Filmkritik: „Human Centipede 2 – Full Sequence“ (2011)

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Originaltitel: The Human Centipede 2 (Full Sequence)
Regie: Tom Six

Mit: Ashlynn Yennie, Lucas Hansen, Emma Lockhart u.a.
Land: Großbritannien, Niederlande
Laufzeit: ca. 84 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Horror
Tags: Tausendfüßler | Sequel | Brutal | Makaber | Heftig | Höhepunkt

Jetzt wird es erst richtig interessant…

Kurzinhalt: Der geistig zurückgebliebene Martin Lomax (Laurence R. Harvey) arbeitet als Pförtner in einer Tiefgarage, wo er nicht immer viel zu tun hat. Die so entstehende freie Zeit nutzt er dann hauptsächlich, um sich seinem absoluten Lieblingsfilm zu widmen – THE HUMAN CENTIPEDE. Er ist geradezu fasziniert von der makaberen Geschichte, und scheint sich bereits in Gedanken auszumalen wie es wäre; selbst einmal eine Gruppe von Menschen zu einem menschlichen Tausendfüßler zu verbinden. Dass es Martin nicht bei einem bloßen Gedanken belassen würde, hätte anderen auffallen müssen – doch weder seine psychotische Mutter noch ein befreundeter Arzt, der anstatt dem im Kindesalter mehrmals missbrauchten Martin zu helfen selbst ein Auge auf ihn geworfen hat, scheinen sich um sein Schicksal zu scheren. Und so passiert, was passieren musste: Martin nutzt die Abgelegenheit des Parkhauses aus, und wartet auf potentielle Opfer die ein Teil seines menschlichen Tausendfüßlers werden könnten. Seine Methoden sind dabei alles andere als zimperlich: entweder er schießt die Opfer mit seiner Dienstwaffe an, oder setzt sie mit einem gezielten Schlag auf den Kopf außer Gefecht. Selbst eine Familie mit einem Kleinkind wird so zum Opfer des grausamen Plans, den Martin in einer alten Lagerhalle umsetzen will. Nachdem er den Vermieter bei einer Besichtigung getötet hat, schafft er seine betäubten Opfer hierher, fesselt sie – und bereit alles für die große Operation vor. Eben so, wie es sein großes Vorbild Dr. Heiter in seinem Film THE HUMAN CENTIPEDE veranschaulicht hat; ob rein fiktiv oder nicht.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! >HUMAN CENTIPEDE 2 ist der offizielle Nachfolger zum teils heftig umstrittenen und diskutablen Original, welches gerade einmal 2 Jahre zuvor erschienen ist (Link zum Review). Auch dieses Mal stammt die Geschichte sowie ein Großteil der handwerklichen Arbeit vom Niederländer Tom Six, der in Bezug auf das Sequel mindestens zweierlei erreicht. Zunächst einmal sorgt er durch die Eröffnung einer neuen Dimension für einen erfrischenden Wind – der sich darin niederschlägt, dass HUMAN CENTIPEDE im Sequel und im Sinne der Filmlogik als existierender Film behandelt wird. Das Sequel baut also nicht wie üblich auf dem Vorgänger auf – sondern zeigt im Sinne einer Pseudo-Reality, wie sich der neue Hauptprotagonist von der HUMAN CENTIPEDE-DVD inspirieren lässt und versucht, an die Darsteller des ersten Teils heranzukommen. Die andere Überraschung folgt sogleich, da sie mit dem dezent faden Beigeschmack dieser Prämisse verbunden ist: HUMAN CENTIPEDE 2 übertrifft seinen Vorgänger um ein vielfaches – keinesfalls inhaltlich, aber doch im Sinne der expliziten Gewaltdarstellungen und allgemeiner Geschmacklosigkeiten. Selbst die Tatsache, dass der Film (fast) komplett in Schwarz-Weiss-Bildern eingefangen wurde, macht es diesbezüglich nicht unbedingt besser oder erträglicher: man bekommt dennoch etwaige Körperflüssigkeiten präsentiert, nur dass deren Farbe nicht mehr zu erkennen ist. Das wirkt in Anbetracht der weiteren Maßnahmen (wie etwa explizite Nahaufnahmen von Verstümmlungen, dem fürchterlichen Tod eines ungeborenen Kindes, überall herumspritzenden Fäkalien oder einer brutalen Vergewaltigung) aber nicht wirklich sinnig.

