Filmkritik: „A Serbian Film“ (2010)

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Originaltitel: Srpski Film
Regie: Srdjan Spasojevic
Mit: Srdjan Todorovic, Sergej Trifunovic, Jelena Gavrilovic u.a.
Land: Serbien
Laufzeit: ca. 104 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Horror / Thriller / Drama
Tags: Serbien | Gewalt | Sex | Exzesse | Kinder | Folter | Qual | Parabel

Eine neue Dimension des Films ?

Kurzinhalt: Milos ist ein ehemaliger Pornodarsteller, der sich eines Tages aus dem aktiven Geschäft zurückzieht. Einer der Hauptgründe war und ist seine Familie – er will seiner Frau und seinem kleinen Sohn einmal etwas besseres bieten und ein Familienvater werden, auf den man stolz sein kann. Doch selbst nach Jahren der Abstinenz scheint sich Milos noch nicht vollständig von seiner Vergangenheit lösen zu können. Als dann auch noch ernsthafte Geldsorgen hinzukommen, und ihm eine alte Bekannte ein unmoralisches Angebot macht wählt er den ihm vorgeschlagenen Weg – wenn auch nur als Notlösung. Dieses Mal jedoch läuft alles ein klein wenig anders als damals: sein neuer Produzent Vukmir scheint sich nicht mit gängigen Produktionen zufriedenzugeben, sondern stattdessen auf so noch nie dagewesenes zu setzen. Milos ist verwirrt und unsicher, lässt sich aufgrund der guten Bezahlung aber dennoch auf das Projekt ein. Erst, als die Gewalt überhand nimmt und er seine Familie in Gefahr bringt, realisiert er dass seine Entscheidung falsch war – doch es scheint bereits zu spät…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Wenn ein Film auf nachhaltige Schockeffekte und -Momente aus ist, dann ist es A SERBIAN FILM. Der Debüt-Film des Serbischen Regisseurs Srdjan Spasojevic scheint wahrlich keine Grenzen zu kennen, geht es um tatsächlich gezeigte oder nur angedeutete Szenen voller expliziter Gewalt – in denen nicht nur Erwachsene eine Rolle spielen, sondern auch Kinder und ein Neugeborenes. Eine Frage, die sich somit unweigerlich aufdrängen wird; ist folgende: verkommen jene mehr als grenzwertigen Gewaltdarstellungen zu einem reinen Selbstzweck und treiben die Auswüchse des ohnehin schon heftig umstrittenen Torture-Porn-Genres in gänzlich neue Dimensionen ? Oder setzt A SERBIAN FILM schlicht auf ein ganz bestimmtes – wenn auch verqueres – Konzept, und bedient sich im folgenden einer teils heftigen Bildsprache um auf etwas ganz anderes aufmerksam zu machen ? Es gilt schon jetzt festzuhalten, dass die Verantwortlichen offenbar auf letztgenanntes hinauswollten – ob sie dieses Ziel aber erreicht haben, ist eine ganz andere Frage.

Denn augenscheinlich besteht der Film tatsächlich nur aus einer sich immer wieder selbst überbietenden Odyssee der Gewalt, in der viele gängigen Regeln des Films verneint werden. Während die Art der Inszenierung noch von einer gewissen Professionalität zeugt und in Bezug auf Optik, Schnitt, das Schauspiel und den Soundtrack mit einer für das Genre typischen, sogar recht gelungenen Aufmachung daherkommt – fällt eine Beurteilung der inhaltlichen Aspekte und vermeintlichen Schwerpunkte schon weitaus schwerer. Anders gesagt: A SERBIAN FILM fokussiert sich derart auf seine kritischen Schlüsselszenen, dass so gut wie alle anderen inhaltlichen Elemente vollständig in den Hintergrund rücken. So spielt es kaum noch eine Rolle wo das Gezeigte spielen soll, wer beteiligt ist und was der Regisseur eventuell mit diesem oder jenen Element beabsichtigt haben könnte. Es regiert die Gewalt, und zwar in einer bisher für das Medium Film ungeahnten Dimension – selbst wenn ein Großteil der nachhaltig wirkenden Bilder allein in den Köpfen der Zuschauer entstehen wird. A SERBIAN FILM weiß aber recht genau, in welche Richtung er die Zuschauer bearbeitet – sodass es letztendlich kaum eine Rolle spielt, ob etwaige Handlungen nur angedeutet werden oder nicht. Die erzielte Wirkung ist in jedem Fall eine ebenso markante wie verstörende – auch, da in diesem Fall alles so echt und authentisch wie nur irgend möglich wirken soll, anders als beispielsweise im Genre des Surrealismus.

