Filmkritik: „Snowpiercer“ (2014)

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Originaltitel: Snowpiercer
Regie: Joon-ho Bong
Mit: Chris Evans, Jamie Bell, Tilda Swinton u.a.
Land: Südkorea, Frankreich, USA, Tschechische Republik
Laufzeit: ca. 126 Munuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Action, Drama, Sci-Fi
Tags: Klimawandel | Menschheit | Zug | Überleben | Klassenkampf

Eine Zugfahrt, die ist… nicht wirklich lustig.

Kurzinhalt: Nach dem Versuch, die Erderwärmung ein für allemal aufzuhalten kommt es zu einer neuen Eiszeit – die dafür sorgt, dass die gesamte Menschheit im Laufe der Jahre ausstirbt. Als einziger Zufluchtsort in Form einer regelrechte Arche dient nur ein moderner Zug – der auf einem eigens gebauten Streckensystem quer um die Welt fährt ohne dabei jemals anzuhalten. Doch hat ein Großteil der Menschen im Zug dennoch nicht das Gefühl, wirklich gerettet worden zu sein – ein seltsames Klassensystem sieht vor, dass die Menschen auch hier in soziale Schichten aufgegliedert werden. Jene, die im hintersten Abteil leben haben dabei die schlechtesten Karten – neben der reinen Verwahrlosung sind hier auch Hungersnöte und Gewalt der Aufseher an der Tagesordnung. Je weiter man aber im Zug voranschreitet, desto wohnlicher werden die Abteile – und desto dekadenter die unaufhörlich Reisenden. Klar ist aber auch, dass sich die Gefangenen in den hintersten Abteilen die Ungerechtigkeiten nicht ewig gefallen lassen würden – und tatsächlich, ein groß angelegter Aufstand steht bevor.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Das, was sich Regisseur Joon-ho Bong in und mit SNOWPIERCER vorgenommen hat, klingt erst einmal gewagt – und nach einem Projekt, welches in anderen Händen womöglich schnell zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Schließlich sieht die lose Adaption einer Grafik-Novel von Jacques Lob und Jean-Marc Rochette vor, dass sich die gesamte Handlung (die auf der Leinwand immerhin gute zwei Stunden beansprucht) innerhalb eines fahrenden Zuges abspielt – und allein aus der stark eingeschränkten Sicht der Protagonisten geschildert wird. Hinzu kommt die zunächst noch unbewertete Tatsache, dass es sich um ein multi-nationales Filmprojekt handelt – und nicht nur das Team hinter der Kamera, sondern auch die Darsteller einem breiten Querschnitt von Künstlern aus den USA, Südkorea, Frankreich und der Tschechischen Republik entsprechen. Wobei in letztgenannter Region auch hauptsächlich gedreht wurde – mit einem Budget von immerhin knapp 40 Millionen US-Dollar.

Aber: jenen, die an dieser Stelle bereits an ein verkapptes Kammerspiel und vielleicht auch eine große Portion Langatmigkeit denken, kann und sollte schnell Entwarnung gegeben werden. SNOWPIERCER ist vielmehr ein Film der Überraschungen, die bereits mit der spannenden Endzeit-Prämisse beginnen. Diese sieht vor, dass die Menschheit aus kurz angerissenen Gründen vor der vollständigen Vernichtung steht – und sich nur einige wenige in einen hochtechnisierten Zug retten konnten, der seit dem Tag X immer in Bewegung ist und wenn man so will über ein eigenes Ökosystem verfügt. Auch wenn die Story recht explizit mit dem Gedanken der Klimaerwärmung spielt respektive diesen sogar voraussetzt, wird zu keinem Zeitpunkt ein moralischer Zeigefinger erhoben. Das heißt, dass SNOWPIERCER kein anprangernder Öko-Thriller ist – sondern sich schlicht auf ein nach wie vor aktuelles Thema bezieht und dabei wesentlich glaubwürdiger abschneidet als so manch anderer Endzeit-Film.

