Spieletest: RAGE (2011, PC)

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Originaltitel: Rage
Entwickler: id Software
Publisher: Bethesda
Land: USA
USK: Ab 18
Genre: Action
Tags: Rage | Ödland | Wüste | Einsiedler | Autorennen | Canyons | Abenteuer

Große Ambitionen, bescheidenes Ergebnis ?

Inhalt: In naher Zukunft stürzt ein riesiger Asteroid auf die Erde, und macht sie für lange Zeit unbewohnbar. Um das Überleben der Menschheit zu sichern, wurden vorab die sogenannte Archen erschaffen – hochmoderne, von der Regierung entwickelte Kapseln, die tief unter der Erde schlummern und zumindest einige Menschenleben und Informationen bewahren sollen. 107 Jahre nach dem Einschlag erwacht nun der Spieler aus dem Kälteschlaf einer eben solcher Archen, und findet sich in einem verwüsteten Ödland wieder. Er hat jedoch kaum Zeit, sich an die für ihn neuartige Umgebung zu gewöhnen – er wird von einem mutierten Wesen attackiert, und nur knapp von einem Fremden gerettet. Der stellt sich prompt als Dan Hagar vor, und führt den Spieler in eine kleine Siedlung, in der weitere Überlebende warten. Bald darauf dringt der Spieler tiefer in die neue Welt vor, und findet sich inmitten heftiger Bandenkriege und einem Kampf zwischen der noch immer existierenden Regierung und dem geformten Widerstand wieder. Doch welche Geheimnisse sind es wirklich, die ein friedliches Zusammenleben nach der Katastrophe derart erschweren ?

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Ein wenig wie FALLOUT, ein wenig wie BORDERLANDS…

Kritik: Es hätte alles so schön werden können, so schön werden sollen. RAGE ist das quasi-Comebackspiel des kultigen Entwickler-Studios ID-Software; welches keinen geringeren Status innehat als den des Erfinders der Ego-Shooter. Als aussagekräftiges Stichwort sei an dieser Stelle die berühmt-berüchtige DOOM-Reihe erwähnt, die viele PC-Fans; vor allem die der ersten Sunden; kennen werden. Mit der für das Studio neuerlichen Mischung aus Open-World und klassichem Shooter sollte nun, und im Jahre 2011 eine neue Spiele-Ära eingeleitet werden – eine, die sowohl Shooter-Fans der alten Schule und Freunde etwas Rollenspiel-lastigerer Endzeit-Spiele begeistern sollte. Möglich machen sollte dies auch eine neue Grafik-Engine, die in RAGE erstmals um Einsatz kommt: die sogenannte id Tech 5. In Anbetracht der grundsolide wirkenden Story, die mit ihren Archen nicht von ungefähr an die Begebenheiten um die Untergrund-Vaults aus FALLOUT 3 erinnert, scheint alles auf ein markantes Spiele-Erlebnis hinzuweisen, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Ob dies tatsächlich so ist, oder ob RAGE letztendlich doch an zu hoch gestreckten zielen scheitert, soll an dieser Stelle versucht werden zu erläutern.

Klar dabei ist, dass RAGE vor allem hinsichtlich seines Ersteindrucks hat zu kämpfen hat. Denn: so richtig stimmig wirkt die Spielwelt, die man als unvoreingenommer Spieler erstmals und voller Vorfreude auf ein gelungenes Spiel betritt; nicht. Das kurze Render-Intro ist noch ganz nett und sorgt für Spannung, doch bereits in den ersten Minuten des tatsächlichen Spiels fallen vor allem zwei Dinge ins Auge: die Grafik, die auch im weiteren Verlauf immer wieder für höchst gemischte Gefühle verantwortlich gemacht werden kann; und die vergleichsweise enorm eingeschränkt wirkende Open World. Bereits von Anfang an wird man von einem Wegpunkt zum anderen, von einer Mission zur nächsten geführt – ohne die Möglichkeit, die Welt frei zu erkunden. Entscheidet man sich dennoch dazu genau dies zu tun, entstehen mindestens zwei Probleme: zum einen wird man so Gebiete betreten, die man später erneut in Missionen erkunden soll; und zum anderen (was deutlich gravierender wiegt) gibt es davon abgesehen auch gar nicht so viel zu entdecken. Die in RAGE präsentierte, letztendlich doch arg lineare Ödland-Welt bleibt alles in allem übersichtlich, unspektakulär, und etwas lieblos gestaltet.

