Metal-CD-Review: EQUILIBRIUM – Erdentempel (2014)

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Alben-Titel: Erdentempel
Künstler / Band: Equilibrium (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 06. Juni 2014
Land: Deutschland
Stil / Genre: Epic Folk- / Viking Metal
Label: Nuclear Blast

Alben-Lineup:

Sandra Van Eldik – Bass
Andreas Völkl – Guitars
René Berthiaume – Guitars, Keyboards
Hati – Drums
Robse – Vocals

Track-Liste:

1. Ankunft (00:51)
2. Was lange währt (05:10)
3. Waldschrein (05:20)
4. Karawane (04:52)
5. Uns’rer Flöten Klang (04:21)
6. Freiflug (04:58)
7. Heavy Chill (06:06)
8. Wirtshaus Gaudi (02:41)
9. Stein meiner Ahnen (05:42)
10. Wellengang (05:11)
11. Apokalypse (05:14)
12. The Unknown Episode (05:46)

Was lange währt, wird endlich…

… ja, was denn eigentlich ? Es ist wahrlich kein leichtes, im Falle von EQUILIBRIUM’s heiß erwartetem neuen Studioalbum ERDENTEMPEL vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Klar ist wohl nur, dass die Wartezeit auf neues Material dieses Mal tatsächlich etwas länger währte – erstmals vergingen zwischen zwei EQUILIBRIUM-Alben 4 Jahre. Zwar veröffentlichte man bereits 2013 die EP WALDSCHREIN, doch kam diese nicht wirklich über Appetizer-Qualitäten hinaus; die die Spannung in Erwartung auf den Nachfolger des etwas umstrittenen dritten Albums der Band (REKREATUR, Review) erneut in die Höhe trieb. Nach zahlreichen kürzlich veröffentlichten Vorab-Trailern, vielversprechenden Interviews und einer kräftig gerührten Werbetrommel ist es nun aber endlich soweit – das vierte, über Nuclear Blast releaste Studioalbum ERDENTEMPEL ist für Jedermann verfügbar. Letztendlich enthält es nur einen der bereits auf der EP enthaltenen Titel, nämlich den Titaltrack WALDSCHREIN in einer leicht aufgepeppten Version – doch viel interessanter ist ohnehin, wie es sich mit den anderen Titeln verhält. Derer sind es immerhin noch 11 – oder 12  in der Bonus-Edition, die neben einem Bonustrack (AUFBRUCH) auch noch einen zweiten Silberling mit Instrumentalversionen bereithält.

Nun aber gilt es, die lange gehegte Vorfreude einmal beiseite zu schieben und sich dem eigentlichen Alben-Inhalt zu widmen. Was beileibe keine leichte Angelegenheit ist, zumindest im Sinne einer gut gemeinten Kritik. Denn die Wahrscheinlichkeit, hinsichtlich des ersten Hörgenusses von ERDENTEMPEL zutiefst gemischte Gefühle zu entwickeln, ist enorm. Selbst in Anbetracht dessen, dass die Band schon immer dezent polarisierte und einigen schlicht ein wenig zu bunt, verspielt oder gar kitschig daherkam. Nun, zumindest für derlei Kritiker dürfte ERDENTEMPEL schnell zu einem wahren Alptraum avancieren. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass die Bayern ihre Definition des Folk- und Viking Metals seit jeher mit einer gewissen Lockerheit auslegen. Während TURIS FRATYR und SAGAS noch vergleichsweise konventionell daherkamen, setzte man spätestens mit REKREATUR zu weiterführenden Experimenten an – ein Trend, der nun auch auf ERDENTEMPEL fortgesetzt wird. Zumindest aus Band-eigener Sicht wird dabei geklotzt, und nicht gekleckert – eben so, wie man es von den (mittlerweile so bezeichneten) Pionieren des Epic Metal erwarten würde.

In Anbetracht dieser vielleicht etwas gewagten Betitelung folgt auch sogleich das erste Eigentor: geht man mit einer entsprechenden Erwartungshaltung an ERDENTEMPEL heran, das heißt mit einer Hoffnung auf einen erneuten Anstieg der epischen Ansätze und einer entsprechenden Gesamtwirkung; kann das Hörerlebnis nur fehlschlagen. Fakt ist: das Album ist kaum noch mit den Vorgängern zu vergleichen, auch wenn man den typischen EQUILIBRIUM-Sound schnell heraushört. Besonders SAGAS strotzte nur so vor episch angelegten Arrangements und hochtrabenden Stimmungen – doch waren diese spürbar anders verpackt. Vielleicht auch etwas stimmiger – denn der Eindruck, der auf und mit ERDENTEMPEL entsteht, ist verdächtig diffus. Auf der einen Seite sind die die Band seit jeher auszeichnenden Stärken respektive Eigenheiten, die trotz allerlei Spielereien für eine bombastisch-epische Soundkulisse sorgen (inklusive der übertriebenen, aber einfach unverkennbaren Keyboard-Orgien); auf der anderen Seite präsentiert sich ausgerechnet ERDENTEMPEL als äußerst zugängliches Schunkel-Album mit einem vergleichsweise geringen Anspruch.