Dies ist die erste der vereinfachten, aber durchaus guten Ideen – und die zweite, schon nicht mehr ganz so simpel zu lösende folgt sogleich. Denn: die eher minimalistische Herangehensweise des Regisseurs (der beispielsweise auf eine längere Einführung verzichtet und dessen Schauplätze aus verständlichen Gründen stets übersichtlich bleiben) bildet das eigentliche Geheimnis dafür, dass SNOWPIERCER so gut funktioniert. Man teilt den eher dürftigen Wissensstand der Charaktere und nimmt unmittelbar an deren Prozess des schieren Vorankommens teil – ein Prozess, der sich folgerichtig sowohl auf einer für den Film charakteristischen räumlichen Ebene als auch in Bezug auf den Zugewinn an Informationen abspielt. Anders gesagt: SNOWPIERCER fungiert oberflächlich betrachtet als handfester, inhaltlich solide gestützter Actioner mit erschreckend realistischen Auseinandersetzungen ohne viel Effekthascherei und mit einem dramatischen Spannungsbogen – was an und für sich schon eine angenehme Seltenheit ist. Doch schon von Beginn an ist die Atmosphäre eines düster-dystopischen Gesellschaftsdramas, welches sich durch einen beinharten Klassenkampf auszeichnet; omnipräsent. Eine Atmosphäre, der man sich nur schwerlich entziehen kann – auch wenn man es hie und da hinsichtlich des erzählerischen Tons dezent übertreibt und einstweilen die ein oder andere unpassend erscheinende Charakter-Spitze einbaut. Dass die Situation im Zug eine verkleinerte Version dessen ist, was sich tatsächlich auf der Erde abspielt (oder in diesem Fall abspielte) ist eine weitere gute Idee – doch während vor allem die sogenannte Unterschicht ein recht glaubwürdiges Porträt spendiert bekommt, übertreibt man es hinsichtlich der Dekadenz der Reichen und Schönen.

Davon abgesehen sind das an den Tag gelegte Fingerspitzengefühl der Inszenierung schon beinahe kultverdächtig – und die eingeworfenen, teils überraschenden Twists verfehlen kaum ihren Zweck. Die Menschen des hintersten Waggons dabei zu begleiten, wie sie sich langsam aber sich einen Weg nach vorne bahnen ist schlicht unheimlich spannend – woran auch die bunte Darsteller-Riege einen nicht unerheblichen Anteil hat. Zwar gibt es eine quasi-Galionsfigur, doch im Gegensatz zu anderen Werken einer ähnlichen Machart wird diese nicht zum Helden durch und durch erhoben. Vielmehr scheint es, als spielten alle Beteiligten eine Rolle – die kämpfenden, aber auch die schwachen, die alten und die Kinder. Eine stimmige Kameraführung, die perfekte Szenen-Gestaltung (die wahrlich das Maximum an Atmosphäre aus den begrenzten Räumen herausholt) und viele weitere Eigenarten oder auch Markenzeichen des Regisseurs Joon-ho Bong sorgen dafür, dass SNOWPIERCER eigentlich nicht nur ein Kandidat auf den Thron der Film-Geheimtipps des Jahres 2014 sein sollte – sondern der klare Gewinner.

