Metal-CD-Review: TIERRA MYSTICA – Heirs Of The Sun (2013)

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Alben-Titel: Heirs Of The Sun
Künstler / Band: Tierra Mystica (mehr)
Land: Brasilien
Stil / Genre: Folk / Power Metal
Label: Keins / Independent

Alben-Lineup:

Rafael Martinelli – Bass
Fabiano Müller – Guitars, Violin
Alexandre Tellini – Guitars, Violin
Luciano Thumé – Keyboards
Ricardo Chileno – Vocals, Guitars (Acoustic), Ocarina, Charango, Craviola, Bombo
Gui Antonioli – Vocals
Duca Gomes – Drums

Track-Liste:

01. When the New Dawn Arrieves
02. Vision of the Condor
03. Essence of Pride
04. Myths of Creation
05. Men of Earth [Mapuche]
06. Shine, Once Again
07. Gate of Gods [Hayu Marca]
08. The Rise of the Feathered Serpent [Quetzacóatl]
09. Llanto de mi tierra
10. Inti Sunset

Exotische Instrumente und reichlich brasilianisches Feuer.

TIERRA MYSTICA sind eine 7-köpfige Folk / Power Metal-Band aus Brasilien, von der man eventuell noch nicht allzu viel gehört hat. Leider, muss man sagen – denn bereits mit ihrem 2010’er Album A NEW HORIZON COMES… haben die findigen Brasilianer dem Titel nach nicht zu viel versprochen, und ein recht extravagantes Power Metal-Album mit einem unbestreitbaren Einzigartigkeitsfaktor abgeliefert. Umso schöner ist es, dass sich die Combo nun mit einem neuen Studioalbum, HEIRS OF THE SUN betitelt, zurückmeldet. Sicher ist es nicht üblich, dass eine Power Metal-Band aus 7 Mitgliedern besteht – doch auch wenn etwaige Bandfotos so gleich ein stückweit beeindruckender wirken, setzen TIERRA MYSTICA nicht auf blosse Schauwerte. Der siebte, sich über den gängigen 5 oder 6 Posten (bei 2 Gitarristen) ansiedelnde Platz ist in diesem Fall für Ricardo Chileno reserviert. Jener Musiker ist speziell für den ureigenen, mystisch-folkigen Sound der Band verantwortlich – und steuert so einen nicht unerheblichen Teil zur Gesamtwirkung von TIERRA MYSTICA bei.

Schließlich ist er der Band nicht nur in gesanglichen Belangen behilflich – er spielt auch alle traditionellen Instrumente, wie sie nun auch auf HEIRS OF THE SUN zu hören sind. Bis auf die Okarina sollten jene besonders hierzulande eher unbekannt sein – was den exotischen Faktor des Albums, und damit die potentielle Faszinationskraft, noch steigert. Ob es aber erneut für ein Alben-Highlight in der Diskografie der noch jungen, 2007 gegründeten Band reicht, soll an dieser Stelle erörtert werden.

HEIRS OF THE SUN beinhaltet 10 Titel (inklusive eines kurzen Intros) bei einer Gesamtlaufzeit von knapp 55 Minuten – so gesehen ist das noch alles andere als ungewöhnlich. Dass das Album aber kaum mit gängigen Releases – insbesondere jenen der europäischen Power-Metal-Fraktion – zu vergleichen ist, das macht bereits das Intro WHEN THE NEW DAWN ARRIEVES klar. Ausnahmsweise sind hier mal keine explizit schwermetallischen oder pompös-symphonischen Klänge aus der Konserve zu hören – sondern vielmehr beruhigende, südamerikanisch-traditionelle Klänge. Die Melodie, und die fast schon zaghafte, gefühlvolle Handhabung der Instrumente erinnern an ein altes Volkslied – und etablieren eine entsprechend angenehme, für europäische Ohren äußerst frische Atmosphäre. Dann geht es plötzlich über in den Opener VISION OF THE CONDOR – in dem sich nun auch die schwermetallische Komponente hinzugesellt. Wobei, ein hartes oder schweres Album ist HEIRS OF THE SUN sicher nicht geworden, soviel kann man vorweg sagen – TIERRA MYSTICA gehen eher behutsam vor, und sorgen dafür, dass sich die traditionellen Elemente nicht mit den gängigen Elementen des Power Metal beissen.

Das heisst auch, dass man wie im vorliegenden Opener auch mal die (relative) Ruhe für sich sprechen lassen kann – hier wird nichts von einem ausschweifenden Keyboardeinsatz zugekleistert, das Tempo ist gemäßigt; kurzum: alles wirkt irgendwie ehrlich, natürlich, und vor allem auch gut durchdacht. Hinzu kommt die sehr angenehme, wenig aufdringliche Stimme des Leadsängers Gui Antonioli – der auch bei ANAXES tätig ist, die 2010 das schon etwas bekanntere Album ANTHITHESIS – ebenfalls in Eigenregie – auf den Markt gebracht haben. Seine Stimmlage und -Farbe ist eigentlich eher typisch für den Power Metal, ob nun europäischer oder amerikanischer Herkunft – und doch bleibt er im Gedächtnis; bringt gewisse Alleinstellungsmerkmale mit.

