TV-Kritik / Anime-Review: NORAGAMI

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Originaltitel: Noragami ノラガミ
Typ: Anime-TV-Serie
Umfang / Laufzeit: 12 Folgen (je ca. 24 Minuten)
Land: Japan
Regie: Kōtarō Tamura
Studio: Bones
Genre: Fantasy / Action
Tags: Gott | Gottheit | Streuner | Abenteuer | Jenseits | Monster | Tod

Die Liste der 12 Episoden (deutsche Titel):

01 Eine Katze, ein Gott, und ein Schwanz
02 – Schnee-ähnlich
03 – Geladenes Unheil
04 – Wo das Glück liegt
05 – Die Grenze
06 – Unheimliches Wesen
07 – Ungewissheit, Vorsehung
08 – Grenzüberschreitung
09 – Name
10 – Voller Hass betrachtet
11 – Verstoßene Gottheit
12 – Ein Bruchstück einer Erinnerung

Eine Gottheit für alle kleinen und großen Probleme.

Inhalt: Die junge Hiyori Iki ist eine ganz normale Mittelschülerin, die viel Zeit mit ihren Freundinnen verbringt und für einen besonders fähigen Kampfsportler schwärmt. Eines Tages jedoch scheint das Schicksal besondere Pläne für sie bereitzuhalten: beim Versuch eine Katze vor herannahenden Autos zu retten, kommt ihr jemand zuvor und begibt sich dabei ebenfalls in große Gefahr. Die schüchterne, aber dennoch zielstrebige Hiyori reagiert sofort und stößt den Fremden im letzten Moment weg – auch wenn sie dabei selbst wird von einem Auto angefahren wird. Als sie bald darauf in einem Krankenhaus erwacht, wird sie sowohl mit neuen Bekanntschaften als auch völlig absurd erscheinenden Veränderungen konfrontiert. Ein junger Mann namens Yato bedankt sich bei ihr für die Rettung, behauptet jedoch im gleichen Atemzug diese gar nicht nötig gehabt zu haben – weil er nicht weniger als eine Gottheit sei. Noch schwerer wiegt indes, dass sich irgendetwas an Hiyori selbst verändert zu haben scheint. Die Schülerin ist nunmehr imstande, sich von ihrem schlafenden Körper zu lösen und als eine Art Phantom durch die Straßen zu wandeln – was stets in den ungünstigsten Momenten geschieht. Auch wenn sie kaum glauben kann wie ihr geschieht, bittet sie Yato verzweifelt darum ihr altes Ich wiederherzustellen. Der jedoch sieht das Ganze eher entspannt, willigt dann aber doch unter einer Hiyori relativ lächerlich erscheinenden Bedingung ein: für eine einzige 5-Yen-Münze könnte sie die Dienste einer Gottheit wie Yato bedingungslos in Anspruch nehmen.

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Vorwort & Ersteindruck: Wer oder was ist NORAGAMI ? In der Tat handelt es sich bei jenem Anime um eine vergleichsweise taufrische Serie, die erst von Anfang Januar bis Ende März 2014 im japanischen TV ausgestrahlt wurde. Die Chance, dass der Titel zumindest einigen verdächtig bekannt vorkommen könnte ist dennoch gegeben – schließlich liegt der TV-Adaption eine gleichnamige Manga-Vorlage zugrunde, die seit Ende 2010 in regelmäßigen Abständen publiziert wird. Erzählt wird in beiden Fällen die Geschichte der jungen Hiyori, die unter unglücklichen Umständen eine Begegnung mit einer Gottheit namens Yato erlebt, und daraufhin in einer Art Zwischenwelt zwischen dem Diesseits und dem Jenseits gefangen ist. Zumindest immer dann, wenn sie in einen tiefen Schlaf verfällt und sich ihr Geist von ihrem tatsächlichen Körper löst. NORAGAMI befasst sich mit den daraus resultieren Problemen, den Geheimnissen der beiden gar nicht mal so weit voneinander entfernten Welten – und dem Porträt eines munteren Charakter-Trios; welches aus Hiyori und Yato, aber auch einem mysteriösen Jungen namens Yukine besteht. Der offensichtlich angepeilte Genre-Mix lässt dabei ebenso auf Großes hoffen wie die Verflechtung verschiedener Stimmungen und Eindrücke – schließlich strebt man mit einer Serie wie NORAGAMI an, den Zuschauer sowohl köstlich zu amüsieren als auch für eine mystische und bedrohliche Hintergrundkulisse samt spannender Charaktergeschichten zu sorgen. Offenbar geht die teils gewagte Rechnung auf, ist die Serie bereits jetzt ein relativer Erfolg – sodass nun auch eine internationale Lizenzierung in den Startlöchern steht und eine englischsprachige Version bald folgen sollte.

