Metal-CD-Review: SONATA ARCTICA – Pariah’s Child (2014)

sonata_arctica-pariahschild_500

Alben-Titel: Pariah’s Child
<Künstler / Band: Sonata Arctica (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 26. März 2014
Land: Finnland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast

Alben-Lineup:

Tommy Portimo – Drums
Pasi Kauppinen – Bass
Elias Viljanen – Guitars
Henrik Klingenberg – Keyboards
Tony Kakko – Keyboards, Vocals

Track-Liste:

1. The Wolves Die Young (04:11)
2. Running Lights (04:26)
3. Take One Breath (04:19)
4. Cloud Factory (04:17)
5. Blood (05:54)
6. What Did You Do in the War, Dad? (05:13)
7. Half a Marathon Man (05:43)
8. X Marks the Spot (05:20)
9. Love (03:50)
10. Larger Than Life (09:57)

Seht, wie die Geister sich scheiden !

Wie fast jedes Jahr gibt es auch in 2014 einige markante Comebacks von Bands zu verzeichnen, die schon länger nichts mehr von sich hören ließen. Im Falle der Finnischen Power Metal-Combo SONATA ARCTICA liegt das letztaktuelle Studioalbum STONES GROW HER NAME (2012, Review) zwar noch nicht allzu lange zurück – doch gerade da es bei einigen eher auf Ablehnung stieß, war ein baldiger Nachfolger abzusehen. Der kommt nun in Form von PARIAH’S CHILD daher, einem Album mit 10 neuen Titeln und einem ansprechenden Coverartwork; welches nicht nur aufgrund des alten Logos an die früheren Zeiten der Band erinnert und auf eine Rückkehr zu alten Stärken hindeuten könnte.

Hierzu sollte man sich selbst die Frage stellen, in wie weit man stilistische Neuausrichtungen einer Band nachvollziehen und gutheißen kann. Schließlich begannen SONATA ARCTICA spätestens nach ihrem 2004’er Werk RECKONING NIGHT mit gewissen musikalischen Experimenten – die sich mal mehr, mal weniger explizit von der eigentlichen Spielart der Band wegbewegten. Der enorm melodische, temporeiche und gradlinige Power Metal wurde nunmehr abgewechselt von allerlei Variationen und neuen Ideen, beispielsweise in Form von etwaigen progressiven Anleihen oder einer Vertiefung in die balladesken Momente. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklungen erreichte man zweifelsohne mit dem Studioalbum UNIA – welches als erstes SONATA ARCTICA-Album überhaupt ohne Uptempo-Hymnen auskam. Es ist also kaum eine Überraschung, dass auch PARIAH’S CHILD nicht mit dieser Tradition bricht, und sich in einem relativ erfrischenden musikalischen Gewand präsentiert. Eine Rückkehr zu den Ursprüngen beschreibt das Album also nicht – was bereits einige abschrecken könnte; vielleicht auch zu Recht.

Aber was hat es hinsichtlich der neuen Ideen; der neuen, flexiblen Ausrichtung von SONATA ARCTICA zu bieten ? Fakt ist: wer bereits mit dem Vorgänger STONES GROW HER NAME weniger anfangen konnte, wird auch mit dem Nachfolger nicht warm werden. PARIAH’S CHILD ist eine kunterbunte Ansammlung von verschiedenen Stücken, die sich zwar noch unter dem Oberbegriff des Power Metals bewegen – doch diese Grenze das ein ums andere mal ausloten; in alle nur erdenklichen Richtungen. Dabei schneidet vor allem der Opener THE WOLVES DIE YOUNG (welcher als erste Videosingle ausgekoppelt wurde) noch recht interessant ab; schlagen SONATA ARCTICA hier eine Brücke von ihrem alten Material hin zum neuen Soundgewand. Die besondere Rhythmik der Strophen, das recht flotte Tempo sowie die bezeichnende Leistung von Leadsänger Tony Kakko machen die Nummer schnell zu einem Genuss – gäbe es da nicht ein kleines Problem, welches sich hier schlicht Refrain schimpft. Die Riffs, die ohnehin schon eher hintergründig werkeln, scheinen hier gar vollständig zu verschwinden und von recht aufgeblasenen Keyboard-Strukturen überdeckt zu werden. Richtig gut klingt das beileibe nicht – aber immerhin wurde der Auftakt nicht komplett verpatzt.

Was dann folgt, ist das noch etwas flottere RUNNING LIGHTS – welches den Opener sogleich in seine Schranken verweist und sich als wesentlich stimmigere Nummer herausstellt. Doch interessanter- oder auch merkwürdigerweise scheinen sich SONATA ARCTICA nicht mehr mit dem zu begnügen, was der Band einst vollkommen ausreichte (Stichwort Neuorientierung) – sodass sich auch hier allerlei gewöhnungsbedürftige Elemente einschleichen. Dieses Mal ist es nicht unbedingt das Keyboard – sondern die eher unpassenden Ausbrüche Tony Kakko’s hinsichtlich seiner gesanglichen Darbietung. Diese kommen vor allem im Mittelteil des Titels vor, und erscheinen mehr als gewöhnungsbedürftig. Wie sicher auch der Soli-Part, der an sich schon nicht allzu markant ausfällt – durch das Keyboard aber noch zusätzlich an Wirkungskraft einbüßt. Immerhin: es überwiegen die Stärken, sodass der Alben-Auftakt noch als gelungen bezeichnet werden kann.

