Filmkritik: „I Want To Be A Soldier“ (2010)

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Originaltitel: De Mayor Quiero Ser Soldado
Regie: Christian Molina
Mit: Fergus Riordan, Ben Temple, Andrew Tarbet u.a.
Land: Spanien, Italien
Laufzeit: 85 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Kind | Junge | Geschwister | Eltern | Liebe | Gut | Böse | Gesellschaft

I Want To Be A Soldier, oder: ein verzweifelter Hilferuf.

Kurzinhalt: Alex ist zehn Jahre alt, und hat nur wenig Freunde. Mit seinen Eltern versteht er sich gut, doch als sich gleich doppelter Nachwuchs ankündigt sieht er seinen Status in der Familie gefährdet. Da sich seine Eltern nach der Geburt tatsächlich nicht mehr so intensiv um Alex kümmern können und zudem Probleme mit ihrer Beziehung bekommen, flüchtet sich Alex in seine eigene kleine Welt. Die besteht nicht nur aus einem fragwürdigen Fernsehprogramm, sondern auch aus seinen Konversationen mit zwei imaginären Freunden. Der eine ist Soldat, und will Alex dazu bringen ebenfalls einer zu werden – der andere ist Astronaut, und appelliert an Alex‘ gute Seite. Die beiden liefern sich einen ständigen Kampf – in dem es offenbar nur einen klaren Sieger geben kann. Doch wie wird sich das auf Alex und seinen weiteren Lebensweg auswirken ? Klar ist nur, dass seine Leistungen in der Schule bereits nachlassen und er stark verhaltensauffällig wird.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Christian Molina’s I WANT TO BE A SOLDIER ist zweifelsohne ein Film der Überraschungen. Denn was noch relativ harmlos und genretypisch als Familiendrama mit einem Schwerpunkt auf den erstgeborenen Sohn der Familie beginnt, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einem wahren emotionalen Feuerwerk. Einem, bei dem kaum ein Zuschauer kalt gelassen werden sollte; funktioniert der Film über mindestens zwei inhaltliche Ebenen – wobei die eine aus der anderen hervorgeht. Auf der einen Seite ist da das Porträt des jungen Alex und seiner Familie, welche insbesondere nach der Geburt von zwei weiteren Kindern mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen hat – was grundsätzlich schon genug wäre für einen Film wie diesen. Doch offenbar hält sich Christian Molina nicht gern an allzu gängige Konventionen, und streut als zweite Ebene eine nicht gerade unterschwellige Medien- und Gesellschaftskritik mit ein; richtet seinen Blick auch auf das große Ganze. Das funktioniert in diesem Falle besonders gut und wirkt nur selten aufgesetzt, da er etwaige Seitenhiebe aus dem Schicksal seiner Charaktere heraus konstruiert – und man so immer ausreichend Anhaltspunkte hat. Ebenfalls angenehm ist, dass er offensichtliche Missstände teils explizit anprangert – aber dennoch nicht in die Rolle eines Moralapostels verfällt (bis auf eine Ausnahme – siehe letzter Absatz). Man überlässt es dem Zuschauer, ein Urteil zu fällen – und sich darüber auszutauschen, in wie weit die Medien tatsächlich einen Einfluss auf die heranwachsende Generation haben.

Wer also glaubt, I WANT TO BE A SOLDIER sei eine platte Abrechnung mit den (Massen-)Medien, hat nur bedingt Recht – jene Elemente beschreiben bestenfalls die Oberfläche und eine der möglichen Aussagen des Films. Die eigentlichen Qualitäten liegen ohnehin eher auf seinem Dasein als Familiendrama, welches – und das ist das schöne – auch ohne den erwähnten Medien-Bezug bestens funktionieren würde. Dabei sticht besonders der Werdegang des jungen Alex hervor, der ein wenig wie aus einem Tagebuch heraus inszeniert wird. Es beginnt harmlos und konventionell, bis eine Kette von Einflüssen und Ereignissen auf den kindlichen Charakter einprasselt, um ihn einmal mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen. Besonders reizvoll erscheint hier der Umgang mit den tatsächlichen Ereignissen und Elementen der Fiktion – die den Zuschauer das ein ums andere Mal grübeln lassen, aber stets in die richtige Richtung lenken. Und sei es, dass einem so manche Inhalte bekannt vorkommen könnten; es ist vor allem die Art und Qualität der Inszenierung die hier zu begeistern weiß. Die ausgeführten Dialoge mit den imaginären Freunden (die vor Symbolik strotzen), der ständige Fokus auf den jungen Alex und seine Sichtweise der Dinge – das sind nur zwei der Dinge, die I WANT TO BE A SOLIDER merklich von der Masse an Dramen abheben und ihn zumindest teilweise zu einem ganz besonderen Film machen.

