Filmkritik: „Diary Of The Dead“ (2007)

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Originaltitel: Diary Of The Dead
Regie: George A. Romero
Mit: Michelle Morgan, Joshua Close, Shawn Roberts u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Horror
Tags: Zombies | Untote | Handkamera | Found Footage | Splatter | Tod

Auf der Suche nach dem größeren Übel.

Kurzinhalt: Irgendwo in den Wäldern Pennsylvanias… eine kleine Studenten-Gruppe um Jason (Joshua Close) und dessen Freundin Debra (Michelle Morgan) möchte einen Horrorfilm für die Abschlussprüfung drehen. Womit sicher niemand der Teenager gerechnet hätte ist, dass der zunächst nur spielerische Horror urplötzlich zur Realität wird – Schreie hallen durch die Nacht, und die Radiosender überschlagen sich mit Meldungen von wiederauferstehenden Toten. In ihrer Panik beschließen die Mitglieder der Gruppe, zu ihren Familien zurückzukehren – auch wenn sie sich noch nicht sicher sind was wirklich dran ist an den alles andere als alltäglichen Behauptungen. Doch bereits nach wenigen Kilometern kommt ihr Van an einem Unfallort vorbei; wo sich ihnen eine völlig verkohlte Gestalt in den Weg stellt. Schnell ist klar: die Meldungen waren tatsächlich echt. Doch just in den Momenten in denen die Teenager die Wahrheit erkannt haben, beginnen die Medien auch schon wieder das Gesagte zu dementieren – offenbar, da man keine Massenpanik auslösen möchte. Jason beschließt fortan, alles was der Gruppe auf ihrem Weg begegnen würde mit seiner Kamera aufzuzeichnen – um andere zu warnen, und ihnen möglicherweise zu helfen. Viel wichtiger aber erscheint die Frage, ob die Teenager zu ihren Eltern und Freunden zurückkehren können – oder ob es vielleicht schon zu spät ist…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! DIARY OF THE DEAD, das klingt verdächtig nach… exakt, George A. Romero. Jener amerikanische Regisseur, der bei vielen nicht zu Unrecht eine Art Kultstatus genießt; ist gerade einmal zwei Jahre nach LAND OF THE DEAD (2005, Review) mit einem neuen Zombiefilm zurück. Ob es sich dabei tatsächlich um einen Grund zur Freude handelt, bleibt indes abzuwarten. Das auffälligste vorab: dort, wo LAND OF THE DEAD noch eine Art Brücke zwischen den klassischen Werken des Altmeisters schlug und nur teilweise neue Wege ging, ist DIARY OF THE DEAD endgültig angekommen in der Welt des modernen Films. Für den Zuschauer hat das mindestens zweierlei Bedeutungen. Zum einen ist vom einstigen Flair der Romero’schen Zombie-Trilogie nicht mehr viel übrig geblieben – was noch nichts heißen muss; schließlich entwickelt sich einer jeder Filmemacher im Laufe seiner Karriere weiter und sollte das auch. Zum anderen aber, und das wiegt schon wesentlich schwerer; biedert sich Romero mit dem hier erstmals von ihm verwendeten Found-Footage-Prinzip auch einer jüngeren, modernen Zielgruppe an. Warum auch immer er sich für dieses Stilmittel entschieden hat, es beißt sich nicht nur mit der bisherigen Filmografie des Regisseurs – sondern eventuell auch mit dem Zombie-Genre im allgemeinen.

Denn: das was man in DIARY OF THE DEAD zu sehen bekommt, ist nur noch schwerlich mit den Prinzipien des eigentlichen Zombiefilm-Genres vereinbar. Dass der Film so gut wie keine nennenswerte Wirkung erzeugt, liegt aber auch an einem weiteren Kniff im fraglichen Konzept: die hier gezeigten Found-Footage-Aufnahmen werden doch noch in einem höheren Erzählrahmen verpackt, und quasi aus dem Off von einem weiblichen Mitglied der Gruppe kommentiert und vorgestellt – zu einem späteren Zeitpunkt, versteht sich. Hieraus resultieren gleich mehrere Probleme, die dem Film schon vorab den Rest geben – ohne dass man sich weiter mit dem eigentlichen Inhalt beschäftigen müsste. Denn nicht nur, dass das Gezeigte durch die krude Erzählweise stark an Bedeutung und Unmittelbarkeit verliert; durch die ständigen Kommentare bekommt es einen extrem gezwungen wirkenden, gar moralinsauren Touch spendiert. Dass ausgerechnet George A. Romero es zulassen würde, dass man derart von einem Film-Charakter belehrt wird – und das auf eine recht aufdringliche Art und Weise – hätte man so wohl nie voraussehen können.

Somit führt er auch die von ihm schon immer gerne eingebauten gesellschaftlichen Seitenhiebe völlig ad absurdum – wo sie einem auf dem Silbertablett serviert werden, braucht man eben nicht mehr nach ihnen zu suchen. Überhaupt erscheint es fraglich, mit welcher Penetranz jene Inhalte (die wenn überhaupt nur als hintergründiges Beiwerk in einem Zombiefilm fungieren sollten) an den Zuschauer herangetragen werden. Die dieses Mal explizit ausfallende Medienkritik und die damit einhergehende Verurteilung der modernen Gesellschaft werfen somit schnell einen Schatten über das, was man eigentlich vom Film erwartet hätte – und belästigen den Zuschauer ernsthaft und explizit mit Fragen wie die nach dem Überlebensrecht der nach Romero nun völlig erkalteten, distanzierten Gesellschaft. Besonders die Endszene hätte dabei plumper nicht hätte ausfallen können – sie versetzt dem Film den absoluten Todesstoß, und zeigt auf; dass es Romero tatsächlich auf eine neue Zielgruppe abgesehen haben könnte. Eine, der man selbst augenscheinliches noch einmal mit Nachdruck erklären muss, die sich aber ansonsten nicht über etwaige inhaltliche Missstände beschweren würde.

