Filmkritik: „Human Centipede – First Sequence“ (2009)

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Originaltitel: The Human Centipede
Regie: Tom Six
Mit: Dieter Laser, Ashley C. Williams, Ashlynn Yennie u.a.
Land: Niederlande
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Horror
Tags: Tausendfüssler | Siamesische Zwillinge | Arzt | Doktor | Makaber | Leid

Zu 100 Prozent medizinisch akkurat. Oder so ähnlich…

Kurzinhalt: Auf ihrem Road-Trip durch ganz Europa wollen zwei gute Freundinnen eigentlich nur einige besonders markante Orte besuchen – so auch in Deutschland, wo sie sich eine Szene-Bar haben empfehlen lassen. Doch auf dem Weg dorthin verfahren sich die beiden, und haben kurz darauf auch noch eine Autopanne – dumm nur, dass der Wagen ausgerechnet inmitten eines dunklen Waldstücks liegenbleibt. In ihrer verzweifelten Lage entscheiden sich die beiden, zu Fuß weiterzugehen – und den nächsten dem sie begegnen würden um Hilfe zu bitten. Tatsächlich stoßen sie bald darauf auf eine üppige Villa, die sehr abgelegen liegt und von einem gewissen Dr. Josef Heiter (Dieter Laser) bewohnt wird. Der lässt die beiden frierenden Frauen herein – aber offenbar nicht, um ihnen zu helfen. Nachdem er den beiden kurzerhand ein starkes Betäubungsmittel in die Getränke gemischt hat, verschleppt er sie in sein hauseigenes Labor im Keller – und bereitet eine Operation der eher ungewöhnlichen und sicher nicht medizinisch notwendigen Art vor. Bald darauf erfahren die beiden Frauen und zwei weitere Gefangene, was Dr. Heiter tatsächlich vorhat: er plant, seine Opfer zu einer Art menschlichen Tausendfüßler zu verbinden. Denn damit würde sich der ehemalig sehr erfolgreiche und hoch dekorierte Spezialist für die Trennung von siamesischen Zwillingen einen geheimen Lebenstraum erfüllen, der unter normalen Umständen kaum zu realisieren wäre. Das Leid der Opfer scheint ihn dabei nicht wirklich zu kümmern – und so sind ihm die gefesselten Gefangenen hilflos ausgeliefert…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Die Inhaltsbeschreibung von HUMAN CENTIPEDE sagt eigentlich schon vieles – und doch kann sie nicht exakt wiedergeben, was sich der niederländische Regisseur und Drehbuchautor Tom Six hier im Sinne eines möglichst verstörenden Exploitationfilms vorgenommen hat. Immerhin kann man ihm allein aufgrund der Genreausrichtung zugute halten, dass er nicht auf einen kommerziellen Verkaufsschlager aus war – sondern eher drauf, eine reichlich krude Vision umzusetzen die die Kassen nicht klingeln; dafür aber allerlei Mägen umdrehen würde. Das Ergebnis ist ein Spartenfilm der besonderen Art, und das gilt es festzuhalten: einer besonders abstoßenden, und keinesfalls unterhaltsamen im eigentlichen Sinne. Etwaige Splatter-Fans und Freunde des Party-Horrors sollten also einen großen Bogen um HUMAN CENTIPEDE machen – der Film ist nicht darauf ausgelegt Spaß zu machen, sondern einen möglichst schockierenden Eindruck zu hinterlassen und den Zuschauer regelrecht mit seinen Protagonisten mitleiden zu lassen. Was ihm durchaus gelingt, auch wenn diese Form der automatisch aufkommenden Empathie eine mehr als fragwürdige ist.