Jener gesunkene Anspruch ist dabei nicht zwingend oder besonders eindeutig in den Kompositionen oder dem Instrumentenspiel auszumachen (auch wenn Feinheiten, wie etwa die eher hintergründige Abmischung der Gitarren dies bekräftigen würden) – sondern vor allem in Bezug auf den Gesang und die Texte. Sicher, es sollte beileibe erlaubt sein Spaß an dem zu haben, was man macht – doch jener Spaß-Faktor wird auf ERDENTEMPEL das ein ums andere Mal in Richtung einiger Extreme ausgelotet. So wird man spätestens jetzt erfahren, dass die Bandmitglieder einem gewissen Lebensstil frönen – der, wie es das Album vermittelt; in etwa einer metallischen Version des Ballermanns zu entsprechen scheint. Nicht selten spielt dabei der Alkohol, beziehungsweise das besonders von Leadsänger Robse heissgeliebte Bier eine übergeordnete Rolle. Dazu mag man stehen wie man will; wie auch in Bezug auf die Tatsache dass es 2 reine Trinklieder auf das Album geschafft haben. Doch hört man dann tatsächlich einmal einen Titel wie WIRTSHAUS GAUDI (der es auch zu einer Videosingle-Auskopplung geschafft hat); könnte das Verständnis bei einigen schnell wieder schwinden. Das Ganze mag einstweilen amüsant erscheinen – wäre es ein lustiges Nebenprojekt. Doch im regulären Kontext eines Albums hat eine solche, vor allem textlich und melodisch eher unterirdische Nummer einfach nichts zu suchen. Ob man das Ganze nun als Parodie oder als Lobgesang versteht, ist dabei auch nicht wirklich relevant.

UNSRER FLÖTEN KLANG schlägt dann in eine ganz ähnliche Kerbe – das Niveau bleibt textlich dasselbe, während es musikalisch immerhin ein klein wenig anspruchsvoller und abwechslungsreicher zugeht. Als zunehmend problematisch erweist sich indes die Abmischung beziehungsweise Gewichtung der einzelnen Elemente: während die Metal-Elemente in den Hintergrund gefahren werden, rücken die in diesem Falle arg künstlichen zusätzlichen Elemente (Keyboardorgien, Flöten, Konservenorchester) sehr stark in den Vordergrund. Diese haben insofern den Vorteil, als dass die EQUILIBRIUM als Band kennzeichnen und unverwechselbar machen – doch eine etwas dezentere Herangehensweise hätte es wohl auch getan. Kein wirkliches Trinklied, aber ebenfalls ein etwas… launischer Kandidat ist dann HEAVY CHILL. Dass man Leadsänger Robse so gut versteht wie nie zuvor,gerät hier eher zu einem Nachteil; denn textlich gibt auch hier nichts zu holen. Das Ganze verläuft verdächtig entspannt – wie auch in Bezug auf die schunkelnden Rhythmen und nach Karibik-Flair schreienden Anleihen. Als i-Tüpfelchen gibt es dann noch etwas Klargesang – auch das ist neu – obendrauf… das alles ist irgendwie spaßig, doch nach einem handfesten EQUILIBRIUM-Album klingt es nicht.

Zusammen mit dem Intro sind es derer also schon 4 Nummern, die man je nach Facón eher vernachlässigen könnte – oder auch 5, schließt man das bereits bekannte WALDSCHREIN mit ein. Was dann bleibt, sind 7 Titel die einiges reißen respektive geradebiegen müssen – was sie nur teilweise schaffen. Der Opener WAS LANGE WÄHRT ist trotz der etwas arg vordergründigen und sich wiederholenden Keyboard-Elemente eine echte Granate, das düster-trabende KARAWANE ein netter Ausgleich. FREIFLUG kommt mit einer geradezu erhabenen, mystisch aufgeladenen Soundkulisse daher – schade nur, dass die Klargesangs-Elemente nicht wirklich mit dem Rest harmonieren. Etwas problematischer wird es dann wieder gegen Ende des Albums: STEIN MEINER AHNEN klingt so künstlich und aufgeblasen dass es schon wieder wehtut; während WELLENGANG nicht von ungefähr an eine gewisse FLUCH DER KARIBIK-Melodie erinnert. Ein Titel wie APOKALYPSE kommt da schon – und verständlicherweise – wie ein Segen daher; schließlich entsteht hier eine markant-dichte Atmosphäre. THE UNKNOWN EPISODE überrascht dann insofern, als dass es sich um den ersten auf englisch eingesungenen Titel der Band handelt – doch das war es dann auch schon gewesen. Wenn man schon zuvor vermutete, dass es die Band darauf anlegte eine möglichst große Käuferschicht zu erreichen… dann bestätigt dieser ebenfalls enorm eingängige, vergleichsweise flache Titel jene Thesen.

Fazit: Um die Kaufentscheidung zu erleichtern, soll an dieser Stelle lediglich festgehalten werden dass auf ERDENTEMPEL ein wahrlich ausufernder Spaßfaktor regiert. Wirklich ernstgemeinte, anspruchsvolle und vor allem stimmige und atmosphärische Momente gibt es folglich eher wenige – und selbst die drohen von der allgemein etwas ungünstigen Abmischung (Gitarre zurück, Keyboard und Konsorten vor) erschlagen zu werden. Fakt ist: EQUILIBRIUM klangen noch nie so feucht-fröhlich; aber eben auch noch nie so künstlich. Wenn man sich allerdings gerade selber inmitten einer außer Kontrolle geratenen WIRTSHAUS GAUDI befindet, dann könnte ERDENTEMPEL als musikalischer Segen angesehen werden – da man die exzessiven Spaßmacher-Elemente immerhin in einem recht druckvollen Soundgewand verpackt. Wer also Musik für seine nächste (Metal-)Party sucht oder ein möglichst zugängliches Anschauunsmaterial benötigt um potentiell Interessierte für das Genre zu begeistern – der liegt hier genau richtig.

Absolute Anspieltipps: WAS LANGE WÄHRT, WALDSCHREIN, KARAWANE


70button

„Eher ein fleischgewordenes Festzelt denn ein Erdentempel, aber irgendwie auch typisch EQUILIBRIUM.“


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