Spieletest: MIRROR’S EDGE (2009, PC)

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Originaltitel: Mirror’s Edge
Veröffentlichungsdatum: 15. Januar 2009
Entwickler: Digital Illusions
Publisher: Electronic Arts
USK: Ab 16 freigegeben
Genre: Action
Tags: Abgrund | Höhe | Höhenangst | Klettern | Gebäude | Verschwörung

Wer steht nicht gerne am Abgrund ?

Inhalt: In einer Stadt, in der so gut wie alles und jeder überwacht wird gibt es nur noch vereinzelte, die sich gegen die neuen Regeln stellen. Eine besondere Rolle spielen in diesem Zusammenhang die sogenannten Runner – äußerst agile junge Menschen, die man nur selten auf den Straßen antrifft. Ihre Heimat sind die Dächer – über die sie sich flink bewegen und ungesehen illegale Aufträge erledigen. Auch Faith, die Hauptfigur des Spiels; ist eine Runnerin – die sich eines Tages mit einem ungewöhnlichen Mordfall konfrontiert sieht. Denn obwohl sie ihre Unschuld bezeugen kann, gerät Faith’s Schwester in das Visier der Ermittler – die offenbar nur darauf aus sind, etwas größeres zu vertuschen. So wird auch Faith zur Gejagten – doch ist sie fest entschlossen aufzuklären, was es mit der merkwürdigen Schuldzuweisung auf sich hat.

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Kritik: MIRROR’S EDGE stammt vom Entwicklerstudio DIGITAL ILLUSIONS – ein wohl passender Name in Anbetracht des in diesem Titel etablierten Spielgefühls, welches tatsächlich auf einer gar nicht mal so alltäglichen Illusion in Bezug auf Welt des Gamings aufbaut. Denn: in MIRROR’S EDGE wird der Spieler immer wieder in luftige Höhen geschickt um von Dach zu Dach huschen, waghalsige Stunts aufzuführen, und um dabei auch das ein oder andere Mal echte Höhenangst zu verspüren. Ähnliche Konzepte mag es schon früher gegeben haben, doch hatten alle potentiell vergleichbaren Titel immer eines gemeinsam: man spielte sie aus der Third-Person-Perspektive. MIRROR’S EDGE dagegen spielt sich wie ein Ego-Shooter – mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass man nur allzu selten damit beschäftigt sein wird Gegnern mit Schusswaffen den Garaus zu machen. Auch dieses Element gibt es, doch selbst hier gilt: die meisten Konfrontationen lassen sich problemlos umgehen. Was vielleicht auch die bessere Wahl ist – denn so gut schlägt sich die sportliche Faith nicht im Umgang mit Schiessprügeln. Insbesondere das hakelige Zielsystem und das dezent unrealistische Waffengefühl machen es schwierig, überhaupt etwas zu treffen – und die einstweilen etwas makaber agierende KI sorgt bestenfalls für allerlei Fremdschäm-Momente.

Doch glücklicherweise liegen die Kernkompetenzen des Spiels nicht in seinem Shooter-Part, den man vielmehr als kleine Dreingabe betrachten sollte. Vordergründig geht es um das Rennen, Klettern, Springen und Austüfteln des richtigen Wegs – was ganz unabhängig vom Schwierigkeitsgrad eine äußerst fordernde Angelegenheit ist. Doch interessanterweise gibt sich MIRROR’S EDGE in Bezug auf seinen Freerunner-Part kaum eine Blöße. Die Steuerung ist unkompliziert und geht gut von der Hand; das Leveldesign ist ansprechend, die eingeschlagenen Routen lassen einen schier den Atem stocken. Somit ist es vor allem auch das übertragene Gefühl von Geschwindigkeit und Waghalsigkeit, welches das Spiel auszeichnet – und in gewisser Weise einzigartig macht. Doch nicht nur das Konzept und das Spielgefühl fühlen sich frisch an – auch die hier gezeichnete Welt lässt sich sehen. Tatsächlich ist den Machern ein wahrer Coup gelungen, indem man das größtmögliche Potential aus vergleichsweise geringen Mittel ausschöpfte. Anders gesagt: die Spielwelt von MIRROR’S EDGE setzt sich zwar aus Bausteinen zusammen, wirkt einstweilen etwas steril und klinisch – und doch entsteht das Gefühl einer weitläufigen Spielwelt, die mit geschickten Texturen und Licht-Effekten einen markanten Aha-Effekt auslöst.

