Spieletest: BIOSHOCK INFINITE (2013, PC)

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Originaltitel: Bioshock Infinite
Entwickler: Irrational Games
Publisher: 2K Games / Sports
Land: USA
USK: Ab 18
Genre: Ego-Shooter
Tags: System Shock | Bioshock | Rapture | Elizabeth | Booker DeWitt | Comstock

Ein geradezu himmlisches Spielerlebnis.

Inhalt: Im Jahre 1912 steigen die Vereinigten Staaten immer deutlicher zu einer Weltmacht auf. Um sich auch in Zukunft gegen etwaiger Widersacher verteidigen zu können, und gleichzeitig auch um ein gewaltiges Symbol der Macht zu besitzen, erschufen einige findige Wissenschaftler eine Wolkenstadt – Columbia. Diese vermag es, mithilfe neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse hoch oben in den Wolken zu schweben; und kann sowohl als friedlicher Zufluchtsort als auch für die Kriegsmaschinerie benutzt werden. Eines Tages aber kommt es zu einem Eklat – mit der Folge, dass sich die Verantwortlichen in Columbia gezwungen sehen, ihr direktes Bündnis mit den Vereinigten Staaten aufzugeben. Die Stadt verschwindet daraufhin spurlos in den Wolken – und ist für einen Großteil der Menschheit nicht mehr zugänglich. Einen Großteil – doch gibt es noch immer Mittel und Wege, die Stadt zu erreichen. So wird auch ein ehemaliger Pinkteron-Agent namens Booker DeWitt von ominösen Auftraggebern entsandt, um eine gewisse Elizabeth aus der Stadt zu befreien. Die junge Frau wird  offenbar innerhalb der Mauern eines großen Turms des allgemeinen Oberhauptes von Columbia, Lord Comstock, gefangengehalten – und das schon seit ihrer Geburt. Was es aber genau mit Elizabeth auf sich hat, und welche Geheimnisse die Wolkenstadt noch offenbart, muss letztendlich vom Spieler selbst herausgefunden werden.

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Kritik: Gute 5 Jahre nach dem ersten BIOSHOCK-Titel für den PC, die X-Box 360 und die Playstation 3 erscheint mit BIOSHOCK INFINITE ein weiterer Teil eines berühmt-berüchtigten Franchises, dessen Geschichte eigentlich noch viel weiter zurückgeht. Denn grundsätzlich konnte man bereits BIOSHOCK als Sequel bezeichnen – eines, welches als inoffizieller Nachfolger der noch bekannteren SYSTEM SHOCK-Reihe fungiert. Schon damals war ein gewisser Ken Levine direkt in die Gestaltung des Spiels involviert – der Mann, der später auch Irrational Games gründen sollte. Ein wohl passend erscheinender Name für ein Studio, welches sich nun auch einem Videospiel wie BIOSHOCK INFINITE widmete. Ein Spiel, welches vor allem eines nicht ist – ein gewöhnliches. Schon immer lagen der Reihe gewisse Besonderheiten und Merkmale zugrunde, mit denen man sich bewusst von der Konkurrenz abzuheben wusste. Mitunter konnten das das grafisch aufwendige, atmosphärische und detailgetreue Design auf der einen, oder aber die markante inhaltliche Komponente auf der anderen Seite sein. Und so ist es auch kein Wunder, dass BIOSHOCK INFINITE vor allem in diesen beiden Bereichen enorme, wenn nicht gar in dieser Form noch niemals erreichte Stärken an den Tag legt.

