Filmkritik: „Haunters“ (2010)

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Originaltitel: Choneungryeokja (Psychic)
Regie: Kim Min-seok
Mit: Kang Dong-won, Go Soo u.a.
Land: Südkorea
Laufzeit: 114 Minuten
FSK: Ab 16
Genre: Mystery-Thriller
Tags: Kontrolle | Macht | Fähigkeit | Spiel | Tod | Zweikampf

Sieh mir in die Augen, kleines…

Kurzinhalt: Der 32-jährige Koreaner Kyu-nam hat bis vor kurzem auf einem Schrottplatz gearbeitet, sucht nun aber eine neue Herausforderung. Nach einigen erfolglosen Versuchen stößt er auf ein Stellenangebot eines Pfandleihhauses, dessen Eigentümer sich als recht merkwürdiger Kauz herausstellt. Doch die beiden scheinen sich zu verstehen, sodass Kyu-nam annimmt – und dabei gleich auch noch die Tochter seines neuen Chefs kennenlernt. Als eines Tages mal wieder wenig los ist, lädt er seine alten Freunde in das Büro ein – die sofort begeistert sind von Kyu-nams neuer Anstellung. Doch dann betritt eine ominöse Gestalt das Pfandleihhaus – und alle scheinen wie versteinert. Wie sich herausstellt, sind sie es tatsächlich – nur nicht Kyu-nam, der dem Fremden völlig fassungslos entgegentritt. Der heißt Cho-in; und verfügt über eine zweifelhafte Gabe: er kann Menschen nur mithilfe eines kurzen Blickkontaktes steuern und nach seinem Belieben manipulieren. Aus irgendeinem Grund scheint nur Kyu-nam immun zu sein – sehr zum Missfallen von Cho-in, der ihn fortan zu seinem neuen Erzfeind erklärt und versucht, ihn mit allen Mitteln aus dem Weg zu räumen.

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Kritik: Ein Film, der einen (oder mehrere) Menschen mit einer scheinbar übernatürlichen Fähigkeit zeigt; die sich nicht rational erklären lässt ? So etwas kann doch nur direkt aus dem Herzen Hollywoods, oder aber aus dem Fernen Osten kommen – zumal es dort genügend entsprechende Manga-Vorlagen gibt. Kim Min-Suk’s HAUNTERS jedoch stammt trotz potentieller und dahingehender Vorbilder (man vergleiche CODE GEASS oder auch DEATH NOTE) nicht aus dem Land der aufgehenden Sonne – sondern aus Südkorea. Und: er erzählt dabei eine ganz eigene Geschichte. Vor allem auf den ersten Blick vereint der Regisseur dabei die Vorteile von vergleichbaren Filmproduktionen aus West und Ost – was zweifelsohne eine gute Voraussetzung ist. Denn: HAUNTERS bietet sowohl eine absolut stilsichere, teils aufwendige und hochwertig wirkende Optik; als auch einige interessante inhaltliche Ansätze. Vor allem erstere, beziehungsweise auch der gesamte technisch-handwerkliche Part, scheint den Machern überraschend gut gelungen. Neben dem stimmungsvollen Spiel aus Farben und Lichtverhältnissen, den abwechslungsreichen Schauplätzen und dem stimmigen Soundtrack hat HAUNTERS vor allem auch einige durchaus bemerkenswerte darstellerische Leistungen anzubieten.

Doch es gibt ein Problem: HAUNTERS wirkt trotz des offensichtlichen Engagements etwas zu gezwungen, und läuft mit seinen inhaltlichen Versprechungen letztendlich ins Leere. Und das ist beinahe zu schade, um wahr zu sein – bietet der Film mit seiner simplen, aber doch vielversprechenden Grundidee und dem speziellen, unvoreingenommenen koreanischen Flair doch eigentlich alles, was es zu einem Top-Titel (oder: einem uneingeschränkt empfehlenswerten Geheimtipp) gebraucht hätte. Eines der Hauptprobleme ist, dass das gesamte Gebaren um die über allem schwebende Fähigkeit (welche am ehesten als erweiterte Telekinese zu bezeichnen ist) zu einem relativ simplen Zweikampf verkommt – trotz aller Bemühungen des Films, genau diesem Eindruck entgegenzuwirken. Doch das gelingt eben nur bedingt. Hie und da werden Passanten mit einbezogen, um eine polizeiliche Aufklärung ist man zumindest bemüht (gut so, denn das ist keine Selbstverständlichkeit in Filmen wie diesen), und zwei enge Freunde stehen Cho-In so gut es geht zur Seite. Das war es dann aber auch schon gewesen; bezieht man die sich in der Öffentlichkeit abspielenden Szenen nicht mit ein. So gesehen ist es schade, dass der Film keine nennenswerte Entwicklung aufweist, bei der man das offensichtliche Mysterium entweder a) zusätzlich füttert, oder b) versucht aufzulösen. Mehr noch; es geschieht etwas, was man unbedingt hätte vermeiden müssen: es entstehen keine inhaltlichen Fragen, die über den simplen Hintergrund der Fähigkeit (und der damit zusammenhängenden Immunität) hinausgehen. Auch wird kaum deutlich, welche Bedeutung die Fähigkeit eigentlich in einem größeren Kontext haben könnte – wenn man den zweifelhaft ‚Begabten‘ merkwürdigerweise nur in kleinkriminelle Angelegenheiten verwickelt.

