Filmkritik: „Mud – Kein Ausweg“ (2012)

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Originaltitel: Mud
Regie: Jeff Nichols
Mit: Matthew McConaughey, Tye Sheridan, Jacob Lofland u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 130 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Insel | Flüchtiger | Verbrecher | Kinder | Familie | Unschuld | Moral

Ein Abenteuer, mit dem so niemand gerechnet hätte.

Kurzinhalt: Der 14-jährige Ellis (Tye Sheridan) lebt mit seinen Eltern am Ufer eines Flusses in Arkansas, wo er eine sehr naturbezogene Kindheit verbringt. Doch läuft hier nicht immer alles so, wie er es sich wünschen würde – seine Eltern streiten sich immer häufiger, und auch seine Versuche einem älteren Mädchen zu imponieren schlagen fehl. So verbringt er einen Großteil seiner Zeit mit seinem besten Freund Neckbone (Jacob Lofland), und unternimmt gemeinsam mit ihm allerlei Entdeckungsreisen. Dabei kommt den beiden zugute, dass sie relativ frei über ein kleines Boot verfügen können – und so auch den Fluss mit all seinen Geheimnissen erleben und erforschen können. Eines Tages dann stoßen die beiden auf einer kleinen Insel auf ein Boot, das hoch in einem Baum hängt. Da sie sich alleine wähnen wollen sie es als Erweiterung ihres Abenteuerspielplatzes beanspruchen – doch plötzlich erscheint ein mysteriöser Mann (Matthew McConaughey), der das Boot für einen ganz bestimmten Zweck benötigt. Auf die ersten Annäherungsversuche und das Bestreben der Kinder herauszufinden wer dieser Fremde tatsächlich ist; folgt dann eine stillschweigende Vereinbarung der ungewöhnlichen Art: die beiden Jungs beschließen, dem Fremden zu helfen und seiner Bitte nach etwas Nahrung und später auch zahlreichen Teilen für seine Boots-Reperatur nachzukommen. Selbst als sie erfahren, dass der Fremde ein gesuchter Mörder ist bleiben sie hilfsbereit – auch, da sie immer mehr über den mysteriösen Mann und seine Hintergründe erfahren. Als dann auch noch herauskommt dass nicht nur die Polizei hinter ihm her ist, scheinen sich die Dinge aber mehr und mehr zuzuspitzen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! In einem Gewand schier atemberaubender Landschaftsbilder kommt MUD daher – ein Drama mit Thriller-Elementen, in dem ein Heranwachsender und sein bester Freund eher zufällig auf einen mysteriösen Fremden treffen. Jener Fremde ist dabei ein von der Gesellschaft ausgestoßener, sowohl von der Staatsgewalt als auch von anderen gesuchter – der die zufällige Begegnung mit den beiden Kindern ausnutzt um sich aus seiner Misere zu befreien. Das funktioniert in diesem Falle aber nicht im Sinne eines PERFECT WORLD, in dem ein junges Kind von einem flüchtigen Verbrecher als Geisel genommen wird – sondern vielmehr auf einer größtenteils freiwilligen, vielleicht aus reiner Neugier entstehenden Ambition. Die Kinder sehen in dem Fremden keinen unnahbaren oder gar gefährlichen Erwachsenen, sondern schlicht einen Menschen in einer Notlage – der unter anderem mit denselben Problemen zu kämpfen hat wie sie selbst. Auf jener interessanten Ausgangssituation eines Geben und Nehmens baut MUD auf; und präsentiert sich dabei gleichermaßen als atmosphärisches Drama, als packender Thriller – und als überraschend profunder Coming-Of-Age Film der etwas anderen Art.

Dabei sind Filme, in denen von der Gesellschaft stigmatisierte Verbrecher mit etwas anderen Augen betrachtet werden, nicht gänzlich neu – wie es bereits das oben anberaumte Filmbeispiel PERFECT WORLD aufzeigt. Und dennoch haben sich bisher nicht allzu viele an ähnlichen Projekten versucht, was nicht unbedingt für die Popularität des Themas spricht. Dennoch, oder gerade deshalb fällt es relativ leicht, sich von einem Film wie MUD gefangennehmen zu lassen – und ein kaum alltägliches Geschehen aus einer etwas anderen, für einen Großteil der Erwachsenen verborgenen Perspektive zu betrachten. MUD spielt dabei geschickt mit seiner Erzählweise – und lässt den Zuschauer zunächst ebenso im unklaren über den mysteriösen Fremden wie die eigentlichen Hauptprotagonisten. Die Tatsache; dass man sich insgesamt einem eher ruhigen, stets glaubhaften Erzählton ohne künstliche Schock-Momente oder unglaubwürdigen Charakterzügen orientiert – führt in diesem Fall schnell dazu, dass man ein großes Maß an Empathie sowohl für die kindlichen, als auch den erwachsenen Hauptdarsteller aufbringen wird. Und; dass MUD – wie es der Filmtitel bereits impliziert – relativ geerdet wirkt. Glattgeschliffen, auf bestimmte Zuschauergruppen zurechtgestutzt oder im Sinne des Drehbuchs vereinfacht wirkt hier nichts – im Gegenteil, es scheint als hätten die Macher hier alles zum Ausdruck bringen können, was sie sich vorgenommen hatten.