Denn: so gut wie über die gesamte Spieldauer des Films leiden, schreien und winseln die Protagonisten; die im Sinne eines menschlichen Tausendfüßlers auf eine zutiefst bizarre Weise miteinander verbunden werden. Operativ, versteht sich – und durch den dezent wahnsinnigen Dr. Heiter, der von Dieter Laser so gespielt wird als handelte es sich um die Rolle seines Lebens. Allein diese Szenerie (und die Tatsache, dass man den Namen Heiter genauso gut durch einen wie Mengele ersetzen könnte) sollte bei den meisten Zuschauern zu Recht einen Anflug von Ekel auslösen, der es fraglich werden lässt wie genau man einen Film wie HUMAN CENTIPEDE kategorisieren geschweige denn bewerten sollte. Handelt es sich wirklich um eine noch vertretbare Form der Kunst, die allein darin besteht einen größtmöglichen Ekel-Faktor zu etablieren, eine makabere Faszination beim Zuschauer auszulösen ? Reicht es, sich etwas besonders schreckliches auszudenken, es entsprechend darzustellen und den Zuschauer im Sinne der berühmt-berüchtigten Autounfall-Situation in in eine kaum alltägliche Bredouille zu bringen ? Denn auch in solchen kann oder will niemand hinsehen – und doch sieht am Ende oft die Neugier. Allerdings, und das ist speziell im Falle von HUMAN CENTIPEDE das kuriose und gefährliche: man will den Zuschauer gar nicht erst durch heftige Gewaltszenen oder Gore-Elemente bewegen; sondern hauptsächlich indem man ein größtmögliches Leid und das schiere Ausgeliefert-sein der Protagonisten explizit zur Schau stellt.

Tatsächlich scheint die einzige (und sicher diskutable) Qualität des Films auch genau darin zu liegen – alle anderen Faktoren werden automatisch hintenan gestellt; die üblichen Gesetzte des Mediums Film gelten nicht mehr. Allein der gesamte Auftakt mit den beiden jungen Frauen im Wald, der plötzlichen Autopanne und der abstrusen Suche der beiden nach einer Lösung gerät zu einer reinen Farce – einer derart stumpfsinnig inszenierten, dass man zunächst doch meint es müsste sich um eine Art Horror-Parodie halten. Vielleicht ist das HUMAN CENTIPEDE ja auch – zumindest unter dem Gesichtspunkt, dass eine Parodie gewisse vorgegebene Umstände zuspitzt; was nicht automatisch ein (Achtung Wortspiel) erHEITERndes Ergebnis zur Folge haben muss. Doch wie man es auch dreht und wendet; eines hat der Film mit Sicherheit nicht: Anspruch. Ebenso wie die gesamte handwerkliche Herangehensweise eher plump gehalten, die inhaltliche Gestaltung voller Logik-Lücken und sogar expliziter Film-Fehler ist; ist auch die hier dargestellte Form der Gewalt kein Sinnbild, keine Analogie, kein Seitenhieb auf irgendetwas. Sie ist, was sie ist – vor allem aber ist sie ungeschönt und wird derart intensiv präsentiert, dass man sich fragen muss ob sie nicht doch zu einem reinen Selbstzweck verkommt. Wenn das allein schon ausreicht um einen Film zu rechtfertigen, respektive ihn auch noch als bemerkenswerten Kunstfilm bezeichnen zu können – dann lässt sich in etwa erahnen, wohin die Reise in Zukunft noch gehen wird. Und das ist eine Entwicklung, die wohl niemand gutheißen kann.