Damit einhergehend spielt es auch keine große Rolle, woher die Charaktere kommen und was sie im Kern ausmacht – HAUNTERS genügt hier eine vergleichsweise simple ‚gut‘ gegen ‚böse‘-Charakterisierung. Etwaige Versuche, dem Ganzen etwas mehr abzugewinnen (beispielsweise in Bezug auf die kurze Kindheitsszene oder das offenbar markante Mutter-Sohn-Verhältnis) laufen entweder ins Nichts, oder werden gleich von vornherein als Belanglosigkeiten abgestempelt. HAUNTERS geht es um das hier und jetzt – und nicht um das wie, woher oder warum. Gerade hier hätte man sich ruhig eine Scheibe von Genre-nahen Mangas oder Animes abschneiden können (Stichwort DEATH NOTE), in denen die Charaktere weitaus nachvollziehbarer agieren und die Hintergrundgeschichte nach und nach entschlüsselt wird; immer mehr Geheimnisse ans Tageslicht kommen. Das einzige Geheimnis von HAUNTERS dagegen ist, wer den Zweikampf letztendlich für sich entscheiden kann – und welche Opfer mit in das Elend hineingezogen werden könnten. Doch reicht das wirklich aus, um einen Mystery-Thriller wie diesen sehenswert zu machen ? Erwartet man nicht gerade einige vielleicht gewagte Thesen, mehr oder weniger hanebüchene Spinnereien, vielleicht gar einen Hauch von (ernsthafter) Philosophie ?

Davon gibt es in HAUNTERS keine Spur. Weder werden Hintergründe inhaltlich untermauert, noch akute Handlungen – alles geschieht offenbar aus einer Laune heraus, und mündet so in einem recht belanglosen Gesamteindruck. Bei einer Prämisse wie dieser, die ohne Zweifel als weltbewegend einzustufen wäre – eine fatale Entwicklung. Somit versagt der Film vor allem hinsichtlich der Ausarbeitung eben jener spannenden Grundidee – doch auch davon abgesehen finden sich noch weitere Fehler, oder zumindest Merkwürdigkeiten, die über den gesamten Verlauf des Films anzutreffen sind. Besonders die Frage, warum es den Machern ausgerechnet ein Pfandleihhaus angetan hat, bleibt ein großes Rätsel – die Szenen die sich hier abspielen wirken sehr unstimmig. Auch, da ein schwer zu bestimmender, makaberer Unterton vorherrscht, der leicht ins witzig-komische driftet. Später, das heißt inmitten des Zweikampfes, wirken solche Szenen schon passender – beispielsweise, wenn Kyu-nams Schrottplatz-Kollegen (einer stammt aus der Türkei, einer aus Ghana) mit aller Macht versuchen, ihm zu helfen – was aber leider nicht ganz so gut klappt. Aber auch diese Elemente haben zwei Seiten: einerseits lockern sie den Film auf, machen Laune – andererseits aber wollen sie nicht so recht zur grundsätzlich düsteren, ernsten Grundstimmung des Films passen.

Fazit: Schade – weder kann der telekinetisch begabte Kyu-Nam als markanter Superbösewicht überzeugen (wobei er dies gar nicht hätte sein müssen, aber bitte mehr als ein blosser Räuber); noch sein Gegenspieler Cho-In als glaubwürdiger und nachvollziehbar agierender, durch-und-durch guter Gegenspieler. Die Charaktere, und vor allem deren Hintergründe und Ambitionen sind äußerst mau ausgearbeitet, vieles scheint nach dem Zufallsprinzip abzulaufen – und etwaige Erklärungsversuche sind verdächtig oberflächlich oder laufen komplett ins Leere. Die Grundidee ist spannend, dabei ebenso simpel wie ungewöhnlich – und hätte so viel mehr hervorbringen können als eine merkwürdig eingeschränkte Auseinandersetzung zweier Charaktere, die offenbar nicht einmal wissen, warum sie sich überhaupt bekämpfen. Sicher, letztendlich geht es immer um den wiederkehrenden Kampf zwischen dem guten und bösen; dem Ying und Yang in ständiger (und manchmal aufreibender) Koexistenz… doch einen etwas stimmigeren Aufbau, ein aufwendigeres Story-Gerüst sollte man sich schon leisten, will man nicht in der Masse untergehen. Dennoch bietet HAUNTERS grundsolide, und vor allem etwas… andere Unterhaltung, und ist aufgrund der relativen Manga- und Anime-Nähe vor allem Fernost-Fans zu empfehlen.

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„Für Freunde des Ungewöhnlichen. Nicht perfekt, aber immer noch besser als so mancher Hollywood-Erguss zum Thema.“

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