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Story

Die Idee hinter NORAGAMI konfrontiert den Zuschauer gleich zu Beginn mit verschiedenen, reichlich fantastischen Prämissen. Die mitunter wichtigste davon ist, dass verschiedene Götter unter den Menschen leben – und das größtenteils ungesehen. Diese Götter können gut oder böse sein – und somit jeweils versuchen den Menschen zu helfen oder ihnen zu schaden. Die meisten jedoch scheinen sich über eine Art Abkommen geeinigt zu haben, die Grenze zwischen dem Diesseits und dem Jenseits zu verteidigen. Das erscheint besonders wichtig, da es immer wieder einige Lebensformen schaffen aus dem Jenseits in die reale Welt zu gelangen – und die Menschen mitunter massiv beeinflussen; meist zum negativen. Diese ‚Phantome‘ werden von den Göttern gejagt und mithilfe spezieller Waffen niedergestreckt – den sogenannten Sekkis. Auf den ersten Blick handelt es sich dabei um recht gewöhnliche Waffen wie Schwerter oder Schlagstöcke, doch bei näherem Hinsehen zeigt sich; dass auch ihnen eine Seele innewohnt. Mehr noch, oftmals handelt es sich um Verstorbene deren Seelen noch im Diesseits umherwandeln – derer sich eine Gottheit annehmen und zu eigen machen kann. So können die Sekkis als rechte Hand der Götter entweder in Gestalt ihrer tatsächlichen Person, oder eben als Waffe existieren.

Einen intensiven Blick in diese eng mit der irdischen verwobenen Welt erhält nun auch die weibliche Protagonistin Hiyori, die so gesehen als Bindeglied zwischen allem übernatürlichen und dem eher gewöhnlichen Rest der Welt fungiert. Erzählt wird, wie sie zum ersten Mal auf den Gott Yato und sein Sekki Yukine trifft, wie eine immer tiefgreifendere Freundschaft entsteht und wie es das Trio trotz aller Widrigkeiten schafft, gemeinsam gegen das aufkeimende Böse anzukommen. Zweifelsohne handelt es sich um ein gleichsam innovatives wie gewagtes Konzept – das den Zuschauer auf Anhieb zu fesseln vermag und reichlich Spannung etabliert.

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Inhalt & Gewichtung

Die eigentliche Story mit ihrer großen, sich eng um Begriffe wie Leben und Tod drehende Prämisse ist relativ eindeutig dem Fantasy-Genre zuzuordnen. Das besondere ist jedoch, dass jene hier auftretenden Elemente der Fantasy eng mit vielen weitaus bodenständigeren verbunden werden – und im Endeffekt eine starke Einheit bilden. So schafft es NORAGMI schnell eine gewisse Faszination für die präsentierten Ideen zu entfachen, während dem Zuschauer auch genügend irdische Anhaltspunkte offeriert werden um ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Dies führt auch zu dem markanten, mitunter erfrischenden Genre-Mix der die Serie ausmacht: obwohl das Szenario als solches recht düster und mysteriös erscheint, lockern die Interaktionen der Charaktere das Geschehen stets auf und sorgen nicht selten für explizite komödiantische Einschübe. Lachen und Weinen liegen also wieder einmal nah beieinander – was NORAGAMI überaus glaubhaft transportiert. Interessant erscheint auch das Konzept, keinen eindeutig als solchen zu identifizierenden roten Faden anzuberaumen – die Episoden bilden weniger ein großes Ganzes als viele einzelne, voneinander unabhängige Eindrücke. Was bei anderen Serien ein klares Negativkriterium wäre, ist es hier nicht wirklich – auch wenn es keinen handelsüblichen Spannungsbogen gibt, fühlt sich die Welt von NORAGAMI stets stimmig an und schafft es allein durch die immer neuen Herausforderungen für die Charaktere selbst genügend erzählerischen Stoff anzubieten.

