird in PREDESTINATION mit ganz anderen Mitteln generiert. So sieht die Zeitmaschine zwar nach nichts aus, hat es aber im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Ebenso wie der vielversprechende Titel, der mit dem Begriff der Prädestination auf einen der wesentlichen Inhalte des Films hinweist.

Allerdings muss man eines vorwegnehmen: die Spierig-Brüder haben sich den für PREDESTINATION auserkorenen Stoff nicht selbst erdacht. Vielmehr greifen sie auf eine Kurzgeschichte der Science Fiction-Legende Robert A. Heinlein zurück, die im Original ALL YOU ZOMBIES heißt – und bereits im Jahre 1959 veröffentlicht wurde. Offenbar reichten ein paar kleinere Anpassungen aus um den Stoff in die heutige Zeit zu transportieren – oder eher gesagt, die schon 1959 transportierte Zeitlosigkeit der Geschichte noch einmal zu untermauern. Dabei ist es beileibe nichts ungewöhnliches, dass etwaige Romanvorlagen verfilmt werden. Die Frage die sich stattdessen stellt, ist die nach der Qualifikation der interpretierenden Künstler. Und natürlich ob es der Stoff einerseits wert ist auf die große Leinwand gebracht zu werden – und ob er sich andererseits überhaupt (und ganz grundsätzlich) dafür eignet. Im Falle von PREDESTINATION schienen aber so gut wie alle Zeichen auf grün zu stehen. Die Vorlage war und ist zeitlos, schreit geradezu nach einer filmischen Umsetzung – und die Spierig-Brüder schienen mit ihrer unbefleckten Historie und ihrem freigeistigen Hang zum Experimentellen genau die richtigen Kandidaten zu sein.

Doch bis sie mit ihrem PREDESTINATION so richtig aus dem Vollen schöpfen und es zu weiterführenden Gedankenspielen kommt, vergeht erst einmal einiges an Zeit. Die Brüder lassen es zunächst verdächtigt entspannt angehen – als Zuschauer sieht man nicht viel mehr als ein etwas merkwürdiges anmutendes Gespräch zwischen zwei Charakteren. Genauer gesagt einem Barkeeper (Ethan Hawke) und einem seltsamen unbekannten (Sarah Snook), der offenbar über beide Geschlechter verfügt oder in der Vergangenheit eine geschlechtsangleichende Operation (von einer Frau zum Mann) hinter sich gebracht hat. Dabei neigt man schon fast wieder zu vergessen, dass der besagte Barkeeper eigentlich aus der Zukunft stammt; wie es die Eröffnungsszene bereits andeutete. Vielmehr wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers explizit auf den Verlauf des Gesprächs gelenkt, dass durch eine Mischung aus ruhigen, kaum geschnittenen Bildern in der Bar und gut eingefangenen Rückblenden visuell untermalt wird. Die Dauer dieses Gesprächs ist zunächst etwas irreführend – doch wäre es fatal, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Tatsächlich hat vieles, wenn nicht gar alles von dem was hier erwähnt wird eine essentielle Bedeutung für den weiteren Verlauf des Films – der erst ab der zweiten Hälfte so richtig anzieht, dafür den Zuschauer aber plötzlich regelrecht mit kühnen Thesen und schwer zu verarbeitenden Gedankengängen bombardiert.

