Filmkritik: „Witching & Bitching / Las Brujas De Zugarramurdi“ (2013)

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Originaltitel: Las Brujas De Zugarramurdi
Regie: Álex De La Iglesia
Mit: Hugo Silva, Mario Casas, Pepón Nieto u.a.
Land: Spanien, Frankreich
Laufzeit: ca. 114 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Komödie
Tags: Hexen | Kult | Vater | Sohn | Kampf | Chaos | Anarchie

Von allen guten Geistern verlassen.

Kurzinhalt: Als frisch gebackener Gangster hat es José (Hugo Silva) nicht leicht. Einerseits scheint sein Plan, eine Art Pfandleihhaus für Schmuck zu überfallen, aufzugehen – doch vielleicht war die Entscheidung, ausgerechnet seinen 10-jährigen Sohn mit auf Diebestour zu nehmen, nicht die beste. Obwohl den als Spongebob oder Jesus verleideten Spontan-Gangstern die Flucht mit Ach und Krach gelingt, haben sie auf ihrem langen Weg zur Grenze mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Zu denen gehören nicht nur der Fahrer des gekaperten Taxis, der geneigt scheint sich der Bande anzuschließen; auch ein unbeteiligter Fahrgast und die durch das Verschwinden ihres Sohnes auf den Plan gerufene Mutter mischen sich in den Plan ein. Als die Bande kurz vor der Grenze ein kleines Gasthaus mit allerlei merkwürdigen Gestalten aufsucht, wird das Chaos perfekt – denn die Inhaberin verweist sie auf eine Strecke durch ein Dorf namens Zugarramurdi. Dieses ist jedoch bekannt dafür, das Zuhause eines ehemaligen Hexenkults zu sein…  und auch wenn niemand an übernatürliches glauben will, scheinen sich die düstersten Vorahnungen zu bestätigen. Eine schrille alte Dame, die sich als Anführerin der düsteren Kannibalen-Schar herausstellt; hat bereits ein Auge auf José und seine Truppe geworfen… und sieht vor allem in José’s Sohn eine Schlüsselfigur für die Rückkehr der Hexen zu ihrer alten Macht.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Ein Film, der in der internationalen Version auf den Namen WITCHING & BITCHING getauft wurde und vom berühmt-berüchtigten spanischen Grindhouse-Regisseur Álex De La Iglesia (PERDITA DURANGO, EL DIA DE LA BESTIA) stammt kann eigentlich nur verrückt sein; mindestens aber ein klein wenig andersartig daherkommen. Tatsächlich bestätigen sich jene Vorahnung schnell, denn allein die ersten Filmminuten vermitteln dem Zuschauer unweigerlich das Gefühl, an etwas ganz und gar merkwürdigem teilzuhaben. Durch die krude Prämisse und den allgemein vorherrschenden, absolut lockeren Erzählton entwickelt WITCHING & BITCHING schnell eine gewisse Art der Faszination – die sich zunächst noch ausschließlich auf die stilistischen Elemente und weniger auf den Inhalt bezieht. Man erkennt sofort, dass hier kein typischer Regisseur am Werk war und der Film vergleichsweise extravagant, rebellisch und alles andere als moralisch angesäuert inszeniert wurde. Mal lacht man; auch wenn es vielleicht gar nicht angebracht erscheint (wie etwa, als ein als Spongebob verkleideter Komplize erschossen wird); mal staunt man, mal wundert man sich – zumeist aber wird man gut unterhalten, da selbst in potentiell eintönigen Szenen (wie etwa die Fluchtfahrt zur Grenze) allerhand makaberes passiert und der Film nie an Tempo verliert.

Eines sollte indes klar sein: als Zuschauer sollte man eine gewisse Toleranz gegenüber eines extrem sarkastischen, manchmal schwarzen Humors mitbringen – und sich auch von etwaigen Gewaltdarstellungen nicht abschrecken lassen. Ist dies nicht der Fall, wird man an einem Film wie diesem schier verzweifeln – der nur selten mit einem nennenswerten Fingerspitzengefühl vorgeht, sondern sich eher der allgemeinen Holzhammermethode bedient. Genau  hier beginnen auch die Probleme; denn dort wo Alex De La Iglesia zuvor oftmals gesellschaftsrelevante oder stark Drama-orientierte Komponente in seine Filme brachte, ist WICHTING & BITCHING eine schwarzhumorige Komödie durch und durch. Selbst die Tatsache, dass wie schon in seiner kultigen Western-Hommage 800 BULLETS ein (auch dieses Mal: von seiner Mutter getrenntes) Kind die Rolle einer mitunter tragenden Figur übernimmt, spielt hier keine allzu große Rolle – sondern ist eher als Beiwerk zu verstehen. Als nicht immer perfekt umgesetztes, denn selbst aus der grundsätzlich interessanten Konstellation der Charaktere (verschrobene Erwachsene hier, wilde Hexen dort und mittendrin ein unschuldiges Kind) wird nur vergleichsweise wenig gemacht – zumindest auf der Aktionsebene. In den Dialogen geht es das ein ums andere Mal entsprechend heiß her; vor allem aber wird gequasselt bis sich der Zuschauer die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Das ist – in diesem Fall – aber nur gut und richtig so.