Jenes Verhältnis scheint aber mit der dritten Nummer im Bunde, TAKE ONE BREATH; dezent zu kippen. Hier handelt es sich um einen recht unentschlossenen Titel, welcher geradezu gespickt ist mit irreführenden Melodiebögen und schon beinahe poppig anmutenden Samples und Instrumentalpassagen (oft zu hören: ein klimperndes Piano und süßliche Harfen). Irgendwo inmitten des allgemeinen Kuddelmuddels finden sich einige interessante Ansätze – doch es reicht nicht, es entsteht einfach keine nennenswerte Atmosphäre. Glücklicherweise wird es mit CLOUD FACTORY wieder etwas interessanter, wohl auch da die Nummer vergleichsweise bodenständig ausfällt. Was nach wie vor nicht geht ist der Einsatz des Keyboards mit seinen merkwürdig langgezogenen Samples, die entfernt an eine komplett verstimmte Kirchenorgel erinnern – doch immerhin ist die Nummer schön melodisch, und auch die eher ungewöhnlichen Shouts einer Art Hintergrundchor machen Laune. Mit BLOOD wandelt man ebenfalls auf recht angenehmen Pfaden, auch wenn die eingeworfenen Sprachsamples eher nerven als zur Grundstimmung beitragen. Dennoch: die Melodie ist schmackig, die Riffs sind erstmals schön vordergründig zu hören, der Refrain zeugt von der ehemaligen Stärke der Band – ein kleines Highlight.

Mit WHAT DID YOU DO IN THE WAR DAD geschieht dann das schier unmögliche: es wird erstmals eine gewisse Atmosphäre etabliert. Eine emotionale, beklemmende; kurzum: bewegende, die den Hörer zu fesseln vermag und auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Warum denn nicht gleich so ? Schließlich verzichten SONATA ARCTICA hier weitestgehend auf allzu überflüssige Soundelemente, und präsentieren eine vergleichsweise schlichte, aber umso wirksamere Ballade. HALF A MARTHON MAN bewegt sich dann wieder irgendwo zwischen allen möglichen Fronten – doch der etwas lockerere, hardrockige Anspruch und ein dezentes Retro-Flair wissen zu begeistern. Mit X MARKS THE SPOT dagegen begeht man einen bereits schon öfter auf PARIAH’S CHILD begangen Fehler: man ergänzt eine grundsolide, ansprechende Nummer um einige äußerst unpassende, geradezu nervige Elemente – die Rede ist hier eindeutig von einem merkwürdigen Sprecher, der sich über die gesamte Laufzeit immer wieder zu Wort meldet. Gegen Ende gibt man das Ganze dann vollständig der Lächerlichkeit preis, was entsprechend schade ist. Eine Nummer, die überhaupt nicht zum Album passt – wie eventuell auch LOVE. Hier handelt es sich um die zweite Videosingle, die eine weitere Facette von SONATA ARCTICA aufzeigt. Sicher waren die Finnen schon immer geneigt, die ein oder andere Ballade mit auf ihre Alben zu packen – doch diese hier schlägt dem Fass den Boden aus. Leider nicht, weil sie besonders innovativ oder genial ausfällt; eher ist der gewisse handzahme, massentaugliche und absolut austauschbare Anspruch. LARGER THAN LIFE ist trotz des offensichtlich epischen Anspruchs leider Gottes ein weiterer absoluter Reinfall – schlicht, da sich die verschiedenen Stilmittel und Stimmungen absolut beißen.

Warum nur… warum müssen SONATA ARCTICA auf PARIAH’S CHILD so intensiv an ihren Songs herumschrauben, bis etwas schier unerträgliches dabei herauskommt ? Sicher kann niemand eine Rückkehr zu den Ursprungszeiten der Band erwarten, und sich vielleicht auch gar nicht wünschen – doch zumindest eines hätte man sich beibehalten sollen. Die Rede ist von einer gewissen Art der Genügsamkeit – denn gute Songs entstehen nicht wenn man sie möglichst von allen Seiten zukleistert. Entweder sie sind es, oder eben nicht – was SONATA ARCTICA hier machen erschwert nicht nur eine diesbezügliche Feststellung, es sorgt auch für einige recht nervenaufreibende Hörminuten. Mal ist es das viel zu vordergründige, merkwürdig klingende Keyboard; mal sind es gesangliche Eskapaden (die als Variationen getarnt werden), mal viel zu häufige Stimmungs- und Tempiwechsel innerhalb eines kurzen Zeitraums, mal explizit poppige Anleihen. Dort, wo früher relativ einfache Kompositionen ausreichten, werden sie nun immer aufgeblasener – mit einem zwiespältigen Ergebnis. Der Auftakt des Albums ist vergleichsweise schwach, während man im Mittelteil den eindeutigen Höhepunkt erreicht – nur um gegen Ende wieder vollends ins qualitativ bodenlose abzugleiten. Fans der ersten Stunde werden mit diesem Album möglicherweise nicht warm werden und der Entwicklung der Band argwöhnisch gegenüberstehen – die, die sich eine möglichst flexible und sich immer wieder selbst ausprobierende Band wünschen, werden indes gut bedient. Die vergebene Wertung ist also als Kompromiss zu verstehen – wäre das Album etwas entschlossener und in sich stimmiger, wäre definitiv mehr dringewesen. Fakt ist nur: die wahren Metal-Highlights des Jahres 2014 kommen von anderen Kandidaten.

Absolute Anspieltipps: THE WOLVES DIE YOUNG, RUNNING LIGHTS,  BLOOD, WHAT DID YOU DO IN WAR DAD


50button

„Man wird es lieben oder hassen.“

Advertisements

Über Kommentare Freut Sich Jeder.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s