Spieletest: DEUS EX – Invisible War (2004, PC)

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Originaltitel: Deux Ex – Invisible War
Veröffentlichungsdatum: 05. März 2004
Entwickler: Ion Storm
Publisher: Eidos Interactive
USK: Ab 16

Genre: Action / Ego-Shooter
Tags: Deux Ex | JC Denton | Alex Denton | Illuminaten | WTO | Biomods

Ein Krieg, auf den nur wenige tatsächlich einen Blick erhaschen können.

Inhalt: Viele Jahre nach dem verheerenden, durch JC Denton ausgelösten globalen Kollaps sind verschiedene Regierungen und Organisationen bemüht, ihre Anhänger zusammenzuhalten, ein Mindestmaß an Ordnung zu etablieren und das Überleben der Bürger zu sichern. An der Spitze scheint dabei die WTO zu stehen, die gleichermaßen für den Kapitalismus wie für die Demokratie einsteht – aber offenbar nur wenig gegen etwaige soziale Probleme unternimmt. Ihre Feinde haben sich dagegen in der immer weiter wachsenden Kirche der Ordnung organisiert, die vor allem Ungleichheiten zwischen den armen und reichen beseitigen will und sich dabei streng an eine neue Form der Religion hält. Doch dann gibt es da noch weitere, zwielichtige Organisation die an die Macht kommen wollen – wie etwa die aus dem geheimen agierenden Illuminaten oder die rückwärtsgewandten Templer, die einen jeglichen technologischen Fortschritt verabscheuen und die Welt wieder zu dem machen wollen, was sie einst war. Doch auch JC Denton scheint überraschenderweise noch am Leben zu sein – entschlossen, eine ganz neue Regierungsform einzuführen, die potentiell allen Menschen gerecht werden würde. Inmitten des Chaos macht sich der junge Alex D. auf, seine Bestimmung zu ergründen – und herauszufinden, welche der vielen Parteien die für ihn sinnvollste Lösung anzubieten hätte.

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Wenn zu einem mitunter legendären PC-Titel wie DEUS EX (siehe Review) gute 4 Jahre später ein offizielles Sequel erscheint; dann stellt sich vor allem eine Frage. Zunächst – denn glücklicherweise oblag die Entwicklung des Titels weiterhin in den Händen der Köpfe hinter dem ersten Teil, ION STORM – die zweifelsohne eine mehr als gute Arbeit abgeliefert hatten. Somit kann man zumindest einen Teil der potentiellen Befürchtungen hinsichtlich einer Ausschlachtung des großen Namens ad acta legen – doch eine Ungewissheit, die bleibt. Werden die Verantwortlichen dem Original auch nur ansatzweise gerecht werden können; würden sie tatsächlich einen würdigen Nachfolger abliefern – oder hat man sich vielleicht doch zu sehr auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht ? Hierbei handelt es sich um eine Frage, die über den Aufstieg oder Fall des Nachfolgers entscheiden würde – die aber vielleicht nicht ganz so leicht zu beantworten ist.

Denn auf den ersten Blick scheint DEUS EX – INVISIBLE WAR (oder vereinfacht DEUS EX 2) vieles richtig zu machen. Zwar wird vor allem bei Kennern des ersten Teils kein gleichwertiges Gänsehaut-Gefühl aufkommen, doch zumindest hinsichtlich der erzählerischen Dichte sollte man aber durchaus auf ein Déjà-vu vorbereitet sein. DEUS EX 2 erzählt schließlich eine ganz ähnlich epische Geschichte wie der Vorgänger, die einige Jahrzehnte nach der Handlung des ersten Teils angesiedelt ist – und sich unter anderem mit den Folgen der damaligen, mehr als einschneidenden Ereignisse beschäftigt. So kommt auch der Name des neuen Hauptprotagonisten Alex D. nicht von ungefähr (übrigens spielt es dabei keine Rolle, ob man zu Beginn ein weibliches oder männliches Geschlecht wählt) – wie sich herausstellt, handelt es sich um einen Klon von JC Denton; der aus seinem kontrollierten Umfeld bei einer zwielichtigen Organisation herausgerissen und mit einer sich fremdartig anfühlenden Welt voller Machtkämpfe und Verschwörungstheorien konfrontiert wird. Dieses Setting allein sorgt – gepaart mit einigen typischen DEUS EX-Elementen wie der Thematik der Biomodifikationen – für die Entstehung einer zutiefst atmosphärischen Kulisse, der man sich als Spieler nur allzu gern widmet.

