Filmkritik: „Mama“ (2013)

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Originaltitel: Mamá
Regie: Andres Muschietti
MitJessica Chastain, Nikolaj Coster-Waldau, Megan Charpentier u.a.
Land: Spanien, Kanada
Laufzeit: 100 Minuten
FSK: Ab 16 Jahren freigegeben
Genre: Horror / Drama
Tags: Mama | Mutter | Dämon | Mädchen | Familie | Verwahrlost | Verlust

Wer wünscht sich nicht eine fürsorgliche MAMA… ?

Kurzinhalt: Als die beiden Schwestern Victoria (Megan Charpentier) und Lilly (Isabelle Nélisse) eines Tages völlig unverhofft von ihrem eigenen Vater entführt werden, der kurz zuvor bereits ihre Mutter getötet hat; scheint ihr Schicksal besiegelt. Die drei finden in einer kleinen Waldhütte Zuflucht, in der der Vater eine Waffe auf seine Töchter richtet – doch irgendeine fremde Macht verhindert das drohende Unglück. Wer oder was die Mädchen gerettet hat, scheint unklar – bis der Onkel der Mädchen, Lucas (Nikolaj Coster-Waldau) ganze 5 Jahre später endlich eine heiße Spur entdeckt und auf seine nunmehr völlig verwahrlosten Nichten stößt. Zusammen mit seiner Freundin Annabel (Jessica Chastain) nimmt er die Mädchen auf – und versucht Mithilfe eines Arztes hinter das Geheimnis des langen Überlebens der beiden zu kommen. Es finden sich jedoch kaum rationalen Erklärungen; und die Freude die Kinder endlich wiedergefunden zu haben überdeckt vieles. Erst als sich eine Art dämonische Präsenz im Haus des Paares bemerkbar macht, zeichnet sich die Wahrheit ab: irgendjemand oder irgendetwas scheint sich der Mädchen angenommen zu haben, und will dies auch weiterhin tun…

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Kritik: Man nehme… einen zu inszenierenden Horrorfilm, in dem Kinder eine große Rolle spielen. Da man damit nicht unbedingt cineastisches Neuland betritt, gibt es grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder, man weist ihnen eine explizite Täterrolle zu – beispielsweise indem sie von Dämonen besessen sind oder kontrolliert werden – oder man nutzt sie geschickt als weiterführendes Stil- und Erzählmittel. Ersteres sieht man spätestens seit dem ersten Klassiker des Genres, DAS OMEN nur allzu oft – der Schockeffekt wird hier klar aus dem Gegensatz der anzunehmenden kindlichen Unschuld und den tatsächlichen Handlungen generiert. Trifft eher letztgenanntes zu, handelt es sich zumeist um etwas anspruchsvollere Werke; die aber keineswegs automatisch einen Freibrief hinsichtlich einer unausweichlich höheren Qualität erhalten sollten. Denn wie oft hat man schon Horrorfilme gesehen in denen kindliche Protagonisten lediglich dazu eingesetzt werden, um beim Zuschauer ein höheres Maß an Empathie und Mitgefühl auszulösen ? In denen sie als besonders fragile Wesen einen zusätzlichen Beschützerinstinkt wecken sollen, um die dramatische Komponente mehr oder weniger gezwungen aufzuwerten ?

Und nun kommt ein Film wie MAMA daher – der sich eigentlich in keiner der beiden eben genannten Kategorien wohlfühlt. Zwar wird allein die Präsenz von etwas dämonischem im Zusammenhang mit den beiden Kinderdarstellerinnen optisch wirkungsvoll in Szene gesetzt, was so manches Mal für einige interessante Schockmomente sorgt – doch werden die Mädchen in diesem Fall kaum fremdgesteuert, und nur vergleichsweise marginal von der dämonischen Entität beeinflusst. Auf der anderen Seite sind sie eben doch weitaus mehr als ein blosses Mittel zum Zweck, durch gängige Opferrollen Gefühle des Mitleids auszulösen – MAMA schafft es sogar beinahe, eine ähnlich magisch-mystische und dichte Atmosphäre zu etablieren wie einst PAN’S LABYRINTH. Und das, obwohl die eigentliche Story gegen ein Werk wie dieses geradezu belanglos erscheint, und grundsätzlich nur aus den typischen Komponenten eines Horrorfilms besteht.

