Filmkritik: „INTERSTELLAR“ (2014)

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Originaltitel: Interstellar
Regie: Christopher Nolan
Mit: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Michael Caine u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 169 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction
Tags: Zukunft | Raumzeit | Wurmloch | Raumschiff | Planeten | Pioniere

Eine Reise, die man niemals vergisst.

Kurzinhalt: In naher Zukunft steht die Menschheit am Rande eines Abgrunds. Die Ressourcen der Erde scheinen aufgebraucht, die Atmosphäre verschmutzt, die Lebensbedingungen erschwert – der Preis, den die Menschen für ihr rücksichtslosen Verhalten in der Vergangenheit zahlen müssen, könnte größer nicht sein. Im Angesicht der vollständigen Ausrottung der menschlichen Rasse wehren sich nur noch wenige gegen das schier unvermeidliche Schicksal – wie etwa die noch immer existierende NASA, der so gut wie alle finanziellen Mittel gestrichen wurden und die nur noch aus dem Untergrund heraus operiert. Hier arbeitet der alternde Professor Brand (Michael Caine) an einer Lösung, die das Überleben der Menschheit garantieren könnte. Dieser Plan würde die Erde jedoch nicht wieder bewohnbar machen – sondern eine groß angelegte Evakuierung auf einen bisher unbestimmten fremden Planten vorsehen. Offenbar durch eine Fügung des Schicksals findet der ehemalige NASA-Pilot Cooper (Matthew McConaughey) zur Untergrund-Basis der Forscher, und stellt sich schnell als der einzige geeignete Kandidat heraus eine Mission wie diese anzuführen. Doch nicht nur, dass er dafür seine Familie und vor allem seine kleine Tochter zurücklassen müsste – der Plan sieht es vor, ein Raumschiff durch ein in der Nähe des Saturn aufgetauchtes Wurmloch zu schicken. Zwar hat man vorgesorgt und bereits einige Sonden und sogar bemannte Schiffe hindurch geschickt – doch erhielt man noch keinerlei Rückmeldung über den Verbleib der mutigen Raumfahrer…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Wenn er es nicht schon ist, wird er noch zu einem der wichtigsten und nennenswertes Filmemacher des 21. Jahrhunderts werden – Christopher Nolan, dessen Arbeiten spätestens durch sein außergewöhnliches Werk INCEPTION (Review) in aller Munde sind. Dabei scheint es, als sei sein unverkennbarer Stil in Sachen Regie und Dramaturgie immer dann besonders wirkungsvoll, wenn es um die Aufarbeitung ganz bestimmter Stoffe geht. Vornehmlich solcher, die sich in den Bereichen der fantastischen Science Fiction wohlfühlen – und die den Zuschauern den ein oder anderen Denkanstoß mit auf den Weg geben. Denn das schöne an Filmen wie INCEPTION ist, dass man nicht nur allerlei fantastische Prämissen anberaumt und den Horizont der Zuschauer mitunter erweitert – sondern auch, dass durch die Mitwirkung eines fähigen Mannes wie Nolan immer auch gewisse emotionale, auf vielerlei Weise ergreifende Komponente in die entsprechenden Werke schaffen. Wenn man so will sind es gerade diese, die den Zuschauer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen, für einen Rettungsanker im Sinne der Nachvollziehbarkeit sorgen. Denn auch wenn man den Gedankengängen hinter einem Film wie INCEPTION möglicherweise nicht immer folgen kann; so wird man doch nachhaltig in das Erleben der beteiligten Protagonisten eingebunden und entwickelt eine entsprechende, vieles wieder wettmachende Empathie.

Nach INCEPTION lag es dann hauptsächlich an einem Film, die Tradition des für Nolan mittlerweile typischen Stils fortzuführen – THE DARK KNIGHT RISES (Review). Dass das Ergebnis ein eher ernüchterndes war, lag dabei nicht an Nolan selbst – sondern einzig und allein am Stoff. Die Kombination der typischen Nolan’schen Bedeutungsschwere mit den Elementen des (eher Comic-haften und entsprechend auszulegenden) BATMAN-Universums wollte eben nicht so recht aufgehen; hinterließ einen teils aufgeblasen wirkenden Film der beim kleinsten Einstich wie eine große Luftblase zu zerplatzen drohte. Nun, und mit INTERSTELLAR dagegen konnte Nolan endlich wieder aus dem Vollen schöpfen; denn: wie schon bei INCEPTION waren ihm so gut wie keine Grenzen auferlegt. Auch INTERSTELLAR legt es explizit darauf an, den Zuschauer mit auf eine abenteuerliche Reise in fremde Gefilde zu nehmen – nur, dass sie sich dieses Mal in einem schon weitaus besser zu definierenden Kontext abspielt. Anders gesagt: in INTERSTELLAR geht man es etwas wissenschaftlicher an, befasst sich mit einem durchaus greifbaren Zukunftsszenario – und schickt den Zuschauer nicht mehr in tief verschachtelte Traum-Ebenen, sondern in die unendlichen Weiten des Alls.