Denn: BIOSHOCK INFINITE ist nicht nur ein wahrer Story- und Chrakterkoloss geworden, sondern auch noch ein extrem hübsches Spiel mit enormen Schauwerten. Und es dauert nicht lange, bis der Spieler dessen gewahr wird: schon in den ersten Spielminuten, die sich mit der Ankunft an einem verlassenen Leuchtturm und der darauf folgenden, spektakulären Reise nach Columbia beschäftigen; ist das Interesse geweckt. Was dann folgt, ist eigentlich nur noch mit Ausdrücken des schieren Staunens zu beschreiben: die ersten Minuten in Columbia sind derart beeindruckend und intensiv ausgefallen, dass es einem kleinen Wunder gleicht. Denn grundsätzlich hat man hier noch nicht allzu viel zu tun, die Interaktionsmöglichkeiten beschränken sich auf ein Minimum – und dennoch wird man sich kaum dabei ertappen, stupide durch die ersten Levelabschnitte zu rennen. Dafür sorgen allein die optisch imposante Gestaltung samt stimmiger Lichteffekte und die markante Architektur – sowie das (friedliche) Leben, welches in den Straßen von Columbia herrscht. Überall gibt es etwas zu entdecken – und seien es bloße Alltagsszenen der Bewohner, die den Spieler begrüßen. Ein großartiges Sounddesign, welches die ohnehin schon überwältigenden optischen Eindrücke unterstützt, rundet den perfekten Ersteindruck ab. Bis, ja bis es zu einem ersten entscheidenden Spiel-Ereignis kommt.

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Ab diesem Zeitpunkt ist nichts mehr so, wie es war: COLUMBIA enthüllt sein wahres Gesicht, und sorgt so für die erste durch-und-durch verstörende Spielererfahrung. Eigentlich war abzusehen, dass die Bilderbuchstimmung nicht lange aufrechterhalten werden würde – und doch kommt der Stimmungswandel überraschend, und beschäftigt den Spieler entsprechend nachhaltig. Plötzlich zeigt BIOSHOCK INFINITE seine andere Seite, respektive seinen eigentlichen spielerischen Kern – schließlich handelt es sich in erster Linie um einen Shooter, und keine bloße Kunstgallerie; die ihr Sujet am ehesten im sakralen und barocken gefunden hätte. Aber auch wenn der Moment des Wandels und die ersten Shooter-Erfahrungen durchaus ihre Eingewöhnungszeit benötigen, ist man relativ schnell wieder bei der Sache. Das liegt vor allem in den inhaltlichen Aspekten des Spiels begründet, die erst jetzt richtig zum Zuge kommen. Man ballert sich – im Gegensatz zu vielen Konkurrenzprodukten – eben nicht sinnlos durch die Levels, sondern ist stets einer großen Wahrheit auf der Spur – eine, die dem Spieler nur häppchenweise und äußerst kryptisch serviert wird. Wenn überhaupt – BIOSHOCK INFINITE ist letztendlich so komplex ausgefallen, dass mehrere Interpretationsmöglichkeiten und viel, viel Raum zum Staunen und philosophieren angeboten werden.

Der Shooter-Part spielt sich dementsprechend gut – weil er sich nicht nur spielerisch gut anfühlt, sondern auch auf eine gehörige inhaltliche Komponente gebettet ist. Und es gibt zahlreiche weitere Reize und Ideen, die das Spiel so gesehen einzigartig machen. Sei es das interessante Schienensystem samt Enterhaken, das Waffen- und Spezialfähigkeiten-System, die Verkaufsautomaten mit Munition und Upgrades; und selbstverständlich auch die spätere Interaktion mit Elizabeth. Diese kommt dem Spieler dabei aber nicht in die Quere, sondern ist ihm bei seiner Reise sogar außerordentlich behilflich. Sie knackt Schlösser, sucht hilfreiche Gegenstände (per Hinweis oder per Zuwurf), und hat immer den ein oder anderen Spruch parat. Wie im übrigen auch die eigene Spielerfigur selbst – die nicht wortlos durch die Gegend läuft, sondern auch über das Geschehene und Erledigte reflektiert. Das sorgt noch einmal für einen zusätzlichen Atmosphäre-Boost, da man keine namens- und emotionslose Figur steuert, deren Schicksal dem Spieler relativ egal ist. Auch die Vielfalt der Gegnertypen ist ansehnlich: von normalen Polizisten über spezielle Regierungstruppen und Regierungsgegner bis hin zu Geist-Wesen, Maschinen und regelrechten Boss-Gegner (die Handyman) ist vieles dabei. Die Gegner verhalten sich hierbei auch recht glaubwürdig, indem sie Deckung suchen – in den meisten Fällen. Oftmals rennen sie allerdings auch direkt auf den Spieler zu, was manchmal sinnvoll (im Sinne der Verzweifelung), andere Male eher unpassend (im Sinne eines sehnsüchtigen Todeswunsches) erscheint.