Einen Film wie PAN’S LABYRINTH zu Rate ziehen, bietet sich in diesem Fall zusätzlich an – nicht zuletzt aufgrund der inhaltlichen und stilistischen Parallelen. Wieder stehen eines oder mehrere junge Mädchen im Zentrum der Handlung, die mit etwas fremdem, wenn nicht gar übernatürlichem in Kontakt kommen. Wieder geht es im Endeffekt weniger um das, was tatsächlich zu sehen ist – sondern um das, was die Mädchen durchleben und wie sie am ende zu sich selbst finden – ALICE IM WUNDERLAND lässt grüßen. So erscheint es auch nicht weiter verwunderlich, dass niemand geringeres als Guilermo Del Toro MAMA produziert hat, beziehungsweise präsentiert – und dem Film somit ein klein wenig auf die Sprünge hilft. Nicht, dass er es zwingend nötig gehabt hätte – doch ist es in diesem Fall schön zu sehen, dass einem aufstrebenden Regisseur wie Andres Muschietti eine Chance gegeben werden konnte. Schließlich ist MAMA sein Erstwerk – erst als Kurzfilm und in Eigenregie produziert, schaffte er es mit den richtigen, eben erwähnten Kontakten doch noch etwas größeres auf die Beine zu stellen. Das Ergebnis ist zwar nicht bahnbrechend, aber doch uneingeschränkt sehens- und empfehlenswert.

Nicht bahnbrechend ? Leider ist genau das der Fall, denn die mitunter größte Stärke von MAMA entsteht aus der bereits erwähnten Erschaffung einer Art Traum- oder Parallelwelt, in die man sich unweigerlich hineingezogen fühlt – und in der es neben mal mehr, mal weniger freundlichen Kreaturen mit bestimmten Ambitionen auch um ganz irdische Dinge wie das Erwachsenwerden geht. Wie man weiß, gibt es allerdings schon einige Filme zu diesem Thema – auch über die Grenzen von Del Toro’s Repertorie und den Bekanntheitsgrad einer Erzählung wie ALICE IM WUNDERLAND hinaus. Somit bleibt das einzige wirkliche Novum von MAMA, dass der Film die dämonische Präsenz alles andere als andeutet – sondern explizit ausführt, und das in einem so nicht dagewesenen Ausmaß. Das wirkt frisch und angenehm – auch wenn man es dafür in Kauf nehmen muss, dass die ein oder andere Szene leicht an der Grenze zum unfreiwillig Komischen kratzt. In jedem Fall verfehlen weder die atmosphärischen Szenengestaltungen noch das Design der Titelfigur MAMA ihre Wirkung: so schön gruseln konnte man sich – bei einem tatsächlich und immer wieder deutlich sichtbarem Bösen – schon lange nicht mehr.

Eine besondere Erwähnung sollten auch die darstellerischen Leistungen erhalten, denn besonders die beiden Kinderdarsteller Megan Charpentier und Isabelle Nelisse (die vielleicht noch ein klein wenig mehr) machen ihre Sache mehr als gut. Vom GAME OF THRONES-Mann Nikolaj Coster-Waldau sieht man vergleichsweise wenig,was aber nicht weiter stört – denn die beteiligten Damen stehlen ihm hier vielleicht ganz zu Recht die Show. Denn neben den beiden Mädchen spielt Jessica Chastain ihre leicht rebellische, aber letztendlich doch fürsorgliche Rolle als angehende (Adoptiv-)Mutter außerordentlich gut und glaubwürdig.

Leider schafft es MAMA aber nicht, auch im Zusammhang des großen Ganzen durchweg zu überzeugen. Dafür hat man sich noch viel zu oft auch gängige, längst nicht mehr so wirksame Klischees verlassen – wie etwa die arg konstruiert wirkende, stark vereinfachte Geschichte; die typischen Schockeffekte der Marke Holzhammermethode oder die allgemein vorhersehbaren Ereignisse. Das Ende dagegen weiß dann doch noch mit einer Überraschung aufzuwarten. In welche Richtung das Ganze geht, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden – doch ist es mehr als gut, dass es sich weder um ein typisches Happy-End, noch um ein allzu offenes Ende handelt. Der Kompromiss der hier gefunden wurde, ist verstörend – aber doch mehr als interessant.

Fazit: MAMA hält genau das, was der Titel und die Trailer versprechen. Trotz der relativ unspektakulären Story und allerlei klischeehafter Elemente handelt es sich zweifelsfrei um einen aus der Masse sichtlich hervorstechenden Horrorfilm, der seine Stärken aus der Zeichnung einer eigenen kleinen (Horrorfilm-)Welt generiert. Eine Welt, die man lieber nicht besuchen möchte – die man sich aber gerne vom Kinosessel aus ansieht, um zumindest zeitweise in ihr zu versinken. Zahlreiche Schockeffekte, aber auch emotionale Momente inklusive.

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„Eher plumpe Story, eindeutig großartiger Rest“

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