Dabei ist es nur etwas schade, dass man dem Spieler nur selten alternative Routen erlaubt – abgesehen von den Hüpf-Passagen auf den Dächern, bei denen man vergleichsweise frei vorgehen kann. Sobald es aber in die (oftmals ebenfalls beeindruckenden) Gebäude geht, wird das Spiel recht linear – nicht selten gibt es nur den einen Schacht, die eine Tür die ein Weiterkommen ermöglicht. Auch diese Schwäche vermag man allerdings wieder geschickt zu kaschieren – da man vergleichsweise selten angehalten ist stehenzubleiben und das weitere Vorgehen zu planen. Viele Passagen wird man schließlich im dauerhaften Sprint zurücklegen – in Anbetracht dessen erscheinen einzelne Levelabschnitte schon fast wieder zu schön, um nicht doch einmal innezuhalten und die Szenerie auf sich wirken zu lassen. Doch auch solche Momente gibt es – was einen schnell zu einem großen Knackpunkt des Spiels führt; zumindest einem potentiellen. Denn: MIRROR’S EDGE lässt sich vor allem im ersten Durchlauf alles andere als frustfrei durchspielen. Dass man das ein oder andere Mal von Gegner niedergeschlagen wird wenn man doch einmal die Konfrontation sucht, ist dabei noch zu verschmerzen – doch das ständige Verspringen, Festhängen und Abstürzen könnte dann doch mal dezent an den Nerven zerren.

Schließlich beruht MIRROR’S EDGE auf dem sogenannten Trial-And-Error-Prinzip: wie genau man etwas machen muss, zeigt sich erst wenn man es geschafft hat – und damit nach möglicherweise zahlreichen fehlgeschlagenen Versuchen. Kaum zu loben ist daher wohl auch, dass das Spiel auf häufig gesetzt, automatische Speicherpunkte setzt – es handelt sich schlicht um ein Muss, und um keine Art des Zuvorkommens. Dass diese recht fair gesetzt sind ist dagegen keine Selbstverständlichkeit – was zumindest einen Teil des potentiellen Frusts verpuffen lässt. Doch leider gibt es auch hier Ausnahmen, die dann umso ärgerlich ausfallen. Als Beispiel sei hier eine Szene genannt, in der man mithilfe eines Containers über einen Abgrund gelangen muss – stürzt man ab, muss man erst wieder langwierig zu eben jenem Schlüsselmoment gelangen, anstatt direkt wieder am Absprungpunkt zu starten. Die andere Variante des Frusts entsteht vornehmlich dann, wenn man kaum erahnen kann wie es weitergeht. Zwar verfügt das Spiel über eine belegbare Taste, mit der man die Spielfigur in die richtige Richtung blicken lassen kann – doch hilft auch das nicht immer, insbesondere nicht beim Erklimmen von allerlei Konstrukten. Hier muss man sich schon selbst orientieren – und immer und immer wieder herumprobieren, bis es eben klappt. So gravierend ist das zwar nicht, schließlich soll das Spiel auch eine Form der Herausforderung bleiben – aber dennoch.