Dass das Ganze dennoch nicht allzu nüchtern oder gar klinisch ausfallen würde wie beispielsweise in einem möglichst realistisch dargestellten Weltraum-Film wie GRAVITY – war auch abzusehen. Schließlich scheint es, als hätte Nolan nach INCEPTION noch einen Schritt weitergehen wollen – sodass gewisse metaphysische Aspekte auch dieses Mal nicht zu kurz kommen. Das gute dabei ist, dass sie in einen gut verständlichen und nachvollziehbaren Kontext eingebunden werden, und man sich nicht ausschließlich auf eine einzelne faszinierende Prämisse verlässt; wie es eventuell noch bei INCEPTION der Fall war. Die Ausgangssituation in INTERSTELLAR dagegen könnte greifbarer nicht sein: dass die Erde über kurz oder lang nicht mehr bewohnbar sein würde ist ein Fakt, der schon lange nicht mehr als bloße Science Fiction abgestempelt werden kann. Wie schon kürzlich in ELYSIUM wird daher auch in INTERSTELLAR nicht an Seitenhieben gespart, die sich auf die aktuelle Welt- und Gesellschaftssituation beziehen und etwaige Missstände mal offensichtlich, mal eher unterschwellig anprangern. Dabei haben der ELYSIUM-Regisseur Neill Blomkamp und Christopher Nolan schon mal eines gemeinsam: anstatt nur auf für jedermann nachvollziehbare Probleme hinzuweisen, gehen sie einen Schritt weiter und zeigen die sich dadurch möglicherweise entwickelnde Welt noch einmal explizit auf dem Bildschirm. Dass diese mitunter reichlich dystopischen Visionen nicht zwangsläufig eintreten müssen, ist klar – doch allein dass sie es durchaus könnten macht einen nicht unerheblichen Anteil am Reiz dieser Filme aus.

Somit hat Nolan auch mit INTERSTELLAR eines mit Sicherheit geschafft: er hat den Zuschauer mit auf eine abenteuerliche und gleichermaßen fantastische wie gar nicht mal so weit hergeholte Reise genommen und entsprechend zum Nachdenken angeregt. Viele weitere Aspekte des Films lassen sich dagegen nicht immer leicht greifen, beziehungsweise problemlos zu einer Bewertungsgrundlage heranziehen, denn: spätestens wenn Elemente wie Wurmlöcher, Singularitäten oder aus mehr als vier Dimensionen bestehende Räume auf der Bildfläche erscheinen, wird sich die Zuschauergemeinde spalten. In dieser Hinsicht ist INTERSTELLAR auch weniger mit seinem quasi-Vorgänger INCEPTION zu vergleichen – sondern am ehesten mit einem legendären Pionier-Werk wie 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM (Review), einem ambitionierten Sci-Fi-Werk wie SOURCE CODE (Review) oder gar diversen Anime-Serien wie STEINS;GATE (Review). Auch wenn sich der Handlungsort letzterer Werke auf die Erde beschränkt, wird hier ein ganz ähnliches Spiel mit diversen abenteuerlichen wissenschaftlichen Theorien und Überlegungen angestellt, die sich in erster Linie mit eigentlich unvorstellbaren Phänomen wie Zeitreisen beschäftigen.

Eine solche gibt es schließlich auch in INTERSTELLAR zu sehen, wenn auch etwas anders und möglicherweise abstrakter als gedacht. Bemerkenswert dabei ist, dass sich Nolan dabei noch mehr auf den bisherigen Wissenstand der Forschung bezieht als andere – sodass speziell das Element der Gravitation eine immense Rolle spielen wird. In wie weit man sich diesen Elementen öffnen wird, bleibt dabei jedem Zuschauer selbst überlassen – jedoch; und das ist das schöne, funktioniert INTERSTELLAR selbst unter der theoretischen Ausblendung all dieser höheren metaphysischen Elemente. Auch ohne diese bliebe INSTERLLAR noch ein sehr guter Science-Fiction-Film, der dem Zuschauer nicht nur mit einer atemberaubenden Reise ins Ungewisse konfrontiert – sondern auch mit entsprechend neuerlichen Technologien. Inmitten all dessen versteckt sich überdies noch ein stark Charakter-bezogenes Drama, welches viele Bereiche der menschlichen Bedeutung innerhalb der höhergestellten Elemente abdeckt. Nicht nur eine intensive Vater-Tochter-Beziehung wird beleuchtet; auch wenn sie als einer der großen Story-Aufhänger fungiert – scheinbar ganz nebenbei werden allerlei für Weltraum-Filme wie auch 2001 essentiellen Elemente behandelt. Das können Dinge wie eine menschliche Vereinsamung in den Weiten des Alls, die Auswirkungen von Raum und Zeit auf den Organismus und den Geist, der Einfluss künstlicher Intelligenzen oder vieles mehr sein – INTERSTELLAR ist im wahrsten Sinne des Wortes vollgestopft mit Inhalten, bei denen man eher befürchtet hätte dass sie im Sinne der Dramaturgie vernachlässigt oder zumindest stark vereinfacht dargestellt würden. Das erklärt aber auch die recht ausführliche Spieldauer von knapp 3 Stunden – die in diesem Fall absolut sinnig genutzt und ausgefüllt wurden, Zeiten des Leerlaufs entstehen nicht.

