Filmkritik: „Bastard“ (2011)

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Originaltitel: Bastard
Regie: Carsten Unger
MitSibylle Canonica, Martina Gedeck, Finn Kirschner u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Altersfreigabe: ab 12
Genre: Thriller / Drama
Tags: Markus Kroyer | Markus Krojer | Entführung | Kind | Verzweiflung | Isolation

Der Junge ohne Namen.

Kurzinhalt: Die Eltern des neunjährigen Nikolas (Finn Kirschner) sind fassungslos, als ihr Sohn eines Tages spurlos verschwindet. Zunächst geht man vom schlimmsten aller Szenarios aus, doch als die Ermittlungsarbeiten der Psychologin Dr. Claudia Meinert (Martina Gedeck) Fortschritte machen und sie eine wichtige Spur an eine Schule führt, müssen sie und auch die Eltern des Verschwundenen umdenken. Denn hier trifft Dr. Meinert auf den 13-jährigen Leon (Markus Krojer) und die gleichaltrige Mathilda (Antonia Lingemann), die offenbar mehr über den verschwundenen Jungen wissen, als sie zugeben wollen. Besonders Leon fällt der Psychologin auf; wobei der nachfolgende Besuch bei seinen Eltern weitere Verdachtsmomente erhärten lässt. Dann wird der Alptraum wahr: Leon gesteht die Tat, behaart aber gleichzeitig auf seine Strafunmündigkeit und die Tatsache, dass er das Leben des kleinen Jungen in der Hand hat. Werden sich die Eltern des Jungen auf das geplante Psycho-Spielchen von Leon einlassen, und vor allem: werden sie ihr Kind jemals wiedersehen ?

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In BASTARD wird durchaus auch mal scharf geschossen…

Kritik: Achtung, Spoiler ! Carsten Unger’s Debütfilm BASTARD ist einer jener Filme, die bereits vorab und allein durch die Inhaltsbeschreibung für Aufsehen sorgen können. Etwaige Entführungs-Thriller, in denen Kinder Opfer von Verbrechen werden gibt es schließlich zuhauf – doch dass ein Kind ein Kind entführt, ist eher selten. Da in diesem Fall zusätzlich sämtliche Elemente ausgeklammert werden die mit Sexualstraftaten zu tun haben und es nicht um Lösegeldforderung oder ähnliches geht, kann man zumindest theoretisch von einem interessanten Psycho-Thriller sprechen. Ein Thriller, der dementsprechend auch nicht mit einem gängigen, gesellschaftlich stigmatisierten Täterprofil aufwartet – sondern stattdessen einen jungen Teenager zeigt, der jene folgenschwere Tat aus einem ganz bestimmten Grund begeht. Bei aller Grausamkeit und Herzlosigkeit überlässt man es so zumindest teilweise dem Zuschauer selbst, ein Urteil zu fällen – was sich in ähnlich aufgemachten Filmen oft generell verbietet. Eine insgesamt überraschend ansprechende, handwerklich versierte Inszenierung; gute, wenn nicht gar grandiose Darsteller und ein sich immer wieder verschiebendes Finale sorgen für die nötige Spannung und Empathie – alles in allem sollte BASTARD durchaus das Zeug zu einem echten Geheimtipp haben.

Das Problem ist jedoch, dass Carsten Unger (der auch für das Drehbuch verantwortlich ist) über weite Strecken recht unentschlossen wirkt. Will er mit seiner Hauptfigur nun ein individualpsychologisches Profil erstellen – oder will er doch einen Bogen hin zu ganz allgemeinen, gesellschaftlichen Missständen schlagen ? Letztendlich versucht er, beide Herangehensweisen miteinander zu verbinden – und kommt zu einem leicht diffus wirkenden Ergebnis. Dabei ist es noch verständlich, dass eine alsbald heraufbeschworene Thematik (die der Adoption und Vernachlässigung) die der Kindesentführung überdeckt – doch insbesondere der Weg dorthin wirkt nicht selten unglaubwürdig und konstruiert. Das ist insofern schade oder auch fatal, als dass sich BASTARD zu großen Teilen wie eine cineastisch aufgepeppte Dokumentation anfühlt, anfühlen soll – um eine noch größere emotionale Wirkung beim Zuschauer zu etablieren.

Dass man ausgerechnet dieses Prinzip im weiteren Filmverlauf immer mehr ad absurdum führt, ist das wohl größte Eigentor von BASTARD. Die Anwandlungen der für ihr Alter viel zu abgebrühten Protagonisten werden immer abstruser, vermeintlich spannungsgeladene Situationen immer unglaubwürdiger, zusätzliche Elemente wie das der hier vorgestellten Polizeiarbeit scheinen – wenn schon nicht aus einem Märchenbuch – an den Haaren herbeigezogen. Da kann selbst das Bestreben, den Film gegen Ende hin zu einer Art surrealen Berg- und Talfahrt avancieren zu lassen; nicht mehr viel retten. Ebenfalls eher weniger zweckdienlich ist, dass dem Zuschauer viele wichtige Hintergrundinformationen vorenthalten werden – sodass es auch hier zu erheblichen Problemen hinsichtlich der Nachvollziehbarkeit kommen kann. Eigentlich ist es nur gut und zweckdienlich, dass Carsten Unger dem Zuschauer ausreichend Spielraum lässt über das Gezeigte zu sinnieren – doch letztendlich verlässt er sich nur allzu sehr auf sein Spiel der Bilder und auch der (Film-)Musik. Dass es dabei sogar zu geradezu lachhaften Momenten kommen kann, in denen das sonst so ernst gemeinten Machwerk weitere atmosphärische Einbußen über sich ergehen lassen muss; bestätigt die Unentschlossenheit oder vielleicht auch schlicht Unerfahrenheit des Regisseurs.

Fazit: BASTARD muss man mindestens zweierlei anrechnen. Zum einen, dass ein Regisseur wie Carsten Unger eine gleichermaßen gewagte wie frische Idee wie die hier vorgestellte hatte; und zum anderen, dass er einen schier perfekten Cast um sich versammeln konnte. Insbesondere die Leistungen der beiden Hauptdarsteller Markus Krojer und Antonia Lingemann sind mehr als beeindruckend, und lassen selbst die von alteingesessenen Mimen wie Martina Gedeck vollständig in den Hintergrund rücken. Doch letztendlich sind es der Probleme zu viele, um aus BASTARD eine Filmperle des Thriller-Genres werden zu lassen. Angefangen bei altersbedingten Diskrepanzen in Bezug auf die Rollenbesetzung über die relative Unentschlossenheit des Projekts bis hin zu markanten atmosphärischen Dämpfern in Form von konstruiert wirkenden Situationen und Charakterzügen ist einiges vertreten. So interessant die präsentierten Psycho-Duelle und die sich anbahnende Freundschaft der beiden Hauptprotagonisten auch anmuten mögen – schlussendlich waren es der Griffe in die Klischee-Kiste doch noch zu viele. BASTARD wirkt wie eine bessere, überlange Folge einer beliebigen TV-Krimiserie – keine besonders gute, aber auch keine abgrundtief schlechte.

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„Interessanter Ansatz, stimmige Bilder, gute Darsteller – aber inhaltlich unausgegoren.“

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