Einem Film, der nur halb so wirksam wäre; hätte man nicht derart talentierte Darsteller engagiert. Wie auch immer man auf Fergus Riordan für die tragende Rolle des Alex gekommen ist, besser hätte es nicht kommen können. Dort, wo in anderen Filme Kinder eine eher untergeordnete Rolle spielen, befindet er sich hier in der Position des eigentlichen charakterlichen Dreh- und Angelpunktes des Films – in der er mehr als aufgeht. Das Ganze wirkt schlicht nicht mehr wie ein bloßes Schauspiel – er lebt die Rolle, was einen enormen Respekt verdient. Auch die anderen Darsteller, insbesondere die Eltern; lassen keinen Raum für Kritik zu. Zusammen mit den stimmig eingefangenen Bildern, die glücklicherweise nur in den seltensten Momenten auf zusätzliche Effekte oder hektische Elemente setzen, ergibt sich so ein rundum zufriedenstellender technischer Part. Selbst der Soundtrack weiß, obwohl er eine eher untergeordnete Rolle spielt, mit seinen größtenteils klassischen Klängen zu überzeugen – und die ohnehin schon omnipräsente, in alle Richtungen ausschlagende Emotionalität hie und da dezent zu unterstützen.

Fazit: Mit seinem ambitionierten Werk I WANT TO BE A SOLDIER hat Regisseur Christian Molina zweifelsohne einen etwas anderen, nachhaltig wirkenden; und schlicht wichtigen Film geschaffen. Die Auseinandersetzung mit seinem ambivalenten Hauptcharakter ist ihm vortrefflich gelungen, und lässt zahlreiche Interpretationsansätze zu – und das nicht erst in jenen Momenten, in denen statt den eigentlichen Eltern die imaginären Freunde inniglich umarmt werden. So gesehen handelt es sich um eine Coming-Of-Age-Geschichte der etwas anderen, da merklich düstereren und eher anprangernden Machart. Wenn man damit zumindest einige aufrütteln und in vielerlei Hinsicht sensibilisieren kann, warum auch nicht ? Dem Film zahlreiche positive Aspekte abzugewinnen fällt nicht schwer; gegenteiliges schon eher – lediglich die zu Beginn etwas zu flott voranpreschende Wandlung des Hauptcharakters, der wenig neutrale Umgang mit den Medien sowie die Frage nach dem woher in Bezug auf die Gegenstände, die die Kinder besitzen (Nazi-Propagandamaterial im Zimmer welches kommentarlos von den Eltern hingenommen wird, Springmesser und weiteres); fallen leider etwas unter den Tisch. Auch das Ende hätte man ruhig so belassen können wie es ist – doch während des Abspanns folgt eine weitere, in ihrer Aussage unnötige explizite Szene. Wenn der gesamte Film schon ohne einen erhobenen Zeigefinger funktionierte, warum ihn auf eine solche Art und Weise abschließen ? Ein weiterer Knackpunkt ist die deutsche Synchronisation – die trotz der spürbaren Professionalität unter aller Kanone ist, und den Geist des Originals stellenweise ad absurdum führt (die Rolle von Alex spricht in diesem Falle eine Frau – was schon alles sagt). Die folgende, finale Wertung gilt also ausschließlich für die Originalfassung – die je nach Möglichkeit bevorzugt zu behandeln ist.

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„Wird er nur richtig aufgefasst, vermag es I WANT TO BE A SOLDIER über viele emotionale Ebenen zu fesseln.“

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