Filmkritik: „Schilf – Alles Was Denkbar Ist, Existiert“ (2012)

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Originaltitel: Schilf
Regie: Claudia Lehmann
Mit: Mark Waschke, Stipe Erceg, Bernadette Heerwagen u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 85 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction, Drama
Tags: Metaphysik | Paralleluniversum | Zeitreise | Mordfall | Freundschaft

Was ist Realität – und was ist Fiktion geschieht einfach nur anderswo ?

Kurzinhalt: Der Physikprofessor Sebastian Wittich (Mark Waschke) ist fasziniert von der Idee eines Multiversums. Er ist überzeugt davon, dass Paralleluniversen existieren – und man eines Tages vielleicht auch den dringend benötigten wissenschaftlichen Beweis dafür erbringen könnte. Doch selbst sein bester Freund Oskar (Stipe Erceg), ein Mitarbeiter beim renommierten Forschungsinstitut CERN; ist wenig überzeugt von diesen Theorien. Als Sebastian seinen Sohn Nick (Nicolas Treichel) dann in ein Pfadfinderlager bringen möchte um sich intensiver mit seinen Forschungen auseinandersetzen zu können; geschieht ein Unglück. Während er auf einer Raststätte die Toilette besucht wird sein Sohn entführt – unklar ist von wem oder warum. Doch bald darauf erfolgt ein mysteriöser Anruf – von dem man nicht sicher sein kann, dass Sebastian ihn richtig versteht…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Es ist immer so eine Sache mit dem deutschen Film. Oftmals geht man weitaus verkrampfter ans Werk, als man es eigentlich müsste oder sollte – wofür auch der eher ungewöhnliche Science Fiction-Krimi SCHILF ein Paradebeispiel ist. Dabei handelt es sich um ein durchaus vielversprechendes Projekt: basierend auf einer Buchvorlage von Juli Zeh liegt dem Film nicht weniger als die Theorie eines sogenannten Multiversums zugrunde. Das heißt, dass es neben unserem Universum, unserer Realität noch unzählige weitere geben könnte – die zwar parallel existieren und ganz ähnlich aufgebaut sind; jedoch nicht oder kaum miteinander in Verbindung stehen. Das ist die Theorie und Prämisse auf die man sich einlassen muss oder sollte, um in den vollständigen Genuss des Films zu kommen – der dabei nicht selten ein munteres Kopfzerbrechen verursacht. Schließlich gesellen sich im weiteren Verlauf weitere scheinbar metaphysische Elemente wie etwa Zeitreisen hinzu – und mittendrin gilt es auch noch, eine mysteriöse Entführung und einen potentiellen Mordfall zu klären.

Das klingt nicht nur interessant, das ist es auch – wobei man klar festhalten muss, dass SCHILD den Zuschauer in jeder Hinsicht fordert und aktiv zum Mitdenken animiert. Ist man auch nur einen Moment abgelenkt oder stempelt diese oder jene augenscheinliche Kleinigkeit als eben solche ab – könnte es leicht passieren, dass man den roten Faden verliert. Eines wird somit schon einmal offenbar: rein inhaltlich ist SCHILF ein unkonventionelles und damit umso gewagteres Projekt, welches einen mehr als erfrischenden Wind in das Genre des Kriminalfilms bringt. Natürlich nur, wenn man ihn überhaupt in diesem Genre ansiedeln wollte. Das Problem ist nur, wie man mit derlei Voraussetzungen umgegangen ist – denn die Inszenierung hat beileibe nicht nur Stärken. Es beginnt bereits mit der bereits erwähnten Problematik der Verkrampftheit, zu der sich auch noch eine merkwürdige Form der Nüchternheit gesellt. Denn trotz, oder gerade wegen der im Film ausführlich präsentierten wissenschaftlichen Wortgefechte schafft es SCHILF zunächst kaum, überhaupt ein Interesse beim Zuschauer zu entfachen. Zu kühl und monoton bleibt die Inszenierung, zu typisch und unspektakulär sind die Bilder, zu abstrus und sicher auch ein klein wenig unglaubwürdig klingen die Dialoge. Dass im späteren Verlauf mancherlei Handlung der beteiligten Charaktere unglaubwürdig; sowie auch die emotionale Zeichnung derselben ein wenig lustlos erscheinen, ist dann auch keine Überraschung mehr. Immerhin können zumindest die darstellerischen Leistungen durchweg überzeugen – auch wenn schnell klar ist, wer hier die Hauptrolle (eigentlich sind es derer zwei) innehat, und wer zu einer austauschbaren Randfigur avanciert.