Desweiteren wäre da noch die Geschichte um den Hexenkult – die insofern spannend ist, als dass es auch interne Machtspielchen und Auseinandersetzung gibt und die fremde Truppe nicht in eine vollkommen aussichtslose Situation stolpert. Dennoch, rein inhaltlich verhält es sich mit WITCHING & BITCHING weitestgehend… unspektakulär. Die wenigen auf die Gesellschaft übertragbaren Seitenhiebe sind nur allzu offensichtlich, die Charaktere machen keine nennenswerte Wandlung durch, vieles wirkt wie an den Haaren herbeigezogen – selbst in Anbetracht dessen, dass es sich um eine Art anarchistischen Chaosfilm handelt. Zwischen all dem Toben und Zetern gibt es dann aber verdächtig wenig zu holen. Einige besonders (wahn-)witzige Dialoge, eine handvoll kurioser Einzelszenen (wie die mit den sich streitenden Polizisten, die ein halbnacktes Kind für ein verhungertes Wildschwein halten und sich im Angesicht des Todes ihre Liebe gestehen) bilden hier die Ausnahme und retten den Film so gesehen vor der Versenkung. Auch der technisch-handwerkliche Part erledigt da das übrige – für einen Film der nicht von ungefähr das Flair einer Independent-Produktion überträgt, sieht er verdammt gut aus. Neben den markanten Lichtstimmungen sind es dabei vor allem die Schauplätze, die für Aufsehen sorgen – hier wurde ein enormer Wert auf Details gelegt. Reichlich kurios, aber irgendwie auch stimmig und passend erscheint die Verwendung von einigen Tricks und Kniffen; wie etwa den an der Decke entlanglaufenden Hexen oder an frühere GODZILLA-Filme erinnernde Reminiszenzen (als der Junge kurz davor steht, im Maul eines Hexen-Ungeheuers zu verschwinden – mit einem offenbar gewollt-künstlichen Eindruck). Ein atmosphärischer Soundtrack und ein rundum gelungener darstellerischer Part runden das Ganze ab.

Fazit: In erster Linie geht es Iglesia in seinem Film wohl um das, was bereits im Titel versprochen wird – um ein wildes herumgehexe und eine überspitzte Ansicht auf das, was die Frauen der heutigen Zeit möglicherweise charakterisiert. Hierbei gilt es, das Gezeigte niemals wirklich für Voll zu nehmen oder gar einzeln auseinanderzunehmen. Zwar kommt die Damenwelt in diesem Film eher schlecht als recht weg, doch war es sicherlich nicht die Intention des Regisseurs, ein möglichst frauenfeindliches Bild zu zeichnen. Eher scheint hier ein Seitenhieb auf die Geschichte der Emanzipation vorgenommen zu werden, die mit der Darstellung des nach Macht strebenden Hexenkults nicht überzeichneter hätte ausfallen können. Lässt man sich darauf ein, und nimmt zusätzlich in Kauf dass der Film nicht einmal ansatzweise so vielschichtig ist wie ein 800 BALAS, dann kann WITCHING & BITCHING durchaus funktionieren – als etwas andersartiger und zutiefst anarchistischer Spaßfilm für Zwischendurch.