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Der Schwierigkeitsgrad ist dabei jederzeit im Optionsmenü veränderbar. Empfehlenswert ist indes das Spielen auf der höchsten Stufe – zumal die Spielertode kaum bestraft werden. Man wird nur in Ausnahmefällen an den letzten Speicherpunkt zurückversetzt – meistens wird man auf eine seltsame, aber für das Spiel doch stimmig erscheinende Art und Weise wiederbelebt. Selbst ein unvorsichtiger Schritt ins Bodenlose hat so kaum folgen – man wird einfach wieder an den nächstgelegenen Ort zurückversetzt, ganz ohne Verluste. Ein kleines Problem gibt es dann aber doch mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad. Zwei oder drei Momente fühlen sich in diesem Sinne etwas unfair an – nämlich zwei bestimmte Bosskämpfe mit einem Geistwesen, und ein Kampf auf dem Deck eines Luftschiffes gegen Ende. Hier hilft Taktik nur wenig, man ist eher dazu angehalten möglichst stupide draufzuhalten und seine Spezialfähigkeiten bis zum letzten zu aktivieren. Ebenfalls interessant: Elizabeth kann bestimmte Gegenstände per (Dimensions-)Riss in die Welt befördern – Waffen, Munition, Deckungen oder Verteidungsroboter etwa. Das ist in den meisten Fällen aber nicht so hilfreich wie es scheint, und zudem werden so manche Abschnitte vorhersehbar – die ‚Risse‘ tauchen nämlich nur an bestimmten Orten auf, die schon vor den Kämpfen zu sehen sind. Kommt man also in einen Raum mit vielen dieser Risse – so ist es nicht weiter überraschend, wenn kurz darauf ein weiterer der größer angelegten Kämpfe stattfindet.

Die Fragte ist aber, ob ein Spiel wie dieses noch weitere, vielleicht gravierende Schwachpunkte hat. Hier könnte man grundsätzlich zwei völlig differenzierte Antworten geben. Sie wird nein lauten, wenn man das Spiel in seiner Gesamtheit, als Gesamterlebnis betrachtet – bei dem man atmosphärisch so tief in die Materie versunken ist, dass man vieles verzeihen kann und wird. Sie wird aber vielleicht doch eher ja lauten, wenn man das Spiel Stück für Stück, das heißt häppchenweise und Spielabschnitt für Spielabschnitt betrachtet. Das liegt allein daran, dass es einige markante spielerische Höhepunkte gibt – und das Dazwischenliegende den Spieler nicht immer entsprechend bei Laune hält, ähnlich intensiv fesselt. Etwaige Knackpunkte könnten hier das allgemein recht schlauchige (trotz vermeintlicher Wolkenstadt-Freiheit) Leveldesign, die sich einstweilen etwas zu repetitiv anfühlenden Ballerpassagen oder die doch arg kryptische Erzählweise sein. Diese lässt zwar reichlich Spekulationsmöglichkeiten entstehen, erst Recht wenn es auf das unglaubliche Ende zugeht – doch ein oder zwei Fragen mehr hätte man vielleicht doch noch beantworten, respektive besser erklären können. Ebenfalls etwas schade ist, dass sich die Rollenspiel-Elemente in Grenzen halten: COLUMBIA ist letztenendes alles andere als eine Open-World, es gibt kein Skillpunkte- oder Moralsystem; die Updates oder Verbesserungen die es gibt sind allein dann verfügbar, wenn der Spieler ausreichend Kleingeld gesammelt hat. Und selbst dann sind sie nicht immer besonders effektiv – beispielsweise wenn man eine Waffe maximal verbessert hat, einem der Munitionstyp aber einfach ausgegangen ist. So viel Platz hat man nämlich nicht im (nicht vorhandenen) Inventar, dass lediglich 2 Waffen und ein wenig Munition beherbergt – als Ausgleich wurden überall Verkaufsautomaten aufgestellt. Die sind zwar eine gute Idee und hilfreich, doch in dieser Masse wirken sie etwas unglaubwürdig.