So kann man kaum anders, als sich vor allem in den ersten Stunden zielgerichtet führen zu lassen – von NPC’s, zu denen man kaum eine Bindung herstellen kann. So schnell und plötzlich man sie kennenlernt, so schnell geht man auch schon wieder neue Wege – und zieht grundsätzlich in bester Einzelkämpfer-Manier durch das Ödland. Das wäre noch kein Problem, könnte man sich zumindest mit der Spielerfigur selbst identifizieren – doch ein Charakterporträt hat man hier schlicht nicht vorgesehen. Nicht einmal oberflächliche Randdaten kann man in Erfahrung bringen – wie beispielsweise etwas derart banales wie den blossen Namen der Figur. Auch hört man in Gesprächen mit NPC’s niemals seine Stimme, und hat in Dialogen nicht viel mehr Freiheiten, als Aufträge Anzunehmen oder Abzulehnen. Das ist wahrlich etwas mau für ein Spiel, welches nun – und neben den Shooter-Elementen – auch noch mit möglichst stimmigen Ansätzen einer Open World punkten will. Denn zu der gehören bekanntlich auch möglichst markante Charaktere.

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Ein SEHR traditionelles Bosskampfsystem wie hier kommt glücklicherweise nur ein einziges Mal vor

Erst im weiteren Verlauf des Spiels stellt sich diesbezüglich eine dezente Besserung ein. So kann man zumindest ab dem markanten Gebietswechsel (knapp nach der Hälfte des Spiels) atmosphärisch bemerkenswerter in die Geschichte einsteigen; und bekommt erstmals das Gefühl, dass die Welt von RAGE doch etwas größer sein könnte. Und vor allem: das im wahrsten Sinne des Wortes etwas auf dem Spiel steht, so wenig auch auf die eigentliche Haupthandlung eingegangen wird. Man muss sich allerdings auch hier mit Bruchstücken zufrieden geben – und das beste aus der Situation machen. Das heißt vor allem in den beiden größeren Städtchen des Spiels: sich mit allerlei Wüsten-Rennen etwas dazuverdienen, Nebenquests annehmen, oder die Zeit mit (etwas merkwürdigen) Minispielen totschlagen. Das Ziel der eher nebensächlichen Aufträge und Möglichkeiten: eine bessere Ausrüstung, Munitions-Nachschub, verbesserte Fahrzeuge – und letztendlich auch das Erlangen von sogenannten Bauplänen, mit denen man teils kuriose Gegenstände herstellen kann. Mit eben jener kurzen Beschreibung wären indes auch schon alle Rollenspiel-Elemente von RAGE abgehakt – ein Skillpunkte- oder gar Moralsystem gibt es nicht.

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Hat hier jemand seine Maske vergessen… ? Mutantenseuche FTW !

