Filmkritik: „This Is England – Ende Einer Kindheit“ (2006)

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Originaltitel: This Is England
Regie: Shane Meadows
Mit: Thomas Turgoose, Stephen Graham, Jo Hartley u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: 100 Minuten
FSK: Ab 12 Jahren freigegeben
Genre: Drama / Komödie
Tags: Zweiter Weltkrieg | London | Bomber | Luftwaffe | Kinder | Bevölkerung

Eine Coming-Of-Age Geschichte der Thatcher-Ära.

Kurzinhalt: Der 12-jährige Shaun (Thomas Turgoose) hat es im England der beginnenden 80er Jahre nicht leicht. Seinen Vater hat er schon früh verloren, die allgemeine Stimmung ist geprägt von der vorherrschenden Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Auch in ihm sammelt sich mehr und mehr Angst auf der einen, und Wut auf der anderen Seite – nur gegen wen oder was, das vermag er kaum zu benennen. Und so lässt er vor allem auf dem Schulhof die Fäuste fliegen, bis er mit einer Gruppe von Skinheads in Kontakt kommt. Hier findet er erstmals die Akzeptanz und das Verständnis, welches ihm von seiner Familie und der Gesellschaft nie entgegengebracht wurde. Fortan erlebt er eine wilde, für ihn schöne Zeit, die harmlos beginnt – doch als der kriminelle Combo, der ehemaliger Anführer der Truppe, aus dem Gefängnis entlassen wird brechen gänzlich andere Zeiten an. Für Shaun, aber auch für die Skinhead-Gruppe selbst – die nun immer radikaler vorgeht und dabei zusehends nationalistischer geprägt wird.

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Kritik: Mit einem Film wie THIS IS ENGLAND kann man eigentlich nur scheitern oder Erfolg haben. Schließlich wäre es ein leichtes, sich mit einer derartigen, vergleichsweise simplen Story-Prämisse gar nicht allzu weit aus dem Fenster zu lehnen und ein beliebiges Drama im verkappten Dokumentations-Stil zu verwirklichen. Glücklicherweise macht es sich Regisseur Shane Meadows in diesem Fall aber nicht ganz so leicht, und steuert mit seinem Skinhead- oder auch Gesellschaftsdrama eindeutig in eine positive Richtung. Das liegt hauptsächlich daran, dass er die allseits bekannte Thematik um gesellschaftlichen Frust, die Suche nach Zugehörigkeit und falsche Ideale in einem erfrischend-trostlosen Setting ansiedelt, der Ära von Margaret Thatcher – und dem Film darüber hinaus auch eine ganz eigene, unverkennbare Note verpasst. THIS IS ENGLAND profitiert aber nicht nur davon – sondern auch von seiner eher ungewöhnlichen Erzählperspektive, die sich vor allem auf den inneren Konflikt des pubertierenden Hauptcharakters Shaun bezieht und die mit den neuen, fragwürdigen Bekanntschaften einhergehenden Erlebnisse hautnah und aus einer unbefangenen Sicht heraus erzählt.

Interessant dabei ist, dass der Film nicht nur gesellschaftliche Missstände hervorhebt ohne sie direkt zu zeigen / anzuprangern – auch mit etwaigen Missverständnissen wird scheinbar nebenbei aufgeräumt; etwa in Bezug auf die (frühere) Skinhead-Bewegung der 80er Jahre. So erfährt man als Zuschauer, dass diese nicht zwingend mit einem expliziten, harsch durchgesetzten Nationalismus einhergehen muss – einer der Mitglieder der porträtierten Skindhead-Truppe ist dunkelhäutig. Dass sich das im Verlauf des Films ändert, ist zwar schnell abzusehen – und dennoch wirkt es bezeichnend (und authentisch dargestellt), wie viel Einfluss einzelne Personen auf eine Gruppendynamik haben können. Wenn sie wie in diesem Fall vom Schlage eines Kriegstreibers sind – und ihre kruden Ideen entsprechend durchzusetzen wissen. THIS IS ENGLAND hebt sich durch seine eher nüchterne Erzählweise schon einmal von anderen Genrefilmen ab, hat aber dennoch ein mindestens mittelschweres Problem – er vermeidet es, dem Zuschauer Raum und Zeit zu geben um über das Gezeigte zu reflektieren. Stattdessen bedient er sich der guten alten Holzhammermethode, und nimmt dem Zuschauer eine jegliche Wertung vorweg – anders sind die auffällig unpassend erscheinenden, im späteren Verlauf eingestreuten Kriegsszenen (die des Falklandkrieges) einfach nicht zu erklären.

Dafür scheint aber auf der technischen Ebene alles zu stimmen. Die eingefangenen Bilder wirken zutiefst authentisch und wissen durch ihre ureigene Optik schnell eine gewisse Atmosphäre zu etablieren; die Darsteller scheinen direkt von der Straße weggecastet worden zu sein – so glaubwürdig agieren sie. Einen besonderen Eindruck hinterlässt auch der abwechslungsreiche, emotionale Soundtrack – der unter anderem mit Werken von Ludovico Einaudi (und besonders seinem Stück Fuori Dal Mondo) glänzt.

Fazit: Shane Meadows‘ THIS IS ENGLAND ist nicht nur ein Film, der sich explizit mit dem Porträt einer Skinheadgruppe auseinandersetzt – sondern auch einer, der ganz grundsätzliche gesellschaftliche Missstände anprangert und dabei einige Fragen aufwirft. Auch das niemals uninteressant werdende Thema einer ideologisch unterwanderten Gruppendynamik wird geschickt inszeniert. Schade nur, dass Shane Meadows es nicht bei dem insgesamt eher nüchternen und somit erst Recht inspirierenden Bildern belässt – sondern spätestens gegen Ende zum großen, alles übergreifenden Paukenschlag ausholt und selbst dort Verbindungen knüpft, wo sie nicht wirklich einen nachvollziehbaren Zusammenhang ergeben.

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„Erschreckend authentisch wirkendes Sozialdrama mit kleinen Schwächen“

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „This Is England – Ende Einer Kindheit“ (2006)

  1. Hör mir auf mit „Fuori dal mondo“ ich hab immer noch Alp/bträume. LOL Ich schätze italienische Komponisten sehr, nicht nur den „Maestro“ Ennio Morricone…auch wenn dieser einen ganz witzigen Namen hat, meinst du der fährt tatsächlich einen Audi? ^^

    Zum Film kann ich leider nicht mehr so viel sagen, aber ich denke mein Eindruck war ähnlich und ich würde auch von der Wertung genau so verfahren…

    7,5/10 von mir.

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