Leicht problematisch wird es nur, wenn die Serie versucht allzu streng in die eine oder die andere Richtung zu tendieren – was besonders bei den teilweise recht aufgesetzt und überzeichnet wirkenden Slapstick-Elementen zum Tragen kommt. So ist man stellenweise geneigt zu glauben, plötzlich eine ganz andere Serie zu sehen; wie etwa eine beliebige Highschool-Romanze – nur um danach wieder vollständig in die mythisch-fantastische Welt von NORAGAMI gezogen zu werden. Überaus gelungen erscheint dagegen die Dosierung der Action-Elemente. NORAGAMI ist keine Action-Serie per se, was gut ist – Kämpfe finden nur dann statt wenn es wirklich nötig ist; und das ist im Gegensatz zu so manch übertriebener Action- oder Heldensage nicht ganz so oft. Die somit eingesparte Zeit widmet man ohnehin lieber den Charakterporträts – die sich als stärkstes Element der Serie herausstellen. Etwas wehmütig stimmt im Endeffekt nur, dass man bis auf die Grundzüge hinter der Idee relativ wenig über das Konzept vom Diesseits und Jenseits erfährt, vor allem aber nicht wie sich das Ganze auf die Menschheit auswirkt, auswirken könnte. Einige kleinere, quirlige Phantome die den Menschen böses zuflüstern und sie zu schrecklichen Taten anstiften, bilden hier die Ausnahme.

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Charaktere

Für manche mag es überraschend daherkommen, aber: die Charakterporträts sind eine der markantesten Stärken an und in NORAGAMI. Schlicht, da man sich hier nicht auf typische 08/15-Schemata verlässt und einer jeden Figur ein beachtliches Maß an Leben; vor allem aber auch Glaubwürdigkeit einverleibt. Somit stellt sich auch kaum die Frage, ob man eine entsprechende Empathie entwickeln wird – man wird es definitiv, und das nicht nur in Bezug auf die manchmal etwas verloren wirkende Hiyori oder den witzelnd-gütigen, aber mit einer dunklen Vergangenheit belasteten Yato. Als eigentliches Highlight fungiert dann aber doch ein quasi-Nebencharakter: Yukine. Jene verlorene, aber durch und durch unschuldige Seele (wenn man so will) bildet den perfekten Gegenpol zum entsprechend vorbelasteten Yato. Der eine will mit seiner Vergangenheit abschließen, der andere am liebsten genau dorthin zurück – in den immer wieder porträtierten Interaktionen und Dialogen entstehen nicht selten ergreifende Momente, die absolut nachvollziehbar erscheinen. Hier setzt die Serie auch vermehrt an, wenn es um allgemein gern präsentierte Themenfelder wie das der Selbstfindung geht – dass Yukine eigentlich ein Junge / Teenager inmitten der Pubertät ist, unterstützt das Ganze noch.

Dennoch geht NORAGAMI auch hier über handelsübliche Darstellungen hinaus, da die Porträts in einen entsprechend fantastischen Rahmen eingebettet sind – und es so erlauben, noch mehr Erzählstoff und eine zusätzliche Priese an Dramatik und Emotionalität anzubieten. Fakt ist, dass die Macher ein enormes Fingerspitzengefühl bewiesen haben – auch wenn sie es mit den komödiantischen Einschüben und Witzeleien das ein oder andere Mal dezent übertrieben haben. Die Charaktere sind liebenswert, alles andere als seelenlose Hüllen, haben größtenteils interessante Hintergrundgeschichten – die besten Voraussetzungen für einen stark Charakter-basierten Anime wie diesen. Auf der Gegenseite, dass heißt den Widersachern von Yato und seinem Gefolge sieht es ebenfalls gut aus – auch wenn man sich hier viel eher mit Andeutungen und groben Vorstellungen zufriedengeben muss; schlicht weil der anberaumte erzählerische Rahmen von gerade einmal 12 Episoden nicht ausgereicht hat, noch mehr auf die Beine zu stellen.