Der folgende Titel ESSENCE OF PRIDE zieht nun schon weitaus deutlicher an, was sowohl das Tempo als auch die Power Metal-Komponente betrifft – sodass den Hörer in erster Linie eine mitreißende Uptempo-Nummer erwartet. Aber letztendlich keine typische: anstatt wie viele Konkurrenten auf einen freudigen Mitsing-Refrain zu setzen, drosselt man hier und da das Tempo, streut die traditionellen Instrumente ein – und nimmt sich sogar Zeit für ausführliche Instrumental-Intermezzi. Und die beherrschen TIERRA MYSTICA, ohne Zweifel – denn nicht nur die traditionellen Elemente klingen angenehm arrangiert und wohl dosiert eingesetzt, die Arbeit an den Gitarren (inklusive der Soli) überzeugt ebenfalls. Das beweist auch das epische MYTHS OF CREATION – eine äußerst druckvolle Nummer, die nun doch alle Freunde der beschwingten Refrains bedient, davon abgesehen aber alles andere als vorhersehbar ist. Markant: der aussagekräftige Leadgesang von Gui Antonioli und Ricardo Chileno. Einig das Element des Keyboards in den Strophen könnte hier den ein oder anderen stören – andererseits gestalten TIERRA MYSTICA ihre ohnehin schon vielschichtige Musik so noch abwechslungsreicher.

Mit MEN ON EARTH und SHINE, ONCE AGAIN wird es nun deutlich ruhiger und bedächtiger. Auch wenn man allein aufgrund der besungenen Inhalte kaum von Balladen sprechen kann, stellt sich eine beruhigende, inspirierende Wirkung ein – und ein Gefühl der Entspannung. Sicher ist das genau das richtige nach einem derart starken, bewegenden Auftakt. Nur sollte man hier nichts allzu spektakuläres erwarten – auch wenn der vielfältige Instrumenteneinsatz nach wie vor für ordentlich Stimmung sorgt. Nach einer Ruhephase wie dieser ist es nun natürlich wieder an der Zeit, aus dem Vollen zu schöpfen – und so steigert man in GATE OF GODS wieder Tempo und Druck. Aber eben auch nicht, ohne sich entsprechend abwechslungsreich und vielschichtig zu präsentieren – auch hier sind mehrere Tempi- und Stimmungswechsel vorgesehen. THE RISE OF THE FEATHERED SERPENT bietet so gesehen nicht wirklich etwas neues – mit Ausnahme des wieder zweigeteilten Leadgesangs und des doch recht aufmunternden Refrains. Richtig exotisch wird es dann noch einmal mit LLANTO DE MI TIERRA, dem einzigen in der Landessprache der Band verfassten Titel. Warum nicht ? Abschließend kommt noch das instrumentale Outro INTI SUNSET daher, welches den Kreis zum ebenfalls eher ruhigen, atmosphärischen Intro perfekt schließt. Der einzige Wermutstropfen ist wohl, dass HEIRS OF THE SUN wahrlich kein Album ist, welches man zu jeder Zeit und Gelegenheit konsumieren kann – man muss schon in der Richtung Stimmung und vielleicht auch Umgebung sein, wie auch immer die aussieht.

Fazit: Was für ein Album, was für eine Erfahrung – HEIRS OF THE SUN macht nicht nur in handwerklicher Hinsicht alles richtig, sondern ist zusätzlich mit Adjektiv zu beschreiben, welches man gerade heutzutage auf nicht mehr viele Produktionen anwenden kann: es ist durch und durch einzigartig. So wird dem geneigten Power Metal-Fan, der in diesem Fall lediglich eine gewisse Vorliebe für das folkige; und vielleicht auch andersartige, erfrischende mitbringen sollte, ein kleines Kunstwerk serviert. Eines, dass in vielerlei Hinsicht über jeden Zweifel erhaben ist – und zutiefst ehrlich wirkt. Es gilt, sich sowohl gedanklich als auch klanglich auf die Reise in brasilianische / lateinamerikanische, wenn man so will auch aztekische Gefilde einzulassen – und in eine völlig neue Welt abzutauchen.

Anspieltipps: ESSENCE OF PRIDE, MYTHS OF CREATION, GATE OF GODS

Vergleichsbands: TOCCATA MAGNA

80button

„Exotisch und episch – ein waschechter Geheimtipp“

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