Ebenfalls nicht wirklich gelungen ist dann die Story des Spiels – die weitaus wirrer präsentiert wird, als es nötig gewesen wäre. Anders gesagt: vieles, was in MIRROR’S EDGE angedeutet wird entpuppt sich als zerplatzende Seifenblase; beziehungsweise wird vergleichsweise unspektakulär aufgelöst. Überhaupt kommt nur selten ein wirkliches Gefühl für die Situation der Runner auf, die Charaktere bleiben recht blass – und vor allem die Gegenseite schemenhaft. Somit spielt es auch kaum eine Rolle, welchen Auftrag man gerade für wen erledigt. MIRROR’S EDGE verpasst es, den Spieler neben der gelungenen Mechanik zumindest noch auf einer weiteren Ebene in das Geschehen zu involvieren – sei es auf der inhaltlichen oder emotionalen. Das ist schade, aber noch kein vollständiger Beinbruch – schließlich sorgen allerlei Zeichensequenzen in Comic-Form und die ständigen Gespräche (Faith ist verkabelt) gerade noch für einen Anflug von Atmosphäre. Einen weiteren Überblick über alle potentiellen Positiv- und Negativaspekte versucht die folgende Aufstellung zu geben:

Handlung und Präsentation
  • Futuristisch-dystopische Welt mit viel Potential
  • Sympathische Titelheldin
  • Geschichte einer großen Verschwörung…
  • … die viel zu wirr und uninteressant präsentiert wird
  • Schwacher Spannungsbogen
  • Kaum greifbare Gegenspieler

6.5/10

Grafik und Design
  • Erfrischender Gesamteindruck
  • Grandiose Level-Architektur
  • Viele Eyecatcher bzw. Panoramen
  • Satte Farben, sattes Licht
  • Tolle Animationen
  • Viele Elemente wiederholen sich
  • Teilweise schwaches Charakterdesign

9.0/10

Sound
  • Lebendige Umgebungsgeräusche
  • Stimmiger Soundtrack mit antreibender Wirkung
  • Größtenteils gute Sprachausgabe…
  • … mit kleineren Schwächen hinsichtlich der deutschen Fassung

9.0/10

Spielwelt, Umfang und Atmosphäre
  • Atemberaubendes, temporeiches Spielgefühl
  • Gelungene Hüpf-, Kletter- und Knobelpassagen
  • Spielprinzip nutzt sich schnell ab
  • Keine erwerb- oder freischaltbaren Fähigkeiten
  • Schwache, teils hanebüchene KI
  • Kaum Interaktionsmöglichkeiten, sterile Spielwelt
  • Oftmals gibt es nur einen richtigen Weg

4.0/10

Bedienung, Balance, Bugs
  • Verschiedene Schwierigkeitsgrade
  • Markante Runner-Vision
  • Unkomplizierte Menüs
  • Geringe Ladezeiten
  • Freischaltbare Inhalte
  • Oft gesetzte automatische Speicherpunkte…
  • … mit frechen Ausnahmen
  • Kein Inventar
  • Frustpotential durch Abstürze und Wegfindung

8.0/10

Ungefähre Spielzeit in Stunden: 10

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Fazit: MIRROR’S EDGE ist nicht nur ein rundum gutes, sondern vor allem auch einzigartiges Spiel. Allein für den Mut der Verantwortlichen, ein solch ungewöhnliches Konzept zu verwirklichen; sollte man ein dickes Lob aussprechen – erst Recht, wenn sich das Ganze auch noch als spielbar erweist und kein abstraktes Etwas bleibt. Schade ist nur, dass man den gleichen Mut nicht auch in Bezug auf die Story und deren Präsentation hat werkeln lassen – hier geht es viel zu konventionell; wenn nicht gar langweilig zu. Ein Großteil der Schwächen des Spiels wird aber ohnehin durch den schieren Geschwindigkeitsrausch, die atemberaubende Akrobatik und die hübsche Spielwelt wettgemacht. Somit reicht es allemal für einen empfehlenswerten Titel – aber keinen, den man als durch und durch perfekt bezeichnen könnte. Dafür ist die Spielwelt insgesamt noch etwas zu steril, die Möglichkeiten zu begrenzt – und der Wiederspielwert vergleichsweise gering. Was wäre MIRROR’S EDGE mit einem Inventar, benutzbaren Gegenständen, einem Skillpunkte-, Dialog- und Moralsystem… man wird ja wohl noch träumen dürfen.


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„Ein einzigartiges, aber nicht perfektes Spielerlebnis.“

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