Filmkritik: „Lemming“ (2005)

lemming-film_500

Originaltitel: Lemming
Regie: Dominik Moll
Mit: Laurent Lucas, Charlotte Gainsbourg, Charlotte Rampling u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 129 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre:Thriller / Drama / Horror
Tags: Ehepaar | Frust | Leid | Duell | Einladung | Chef | Affäre | Rache

Wer spielt hier eigentlich mit wem ?

Kurzinhalt: Alain (Laurant Lucas) und Bénédicte Getty (Charlotte Gainsbourg) sind ein Ehepaar, wie es im Buche steht. Eigentlich könnte es für die beiden, die gerade erst in ein neues Haus gezogen sind; nicht besser laufen – sie sind glücklich, Alain hat einen guten, sicheren Job als Ingenieur. Bénédicte hingegen verdingt sich derzeit nur als Hausfrau, träumt aber schon von einer möglichen Zukunft mit Kindern. Das Schicksal will es jedoch, dass jenes potentielle Glück noch warten muss. Insbesondere das Treffen mit Alain’s Chef und dessen Ehefrau mündet in einer durchaus heiklen Situation, bei dem allerlei Gemüter erhitzt und auch verwirrt werden. Spätestens mit dem darauf folgenden Tag, an dem Alain einen noch lebenden Lemming in einem Abflussrohr findet; beginnt eine Reihe von Merkwürdigkeiten, die die Beziehung der beiden auf eine harte Probe stellt.

lemming-film_00

Kritik: Achtung, Spoiler ! LEMMING ist einer jener speziellen Sparten-Filme, bei denen bereits im voraus klar war dass er keine großen Kino-Säle füllen würde. Das mit gerade einmal 5 Millionen Dollar Budget auskommende französische Werk von Dominik Moll richtet sich stattdessen an ein explizit kleineres Publikum – ein solches, dass sich gerne mit Arthaus-Filmen oder generell minimalistisch produzierten Kammerspielen auseinandersetzt. Frei nach dem Motto kleine Ursache, große Wirkung setzt LEMMING alles daran, ein fesselnder Psycho-Thriller zu sein – einer mit einem leicht gehobenen Anspruch, der den Zuschauer auch gern mal aufs Glatteis führt und ihm gehörig den Kopf verdreht. Das Ergebnis kann sich mitunter sehen lassen – aber längst nicht in allen Belangen.

Ansprechend ist, dass Regisseur Dominik Moll einen durchaus grandiosen Cast (u.a. Charlotte Gainsbourg) um sich versammeln konnte – und offenbar alles daran setzte, für eine möglichst interessante Charakterzeichnung zu sorgen. Dass gerade das enorm wichtig für einen Thriller wie diesen sein würde, dessen war er sich offenbar bewusst – warum er dann allerdings vollständig auf glaubhafte Dialoge verzichtete, bleibt ein Rätsel. Zwar muss man dem Film ohnehin einen gewissen Hang zum kryptischen und zur Symbolik unterstellen; doch ein wenig mehr Klarheit und vor allem Glaubwürdigkeit wäre in den richtigen Momenten sicher nicht verkehrt gewesen. Zum Beispiel zum Auftakt des Films, oder aber innerhalb der Beziehung der beiden Hauptprotagonisten – die sich offenbar so blind verstehen, als dass sie den jeweils anderen lediglich bejahen oder verneinen müssen. Das fühlt sich, vor allem in einem Charakter-Intensiven Film wie diesem – reichlich fremdartig an, und führt gepaart mit den teils haarsträubend erscheinenden Anwandlungen der Protagonisten dazu; dass ein Begriff wie (Zuschauer-)Empathie gar nicht erst in greifbare Nähe rückt. So gerät LEMMING bereits von den ersten Minuten an relativ, man nenne es anstrengend – die Szenerie erscheint trotz der aus dem Leben gegriffenen, durchaus tragischen Charaktere wenig glaubhaft; viele Ereignisse und vor allem Verhaltensweisen der Charaktere wirken konstruiert.

Was dann im weiteren Verlauf des Films geschieht, wirkt vor allem… dezent verworren. Sicher bietet sich ein Film wie LEMMING geradezu dazu an, ihn mit einem eher künstlerisch-interpretativen Auge denn mit einer Gier nach Fakten zu betrachten – doch tröstet auch das nicht über zahlreiche Durststrecken hinweg, die sich entweder in einem Stillstand der Handlung oder endlos gestreckt wirkenden Szenen niederschlagen. Oftmals setzen sich die Charaktere in solchen mit ihrem Innenleben, ihren Gefühlen und Befürchtungen auseinander – untermalt von einer merkwürdig schaurigen Filmmusik, die stets anzudeuten scheint das sogleich etwas schreckliches passieren müsste. Das erinnert nicht von ungefähr an ein (eher leidiges) Stilmittel des Horrorfilms – und tatsächlich scheint LEMMING diesbezüglich einige explizite Anleihen aufzuweisen. Dass sich jene hier eher subtile und zutiefst menschliche Form des Horrors aber stets mit einschlägigen Elementen des Dramas und des (Psycho-)Thrillers abwechselt, führt nicht unbedingt zu einer Wirkungssteigerung der jeweils bedienten Genres – sondern vielmehr zu einem noch undurchsichtigeren Ganzen. Anders gesagt: LEMMING ist ein etwas durcheinander geratenes Stück Film, der es vor allem schafft Rätsel aufzugeben – hinsichtlich des reinen Unterhaltungs- und / oder Spannungsfaktors sieht es dagegen eher düster aus.

Denn wo immer Dominik Moll zu einem großen Genre-Rundumschlag ausholt und verschiedene Stimmungen aufeinanderprallen lässt, vernachlässigt er mindestens eine der anderen Seiten. Zurück bleibt ein vor allem inhaltlich fraglicher Film, der zumindest teilweise nett in Szene gesetzt wurde – wenn auch vergleichsweise minimalistisch. Das ärgerlichste aber bleibt, dass man viel mehr aus den Charakteren hätte machen müssen, zumal man den Darstellern einfach ansieht; dass sie mehr in Petto gehabt hätten als das hier präsentierte.

Fazit: LEMMING ist ein größtenteils ärgerlicher, unter dem Deckmantel der (Film-)Kunst vermarkteter Film, der es kaum schafft auch nur eines der großzügig angeschnittenen Genres vernünftig zu bedienen. Das allein bugsiert ihn zwar noch nicht ins Aus, sind es oftmals jene nur schwer zu kategorisierenden, ureigenen oder vielleicht sogar visionären Filme die einen gewissen Reiz entwickeln (siehe z.B. Alfred Hitchcock, dessen Werk kurioserweise mit einem wie LEMMING in Verbindung gebracht wird) – doch in diesem Fall bleibt viel zu vieles auf der Strecke. LEMMING versagt darin, einen wie auch immer gearteten Spannungsbogen zu etablieren – und verliert sich in den selbstauferlegten Wirren seiner oftmals viel zu kryptischen Szenen. Was hier einen Sinn ergibt und was nicht, dass muss ein jeder Zuschauer zwar für sich selbst entscheiden – doch die Lust, eben dies zu tun dürfte in Anbetracht der Spieldauer, den zusätzlich gestreckten Szenen und fehlenden Anhaltspunkten hinsichtlich einer gewissen Glaubwürdig- und Nachvollziehbarkeit eher gering ausfallen.

border_01
40button

„Auch der Lemming ist froh, dass es endlich vorüber ist.“

filmkritikborder

Advertisements

Zögert bitte nicht, einen Kommentar zu hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s