Sicher, wenn das Gesagte zumindest ein Mindestmaß an Gehalt hätte und hie und da zum Nachdenken anregen würde, sähe die Sache vielleicht anders aus. Jene hier vermittelten Weisheiten aber sind keine – und sorgen allenfalls für ein paar unbeabsichtigte Lacher. Überhaupt fallen die Dialoge von DIARY OF THE DEAD trotz der angepeilten Authentizität derart gekünstelt und sinnentleert aus, dass es einem graust. Dies wäre nicht unbedingt etwas neues, könnte man diese Feststellung nur auf längere und vielleicht unpassende Wortgefechte beziehen – doch in diesem Fall wirken selbst die kürzesten Ausrufe und Feststellungen der Charaktere absolut hirnrissig. Daher ist es kaum möglich so etwas wie Empathie für die Charaktere zu entwickeln, geschweige denn überhaupt an ihrem weiteren Schicksal interessiert zu sein. Auch die unbekannten und zudem eher untalentierten Darsteller wissen diesen Eindruck noch leidig zu unterstützen.

Und es wird schlimmer, je weiter der Film mit einer schier unerträglichen Zähigkeit voranschreitet. Die Logik-Fehler und kuriosen Szenen (wie jene, die die Brücke zum Beginn des Films schlägt) häufen sich, die Charaktere verhalten sich immer unglaubwürdiger. Sollte jener ausbleibende Verstand der Überlebenden ein weiteres stilistisches Mittel von Romero sein; beispielsweise um sie mit den Untoten gleichzustellen oder die neue Art gar über den ach-so-selbstzerstörerischen und medienverblendeten Menschen zu heben, so ist diese Maßnahme aufgrund der geradezu peinlichen Umsetzung ebenfalls gescheitert. DIARY OF THE DEAD schafft dabei etwas, was bei gängigen Zombiefilmen eine eher seltene Erscheinung ist: er langweilt nicht nur zu Tode; er verärgert den völlig für dumm verkauften Zuschauer. Achtung, ein inhaltlicher Bezug: hätte der verantwortliche Kameramann doch nur auf die Rufe seiner Kumpanen gehört – und das Ding vorzeitig abgeschaltet. Was – bei näherer Betrachtung – wohl auch die Chancen für sein Überleben und das der Mitglieder seiner Gruppe erhöht hätte. Doch wie hätte George A. Romero sonst die hanebüchene Kritik an Dingen wie der heutzutage angesagten (Internet-)Selbstdarstellung und der Manipulation der Medien aufrechterhalten sollen ? Eben. Überhaupt: betrachtet man es einmal andersherum, nämlich indem man dem Filmer des Materials selbst einen gewissen Geltungsdrang und eine über Leichen gehende Sensationsgeilheit (anstatt der Ambition, die Wahrheit zu verbreiten) unterstellt – was eigentlich recht nahe liegt – dann wird DIARY OF THE DEAD zu einem Film, der Kritik an dem äußert was ihn im Kern ausmacht.

Fazit: Ob nun mit oder ohne das Prinzip der Found Footage – DIARY OF THE DEAD versagt in jeder Hinsicht. Dass man längst nicht mehr von einer sinnigen Weiterentwicklung des klassischen Zombiefilms sprechen kann ist das eine – dass Romero nun auch keinen Wert mehr auf den Anflug einer unterhaltsamen Geschichte und zumindest halbwegs brauchbare Charakterporträts legt, das andere. DIARY OF THE DEAD biedert sich an – einer jüngeren, in Sachen Zombiefilm eventuell noch nicht so bewanderten Zuschauergruppe – und belehrt sie, immer und immer wieder. Eine eigene Meinungsbildung ist somit kaum noch möglich, der Film ist trotz seiner inhaltlichen Leere und den ausbleibenden Entwicklungen gespickt mit moralisch aufgeblasenen Phrasen und peinlichen Wortschöpfungen. Somit bleibt kaum noch ein Grund übrig, sich den Film überhaupt anzusehen. Zombie-Fans werden den wichtigen, glaubhaft dargestellten Überlebenskampf in Ausnahmesituationen vermissen, Splatter-Fans einen gewissen Witz und explizitere Gewaltdarstellungen (mit Ausnahme von einer oder zwei Einzelszenen); alle anderen Cineasten dagegen greifbare Charaktere, eine gute Story und einen Spannungsbogen. Die handwerklichen Aspekte können ebenfalls niemanden zufriedenstellen: das Prinzip der Found Footage geht in diesem Fall überhaupt nicht auf und wirkt einfach nur peinlich, nachhaltige Bilder oder Einzelszenen entstehen nicht. Kurzum: DIARY OF THE DEAD ist ein einziger Reinfall, oder anders gesagt ein fehlgeschlagenes Experiment.

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„Der große Fall des Meisters“

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