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Optische Aspekte

Die optischen Eindrücke von NORAGAMI bilden eine Art zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sorgen die satt-bunten Farben, die tollen Lichtstimmungen, die nett gestalteten Gebäude, Straßenzüge und natürlich auch Figuren für einen etwas unspektakulären, aber doch mehr als zufriedenstellenden Eindruck – während sich auf der anderen Seite einige nicht ganz so stimmig erscheinenden Elemente eingeschlichen haben. Allen voran sind hier die Phantom-Gestalten zu nennen, die ein reichlich makaberes Design aufweisen – und nicht selten an übergroße, in einen Farbtopf gefallene Insekten erinnern. Diese Objekte wirken nicht selten fremd in der Szenerie, was zwar zum inhaltlichen Kontext passt – doch wirklich beeindruckende, durch und durch stimmige Szenen entstehen nicht. Analog dazu präsentieren sich auch das Intro (mit seinen merkwürdigen Pop-Art-Effekten) und Outro (in seiner optischen Eintönigkeit) als relativ austauschbar.

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Akustische Aspekte

Vor allem hinsichtlich seines Soundtracks versprüht NORAGAMI einen spürbar frischen Wind. Explizit klassische oder allzu reißerische Klänge sind nicht vorgesehen, stattdessen regiert ein modern erscheinender OST mit äußerst abwechslungsreichen, auch gerne mal etwas fetzigeren Elemente. Intro und Outro besitzen im Gegensatz zu ihrer optischen Erscheinung eine jeweils ansprechende Vertonung, die mal schmackig-rockig (Intro), mal intensiv-emotional (Outro) daherkommt.

Fazit: NORAGAMI ist keine allzu gewöhnliche Anime-Serie, das steht fest – was dazu führt, dass sie eine entsprechende Eingewöhnungszeit braucht um wirklich zu zünden. Dies bezieht sich vor allem auf das Wechselspiel der verschiedenen Stimmungen und die Tatsache, dass man möglicherweise weniger von etwas ganz Bestimmten (beispielsweise reine Action, einen expliziten Bezug auf die fantastischen Elemente) als vielmehr ein gut vermengtes Ganzes bekommt. Dieses Ganze lebt dann auch weniger von den fantastischen Prämissen als vielmehr – und leicht überraschenderweise – von den Charakteren und deren Interaktionen. Aber auch hier gilt: NORAGAMI kann oder will sich einfach nicht festlegen, und versucht möglichst viele Inhalte und Stimmungen zu transportieren. Das gelingt recht gut – auch wenn man nicht um das Gefühl umherkommt, dass noch viel mehr Potential in der Geschichte gesteckt hätte. Besonders die letzte Episode steht hier – mit ihrem schon deutlich epischeren Ansatz – Pate. Fraglich ist, ob sie eher eine Hoffnung auf eine potentielle zweite Staffel entstehen lässt oder die Geschichte schon halbwegs rund abschließt – was trotz der geringen Episodenanzahl eine denkbare Perspektive wäre. Letztendlich ist aber wohl beides der Fall, sodass den Machern alle Möglichkeiten offenstehen. Welche Entscheidung man also auch treffen wird – es wird die richtige sein. NORAGAMI ist genau das richtige für alle, die sich mal wieder gut unterhalten wissen aber nicht zuviel Zeit investieren möchten – und sich möglicherweise nicht wirklich auf ein einzelnes Genre festlegen wollen.

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„Interessante Idee trifft auf lebhafte, leicht unentschlossene Umsetzung mit überragenden Charakterporträts.“

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