Das eigentliche Problem von RAGE sind aber eher die vielen kleineren Unstimmigkeiten, die sich letztendlich zu einem großen, auffällig störenden Ganzen vereinen. Dies beginnt bereits mit der Grafikengine, die teils eine gute Figur macht (vor allem in Sachen Lichtstimmung) – andererseits aber noch mit vielen Kinderkrankheiten zu kämpfen hat. Eben solche, die man in Bezug auf ein eigentlich fertiges Spiel unbedingt hätte vermeiden müssen – wie das markante, ständige Nachladen der Texturen. Doch auch davon abgesehen hängt man selbst früheren Titeln einer ähnlichen Genre-Sparte hinterher – die Texturen wirken vor allem in der Nahansicht äußerst verwaschen, die Umgebungen sind größtenteils detailarm. Weitere Ärgernisse finden sich vor allem auch in Bezug auf die Spielmechanik. Grundsätzlich handelt es sich dabei eigentlich um Feinheiten; doch wenn sie sich derart auffällig mehren, ist es beinahe unmöglich über sie hinwegzusehen. Einige Beispiele: vom Gegner fallen gelassene Waffen bleiben nicht liegen, sondern lösen sich in Luft auf. Warum das so ist, liegt auf der Hand: man soll neue Waffen ausschließlich von Questgebern erhalten; was zur Folge hat, dass man nicht einmal mit ihnen handeln kann. Die Fahrzeuge steuern sich grundsätzlich annehmbar, doch sind ausgerechnet die Bremsen zu stark – eine vielleicht merkwürdige Feststellung, doch die merkwürdige Raserei mit ständigem Turbo-Boost und abrupten Stopps fühlt sich schlicht deutlich zu Arcade-lastig an.

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Gerade in den Nahansichten sieht man oft nur erschreckenden Pixelbrei, der seine Wirkung absolut verfehlt…
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… während vor allem die kleinen Städtchen schon eher zu gefallen wissen.
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Und das sogar von ‚innen‘, und in der (relativen) Nahansicht.
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Am eindrucksvollsten bleiben aber die Kämpfe, und insbesondere die stärkeren Zwischengegner
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Die Aussenwelt hat dagegen eindeutig zu viel von FALLOUT 3… hinkt dem 3 Jahre älteren Titel aber stark hinterher
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RAGE bleibt somit etwas identitätslos, wie auch die Spielerfigur – die man nur mit diesem Trick zu Gesicht bekommt

Und es geht weiter: die Missionen selbst strotzen ebenfalls nicht gerade vor Einfallsreichtum. Oft geht es nur darum, irgendeinen Gegenstand zu beschaffen oder ganze Gegner-Lager auszuschalten. Ärgerlich: viele Gebiete wird man mehr als einmal bereisen (müssen), ob man will oder nicht. Das haben die Entwickler offenbar selbst als Missstand erkannt, ihn aber nicht behoben. Im Gegenteil, im späteren Verlauf zelebriert man dieses Prinzip geradezu, als man den Spieler um weiten Male in die sogenannte Totenstadt schickt – nur rückwärts, wobei die Mission dann passenderweise tdatsnetoT genannt wurde. Auch die vielen Zeit- und Kampfrennen neigen schnell dazu, sich auffällig zu gleichen – immer wieder geht es über die gleichen, oder zumindest ähnlichen Strecken und Parcours. All das spricht gegen das Prinzip der Open-World – bei dem RAGE wahrlich keinen Blumentopf gewinnen kann. Es bleiben also vornehmlich die Shooter-Elemente, an denen es zweifelsohne ist, das Spiel noch halbwegs zu retten.

Und tatsächlich: man merkt dem Spiel an, dass sich ID-Software auf diesem Gebiet deutlich besser auskennt. Die Ballereien sind intensiv, fordernd – und wirken vor allem durch die hervorragenden Gegner-Animationen äußerst ansehnlich und spannend. Schließlich kann man beinahe nie wissen, welchen Weg ein Gegner nun wählen würde – sie wandeln mit Geschick über allerlei Hindernisse, klettern, ducken sich, fallen den Spieler aus dem Hinterhalt an. Dies gilt vor allem für die Mutanten – die menschlichen Widersacher gehen vor allem gerne in Deckung, und attackieren den Spieler mit intensiveren (wenn auch oftmals geskripteten) Taktiken. Ein Highlight sind auch die extravaganten Bossgegner – die zwar nicht allzu oft vorkommen, aber wenn, einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Im Zusammenspiel mit der relativen Gegnervielfalt, dem abwechslungsreichen Waffenarsenal und den zusätzlichen Möglichkeiten durch Bausätze und Spezialmunitionstypen entsteht hier der erste zweifelsfrei starke Aspekt in und an RAGE. Leider bleibt es größtenteils dabei – alles andere wirkt weder sonderlich innovativ (Stichwort FALLOUT-Nähe), noch gut umgesetzt. Um einen besseren Überblick über die Positiv- und Negativaspekte des Spiels zu erhalten, im folgenden eine genaue Aufstellung:

Grafik
  • Markanter Endzeit-Look
  • Tolle Lichtstimmungen
  • Schicke Charakter-, Fahrzeug und Waffendesigns
  • Texturen laden auffällig oft nach
  • Texturen in der Nahansicht matschig
  • Oftmals detailarme Umgebungen
  • Wenig markante optische Highlights
  • Gesamtaufmachung im Vergleich zu starken Endzeit-Titeln wie FALLOUT 3 eher enttäuschend
Sound
  • Atmosphärische Sprecher
  • Geschehen wird musikalisch stets passend untermalt
  • Stellenweise etwas zu aufdringlich wirkender Soundtrack
Spielwelt, Umfang
  • Theoretisch frei erkundbare Open-World
  • Mitreißende Shooter-Passagen
  • Fordernde Gegner und Bosse
  • Nebenquests, Minispiele und Achievements als Möglichkeiten
  • Kleine, repetitive Open-World
  • Zu wenig Interaktionsmöglichkeiten mit der Umgebung
  • Immer nur ein Weg führt zum Ziel
  • Schlecht umgesetzte Levelgrenzen
  • Selbst kleine Steine werden zu unüberwindbaren Hindernissen
  • Gegner ‚warten‘ auf Auslöser seitens des Spieler
  • Wenig packende, mau erzählte Hauptstory
  • Enttäuschendes, überraschungsarmes Finale
  • Charaktere, vor allem der eigene, bleiben eher blass
  • Reise in bereits bereiste Gebiete unvermeidbar
  • Kaum Atmosphäre in den ersten Spielstunden
  • Beliebig wirkendes Respawnen von Gegner-Fahrzeugen
Bedienung, Komfort, Bugs
  • Frei einstellbarer, sich auswirkender Schwierigkeitsgrad
  • Komfortable Schnellspeicher-Funktion
  • Gutes Inventar-System
  • Spiel läuft nur über Steam
  • Unfaire automatische Speicherpunkte (beispielsweise nicht einmal nach Bossgegnern) – Schnellspeichern ist Pflicht
  • Merkwürdige Fahrzeug-Steuerung (Dauer-Turbo + starke Bremse)
  • Spielmechanik vergleichsweise simpel und Arcade-lastig

Fazit: RAGE ist wahrlich alles andere als eine Offenbarung – zumindest in Bezug auf das Spiel als Gesamterlebnis. Einzig die guten Shooter-Elemente machen es überhaupt erst spielenswert – in allen anderen Belangen hat sich ID Software deutlich vergriffen. Viel zu eingeschränkt wirken die Open World und die damit eigentlich einhergehenden Möglichkeiten, viel zu blass bleiben Story und Charaktere, viel zu abgedroschen wirken die halbherzigen Rollenspiel-Elemente. Alles in allem kann somit keine Empfehlung ausgesprochen werden; zumal die Gesamt-Spielzeit vergleichsweise gering ausfällt (wenn man die Rennen nicht einkalkuliert) und der Wiederspielwert gegen 0 tendiert. Das ist schade – aber vielleicht wird es ja mit dem nächsten ID-Titel wieder besser. Am besten wäre es wohl, man setzt wieder auf einen klassischen Shooter – vielleicht ja mit ähnlich tollen Gegneranimationen und denkwürdigen Baller-Momenten. Vor allem aber muss an der Engine geschraubt werden – viele Spieler fühlten sich diesbezüglich nicht zu unrecht verärgert.


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„Noch spielbar – aber insgesamt eine herbe Enttäuschung.“

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