Filmkritik: „Atomic Hero / The Toxic Avenger“ (1985)

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Originaltitel: The Toxic Avenger
Regie: Michael Herz, Lloyd Kaufman
Mit: Mitch Cohen, Andree Maranda, Mark Torgl u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 91 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Horror
Tags: Melvin | Atommüll | Abfall | Ausseinseiter | Held | Rächer | Troma

In Tromaville ist die Hölle los… !

Kurzinhalt: Der in Tromaville lebende Melvin Junko (Mark Torgl) hat es nicht leicht. Nicht nur, dass er als wenig geschätzte Putzhilfe in einem örtlichen Fitnessclub niedere Arbeiten verrichtet; er wird von so gut wie allen anderen Bewohnern der Ortschaft gehänselt und des Öfteren öffentlich bloßgestellt. Das ist vor allem auf seine tollpatschige Art zurückzuführen, und die Tatsache dass er generell in jedes Fettnäpfchen tritt – doch eigentlich ist Melvin ein netter Kerl. Eines Tages, als einige im Fitnessclub trainierenden Mitglieder mit einem ihrer vielen Scherze mal wieder über die Stränge schlagen, sieht sich Melvin genötigt aus einem Fenster zu springen – woraufhin er kopfüber in einem Giftmüllfass landet. Selbst jetzt wird der sich unter Schmerzen windende Melvin noch ausgelacht – auch, als plötzlich in Flammen steht und Hals über Kopf davon rennt. Das seltsame ist, dass er jedoch keine ernsteren Verletzungen davongetragen zu haben scheint – vielmehr scheint sein Körper zu mutieren. Melvin wird zum TOXIC AVENGER – einer entstellten, aber äußerst kräftigen Kreatur, die den bösen Kräften in der Stadt den Kampf erklärt.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! THE TOXIC AVENGER stammt aus der berühmt-berüchtigten Filmschmiede Troma und genießt – auch wenn man es auf den ersten Blick kaum glauben mag – einen enormen Kultstatus. Bereits die Beschreibung des eigentlichen Inhalts, sowie die Tatsache dass die beiden Troma-Gründer Michael Herz und Lloyd Kaufman höchstselbst so gut wie alle wichtigen Aufgaben übernahmen (vom Drehbuch über die Regie bis hin zur Produktion), geben dabei erste Hinweise auf das zu erwartende Filmprodukt – welches entsprechend abgedreht, ausgelassen und manchmal auch arg geschmacksbefreit daherkommt. THE TOXIC AVENGER fungiert grob unter dem Genrebegriff des Horrorfilms, hauptsächlich wegen der Body-Horror-Prämisse eines mutierten Außenseiters der zu einem entstellten Superhelden avanciert – doch viel eher trifft man es, wenn man zu inoffiziellen Genre-Attribuierungen greift. Somit ist der Film am ehesten als Low-Budget oder auch Trashfilm zu bezeichnen, der sich gleich bei einer handvoll Genres bedient – und Elemente des Horrorfilms, des Dramas und einer Komödie in einer äußerst makaberen Mischung vereint.

Das besondere ist, dass THE TOXIC AVENGER – auch wenn man in Bezug auf sein Dasein als Trashfilm sicher gegenteiliges vermuten würde – ein vergleichsweise reichhaltiger Film ist. Sicher, mit der Story allein ist noch kein Blumentopf zu gewinnen – doch rückt diese bei einem Projekt wie diesem ohnehin eher in den Hintergrund. Stattdessen haben sich die Macher in einer ganz anderen Hinsicht über alle Maßen verausgabt – denn in beinahe jeder einzelnen Szene gibt es zahlreiche Seitenhiebe und Querverweise zu entdecken. Diese sind äußerst unterhaltsam verpackt, und richten sich sowohl an Filmfreunde (die unzählige Parallelen oder eher Verunglimpfungen entdecken werden, und sei es in Bezug auf ebenfalls nicht ganz ‚propere‘ Werke wie DEATH RACE 2000) als auch an Freunde von Spaßmacher-Filmen, denen man trotz allem – und wenn man es will – gewisse ernsthafte Untertöne entnehmen kann. Aspekte wie das Aussenseiter-Dilemma, ein gesellschaftlicher Verfall (Stichwort Verrohung, Körperkult) und Korruption (personifiziert durch den fettleibigen Bürgermeister) sind dabei nur einige der Dinge, die angeschnitten werden – zumeist überaus offensichtlich, aber dennoch niemals störend. Und schon gar nicht aufdringlich: man kann THE TOXIC AVENGER so oder so sehen – dass heißt, als reinen Spaßfilm der aufzeigt wie schlecht und somit fast wieder gut man einen Film wie diesen inszenieren kann; oder als waschechte Trash-Perle mit zahlreichen Querverweisen und Elementen, die das Herz von Genrefans höher schlagen lassen werden.