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„Kurios, rebellisch und bildgewaltig genug, um über etwaige inhaltliche Schwächen hinwegzutrösten.“

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7 Gedanken zu “Filmkritik: „Witching & Bitching / Las Brujas De Zugarramurdi“ (2013)

  1. Vorweg…ich fand den Film nett, richtig begeistern konnte er mich nicht. Möglicherweise kann es auch an der deutschen Synchro liegen, die ich nicht so gelungen (witzig) finde. Nichtsdestotrotz hielt es mich nicht vom Kauf der Blu-Ray ab und dass ich mir vom jungen Protagonisten einen Avatar gebastelt habe…ich hoffe es ist schick. ^^

    De La Iglesia steht für filmisches Chaos…Chaos der Spaß macht und auch Chaos der manchmal einen tieferen Sinn in sich beherbergt wie in „Mad Circus“ (Balada triste de trompeta) der kürzlich auf Arte lief und demnächst auch wahrscheinlich wiederholt werden wird. Der Film steht als eine Art Metapher für den spanischen Bürgerkrieg, wesentlich ansehnlicher als Werke wie „A Serbian Film“ wohlgemerkt, auch wenn es da auch nicht gerade schonungslos zu Sache geht. Zufälligerweise lief eben jener besagte „Mad Cirus“ kurz nachdem ich die Blu-Ray von „Witching & Bitching“ gesehen habe im Fernsehen.

    Nun was soll man zu diesem Film sagen? Der visuelle Aspekt, also was uns gezeigt wird ist wie immer tadellos verschroben, noch witziger als Spongebob fand ich allerdings den Unsichtbaren. LOL Die Geschichte an sich hat einen leichten Einschlag von „L’Auberge Rouge“, „The Witches“ die Charaktere ein bisschen was von „The Addams Family“ und das Oberhexenmonsterdingsbums erinnerte mich stark an die verwandelte Zombiemutter aus „Braindead“. ^^ Das alles wäre wunderbar (ein toller Halloweenfilm!) wenn die Dailoge teilweise nicht so unwitzig (im Deutschen unwitzig eingesprochen?) wären…von Fremdschämen bis zur völligen Entgeisterung ist da alles dabei. Das Ende fand ich dann auch nicht so prickelnd. Ansonsten immer noch besser als jeder Hollywoodmist. Himmel…Santiago Segura hab ich kaum wiedererkannt und wunderte mich dann im Abspann wen er da gespielt hat. ^^ Seit „Torrente“, „El dia de la Bestia“ hat er sich aber ganz schön verändert. Er und Carlos Areces spielen in „Witching & Bitching“ die zwei Transvestiten-Hexen. LOL Beide spielen übrigens in „Mad Circus“ Vater und Sohn, Carlos Areces (der mich ständig an Bastian Pastewka erinnert) spielte hier sogar die Hauptrolle im Film.

    6.5/10

    ………………

    Was die Filme von Iglesia allgemein angeht…meine Iglesia Top8-Liste (von den Filmen die ich gesehen habe und so viele gibt es noch gar nicht)…

    1. El Día de la Bestia (1995)
    2. 800 Bullets (2002)
    3. Allein unter Nachbarn – La comunidad (2000)
    4. The Baby’s Room (2006)
    5. Ein ferpektes Verbrechen (2004)
    6. Mad Circus (2010)
    7. Witching & Bitching (2013)
    8. Perdita Durango (1997) (ohne Gewähr…sehr schlecht in Erinnerung geblieben)

    Ich könnte jetzt die Top Ten vollmachen, wenn ich „The Oxford Murders“ und „Aktion Mutante“ gesehen hätte. Letzteren hatte ich mal flüchtig gesehen, aber kann mich da zu wenig daran erinnern. Auf den ersten Blick fand ich den nicht sonderlich, soll aber auch eine Art Kultstatus genießen.

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  2. Was soll ich sagen: Wow. Den kannte ich noch garnicht, nur durch dein Review entdeckt. Und der hat echt ne Menge Spaß gemacht. Die Firma dankt. Deiner Bewertung kann ich nur zustimmen : 8/10 trifft es.

    Werde mir auch mal die anderen Streifen dieses wirren Herren Álex de la Iglesia zu Gemüte führen. Sind diese auch so, dann stehen mir ein paar nette Stunden bevor.

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    1. Fein ! Freut mich immer, wenn hier auch andere potentiell interessantes für sich entdecken. Stichwort Iglesia… ich persönlich kann hier nur ‚800 Balas‘ bzw. ‚800 Bullets‘ im internationalen Titel empfehlen (Review gibt’s auch hier auf meinem Blog), schlicht da ich sonst noch nichts von ihm gesehen habe.

      Da müsste man mal den hier ebenfalls sehr aktiven (aber immer nur schubweise vorbeischauenden) Kommentator Prometheus anhauen, welche Werke sich besonders lohnen. Bin mir fast sicher dass er mehr gesehen hat als wir.

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