Dies ist die eine Seite der Medaille, die – alleinstehend betrachtet – ein jedes weiteres Wort über diesen Film überflüssig machen würde. Dass eine andere zumindest existiert, wenn auch nur in recht unausgegorener Form; macht es in diesem Fall erst möglich sich weiter mit dem Gezeigten zu befassen. Denn tatsächlich scheint Srdjan Spasojevic auf etwas ganz anderes abzuzielen als eine reine, zu einem Selbstzweck verkommende Gewaltdarstellung. Das bedeutet automatisch, dass hier kein Machwerk a’la HOSTEL oder SAW inszeniert werden soll –  auch wenn es zunächst danach aussieht, und sich der Film über weite Strecken genau so anfühlt. Um dies jedoch überhaupt zu bemerken, wird ein mindestens ebenso abstraktes Denken notwendig sein wie es auch der Ideengeber an den Tag gelegt haben muss – bis auf eine einzelne Schlüsselszene in Form eines Dialogs werden nicht viele entsprechende Seitenhiebe angeboten. In jenem Dialog, der in etwa gegen Mitte des Films stattfindet; ist die Rede von Serbien als Nation der Opfer – und von dem makaberen Verlangen anderer, sich an eben jenem Opfertum zu bereichern oder gar zu befriedigen. Dies ist die mitunter einzige Szene des gesamten Films, in der eine weiterführende Thematik zumindest ansatzweise hindurchschimmert – was im Endeffekt einfach zu wenig ist. Erst eine Film-unabhängige Recherche wird dem geneigten Zuschauer; sofern er sich ob des hohen Gewaltgrades überhaupt noch dazu aufgefordert fühlt, weitere Aufschlüsse über mögliche Parallelen zur Serbischen Gesellschaft und vor allem zum hiesigen Bürgerkrieg möglich machen.

Warum genau Srdjan Spasojevic nicht noch expliziter darauf eingegangen ist, bleibt fraglich. Möglich wäre, dass sein Bestreben auch daraus bestand den Zuschauer so eindringlich wie nur irgend möglich zu berühren, zu verärgern und vielleicht sogar zu traumatisieren – selbst mit der Gefahr, damit alles zu erreichen – nur nicht eine Sensibilisierung für das eigentlich angepeilte Thema. So wird sich A SERBIAN FILM niemals vollständig von Vorwürfen Befreien können die in die Richtung eines perfiden Ausverkaufs, einer um jeden Preis zu erzielenden Schockwirkung ohne inhaltlichen Rückhalt gehen. Vielleicht hat man es dem Zuschauer aber auch einfach nicht zugetraut, sich kritisch mit dem Thema auseinanderzusetzen ohne erst mit einer Form der rohen Gewalt konfrontiert zu werden. Einer Art Gewalt, die eben doch nicht so recht als Kunstform durchgehen mag wie beispielsweise Elemente des Surrealismus als zusätzliche Meta-Abene innerhalb des Films – sondern über weite Strecken einfach nur abstoßend wirkt.