Ja, THE TOXIC AVENGER ist ein wildes, durchtriebenes Projekt – an das man auch mit einer entsprechenden Einstellung herangehen sollte. Wer den Film allzu ernst nimmt oder versucht, ihn anhand gängiger Filmbewertungskriterien zu bemessen, wird gnadenlos scheitern und ihn vorschnell als absolutes No-Go abstempeln – nicht zuletzt aufgrund einiger wahrlich fragwürdiger Szenen. Dass der Film für viele Jahre indiziert war, kommt schließlich nicht von ungefähr: THE TOXIC AVENGER ist nicht nur verdammt chaotisch und anarchistisch – sondern auch extrem blutig. Einige Einstellungen werden selbst hart gesottenen Gernefreunden an die Nieren gehen, besonders die in Bezug auf die Übernahme einer Idee aus DEATH RACE – bei dem die Story ein Punktesystem für überfahrene Personen vorsah. Viel mehr braucht man dazu eigentlich nicht zu sagen – das Ergebnis dieses gegenseitigen Hände-Schüttelns der Trashmeister ist verstörend, verfehlt aber wohl nicht die Wirkung die man damit hat erzielen wollen.

Aber auch in den vergleichsweise ruhigen Szenen geht es stets heiß her – etwa, als der TOXIC AVENGER die Liebe entdeckt und seiner neuen Angetrauten näher kommt. In solchen, vom Film als besonders wichtig postulierten Momente (in Bezug auf die herrlich überspitzt dargestellte Charakterentwicklung von Melvin) wird sich dann plötzlich auch hinsichtlich des technisch-handwerklichen Parts ausgetobt – was für weitere Schmunzler sorgt. Die merkwürdigen Rückblenden, die Wiederholung von einzelnen Szenen oder Abschnitten des Soundtracks (nach dem Motto: wer hat da einen Sprung in der Platte) und die rasanten Schnitte sollten eigentlich für Kopfschmerzen sorgen – in diesem Fall aber fügen sie sich perfekt in den Gesamtkontext des Films ein, schlicht da sie als weitere überkandidelte Stilmittel fungieren. Natürlich ist der Film nicht perfekt, aber waren das ansatzweise vergleichbare Werke wie BRAINDEAD oder STORY OF RICKY ? In der Tat – auch hier wurde mit allerlei Konventionen gebrochen, und auch wenn man es vielleicht gar nicht explizit beabsichtigt hat, sind in gewisser Weise Meisterwerke entstanden. Werke, die manche als Schund bezeichnen werden – die aber dennoch einmalig sind, einen immensen Unterhaltunsfaktor besitzen und sich einfach nicht darum scheren, wie der Zuschauer dieses oder jenes Element nun auffassen würde. Eine solch anarchistische Herangehensweise funktioniert nicht immer, doch wenn die Chemie insgesamt stimmt (wie auch im Falle von THE TOXIC AVENGER, und das nicht nur da Giftmüll im Spiel ist) – dann entstehen markante Werke die es zu Erhalten gilt.

Fazit: Es ist wahrlich nicht ganz leicht, einen Film wie THE TOXIC AVENGER final zu bewerten – zumal man ihn nicht mit allgemein gängigen Maßstäben messen kann. Wichtig sind in diesem Fall nur zwei Elemente: ob die Macher ein Ziel verfolgten und sich halbwegs Gedanken um ihr Werk gemacht haben, und ob der Film einen gewissen Unterhaltungsfaktor an den Tag legt. Die Antwort auf diese beiden Fragen sollte offensichtlich sein: der Film wirkt alles andere als dahingeschludert und macht schlicht einen Heidenspaß. Am besten funktioniert er, wenn man ein gewisses Grundwissen (oder eher: eine Vorbelastung) in Bezug auf Filme der späten 70er und frühen 80er-Jahre mitbringt, man jegliche moralischen Bedenken für einen Moment ausschalten kann und man zudem einen unempfindlichen Magen hat – sind diese Voraussetzungen erfüllt, steht dem wahrhaft abgedrehtesten Filmvergnügen des Jahres 1985 nichts mehr im Wege. Insbesondere Fans von Werken mit einer ähnlichen Herangehensweise und Atmosphäre (wie BRAINDEAD oder STORY OF RICKY) sollten diesen Film, respektive diese fulminante Trashperle nicht missen.

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„Der aberwitzige Gipfel der TROMA-Filmografie.“

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