So gesehen haben die Spierig-Brüder schon einmal vieles richtig gemacht. Sie setzen auf einen vergleichsweise ruhigen, unspektakulären Auftakt – der sich lediglich als längeres Vorspiel für allerlei unglaubliches entpuppt. Auch die Tatsache, dass selbst im weiteren Verlauf des Films kaum Special Effects genutzt werden oder näher auf die verwendete Technologie der Zeitreise eingegangen wird, macht eines deutlich: in PREDESTINATION geht es weniger um das wie (wie etwas dargestellt wird) als vielmehr um das was (was wird überhaupt dargestellt). Das ist einerseits die große Stärke des Films – andererseits gerät es ihm aber auch leicht zum Nachteil. In der vorliegenden Fassung erfordert PREDESTINATION schließlich nicht nur an Höchstmaß an Aufmerksamkeit seitens der Zuschauer – sondern auch den unbedingten Willen das Gesehene geistig zu verarbeiten, zu hinterfragen und zu interpretieren. Das ist dann auch einer der größten Knackpunkte des Films, so viel künstlerischen Spielraum ein Thema wie das der Zeitreisen und den damit einhergehenden paradoxen Erscheinungen auch zulassen mag: letztendlich werden dem Zuschauer doch etwas zu wenig Anhaltspunkte offeriert, an denen er sich orientieren kann. Was eher schlecht ist – da das Verständnis eben jener weiterführenden Themen den eigentlichen Kern des Films ausmacht, der ansonsten nicht viel mehr wäre als ein Thriller mit besser nicht zu hinterfragenden übernatürlichen Elementen.

Dass die Mechanik der Zeitreisen in PREDESTINATION nicht näher erläutert wird, ist zwar typisch und leicht ärgerlich; selbst wenn es sich ebenfalls um eher abenteuerliche Erklärungsansätze gehandelt hätte – aber noch zu verschmerzen. Ebenso wie die Tatsache, dass eine portable Version der Apparatur stets in einem Musikkoffer herumgetragen werden; sowie per mechanischer Zeitschaltuhr im guten alten Fahrradschloss-Stil eingestellt werden kann – was dann doch etwas einfallslos wirkt. Nein, viel wichtiger ist in diesem Fall die eigentliche Zeitschleife, in der der im wahrsten Sinne des Wortes vielseitige Hauptprotagonist gefangen ist. Sich deren Logik frei nach den Gedanken von Robert A. Heinlein und nun auch Michael und Peter Spierig zu erarbeiten, fällt vergleichsweise schwer – und das nicht nur, da jene metaphysische Ebene ohnehin eine kaum greifbare ist. PREDESTINATION ist schließlich so aufgebaut, dass man das Geschehen niemals aus einer allwissenden Perspektive beobachtet – sondern wie die Hauptfigur in der Zeitschleife gefangen ist. Vielleicht wäre das noch gar nicht das Problem, hätte man dem Zuschauer zumindest einen anderen Einstiegspunkt in die Geschichte offeriert – einen, der sich nicht direkt inmitten der erst durch die Zeitreisen entstandenen; man nenne sie Zeitblase befindet. Wie genau die Hauptfigur in diese Verwicklungen hineingeraten ist bleibt demnach ebenso unklar wie der mögliche Grund dafür – die Andeutungen, die der Film diesbezüglich anbietet, bleiben wenig aussagekräftig.

Vor allem aber laden sie zu weiterführenden Interpretationen ein – was wohl auch eines der hauptsächlichen Ziele des Films (und der damaligen Kurzgeschichte) ist. Wenn der Direktor der 1985 gegründeten Zeitreisen-Firma (die der Einfachheit halber so genannt wird) alles genau so geplant hat, was ist dann seine eigentliche Intention ? Und könnte er, trotz aller potentiellen (aber nur schwer vorstellbaren) Vorteile einfach darüber hinwegsehen, dass er eine Person zu einem ewigen Dasein in einer niemals enden wollenden Zeitschleife verdammt ? Oder war ihm gerade diese Tatsache bewusst, und sah das Ganze als eine Art Test ? Schließlich deutet der Film auch dezent an, dass die Zeitschleife vielleicht doch durchbrochen werden könnte – entgegen der angenommenen Prädestination. Sind wir also vielleicht gerade deshalb noch nicht für Zeitreisen geeignet, weil wir zu menschlich agieren und somit immer wieder das unausweichliche herbeiführen, ob bewusst oder nicht ? Müsste man erst zu einer Art Übermensch werden, der die komplexen Vorgänge innerhalb einer Zeitblase von außen zu betrachten vermag und somit die gängigen Mechanismen wie den der Prädestination außer Kraft setzen könnte ? Es sind Fragen über Fragen – zu denen PREDESTINATION zweifelsohne anregt. Ob derlei Gedankengänge aber ausgerechnet in einem vergleichsweise unaufgelösten Film wie diesem zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führen können, sei einmal dahingestellt.

