Filmkritik: „Die Karte Meiner Träume“ (2013)

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Originaltitel: The Young and Prodigious T.S. Spivet
Regie: Jean-Pierre Jeunet
Mit: Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Robert Maillet u.a.
Land: Frankreich, Kanada
Laufzeit: ca. 105 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Abenteuer, Drama
Tags: Junge | Reise | Begabung | Wissenschaft | Anerkennung | Familie

Träume einer unterschätzten Generation.

Kurzinhalt: Der junge T.S. Spivet (Kyle Catlett) lebt mit seiner Familie auf einer abgelegenen Farm in den Bergen Montanas. Wann immer er Zeit hat geht er hier seinen eher ungewöhnlichen Lieblingsbeschäftigungen nach: er zeichnet detaillierte Bilder und Grafiken, fertigt Karten oder Modelle an und überlegt, wie er das als unlösbare Konzept eines Perpetuum Mobile  verwirklichen könnte. Doch bekommt seine offensichtliche vorhandene Begabung nicht von allen Seiten Zuspruch – während sein Lehrer ihn für einen notorischen Besserwisser hält und seine Eltern ihn zwar gewähren lassen aber nicht unterstützen; schafft er es mithilfe eines Kollegen seiner Mutter bereits in jungen Jahren einige seiner Werke zu publizieren. Eines davon erregt dann plötzlich doch eine enorme Aufmerksamkeit, weshalb er den sogenannten Baird Award des berühmten Smithsonian Instituts gewinnt. Das Problem: die Vorsitzenden wissen nicht, dass es sich bei dem tüchtigen Erfinder um ein Kind von gerade einmal 10 Jahren handelt – welches wohl kaum für eine Preisvergabe wie diese zugelassen worden wäre. T.S. beschließt dennoch, den Preis in Empfang zu nehmen – seinen Eltern aber nichts von seinem Vorhaben zu erzählen. So macht er sich eines Morgens auf den Weg ins weit entfernte Washington D.C. – als blinder Passagier auf einem Güterzug.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Als Roadmovie der eher unkonventionellen Art präsentiert sich DIE KARTE MEINER TRÄUME des französischen Regisseurs und DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE-Schöpfers Jean-Pierre Jeunet. Mit seinem ambitionierten Projekt stützt er sich auf die gleichnamige Buchvorlage von Reif Larsen, die auch heute noch als Bestseller gilt – und die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der sich den Sinn und Unsinn der Welt auf seine ganz eigene Art und Weise erschließt. Und auch wenn es wie so oft dezente Unterschiede zwischen der Vorlage und der Verfilmung gibt, so schien Jean-Pierre Jeunet genau der richtige Mann für die filmische Umsetzung des interessanten und die Kraft der Fantasie beflügelnden Stoffes zu sein. DIE KARTE MEINER TRÄUME ist schließlich sowohl – und ganz nüchtern betrachtet – die Geschichte eines auf eine besondere Weise begabten Jungen; als auch ein regelrechtes Feel-Good Movie mit dezent märchenhaften Ansätzen. Anders gesagt lässt sich ein Film wie dieser auf mindestens zwei Ebenen betrachten: einer der tatsächlich stattfindenden Reise; und einer eher kunstvollen, in der nicht nur allerlei Gedanken und Charakterzüge auf eine bemerkenswerte Art und Weise visuell dargestellt werden – sondern auch eine regelrechte Ode an die kindliche Unschuld und Vorstellungskraft abgeliefert wird.

Die besondere Gratwanderung die der Regisseur dabei begeht; ist wohl auch einer der bemerkenswertesten Aspekte des Films – auch wenn er der einen Seite weitaus mehr Beachtung schenkt als der anderen. So vermag es DIE KARTE MEINER TRÄUME den Zuschauer nicht wirklich allein aufgrund seiner Geschichte an den Bildschirm zu fesseln – sondern vielmehr aufgrund seiner aufregenden Inszenierung und der Kraft des beeindruckenden Porträts des vorgestellten Hauptprotagonisten. Demnach werden Zuschauer, die eine möglichst glaubhaft dargestellte Ausreißer-Geschichte eines Kindes oder gar ein tiefschürfendes Drama über die gesellschaftliche Integration Andersdenkender erwarten; eventuell enttäuscht. Eher herrscht ein dezent verklärender Blick vor, der das Ganze doch wieder in Richtung eines modernen Märchens bewegt – was aber nicht schlimm ist, da es Jean-Pierre Jeunet auch so gelingt einige wichtige Botschaften zu transportieren. Geradezu spielerisch bringt er so auch immer wieder gesellschaftliche Missstände auf den Punkt; beispielsweise wenn sich eine Person (in diesem Fall stellvertretend ein Kind mit einer besonderen Begabung) aus einer engstirnigen Sicht heraus nicht normal verhält und daraufhin nicht ernstgenommen wird oder wenn besondere Charaktereigenschaften aus einer reinen Profitgier heraus ausgenutzt werden.

