Metal-CD-Review: NIGHTWISH – Endless Forms Most Beautiful (2015)

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Alben-Titel: Endless Forms Most Beautiful
Künstler / Band: Nightwish (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 27. März 2015
Land: Finnland
Stil / Genre: Symphonic Power Metal
Label: Nuclear Blast

Alben-Lineup:

Floor Jansen – Vocals
Troy Donockley Uillean – Pipes, Low Whistles, Bodhran, Bouzouki, Vocals
Marco Hietala – Bass, Vocals, Guitars (acoustic)
Tuomas Holopainen – Keyboards, Piano
Emppu Vuorinen – Guitars

Track-Liste:

1. Shudder Before the Beautiful (06:29)
2. Weak Fantasy (05:23)
3. Élan (04:48)
4. Yours Is an Empty Hope (05:34)
5. Our Decades in the Sun (06:37)
6. My Walden (04:38)
7. Endless Forms Most Beautiful (05:07)
8. Edema Ruh (05:15)
9. Alpenglow (04:45)
10. The Eyes of Sharbat Gula (06:03)
11. The Greatest Show on Earth (24:00)

Die lange Qual der (Sänger-)Wahl.

2015 ist ein wahrlich geschäftiges Jahr. Viele der größere und erfolgreicheren Genre-Combos haben sich bereits mit neuem Material zurückgemeldet, und nun folgen auch NIGHTWISH mit ihrem heiß erwarteten neunten Langspieler ENDLESS FORMS MOST BEAUTIFUL. NIGHTWISH stehen seit jeher für einen Filmscore-tauglichen Symphonic Power Metal mit üppigen Arrangements und einem markanten weiblichen Leadgesang – der zwar eines der Aushängeschilder der Band ist, aber dennoch nicht als konstanter Faktor betrachtet werden kann. Sicher, der einstige Ausstieg von Tarja Turunen dürften die meisten mehr oder weniger gut verkraftet haben; doch auch ihre Nachfolgerin Floor Jansen (die immerhin auf zwei bzw. drei NIGHTWISH-Alben sang) hat sich inzwischen verabschiedet. Für sie kam 2013 eine gewisse Floor Jansen – die mit ENDLESS FORMS MOST BEAUTIFUL nun ihren Alben-Einstand feiert.

Klar ist, dass es auch dieses Mal zahlreiche Diskussionen über das Für und Wider der neuen Frontfrau geben wird. Letztendlich geht es aber um die etablierte Gesamtwirkung; und darum, wo sich das neue Album am ehesten qualitativ einordnen lässt. Sollte es in einem Atemzug mit dem eher durchschnittlichen IMAGINAERUM (Review) genannt werden – oder vielleicht doch mit Klassikern wie OCEANBORN oder WISHMASTER ? Sicher wäre das ein hehres Ziel – zumal NIGHTWISH (beziehungsweise die dahinterstehende Marketing-Maschinerie) wie am Fließband arbeiten; und bisher wohl nur das Jahr 2010 nicht für neue Veröffentlichungen genutzt haben. Betrachtet man alle anderen 19 Jahre von 1996 bis 2015, so ist die NIGHTWISH-Diskografie recht gut gepickt –  zu den 9 Studioalben gesellen sich zahlreiche Livealben, Singles, Special Editions und vieles mehr. Die Frage ist also, ob irgendwann einmal die Qualität auf der Strecke bleibt oder ob dies bereits geschehen ist – IMAGINAERUM, und vor allem die OST-Version zum gleichnamigen Film gingen ja bereits in eine eher bedenkliche Richtung.

Aber wie reiht sich diesbezüglich nun ENDLESS FORMS MOST BEAUTIFUL ein ? Die erste gute Nachricht ist, dass NIGHTWISH noch immer zweifelsfrei als NIGHTWISH zu erkennen sind. Die gekonnte Mixtur aus bombastisch-symphonischen, leisen Akustik-Klängen und Soundtrack-tauglichen Instrumentalpassagen geht nach wie vor auf, und sorgt für einen musikalisch reichhaltigen Eindruck. Bereits der Opener SHUDDER BEFORE THE BEAUTIFUL bezieht sich auf eben jene Klang-Mixtur, und schafft es dabei sogar die neue Leadsängerin Floor Jansen in einem überraschend positiven Licht dastehen zu lassen. Auch, oder gerade weil ihre Stimme vergleichsweise wenig Raum einnimmt, entsteht mehr Platz für die Instrumentalstrukturen – die wie schon oft zuvor als Fest für Genre-Fans bezeichnet werden können. Ebenfalls markant ist das hoch gehaltene Wechselspiel der Stimmungen: NIGHTWISH verstehen es einfach nach wie vor, verschiedene Eindrücke auf kleinstem Raum (das heißt, auch innerhalb eines einzelnen Titels) zusammenzuführen. So könnte man den Opener respektive dessen Wirkung mit vielen verschiedenen Adjektiven versehen – eine wie auch immer geartete Gleichförmigkeit klingt jedenfalls anders; der erste Anspieltipp ist überraschend schnell gefunden.