Und das ist in erster Linie weniger auf die Geschichte eines flüchtigen Verbrechers zu beziehen, der intensiver betrachtet gar keiner ist – sondern hauptsächlich auf das Porträt der beiden ihm begegnenden Charaktere. MUD stellt die Begegnung des ungewöhnlichen Trios zwar explizit in den Mittelpunkt, doch macht es sich schnell bemerkbar dass es sich dabei nur um einen weiteren klugen Schachzug handelt. Würde MUD ein typischer Thriller sein, würde wohl alles auf einen großen Höhepunkt respektive eine finale Konfrontation zwischen dem Fremden, der Staatsgewalt und den übrigen Häschern hinauslaufen – was tatsächlich auch genau so passiert. Aber; und das ist der Clou: hat man dabei nicht das Gefühl, als ob es sich um die eigentliche Geschichte handelt. Die spielt sich nämlich eher im Hintergrund ab, und beschäftigt sich mit allem was die beiden Heranwachsenden Protagonisten auf ihrem Weg in das Erwachsenendasein an Erfahrungen mitnehmen – und wie sie ganz unabhängig von einer jeglichen höher gestellten Einflussnahme (sei es seitens der Eltern oder der Gesellschaft als abstrakte Erziehungsfigur) mit ihnen umgehen. Doch natürlich werden auch diese Faktoren nicht gänzlich ausgeblendet, als Gegenpol der im übertragenen Sinne fantastischen Welt in die man sich zurückziehen kann (auf die Insel) dient hier die harsche Realität mit allerlei familiären Problemen und ganz existenziellen Fragen. Die Anteilnahme der beiden Hauptcharaktere an den Ereignissen, vor allem die von; weist dabei stets nachvollziehbar auf den Reifungsprozess hin, den die beiden auf ihrem Weg ins Erwachsenendasein durchlaufen.

Auch der handwerkliche Part von MUD lässt kaum Zweifel daran zu, dass hier ein echtes filmisches Kleinod entstanden ist. Besonders herausragend sind in diesem Zusammenhang die Leistungen der Darsteller, allen voran die der beiden Jungdarsteller Tye Sheridan (TREE OF LIFE) und Jacob Lofland. Auch Matthew McConaughey macht als mysteriöser Fremder eine gute Figur – auch wenn man hier und da das Gefühl hat, als hätte man seinem Charakter ruhig noch ein paar mehr Ecken und Kanten spendieren können. Ebenso grandios wie das Schauspiel ist zweifelsohne auch alles, was mit den optischen Aspekten des Films zu tun hat. Allein die Schauplatzwahl mit ihrem stimmigen Bezug zur Natur, die malerisch eingefangenen Landschaftsbilder und die gute Kameraführung lassen keinerlei Wünsche offen, und sorgen dafür dass der Film – trotz vergleichsweise geringer Mittel und einem gar nicht mal so großen Aufwand – ein echter Hingucker ist. Allzu schnelle Schnittfolgen hat MUD nicht nötig, ebenso wenig wie einen reißerischen Soundtrack – der hält sich eher bedeckt im Hintergrund und macht hie und da durch ein paar melancholische Klänge auf sich aufmerksam.

Fazit: Auch wenn der Titel es geradezu anbietet, sollte man es tunlichst vermeiden MUD in den Zusammenhang mit irgendwelchen perfiden Wortspielen zu bringen. Denn das hat der Film beileibe nicht verdient – handelt es sich um ein enorm gutes Drama mit einer spannen und niemals allzu überzogen wirkenden Thriller-Komponente und einem wertvollen Coming-Of-Age-Hintergrund. Das einzige, was in diesem Fall eine Höchstwertung verhindert ist die Tatsache, dass der Film bei seiner recht umfassenden Spieldauer von über 2 Stunden doch die ein oder andere Länge aufweist. Andererseits möchte man sich kaum ausmalen, wie er in einer merklich kürzeren Fassung wirken würde – sodass man durchaus dran bleiben und wenn nötig einen langen Atem mitbringen sollte. Freunde von explizit actionreicher oder spektakulärer Kost sollten aber ohnehin einen großen Bogen um dieses Werk machen.

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„Stilles, atmosphärisches und geerdetes Coming-Of-Age-Drama vor einer interessanten Kulisse.“

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