Dementsprechend wieder mit von der Partie ist auch das DEUS EX-typische Gefühl einer Freiheit, einer Open World – das sich vor allem in Bezug auf die ausführlichen Dialoge mit unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten und den verschiedenen Lösungswegen äußert. Wieder ist der Spieler selbst angehalten zu entscheiden, wie er am liebsten vorgehen möchte – ob mit brachialer Gewalt oder eher heimlich und zurückhaltend, in DEUS EX 2 wird man nur selten zu etwas gezwungen. Damit einhergehend steht es dem Spieler auch oft frei, selbst zu wählen ob er die ein oder andere Gegend noch einmal genauer absuchen möchte – oder aber direkt und in bester Scheuklappen-Manier von einem Missions-Ziel zum anderen rennt. Letztendlich, und das ist der Clou; führen aber alle Wege nach Rom respektive zum großen Finale – das ausgeklügelte Leveldesign und die durchaus beeindruckende Vernetzung der Charaktere und Nebengeschichten machen es möglich. Ein wenig wehmütig stimmt da nur, dass es grundsätzlich kein Moralsystem gibt, welches das Gefühl der Open World noch unterstützt hätte – ob man nun als Menschenfreund oder -Feind durch die virtuellen Welten zieht, spielt letztendlich kaum eine Rolle. Immerhin reagieren allerlei Wachen oder NPC’s einer einzelnen Gruppierung dynamisch sollte doch einmal etwas auf den Straßen passieren; und auch versteckte Belohnungen können bei einem entsprechend sympathischen (aber nicht unbedingt gesetzeskonformen) Verhalten eingeheimst werden. Das sollte vor allem dann geschehen, wenn man die ein oder andere Nebenmission absolviert – von denen beileibe ausreichend zur Verfügung stehen.

Rein erzählerisch und inszenatorisch ist DEUS EX 2 also durchaus ein würdiger Nachfolger geworden – der dem Spieler eine weitläufige Welt und sei es nur gefühlt) mit zahlreichen Möglichkeiten und vielen dunklen Geheimnissen offeriert. Auch die neue, gut eingesetzte Engine macht dabei ordentlich was her – vorbei sind die Zeiten, in den viele matschig-graue Texturen das Gesamtbild von DEUS EX ausmachten. Der einzige Preis den man dafür zahlen muss, sind deutlich kleinere und vielleicht auch etwas schlauchigere Levels; was aber durchaus zu verschmerzen ist. Das Sequel zeichnet eine noch futuristischere, vielleicht ein stückweit glaubwürdigere Welt – die von Licht- und Schatteneffekten ebenso lebt wie vom überall sichtbaren Einfluss der Technologie. Leider war es das dann aber auch schon gewesen mit den Elementen, die dem Vorgänger noch problemlos das Wasser reichen können.

Tatsächlich haben es die Macher versäumt, sich auch in anderen Bereichen nennenswert weiterzuentwickeln – nicht einmal einige der potentiell kinderleicht zu implementierenden Vorzüge des Vorgängers hat man mit nach DEUS EX 2 übernommen. Besonders markant in diesem Zusammenhang ist beispielsweise der vollständige Wegfall des Skillpunktesystems, das den Spieler im Vorgänger immer wieder für besondere Entdeckungen oder handwerkliche Kniffe belohnte und mit neuen Fertigkeiten ausstattete. In DEUS EX 2 kann man seine Spielfigur indes ausschließlich mit den sogenannten Biomodifikationen aufwerten. Von denen gibt es nun immerhin legale und illegale, mit entsprechend kuriosen Nutzungsmöglichkeiten – doch bleibt es bei einer etwas enttäuschende Lösung, da man doch bereits im Vorgänger eine viel bessere Möglichkeit vorgestellt hat. Das war es jedoch noch nicht gewesen – den Machern sind viele weitere Schnitzer unterlaufen die sich mal mehr, mal weniger schwer auf die Gesamt-Atmosphäre von DEUS EX 2 auswirken.

Beispielsweise wäre da der Fauxpas mit der Physik-Engine – die an und für sich gut ist, doch mit Problemen der Glaubwürdigkeit zu kämpfen hat. Viele Gegenstände werden als zu schwer angezeigt, wenn man sie heben will – das man erst eine entsprechende Modifikation brauchen würde um sie zu stemmen, klingt noch sinnig. Das man die entsprechenden Objekte aber einfach beim Gegenrennen Weg- und Umschubsen kann (selbst wenn es sich um schwerste Möbelstücke oder Fässer handelt), dagegen nicht. Ebenfalls kurios ist das neue Munitionssystem, das stark vereinfacht wurde – verschiedene Munitionstypen gehören der Vergangenheit an, von nun an gibt es Universalmagazine. Das mag zwar praktisch klingen, sorgt aber für weitere Atmosphäre-Dämpfer. Wie auch das ebenso makabere Inventar, in das man theoretisch zwar ein Dutzend schwere Waffen packen könnte – aber niemals mehr als 12 verschiedene Gegenstände, wie leicht sie auch sein mögen. Die Folge: man wird häufiger in sein Inventar schauen müssen um Platz für neue Gegenstände und insbesondere verschiedene Granatentypen zu machen. Mehr als ärgerlich ist auch die damit verbudene Tatsache, dass man keine passables Ingame-Shopsystem integriert hat. Lediglich einige vereinzelte Händler bieten maximal 3 verschiedene Artikel an, die natürlich Geld kosten – das man entweder finden / stehlen muss oder als Belohnungen für Aufträge erhält. Sachen, die man aus Platzgründen nicht mehr verwenden möchte, werden dagegen einfach auf die Straße geworfen; ein Verkauf ist nicht möglich. Geradezu peinlich ist auch die mehrmalige Verwendung von Sprecher-Stimmen für verschiedene NPC’s – was zusammen mit den oftmals recycelten Charakteren dazu führt, dass man sich vorkommt wie in einer Welt voller Klone. Das würde in diesem Fall zwar auch irgendwie passig wirken, war aber sicher nicht von den Machern beabsichtigt.