Letztendlich handelt es sich aber dennoch um eine eher ungewöhnliche Gewichtung von Qualitäten – denn eigentlich kennt man es eher andersherum, gerade wenn es um Filme mit gewichtigen Inhalten aus der Wissenschaft und / oder Science Fiction geht. Die eigentliche Stärke von SCHILF bleibt somit der Inhalt – dem zwar nicht immer leicht zu folgen ist; der aber dennoch für massive Spannung sorgt und am Ende für eine mitunter zufriedene Zuschauerreaktion sorgen kann. Wenn man denn erst einmal alle Puzzleteile zusammengesetzt hat versteht sich; und sei es nach einer zweiten Sichtung. Richtig spannend wird es beispielsweise, wenn es darum geht festzustellen was tatsächlich und in dieser Realität geschieht – und was möglicherweise in anderen oder nur in Gedanken des Hauptprotagonisten.

Hilfreich könnte es hierbei sein, die Tatsache der Zeitreise mit einzubeziehen – die möglicherweise erst dafür verantwortlich ist, dass das Leben des Physik-Begeisterten so richtig aus dem Ruder läuft. Denn: offenbar sind auch Zeitreisen in einem Multiversum (bei denen man das eine Paradoxon umgeht, in dem man auf eine andere Realitätsebene wechselt) nicht gänzlich frei von diversen Problematiken. Vielleicht muss man es sich wie eine Kettenreaktion vorstellen: dadurch, dass Protagonist A zu Protagonist B in die Vergangenheit reist wird eine Brücke geöffnet – die aber vielleicht nicht nur vom eigentlichen Ursprung zum Zielort führt, sondern viele weitere Nebenwege eröffnet. Inmitten dieser Nebenwege hat sich dann wohl auch der Hauptcharakter verirrt, und kann nicht mehr bestimmen welches seine Realität ist. Wie und wann genau er dementsprechend wechselt, und wie er die Kette unterbrechen kann bleibt allerdings vollkommen offen. Doch selbst für jene die nicht ganz so weit in die Materie vordringen wollen, bleibt vor allem ein Aspekt der Geschichte interessant: die Freundschaft der beiden Hauptprotagonisten, die nicht nur auf eine schwere und interessante Probe gestellt wird – sondern in Form einer späten Reue in ein völlig neues Licht gerückt wird. Ein Licht, dass auf mindestens zwei verschiedene Welten scheint…

Fazit: SCHILF ist ein in vielerlei Hinsicht interessanter Film – der sich jedoch eher gegenteilig präsentiert; und folglich leicht zu übersehen ist. Lässt man sich erst einmal vollständig auf den Film ein, sieht über gewisse inszenatorische Schwächen hinweg – bleibt ein zutiefst ungewöhnlicher Kriminalfall, der ausnahmsweise mal nicht nach dem Schema F abläuft; sondern gespickt ist von allerlei kuriosen wissenschaftlich-metaphysischen Ansätzen. Allein dafür, und das sich überhaupt jemand an eine Buchvorlage wie diese gewagt hat, verdient durchaus Respekt. Schade bleibt nur, dass der Film davon abgesehen verdächtig wenig zu bieten hat, und rein inszenatorisch eben doch wie ein typischer Fernsehkrimi der Marke Eigenproduktion daherkommt – ein nicht unbedingt aufwendiger und dezent verkrampfter noch dazu. Vielleicht war man einfach etwas zu unentschlossen, musste das Ganze zumindest handwerklich eher konventionell gestalten um diverse Geldgeber nicht zu verschrecken – was auch immer dahinter steckt, es hat dem Film nicht wirklich gut getan. Dennoch bleibt es bei einem quasi-Geheimtipp für all jene, die sich von einem Film wirklich gefordert wissen wollen.

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„Fulminanter Inhalt trifft auf reichlich Kopfzerbrechen und eine schwache Inszenierung.“

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