Allein die Tatsache, dass die Ereignisse von HUMAN CENTIPEDE 2 durch die Dimension des Films-im-Film nur noch glaubwürdiger erscheinen und es somit verhindern, dass ein Anflug einer verstörenden Arthaus-Kunst aufkommt (wie es noch beim Original der Fall war); lässt einen schnell nachdenklich werden. Denn: das Sequel wirkt nicht wirklich wie ein eben solches, sondern vielmehr wie eine Art Dokumentation über einen psychisch schwerkranken Mann mit einem Hang zur Selbstverstümmlung und zu bestialischen Morden. Einem solchen, der bereits entsprechend durch seine eigene grausame Vergangenheit geschädigt ist; sich letztendlich aber vom Medium Film dahingehend beeinflussen lässt dass er im Sinne der Nachahmung selbst zu einem Straftäter wird. Das mündet nicht nur in einem gefundenen Fressen für alle Kritiker, die diverse Unterhaltungsmedien und eine tatsächlich ausgeführte Gewalt miteinander in Verbindung bringen – sondern auch in einem zutiefst abstoßenden, voyeuristischen und schlicht perversen Filmprojekt. Die Intensität der hier dargestellten Gewalt ist schließlich derart extrem, dass es so gut wie kein vergleichbares Werk gibt; selbst nicht in den gemeinhin als härtesten abgestempelten Genres – noch nicht. Auch der viel zu spät kommende Einschub der andeutet, dass das Geschehen vielleicht doch als nicht ausgelebter Tagtraum des Hauptprotagonisten einzustufen ist, schmälert die verstörende und abstoßende Gesamtwirkung nicht. Auch wenn er das vermutlich sollte – vielleicht haben die Verantwortlichen doch kalte Füße bekommen; was sie aber auch so noch sollten.

Dies erübrigt dann auch schon fast eine weitere Diskussion über den Film, der in seiner Wirkungskraft nur noch von (echten) Aufnahmen aus Konzentrationslagern, schwer verunglückten Menschen oder ähnlichem übertroffen werden kann. Mit dem Unterschied, dass hinter allen echten Begebenheiten immer auch eine Geschichte, ein zu verarbeitender Faktor steht – während HUMAN CENTIPEDE 2 ein zutiefst nihilistischer Film ist. Einer, an den man eher keine Gedanken verschwenden sollte – auch wenn die darstellerischen Leistungen unter gewissen Umständen bezeichnend sind. Aber: die Mittel heiligen eben nicht den Zweck, der im Falle von HUMAN CENTIPEDE 2 weiterhin unverständlich bleibt. Wie man es auch dreht und wendet, zwischen all der Gewalt gibt es keine leisen Untertöne, die das Ganze hin zu einer wie auch immer gearteten kritischen Auseinandersetzung werden lassen. Anders gesagt: wer vor dem Film noch nicht wusste dass es so etwas wie Kindesmissbrauch und Gewalt innerhalb von Familien, psychisch schwer kranke Menschen und allerlei abartige Fantasien gibt; der sieht die Welt ohnehin mit ganz anderen Augen.