Letztendlich führen die vielen kleinen atmosphärischen Dämpfer zu einem Spielerlebnis, das man nicht mehr mit dem des Vorgängers vergleichen kann. Ob es dennoch für ein grundsolides (und dann: eher unabhängig betrachtetes) Spiel handelt, darüber soll die folgende Übersichtstabelle Aufschluss geben:

Inhalt / Story
  • Packende Verschwörungs-Story in futuristischem Gewand
  • Angenehmer Fokus auf den Hauptprotagonisten
  • Vermittelte Entscheidungsfreiheit, und sei sie nur gefühlt
  • Verschiedene Enden, die mit einem geschickten Speicherpunkt alle problemlos einsehbar sind
  • Markante Nebenfiguren, Gegenspieler und Auftraggeber
  • Zahlreiche gesellschaftliche, politische und religiöse Seitenhiebe und Bezüge
  • Beklemmende, lebensnahe und stilsicher inszenierte moralische Dilemmata

10/10

Grafik / Design
  • Futuristisch anmutende, hochtechnisierte Welt
  • Tolle Licht- und Schatteneffekte
  • Stimmige Inszenierung der Biomodifikationen
  • Abwechslungsreich-verschachteltes, dennoch übersichtliches Leveldesign
  • Futuristisches HUD
  • Waffendesign eher klobig und unschön
  • Grobes Charakterdesign und -Animationen
  • Ständig recycelte, zum verwechseln ähnliche Charaktere

8.0/10

Sound
  • Gute (Haupt-)Sprecher
  • Atmosphärischer, dezenter Soundtrack
  • Glaubwürdige Umgebungsgeräusche
  • Nebensprecher wiederholen sich
  • Waffensounds klingen oft etwas befremdlich

8.5/10

Spielwelt, Umfang, Atmosphäre
  • Vermitteltes Gefühl einer Open-World
  • Sich auf das Spiel und Spiel-Erleben auswirkende Entscheidungsfreiheit
  • Spielerische Vorteile durch Biomodifikationen
  • Nur ein Munitionstyp
  • Kein Moralsystem
  • Kein Skillpunktesystem
  • Viele Levelabschnitte wirken viel zu klinisch und sind menschenleer
  • Wie man sich auch entscheidet, irgendwie wirken alle Enden wenig zufriedenstellend

5.0/10

Bedienung, Komfort, Bugs
  • Kurze Eingewöhnungszeit, intuitive Bedienung
  • Freies Speichern jederzeit möglich
  • Frei belegbare Tasten
  • Größtenteils überspringbare Dialoge
  • Höhere Schwierigkeitsgrade teilweise unfair (unglaubwürdiges Gehör und Sichtfeld)
  • Häufiges Laden beim Durchqueren der verschiedenen Levelabschnitte
  • Kaum Grafikoptionen
  • HUD-Einstellungsmöglichkeiten wenig sinnig

7.0/10

Ungefähre Spielzeit in Stunden: 12

Fazit: Es ist schade, aber im Großen und Ganzen kann DEUX EX: INVISIBLE WAR seinem überragenden Vorgänger kaum gerecht werden. Und das aus geradezu perfiden Gründen, wie sich zeigt – denn erzählerisch, inhaltlich und größtenteils auch atmosphärisch sieht es verdächtig gut aus für den Nachfolger. Warum man sich dann ausgerechnet viele kleine und zumeist absolut vermeidbare Fehler leistete, bleibt fraglich. Einiges wird mit der gleichzeitigen Portierung für die Konsolen zu tun haben, anderes wiederum lässt sich nicht mehr ganz so leicht erklären – und ist einfach nur ärgerlich. Natürlich könnte man gerade in diesem Fall von der berühmt-berüchtigten Kritik auf hohem Niveau sprechen – was aber durchaus Sinn macht, war und ist der Vorgänger (der immerhin vom gleichen Entwickler stammt, was vieles sagt) über viele Zweifel erhaben. Die erhoffte Offenbarung ist der Titel somit nicht, aber immerhin noch ein guter Ego-Shooter in einer ansprechend-fesselnden Welt – was in einer dezenten Enttäuschung für eingefleischte DEUS EX-Fans münden könnte (nicht muss), aber zumindest zu einem zufriedenstellenden Ergebnis für alle Gelegenheitsspieler.


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„Ein immer noch gutes, aber längst nicht perfektes Sequel zu einem legendären Spiel.“

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