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Um einen besseren Überblick über die Positiv- und Negativaspekte des Spiels zu erhalten, im folgenden eine genaue Aufstellung (blau bedeutet positiv, schwarz neutral, rot negativ):

Inhalt / Story
  • Atmosphärisch dichte, intensive Hauptstory
  • Hauptcharaktere mit vielen Sprechparts und Interaktionen
  • Viele gewagte, verrückte oder schlicht geniale Ideen
  • Spektakuläres Ende, welches lange beschäftigt
  • Äußerst kryptische Erzählweise, offene Fragen

9/10

Grafik / Design
  • Überwältigendes Wolkenstadt-Design
  • Üppig ausstaffierte Levels
  • Lebendigkeit im Kleinen und Großen
  • Viele Details und Gimmicks (wie Plakate)
  • Tolle Sonnen-, Wasser-, Feuer- und Explosionseffekte
  • Hübsches Charakterdesign
  • Markant gestalteter ‚Songbird‘

10/10

Sound
  • Atmosphärische Sprecher
  • Toller Soundtrack
  • Große akustische Vielfalt

10/10

Spielwelt, Umfang
  • Markante Wechsel von friedlichen und Shooter-Momenten
  • Viele unterschiedliche Gegnertypen
  • Großes Waffenarsenal
  • Erweiterbare Spezialfähigkeiten samt Mana- bzw. Salz-System
  • Hoher Wiederspielwert
  • Etwas karger Rollenspiel-Part und vereinfachtes Spielprinzip
  • Schlauchiges Leveldesign
  • Immer nur ein Weg zur Lösung
  • Ausschließlich konventionelle Waffen

8.5/10

Bedienung, Komfort, Bugs
  • Frei einstellbarer Schwierigkeitsgrad
  • Gutes Wiederbelebungs-System
  • Vergleichsweise niedrige Hardwareanforderungen
  • Etwas maues Inventar
  • Teils etwas unfaire Bosskämpfe

9/10

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Fazit: BIOSHOCK INFINITE ist tatsächlich ein denkwürdiges Spiel geworden – eines, dass im Jahre 2013 wohl keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr bekommen wird. Denn nicht nur, dass das Spiel außerordentlich gut geworden ist und nur eher zu vernachlässigende Schwachpunkte besitzt – es ist zudem äußerst benutzerfreundlich programmiert. Das bedeutet, dass die Hardwareanforderungen im Vergleich zu anderen neueren Titeln wie CRYSIS 3 oder FAR CRY 3 verschwindend gering sind – und das Spiel dennoch verdammt gut, aufgrund der optischen Genialität und Unvergleichbarkeit vielleicht sogar noch besser aussieht. Ebenfalls hervorzuheben sind die Empfehlungsmöglichkeiten des Spiels: nicht nur beinharte Shooter-Fans werden voll auf ihre Kosten kommen, sondern auch Freunde einer möglichst intensiv porträtierten Spielwelt samt einer atemberaubenden, komplexen Hintergrundgeschichte. Die vielleicht sogar noch ein stückweit mehr – denn einen Großteil der Wirkung erzielt BIOSHOCK INFINITE in jenen erzählerisch starken Momenten, in denen die Waffen schweigen.


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„Starkes Spiel mit starker Story.“

2 Gedanken zu “Spieletest: BIOSHOCK INFINITE (2013, PC)

  1. hehe ich konnte ja nicht ahnen, dass die Kritik vergleichsweise soooo gut ausfällt 🙂
    Ich habs immer noch nicht geschafft, es zuende zuspielen, aber ich finde es auch klasse.

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    1. Definitiv das Beste der neueren Games, die ich schon zocken konnte / durfte !
      Würde Dir empfehlen nochmal von vorne zu zocken wenn Zeit / Lust da ist, dann ist das Ganze ein intensiveres Erlebnis… zumal die Story gegen Ende wahrlich EPISCHE Ausmaße annimmt 😉

      Nun habe ich noch das neue SPLINTER CELL herumliegen, auch schon angetestet… aber ich denke, das wird mich ebenfalls nicht vom Hocker hauen. Wenn schon Schleichen, dann vielleicht doch eher das neue THIEF…

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