Filmkritik: „48 Engel“ (2007)

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Originaltitel: 48 Angels
Regie: Marion Comer
Mit: Shane Brolly, John Travers, Ciaran Flynn u.a.
Land: Irland

Laufzeit: ca. 92 Minuten
FSK: noch nicht geprüft
Genre: Drama / Thriller
Tags: Junge | Eltern | Krankheit | Krebs | Reise | Selbstfindung

Wenn ein Engel allein nicht ausreicht…

Kurzinhalt: Der 9-jährige Seamus (Ciaran Flynn) erhält bereits in jungen Jahren die wohl schrecklichste aller Diagnosen – er leidet an einer besonders schweren Form von Krebs, wobei eine Aussicht auf Heilung so gut wie unmöglich ist. Doch scheint er selbst das Ganze weitaus nüchterner zu betrachten als seine Eltern – die es einfach nicht wahrhaben wollen dass ihr Sohn schon so früh aus dem Leben scheiden soll. Während sie die Krankheit ihres Sohnes also so gut es geht verdrängen, macht sich dieser auf eine bemerkenswerte Reise; vielleicht seine letzte. Sein Ziel: er will Gott begegnen, noch bevor dieser ihm begegnet. Dabei trifft er bald auf den jugendlichen James (John Travers), der erst kürzlich seinen Vater verloren hat – und der sich offenbar auch aufgemacht hat, ein unbestimmtes Ziel zu verfolgen. Doch bleibt es nicht dabei, die beiden treffen auf einen weiteren Mann (Shane Brolly) – der schnell auf die Hilfe seiner beiden jüngeren Begleiter angewiesen ist. Doch im Gegensatz zu den beiden scheint zumindest er einen dubiosen Hintergrund zu haben – wer er wirklich ist und was er vorhat, erfahren die beiden zunächst nicht.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! 48 ENGEL ist ein Roadmovie der etwas anderen Art – in dem sich drei völlig unterschiedliche Charaktere begegnen und eine Art Schicksalsgemeinschaft bilden. Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte bezieht sich dabei nicht hauptsächlich auf das, was das ungewöhnliche Trio auf seiner Reise erlebt – sondern vielmehr mit dem Innenleben, den jeweiligen Motivationen, Gedanken und Ansichten der Beteiligten. Situationsbedingt erfährt man immer mehr über den mysteriösen Unbekannten und die innersten Erwartungen des Trios; was im Endeffekt eine spannende und psychologisch interessante Angelegenheit ist. So kann man 48 ENGEL gleichwohl als Drama mit Coming-Of-Age-Hintergrund betrachten (wobei Seamus dem bemerkenswertesten Reifeprozess unterworfen ist), als auch als Thriller mit gut ausgearbeiteten Charakteren. Das klingt gut – ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn obwohl diese Elemente allein für einen sehenswerten Genre-Film absolut ausgereicht hätten, bekommt der Film gerade im späteren Verlauf noch eine hier eher unpassende politische Komponente verpasst. Analog dazu, oder als quasi-Vorbereitung ist der Film auch in zwei gefühlte Hälften aufgeteilt: die erste behandelt demnach relativ ausschließlich die Geschichte des jungen Seamus, bringt dem Zuschauer seine tragische Situation näher und lässt ihn an der baldigen Reise des Jungen teilhaben – während in der zweiten Hälfte plötzlich eine ganz andere Geschichte in den Fokus rückt.

Hier geht es dann vornehmlich um den als seltsamen Fremden eingeführten Erwachsenen, der nicht ganz dem entspricht was die beiden anderen erwartet respektive sich erhofft haben. Warum die Gewichtung plötzlich derart schwankt, wird alsbald klar; schließlich scheint die Regisseurin Marion Comer spätestens hier zu einem wahren Rundumschlag auszuholen. In eben jener Form, dass plötzlich explizit politische und gesellschaftskritische Töne angeschlagen werden, die sich auf nicht weniger als eine Ära des Bürgerkrieges in Irland beziehen – und die eigentliche Geschichte ganz oder zumindest teilweise überschatten. Leider harmonieren die beiden Ansätze (der Mikrokosmos der Krankheit, der Makrokosmos des Bürgerkriegs und die daraus entstehende Essenz) nicht wirklich miteinander; vielmehr fühlt es sich an als hätte Marion Comer Stoff für zwei Spielfilme gehabt – der dann doch Platz in einem einzigen finden musste. Nicht zuletzt die handwerklichen Aspekte scheinen diesen Eindruck erneut zu bestätigen: während man in der ersten Hälfte noch auf stilistische Kniffe wie Traumsequenzen und stimmige Fade-Outs setzt, bleibt dergleichen in der zweiten vollständig aus – was man kaum allein auf die inhaltliche Analogie (Tag-Träume werden zur bitterbösen Realität) zurückzuführen kann. Überhaupt wirkt die Kamera-Arbeit im gesamten relativ starr und uninspiriert, die Erzählperspektive aus Kindersicht ist wenig geschickt und kaum konsequent umgesetzt. So sorgen allein die schönen Landschafts- und Naturaufnahmen für eine gewisse Atmosphäre – wenn auch eher als malerische Einzel-Bilder denn in einem nennenswerten Zusammenhang.

Fazit: 48 ENGEL serviert dem Zuschauer eine grundsätzlich interessante Geschichte um einen krebskranken Jungen und eine ungewöhnliche Reise zur Selbstfindung – zunächst. Was hier noch ausschließlich als stilles, aber nicht minder ergreifendes Drama funktioniert, bekommt durch die anderen beteiligten Protagonisten und die nach und nach angedeuteten Thriller-Elemente einen zusätzlichen Reiz – doch irgendwann kippt die Stimmung. Offenbar wusste man kaum, welchen Schwerpunkt man im weiteren Verlauf des Films setzen wollte. Das letztendliche, stark politisch motivierte Ergebnis jedenfalls wirkt im Vergleich zum bodenständigen Auftakt des Films geradezu ernüchternd; ebenso wie das eigentliche, nicht wirklich runde Ende des Films. Letztendlich überlässt er es – trotz der zahlreichen Angebote und angeschnittenen Themen – allein dem Zuschauer, das recht vage Geschehen noch einmal zusammenzufassen und eine greifbare Quintessenz anzuberaumen. Immerhin, diesbezügliche Angebote sind zahlreich vertreten – ob man sie nun eher im kleinen oder doch in den größeren Zusammenhängen sucht. Dennoch kommt man nicht um das Gefühl herum, dass man mit einem Film wie diesem noch viel mehr – oder eher andere – Möglichkeiten gehabt hätte. So reicht es noch für das gehobene Mittelmaß; was gleichermaßen solide wie auch schade ist. Erst Recht in Anbetracht der erfrischend-andersartigen Grundidee und den Leistungen der drei beteiligten Hauptdarsteller, denen man ihre Rollen zu jedem Zeitpunkt abnimmt.

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„48 Engel, oder eher: 2 Mal halbgare 24.“

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