Deutlich greifbarer als das was sind aber ohnehin die Elemente des wie – und wie Christopher Nolan an INTERSTELLAR herangegangen ist, ist zweifelsohne beeindruckend. Nicht nur, dass er es problemlos geschafft hat die eher irdischen Belange mit den fantastischen Elementen zu verknüpfen; auch seine Bildsprache spricht in diesem Fall Bände. Während das Ganze recht neutral, aber bereits unterschwellig bedrohlich beginnt (wobei die Landschaftsaufnahmen ein wenig an die emotional und inhaltlich aufgeladenen aus TREE OF LIFE erinnern), geht es schon bald darauf hoch hinaus in die Weiten des Alls – mit einer Darstellungsart, die sich durch eine interessante Mischung aus einer gewissen Zurückhaltung (im Sinne des Realismus) und einer expliziten Ausschöpfung der visuellen Effekte definiert. Allein die Darstellung des Wurmloches, des späteren schwarzen Lochs und die des so noch niemals dargestellten multidimensionalen Raumes steht hier stellvertretend für die visuelle Wucht des Films – und die Pionierarbeit, die hier geleistet wurde. Auch der Soundtrack fügt sich hier nahtlos ein – gar nicht mal, weil man mit Hans Zimmer offenbar genau den Richtigen für das Projekt engagiert hat; sondern weil man ihn schlicht sehr gut dosiert. Während einiger Weltraum-Szenen hört man nämlich vor allem eines – nichts. Das trägt enorm zur ohnehin sehr dichten Atmosphäre des Films bei, und macht einmal mehr darauf aufmerksam dass man es in diesem Fall gar nicht nötig hatte ständig auf ein Bombardement aus Effekten und Soundtrack-Fetzen zu setzen – wie es viele andere Genre-Filme leider Gottes immer wieder vormachen.

Doch wie bereits 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM könnte INTERSTELLAR nicht von jedermann als perfekt angesehen werden; mit mal mehr, mal weniger nachvollziehbaren Kritikpunkten. Dieses Mal sind es jedoch keine filmischen Längen, eine eventuell zu minimalistische Inszenierung oder ein allzu abstraktes Ende welches einen leicht ins Stocken geraten lässt – sondern bestenfalls kleinere inhaltliche Elemente. So erscheint es etwas schade, dass nicht noch mehr auf die Situation auf der Erde eingegangen wurde – die Zeit dafür hätte man in Anbetracht des doch längeren Auftakts durchaus gehabt. Andere Elemente beziehen sich auf eventuelle Logik-Fehler, die man gar nicht erst in den ohnehin kaum greifbaren metaphysischen Bereichen suchen muss (die Interpretation dessen, was hinter dem Ereignishorizont eines schwarzen Lochs liegen könnte erscheint beispielsweise etwas weit hergeholt) – sondern schon in Momenten wie dem, als man beispielsweise auf einem Planeten landet und von einer sicher nicht übersehbaren Flutwelle überrascht wird. Natürlich sind das Tropfen auf dem heißen Stein – die im Endeffekt nicht viel an der allgemeinen Wirkungskraft des Films rütteln können; aber dennoch könnte oder sollte man sie erwähnen.

Fazit: INTERSTELLAR ist ein bemerkenswerter Film, dessen Qualität und Ausdruckskraft dem teilweise aufkommenden Hype durchaus gerecht wird. Endlich einmal hat man als Zuschauer wieder das Gefühl nicht um sein Geld betrogen, sondern sogar belohnt zu werden – mit einer wenn man so will Horizont-erweiternden Erfahrung auf der einen, und einem sehr gut gemachten Film auf der anderen Seite. Wenn man wollte könnte man sogar soweit gehen und behaupten, dass INTERSTELLAR der nächste wegweisende Weltraum-Film nach ODYSSEE IM WELTRAUM ist – was alle anderen ähnlich aufgemachten Filme die zwischen 1968 und 2014 veröffentlicht wurden eher überflüssig macht. Sicher ist das eine gewagte These – doch wer wenn nicht Christopher Nolan könnte in die riesigen Fußstapfen eines Altmeisters wie Stanley Kubrick treten ?

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„Es war nicht unbedingt zu erwarten, aber: Interstellar zeigt, dass man auch im Jahre 2014 noch filmische Pionierarbeit leisten kann.“

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „INTERSTELLAR“ (2014)

  1. Komplett durchgelesen. Danke
    Und jetzt noch ein mega Beitrag zum im Film gesehener metaphysischer Thematik, aber
    sehr ausführlich…. Bitte 😉 Explosion (im Kopf)

    Gefällt mir

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