Es sollte so sein – doch letztendlich wurde das Ziel doch noch verfehlt, ob knapp oder nicht muss man dabei selbst entscheiden. Die vorhandenen Schwächen sind dabei vornehmlich in drei gefühlte Kategorien zu unterteilen – von eher zu vernachlässigenden bis hin zu gravierenden. Nicht unbedingt explizit störend ist beispielsweise die Tatsache, dass die CGI-Effekte erschreckend plump wirken – besonders dann, wenn die Beteiligten einen Blick aus dem Fenster und auf die eisigen Weiten der neuen Welt werfen. Das Ganze hat bestenfalls Serien-Niveau und eigentlich nichts in einem Film wie diesem zu suchen. Etwas markanter wird es dann, wenn man in den inhaltlichen Bereich hinübergeht und sich die Frage stellt, warum es unbedingt ein fahrender Zug als Schauplatz hat sein müssen. Die Gründe dafür liegen zwar auf der Hand, und die Idee ist an und für sich gut – warum sich diese Tatsache aber so gut wie nie zunutze macht (und beispielsweise öfter mit der Umwelt interagiert, und sei es um Ressourcen zu gewinnen) bleibt ein Geheimnis. Eine reichlich perverse Art der Gefangenen-Bestrafung, ein kurzer Blick auf ein abgestürztes Flugzeug und eine Gruppe erfolglos Geflüchteter bilden hier bereits das höchste der Gefühle. Ebenfalls unbefriedigend erscheint die Darstellung der Tatsache, dass es ausgerechnet Kinder sein müssen die im inneren der Maschine werkeln; allein aufgrund ihrer Größe. Hat eine derart fortgeschrittene Technik wirklich ein so altertümliches Element (das man am ehesten mit dem früheren Bergbau verbindet) nötig ? Es steigert die Brisanz und die emotionale Verbindung zu den Gefangenen, wirkt aber etwas unschlüssig – nicht zuletzt in Bezug darauf, dass die beiden hier gezeigten Kinder geradezu hypnotisiert wirken und scheinbar nichts gegen eine Tätigkeit wie diese einzuwenden haben.

Das ärgerlichste in und an SNOWPIERCER aber bleibt das Ende – beziehungsweise bereits der gesamte vorherige Aufbau. Es beginnt bereits mit den zwei recht ausführlichen Selbstreflexionen oder auch Monologen, die zwei wichtige Charaktere plötzlich abhalten – direkt vor der alles entscheidenden Barriere und so, als wären sie längst in Sicherheit. Zwar erfährt man hier durchaus wichtiges, gegen einen früheren Zeitpunkt hätte aber sicher nichts gesprochen. Alles, was dann nach der Öffnung der besagten Tür geschieht ist dann überraschend hanebüchen – und hat nur noch wenig mit dem kongenialen Fingerspitzengefühl zu tun, welches man zuvor und über gute vier Fünftel des Films an den Tag legte. Vielmehr scheint es, als würde nun plötzlich doch das Prinzip der Einfachheit siegen – ohne Rücksicht auf die Glaubwürdigkeit trotz oder gerade wegen der immer wieder auftretenden Spitzen. So scheinen den Verantwortlichen schlicht die Ideen ausgegangen zu sein. Das Porträt der Maschine, dessen Erbauers; ein gesuchter Ausweg mithilfe einer Selbstbau-Bombe – und die finale Szene, in der ausgerechnet ein Eisbär stellvertretend für das neuerliche Bild der Hoffnung Pate stehen muss. All das wirkt nicht nur reichlich uninspiriert, sondern sogar überraschend plump und schlichtweg doof. Man kann also kaum anders, als in Anbetracht dieses Endes verärgert aus der sonst mehr als überdurchschnittlichen Filmerfahrung SNOWPIERCER hervorzugehen.

Fazit: Wäre das Ende von SNOWPIERCER der zuvor etablierten Atmosphäre treu geblieben und hätte auch hier die ein oder andere gute Idee eingestreut (und sei es, dass man das Ganze in eine eher fantastische Richtung geleitet hätte) – dann stünde der uneingeschränkten Empfehlung nichts mehr im Wege. Doch es ist, wie es ist – man hat sich einen Fauxpas geleistet, der kaum in Worte zu fassen ist. Einen unnötigen, die gesamte Wirkungskraft des vorherigen Films schmälernden; der somit nur noch ärgerlicher und unverständlicher ist. Was auch immer hier geschehen ist; es ist schade und verhindert, dass der sonst bemerkenswerte Film eine überraschend gute – wenn nicht gar legendäre – Wertung einfährt.

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„Haarscharf am Status eines Meisterwerks vorbeigeschrammt. Nach dem enttäuschenden Ausklang möchte man sogar fast sagen: meilenweit.“

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