WEAK FANTASY präsentiert sich ebenfalls als eine der eher härteren und stampfenderen Nummern mit einem kräftigen Riffing, gut abgemischten Chor-Elementen und einem Reiz; der vornehmlich aus der Zusammenführung der ruhigen Strophen mit dem schmetternden Refrain hervorgeht. Sehr angenehm ist auch die spätere Instrumentalpassage; bevor es dann zur ersten Single- und Videoauskopplung des Albums hinübergeht: ELAN. Lauscht man diesem vergleichsweise ruhigen und bedächtigen Stück, so kommt man kaum umher als Floor Jansen endgültig als festen Bestandteil von NIGHTWISH willkommen zu heißen. Die neue Frontfrau gibt sich hier sehr standfest und singt mit einer angenehmen Sanftheit und Emotionalität, die direkt auf den Hörer überzuschwappen vermag. Aber auch die Gewichtung der Instrumente und kleinere hintergründige Highlights wie die Backgroundgesänge oder der Einsatz klassischer Instrumente sorgen für rundum positive Gefühle.

Der Auftakt von ENDLESS FORMS MOST BEUATIFUL kann demnach als stark bezeichnet werden – zumal die Band bereits innerhalb der ersten drei Nummern eine interessante musikalische Bandbreite zur Schau stellt und den Hörer dabei sowohl in den antreibenden als auch den balladesken Momenten fesseln kann. Tatsächlich folgt mit YOURS IS AN EMPTY HOPE aber sogleich der erste potentielle Knackpunkt des Albums; was vor allem einen Grund hat: es handelt sich schlicht um die härteste Nummern des Albums, die mit zusätzlichen Gesangseinlagen von Marco Hietala garniert ist. So schön und gut es von NIGHTWISH ist, stets auf eine größtmögliche Variabilität bedacht zu sein – diese vergleichsweise schroffe Seite steht der Band nicht ganz so gut zu Gesicht. Auch, da erstmals Bedenken bezüglich der Produktion und Abmischung in den Vordergrund rücken könnten: die symphonischen Elemente kommen zwar gut zur Geltung, doch insbesondere das Drumming und die Gitarren schneiden hier nicht ganz so glanzvoll ab. Und auch Frontfrau Floor Jansen scheint weitaus besser dazustehen, wenn sie eher gefühlvoll und bedacht agiert – hier klingt sie etwas zu angestrengt und trotz aller Bemühungen verdächtig kraftlos.

Und so sind es weiterhin und vor allem die eher ruhigen Nummern, die eine große Wirkung entfalten – wie etwa OUR DECADES IN THE SUN, EDEMA RUH oder gar das kongeniale Instrumental THE EYES OF SHARBAT GULA mit seinen überragenden Chor-Elementen. Spätestens hier stellt sich dann doch noch das gewisse, man nenne es majestätische Gefühl ein, das entstehen muss wenn man einer bald 20 Jahre lang existierenden Bandcombo lauscht. MY WALDEN (als gefühlt etwas härtere Version von ELAN) und der Titeltrack ENDLESS FORMS MOST BEAUTIFUL sind dann ebenfalls sehr solide, aber auch nicht überragend – bis es hinüber zum wohl herausragendsten Titel des Albums geht; hauptsächlich weil er satte 24 Minuten lang ist: THE GREATEST SHOW ON EARTH. Tatsächlich stellt sich hier aber keinerlei Leerlauf ein – der Titel ist abwechslungsreich strukturiert und steuert immer wieder auf den ein oder anderen Höhepunkt zu.

Fazit: ENDLESS FORMS MOST BEAUTIFUL ist insofern eine Rarität, als dass es sich um eines der seltenen Symphonic Power Metal-Alben handelt, bei denen einmal nicht die Balladen als bloße (und eventuell verzichtbare) Zwischenspiele angesehen werden können. Vielmehr verhält es sich hier genau anders herum – die Balladen, und auch alle anderen vergleichsweise ruhigen Nummern bilden den eigentlichen qualitativen Kern des Albums; während die gradlinigeren, schnelleren und pompöseren Stücke dezent hintenan stehen. Aber eben auch nur verhältnismäßig, das heißt in Bezug auf die Gesamtwirkung des Albums – im Genre-Vergleich mischen NIGHTWISH noch immer ganz oben mit, und können mit ENDLESS FORMS MOST BEAUTIFUL auch ihren Vorgänger IMAGINAERUM locker schlagen. Zwar muss sich die Band den Vorwurf Gefallen lassen, hie und da etwas zu simpel oder auch gezielt verkaufstauglich vorzugehen, ein paar mehr Ecken und Kanten hätten dem Album sicher gut getan – doch selbst unter diesem Gesichtspunkt und bei aller potentieller Radiotauglichkeit von einzelnen Titeln ist das hier dargebotene noch immer ehrlicher und vor allen wirkungsvoller als der Output von so manch vergleichbarer Genreband. Mit ENDLESS FORMS MOST BEAUTIFUL kann man also nicht allzu viel falsch machen – besonders dann wenn man einer gewissen balladesken Seite des Symphonic Power Metal-Genres nicht abgeneigt  oder ohnehin langjähriger Fan der Band ist. Wer mag und kann, sichert sich am besten gleich die sogenannte (und etwas kostspieligere) EARBOOK-Edition mit satten 3 CD’s – eine enthält das Album, die zweite Instrumentalversionen, und die dritte rein orchestrale Fassungen. Das ist dann wirklich die volle Dröhnung NIGHTWISH für alle Fans und solche, die es gerne werden wollen.

Absolute Anspieltipps: SHUDDER BEFORE THE BEAUTIFUL, ELAN, THE EYES OF SHARBAT GULA, THE GREATEST SHOW ON EARTH


80button

„NIGHTWISH gehen ein wenig auf Nummer sicher – doch können diesmal wieder durchweg überzeugen.“

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