Dennoch besitzt HUMAN CENTIPEDE durchaus Ansätze, die erkennbar machen dass selbst in einer derart perversen Grundidee wie dieser Potential gesteckt hätte. In welchem Sinne wird zwar nicht ganz klar; beziehungsweise muss man sich das selbst ausmalen – Fakt ist nur, dass man allein aus  der darstellerischen Leistung von Dieter Laser (die wahrlich Bände spricht) und der Idee eines alleinstehenden, von der Gesellschaft ausgestoßenen Arztes mit einem Hang zu obskuren Experimenten durchaus mehr hätte machen können. Und sei es im Sinne einer Gesellschaftskritik an den Reichen und Mächtigen, die oftmals nur eine bestimmte Fassade aufrecht erhalten, im Kern und bei Gelegenheit aber ein ganz anderes Gesicht zeigen. Wie Dr. Heiter, dem offenbar kein Weg zu steinig, kein Mittel zu hart oder unmenschlich sein kann – nach außen hin aber bestenfalls wie ein alternder und eher harmloser Spinner wirkt. Dahingehende Ansätze sind vorhanden; beispielsweise durch den angedeuteten Sinn des Hauptprotagonisten für Kunst und seinen im wahrsten Sinne des Wortes exklusiven Geschmack – doch letztendlich nimmt die Gewalt, und vor allem der Faktor des Leidens und Mitleidens einen viel zu großen Raum ein. Einen so großen, dass kaum Platz für Reflexionen oder Interpretationen bleibt; und der Fokus eindeutig zu sehr auf die Gewalt als solches denn auf diesbezügliche Hintergründe oder potentielle analytische Ansätze gelegt wird.

Fazit: Ganz im Sinne etwaiger anderer, zutiefst fragwürdiger Werke aus einer Genre-Sparte die man grob unter dem Begriff der Exploitation oder vielleicht auch des Torture Porns zusammenfassen könnte, legt es HUMAN CENTIPEDE darauf an den Zuschauer zu verstören – nicht mehr und nicht weniger. Potentielle andere Ziele, wie etwa eine bezeichnende handwerkliche Arbeit oder eine Atmosphäre die über den Faktor des Leidens und Mitleidens hinausgeht; sind dagegen nicht erkennbar. Das Ergebnis ist ein zutiefst merkwürdiges Werk, welches einerseits sehr oberflächlich ist – andererseits aber eine mitunter immense Wirkung an der psychologischen Basis entfalten kann. Wie diese einzuordnen ist und zu welchem Preis, das steht auf einem ganz anderen Blatt. HUMAN CENTIPEDE sorgt wie schon HOSTEL, I SPIT ON YOUR GRAVE oder A SERBIAN FILM (als bisher heftigster Vertreter, Review) für eine weitere Form der filmischen und ansatzweise auch gesellschaftlichen Grenz-Überschreitung irgendwo zwischen Kunst, Unterhaltung und einem Haufen Mist. Offen bleibt, wem man derlei Inhalte überhaupt zumuten kann oder sollte. Zumindest Horror-Fans sollten einen großen Bogen um diesen Film machen, da es in diesem Fall kaum um eine erzeugte Spannung oder Atmosphäre geht. Kurios-interessierte, die erleben wollen wie weit ein Exploitation-Film gehen kann; können dagegen einen vorsichtigen Blick riskieren – seien aber vorgewarnt.

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„HUMAN CENTIPEDE ist wie ein Unfall, bei dem eine jede Rettung zu spät kommt. Auch wenn die Neugier groß ist, sollte man in diesem Fall vielleicht nicht hinschauen. Es sei denn natürlich, man neigt zu einer eher skurrilen, tiefschwarzen Definition des Begriffes der Kunst und sieht das Medium Film als bewusstes Mittel zur Provokation.“

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Human Centipede – First Sequence“ (2009)

  1. Den ersten Teil müsste ich mir mal ernsthaft in Ruhe ansehen, um eine objektive Wertung zu vergeben (da er vielleicht nicht so ganz überflüssig ist wie sein Nachfolger), aber ich empfinde den „Plot“ per se einfach nur anstrengend und für mich persönlich nicht ansprechend, das ganze (bald) Franchise ist nur darauf ausgelegt um zu provozieren – filmische Provokationen auf diesem Niveau sind mir allerdings eindeutig zu wider. Dafür gibt es auch einfach zu viele gute Filme und empfinde so ein Machwerk hier als reinste Zeitverschwendung. Lieber Filme wie das belgische Crime-Drama „Rundskop“ (Bullhead) ansehen, stellenweise provokativ (vor allem eine Schlüsselszene aus der Kindheit), aber weitaus sehenswerter und auch erträglicher als der vorliegende Film.

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