Fazit: HUMAN CENTIPEDE 2 ist eigentlich nur aus einer Sicht interessant: er verdreht die Ansichten und Meinungen jener Zuschauer, die schon mit dem (eher psychologischen) Härtegrad des Vorgängers dezente Probleme hatten. Denn das, was dort gezeigt oder auch nur angedeutet wurde; wird im Nachfolger noch einmal deutlich ausgebaut – wobei es nicht bei dem ohnehin schon schwer zu verkraftenden Leidensfaktor der Protagonisten respektive Opfer bleibt. Der allgemeine Realitätsbezug im Sinne der Pseudo-Reality, die rohe und dreckige Atmosphäre des Films, die mehr als glaubwürdige Inszenierung des psychisch angeschlagenen Hauptcharakters und die explizite Darstellung von Gewaltakten in bester Qualität und auch in Nahaufnahmen machen eines klar: wenn der erste Teil schon kritisch zu beäugen war, gehört ein Film wie dieser eigentlich verboten. Fraglich bleibt wohin die Reise gehen wird, wenn ein schon recht verstörender Film wie HUMAN CENTIPEDE innerhalb von gerade einmal 2 Jahren derart getoppt werden kann. Werden demnächst also vielleicht Kinder die Hauptrollen in Filmen wie diesen spielen ? Wird man den Realitätsbezug noch weiter steigern, in dem man beispielsweise echte Staftäter oder psychisch kranke für die zu spielenden Rollen engagiert ? Man braucht kein Moralapostel zu sein, um festzustellen dass irgendwann gewisse Grenzen erreicht sind – oder es vielleicht schon wurden. HUMAN CENTIPEDE 2 ist der nächste Schritt einer zutiefst fragwürdigen Entwicklung, die Gewalt in Filmen nicht mehr als Stilmittel oder Aufhänger verwendet – sondern vielmehr zu einem reinen Selbstzweck verkommen lässt. Eine Reflexion wird somit unmöglich, der Grad der Brutalität einfach nur immer weiter gesteigert – bis die Grenzen zwischen Realität und Fiktion (in diesem Falle in Bezug auf das Medium Film) immer weiter verschwimmen. Werden also tatsächlich bald die ersten Snuff-Movies frei zugänglich und in diversen Videotheken angeboten werden ? Man weiß es nicht, sollte aber alles erdenkliche tun um das zu verhindern. Auch ein breit gefächerter Bereich wie der der Kunst hat Grenzen. Eben so, wie man die Kamera nicht auf alles halten sollte was um einen herum geschieht, sollte man sich überlegen wann der Zeitpunkt gekommen ist dass der ein oder andere Bogen überspannt wird. Beim Ideengeber und Regisseur Tom Six fällt die Beurteilung vergleichsweise leicht – was ihn dennoch nicht darin hindert, noch einen dritten Teil von HUMAN CENTIPEDE zu drehen. Vielleicht ja mit den besagten Kinderdarstellern ?

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„Der Nachfolger von HUMAN CENTIPEDE provoziert nicht länger – sondern ist ein durch und durch zu verabscheuendes Machwerk bar jeder Form der Kunst. Zudem sichert er sich die fragwürdige Pole-Position in der Hitliste der brutalsten Filme aller Zeiten – und lässt diesbezüglich selbst einen SERBIAN FILM vergleichsweise alt aussehen.“

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5 Gedanken zu “Filmkritik: „Human Centipede 2 – Full Sequence“ (2011)

  1. Der dritte Teil dieser… meisterlichen Reihe erscheint ja auch schon bald. Man darf zitieren:

    Im dritten Teil der Ekel-Horror-Reihe soll dieser Tausendfüßler sogar aus 500 Menschen bestehen, allesamt Insassen eines Gefängnisses, die dem grausamen Experiment nicht entfliehen können. Quelle

    Pheeew -.-

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  2. Hab ihn wohl damals auszugsweise mit „A Serbian Film“ gesehen und stufe ihn ähnlich schlecht ein. Ein fehlender Inhalt und eine fehlende Story werden überspielt mit gönnerhaften pseudo-arthouse Anleihen und menschlichen Abscheulichkeiten, welche den Film auf seine sowieso schon relativ kurze Spiellänge bringen. Nichts, aber auch nichts an diesem Film ist unterhaltsam, sehenswert oder regt zu wirklich existentiellen Diskussionen an, außer zu Diskussionen, ob man so einen Film braucht und warum überhaupt? Wortwörtlich ein Scheißfilm, eine cinematographische Kakophonie, welche ihren Höhepunkt im Missbrauch von Abfühmitteln findet. Der Human Centipede sind die Zuschauer, dem nicht nur in den Mund, sondern auch in die Augen defäkiert wird. Dem Macher des Films allerdings, wurde zuvor kräftig ins Hirn geschissen.

    Gibt es eine 0.0/10? Wenn ja würde ich die gerne vergeben. Ansonsten halt 1.0/10. Eintragen bitte. ^^

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    1. Eine cinematographische Kakophonie… nice.^^
      Eine 0/10 sieht mein Bewertungssystem nicht vor, ich glaube auch sonst keines; schließlich sollte allein die Tatsache dass ein Film exisitiert mit mehr als 0% ‚belohnt‘ werden… oder so ähnlich, lol. Allerdings gibt es eine 0.5/10, denke die wäre in diesem Fall für Dich angemessen 😉

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