Fazit: A SERBIAN FILM ist ein Film der Geschmacklosigkeiten, die immerhin ansatzweise auf einem inhaltlichen Fundament stehen. Das Problem ist, dass jenes Fundament nicht nur extrem wackelig ist – sondern zudem beinahe unsichtbar. Die dargestellte Gewalt verkommt so mit Ach und Krach nicht zu einem reinen Selbstzweck, bleibt in ihrer Intensität und vermittelten Authentizität aber geschmacklich und vor allem moralisch fragwürdig. Da sich alle anderen filmischen Aspekte (das heißt, die handwerklichen) auf einem gehobenen Mittelmaß bewegen sollte man von einem etwas anderen Durchschnittswerk ausgehen, dass wie kein zweites polarisieren wird. Sollte – wäre da nicht noch eine weitere inhaltliche Ebene, die erst ersichtlich wird wenn man den Film gedanklich um ein gehöriges Maß zurechtstuzt. Dies wäre dann vermutlich nicht mehr im Sinne der Macher, die die Intention von A SERBIAN FILM wohl am ehesten im Bereich des Anti-Kriegsfilms ansiedeln werden – so kurios dies zunächst auch erscheinen mag. Doch abzüglich der Gewaltexzesse und den problematischen Interpretationsangeboten bleibt – rein theoretisch – ein spannender Thriller zurück, der das neu gewonnene Leben eines ehemaligen Porno-Darstellers beleuchtet. Ein Leben, dass trotz der oberflächlichen Idylle von der Vergangenheit belastet ist und droht, von der Zukunft eingeholt zu werden – mit glaubwürdigen Selbstzweifeln (kann oder sollte ich mich vollständig von meiner Vergangenheit lösen) und interessanten Gewissensbissen (wie weit sollte ich gehen, um meine Familie zu ernähren) inklusive. So oder so, es bleibt schwierig – A SERBIAN FILM aber vorschnell als Meisterwerk oder Totalausfall abzustempeln, erscheint zu kurzsichtig.

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„Ein zu Recht umstrittenes Werk, dessen Gewaltexzesse mögliche inhaltliche Ansätze viel zu oft überdecken.“

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4 Gedanken zu “Filmkritik: „A Serbian Film“ (2010)

  1. Für mich – obwohl ich mich schon mehrfach geäußert habe – immer noch ein indiskutables Stück Scheiße, das ironischerweise auch noch von ganz genau der falschen Filmklientel angesprochen wird, wenn ich mir online (YT z.B.) die Kommentare durchlese. Jeder Punkt/Stern ist ein in der Wertung verschwendeter und ich würde ganz einfach gar keinen Punkt geben oder alternativ die niedrigste Wertung die deine Skala vorsieht. 1/10 Ein Film, den die Welt nicht braucht, weil er nichts zu sagen hat. Meine Alpträume sind unterhaltsamer.

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  2. Hatte mich schon gefragt, wie lange es brauchen wird, bis auch du auf dieses Machwerk stoßen würdest. Eine scheußliche Art eine Parallele zu einer ernsten Thematik die der Film versucht zu ziehen, wenn auch optisch recht ansprechend gefilmt. Allerdings habe ich mir den Film nie komplett angesehen habe und ehrlich gesagt möchte ich das nicht, die „Highlights“ haben mir persönlich gereicht, mich hat der Film im großen Stile einfach nur verärgert, dass ich mit dem Gezeigten nichts zu tun haben will. Eine Botschaft bzw. eine Parabel auf Kriegsgräuel muss man nicht unbedingt in Zuckerwatte einpacken, aber so provokativ und abscheulich muss es auch nicht sein – Ficken und Töten im Blutrausch, alles und jeden, wen soll diese Art von Bildsprache ansprechen; muss sowas überhaupt sein? Das übersteigt mal wieder das Medium Film als Medium der Unterhaltungs- und Informationsübermittlung. Was kann ich als geneigter Filmkonsument aus diesem Film mitnehmen? Wer sich danach mal so richtig scheiße, angewidert, leer und emotional kaputt fühlen möchte, der soll sich diesen Film (in der unzensierten) Version besorgen und ihn sich auf nüchternem Magen ansehen…eine Schachtel Zigaretten dazu wäre empfehlenswert.

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    1. Nichtsdestotrotz weigere ich mich den Film als versteckte Parabel auf welchen Balkankrieg auch immer zu sehen, da macht es sich der Filmemacher meiner Meinung nach zu einfach. Aber gut…George Romero sagte ja auch, dass „Dawn of the Dead“ eine Art Abrechnung mit der damaligen Konsumgesellschaft gewesen sei. ^^ Das Problem ist nur, wenn die Intention beim Zuschauer nicht so ankommt wie der Regisseur sich das vorgestellt hat. In diesem Fall sehe ich aber eher starke Parallelen zu Filmen wie „Funny Games“, nur weitaus extremer.

      Nur wie gesagt ich finde es fast schon erbärmlich und lachhaft jemandem erst einen solchen Film zuzumuten und am Schluss zu sagen bzw. anzudeute es handele sich um eine Parabel auf den serbischen Bürgerkrieg. Das ist wie der berühmte Vergleich von Äpfel und Birnen. In dem Fall ist es eine Zitrone die mich sehr sauer macht. ^^

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