Fazit: PREDESTINATION macht vieles richtig, und inszeniert sich als gleichermaßen packender wie intensiver und einstweilen auch verstörender Science Fiction-Thriller der Marke was-wäre-wenn. Das kaum Special Effects oder aufwendigere Szenen (das Bühnenbild ist stimmig, aber nicht außergewöhnlich) verwendet werden macht man durch perfekt eingefangene, oberflächlich betrachtet unscheinbare Bilder (unter deren Oberfläche es aber gewaltig brodelt) wieder wett. Auch der explizite Charakter-Bezug und die Darstellung der grotesk anmutenden paradoxen Zusammenhänge wissen grundsätzlich zu faszinieren – wobei ein kleiner Wermutstropfen bleibt. Vielleicht hätte man auf den ein oder anderen komplexeren Zusammenhang näher eingehen sollen. Denn eines ist sicher: wäre PREDESTINATION etwas verständlicher (das bedeutet nicht unbedingt wissenschaftlich akkurater) ausgefallen und weniger auf die zahlreichen Mindfuck-Elemente bedacht; hätte er nichts von seiner Faszinationskraft eingebüßt. Vielleicht wäre sogar das Gegenteil der Fall gewesen. So bleibt es bei einem ziemlich offenen Science Fictioner, den man entweder lieben oder hassen wird. Gründe dafür gibt es beileibe genug – für beide Seiten. Das bedeutet: entweder, man sieht sich den Film zwei- oder mehrmals an; oder lässt es gleich bleiben.

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„Mutige, inspirierende und alles andere als gewöhnliche; aber auch reichlich sperrige und anstrengende Sci-Fi-Kost.“

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Predestination“ (2014)

  1. Meine Güte, wieso finden sich eigentlich keine weiterführenden Interpretationsansätze zu PREDESTINATION im Internet ? Zumindest nicht auf deutsch… eine Suche nach einem Begriff wie „PREDESTINATION Explained“ fördert schon mehr zutage. Aber auch hier gilt: so richtig will man nicht schlau daraus werden. Was bringt es denn, die Ereignisse in eine chronologisch richtige Reihenfolge zu beginnen, wenn es keinen Anfang und kein Ende (Stichwort Huhn oder Ei) gibt ?

    Hier also mal ein PREDESTINATION LIGHT mit einer ähnlich paradoxen Thematik, aber ohne einige der Zusätze des Films.

    Ein unglücklicher Mann, der früher eine Frau war reist in die Vergangenheit um seinem früheren Ich zu begegnen. Das ziel: er will seiner jüngeren (weiblichen) Version mitteilen, was sie anders machen müsste um gar nicht erst in seine unglücklichen Position als Mann zu geraten. Doch er schafft eben das nicht, sondern verliebt sich in sein früheres Ich – es kommt sogar zum Sex und einer Schwangerschaft. Nach dem Verkehr, und mit dem Wissen dass sein jüngeres Ich schwanger ist, reist er 9 Monate in die Zukunft – und entführt das Baby. Mit diesem Baby reist er dann in das Jahr 1945 und platziert es vor einem Waisenhaus. Danach reist er wieder in Zukunft, zum eigentlichen Ausgangspunkt. Das Ergebnis: der unglückliche Mann sorgt für seine eigene Geburt im Jahre 1945, wächst als Frau auf – und begegnet später einem anderen Mann (sich selbst), der sie schwängert, kurz darauf verlässt und auch noch ihr Baby entführt. Das weiterführende Ergebnis: trotz der Bemühungen, sein eigenes Leben ändern zu wollen und in das Zeitgeschehen einzugreifen; führen seine Handlungen zum exakt gleichen Ergebnis. Nicht zum Ergebnis das eingetreten wäre, hätte er nichts getan – was gar nicht möglich ist. Allein die erste Zeitreise löst ein unausweichliches Paradoxon aus: dadurch, dass er sie unternimmt erschafft er sich selbst – und wäre ohne sie folglich gar nicht erst geboren worden.

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