Wohl nur in diesem Punkt schien es Jean-Pierre Jeunet> dann auch dezent zu übertreiben – da vor allem der Endteil des Films allein Aspekten wie diesen vorbehalten ist und sich im Vergleich zum Auftakt und Mittelteil etwas fremdartig anfühlt. Hauptsächlich aber kann man kaum anders, als mit einem Lächeln aus einer Filmvorstellung wie dieser herauszugehen – wofür nicht nur die leicht überspitzt wirkende Darstellung der Familiensituation; sondern hauptsächlich das warmherzige Porträt des jungen T.S. Spivet verantwortlich ist. Ein Porträt, welches stark von der erbrachten darstellerischen Leistung abhängig ist – umso überraschender ist das, was das Nachwuchstalent Kyle Catlett hier bereits abgeliefert hat. Der restliche Cast und alle technischen Aspekte lassen ebenfalls nur Zufriedenheit zu – wobei es vor allem die malerischen Landschaftsaufnahmen und die Liebe zum Detail sind (man betrachte nur einmal das zur Cowboy-Ahnengalerie umfunktionierte Wohnzimmer des Vaters), die für angenehme visuelle Reize und das Aufkommen einer stimmigen Atmosphäre sorgen.

Fazit: DIE KARTE MEINER TRÄUME ist ein überraschend vielschichtiger Film, der nicht nur mit seiner aufregenden und verspielten Inszenierung punkten kann – sondern auch mit seinem auf den ersten Blick speziellen; letztendlich aber doch universellen und für das Gute im Menschen plädierenden Inhalt. Auch wenn der Film dabei stets eher wie ein modernes Märchen denn an ein authentisches Roadmovie aufgemacht ist, sorgen das bewegende Porträt des Hauptcharakters und die größtenteils aus kindlicher Sicht erzählte Geschichte voller Höhen und Tiefen für den ein oder anderen ergreifenden Moment. Und selbstverständlich auch für einen unterhaltsamen Filmabend, der in diesem Fall auch im Kreise der Familie stattfinden kann oder vielleicht sogar sollte. Nicht nur aufgrund der FSK-Freigabe ab 0 – sondern vielmehr ob der doch angenehm kindgerecht, aber niemals kindisch verpackten Botschaften.

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„Eine Reise mit geradezu märchenhaften, aber stets charmant inszenierten Auswüchsen.“

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Die Karte Meiner Träume“ (2013)

  1. Heute mal wieder auf deinem Blog vorbeigeschaut, und siehe da… ein neuer Film des Ausnahmeregisseurs Jean-Pierre Jeunet. Ist bisher völlig an mir vorüber gegangen. Nachholzeit, gleich zum DVD Verleih gehetzt.

    Was soll man noch dazu schreiben? Du hast ja vieles schon abgehandelt in deiner Kritik. Visuell beeindruckend, künstlerisch ansprechend, wie man es von einem Werk Jeunet’s erwarten kann. Allerdings fehlt mir in diesem Film irgendetwas, um seinem Meisterwerk „Die Stadt der verlorenen Kinder“ ebenbürtig zu werden. Dieser war viel gewagter, ein regelrechter Ausbruch aus Konventionen. Jeunet ergänzte sich da sehr gut mit dem Künstler Marc Caro (der selbst wiederum allerdings als Regisseur nicht so glänzt…), dessen Wirken vermisse ich ein wenig in „L’extravagant voyage du jeune et prodigieux T.S. Spivet“, wie der Film im Original heißt. Schade auch, dass Dominique Pinon nur so eine kurze Nebenrolle innehat. Allerdings spielt Kyle Catlett überragend, man mag es nicht glauben, dass er nun für ein Remake von Poltergeist herhalten muss. Oh dieser Remake-Wahnsinn…
    Alles in allem überwiegt das Positive, ich würde dem Film 8/10 Punkten geben.

    Noch ein persönliches Wort an Dich: Danke für deinen Blog, ich schaue immer mal vorbei und hab schon einige nette Filme und Bands hier für mich entdeckt. Unsere Geschmäcker haben einige Überschneidungen – und das erlebe ich selten. Also: Bitte Weitermachen!

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    1. Die Stadt der verlorenen Kinder, da war doch was… richtig, hier besteht klarer Nachholbedarf meinerseits.

      Ansonsten kann ich mich gar nicht genug bedanken für Worte wie diese. Da Rückmeldungen hier eher rar gesät sind, ist es umso wichtiger zu erfahren wenn ich doch einmal behilflich sein bzw. für Anregungen sorgen konnte. Das nehme ich mir zu Herzen; und werde daran denken wenn ich mal wieder mit mir selbst und meinem Blog hadern werde.

      Aktuell sieht es aber recht gut aus, die Beiträge sollten weiterhin sprießen… wobei natürlich auch in Zukunft sowohl Inhalte eines Massen- als auch eher exklusiven Geschmacks behandelt werden sollen, gerade im Filmbereich. ich freue mich also, wenn Du immer mal wieder vorbeischaust ! MfG

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