Filmkritik: „The Dentist“ (1996)

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Originaltitel: The Dentist
Regie: Brian Yuzna
Mit: Corbin Bernsen, Linda Hoffman, Michael Stadvec u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 88 Minuten
FSK: Ab 18 freigegeben
Genre: Horror / Thriller
Tags: Dentist | Zahnarzt | Behandlung | Praxis | Charakterporträt | Blutig

Genau das richtige vor dem nächsten Zahnarztbesuch.

Inhalt: Der Zahnarzt Dr. Alan Feinstone (Corbin Bernsen) hat eigentlich alles, was sich ein Mann in seinem Alter wünschen würde – ein schickes Haus, eine hübsche Frau, eine recht erfolgreiche Zahnarztpraxis, und vor allem allgemeines Ansehen. Doch hinter der vermeintlich friedlichen Fassade brodelt es bereits gewaltig. Nicht nur, dass er mit der Steuerbehörde Probleme bekommt – er entdeckt, dass seine Frau ihn mit dem adretten und wesentklich jüngeren Pool-Reiniger betrügt. Bald darauf halten allerlei Wahnvorstellungen Einzug in seinen Berufsalltag – mit potentiell unangenehmen Folgen für seine zahlreichen Patienten. Dr. Feinstone kann kaum noch die Realität von seinem Wahn, die allgemeine Verrottung zu bekämpfen, auseinanderhalten – und plant, es vor allem seiner noch-Ehefrau heimzuzahlen.


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Kritik: THE DENTIST stammt von Regisseur und Multitalent Brian Yuzna – der bis zu diesem Projekt noch nicht allzu oft Regie geführt hatte, aber immer einen gewissen Eindruck hinterließ. Sei es mit seinen Filmen H.P. LOVECRAFTS NECRONOMICON oder RETURN OF THE LIVING DEAD III, seinem Drehbuch zu LIEBLING, ICH HABE DIE KINDER GESCHRUMPFT oder als Produzent von RE-ANIMATOR – seiner (durchaus umstrittenen) Arbeit wohnen seit jeher ein Hauch von Trash, aber eben auch Anzeichen einer angenehmen Selbstsicherheit inne. Er scheint einfach zu wissen was er tut; was er kann – und vor allem auch nicht kann. Unter Berücksichtigung dieses Credos schient er auch THE DENTIST, die fiese Zahnarzt-Mär aus dem Jahre 1996 verwirklicht zu haben – ein Film, der aus üblichen Filmbewertungs-Perspektiven heraus eigentlich ein echter weder noch-Streifen ist.

Jenes weder noch bezieht sich in diesem Falle vor allem auf die Mischung verschiedener Genres: THE DENTIST ist sowohl ein reines Exploitation-Machwerk aus dem Horror-Genre (was sich durchaus anbietet bei einem verstörten Hauptcharakter der Zahnarzt ist) wie auch Thriller; aber eben auch Charakterstudie eines vom Alltag gebeutelten, sich langsam zu einem Monster entwickelnden Menschen von nebenan. Unweigerlich denkt man in diesem Zusammenhang an Joel Schumacher’s Kultfilm FALLING DOWN – nur dass es in THE DENTIST um einen Zahnarzt geht, und damit automatisch auch um seine nun ad absurdum geführte Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen. Und: dass die Erzähldimension von THE DENTIST im direkten Vergleich nicht ganz so breit ausfällt, der Film weitaus weniger professionell gemacht ist. Doch irgendwie kann man dies dem Film kaum vorwerfen – er schafft alles, was er sich vorgenommen hat; und überrascht letztendlich sogar hinsichtlich seines hohen Unterhaltungswertes.

Das liegt vor allem am vergleichsweise hohen Trash-Faktor, der alles andere als unfreiwillig daherkommt. Brian Yuzna inszeniert THE DENTIST mit einer gewissen Leichtigkeit und einem Hang zur Überzeichnung, sorgt hie und da sogar für Lacher – nur um dem Film diesen Status als durch-und-durch morbide Trash-Unterhaltung gleich wieder abzusprechen. Denn im Endeffekt erlaubt er mehr Einblicke in das Innenleben seines Hauptcharakters, als das bei Filmen dieser Art üblich wäre – und sprengt so filmische Genre-Grenzen. Entweder ist es also ein blosser Zufall, dass die Mixtur der Genres selbst unter dem Einfluss der eher miserablen Effekte (vor allem wenn es darum geht, das Innenleben des Zahnarztes zu offenbaren) so gut funktioniert – oder es ist die unverkennbare Handschrift von Brian Yuzna. Eines hat er aber mit Sicherheit geschafft: die mitunter spannendsten, nervenaufreibendsten und auch ekeligsten Momente zu inszenieren, die je im Zusammenhang mit einer Zahnarztpraxis auf die Leinwand gebannt wurden.

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Denn gerade bei jenen Szenen wird man förmlich in den Sessel gepresst – ob nun ein kleiner Junge, eine junge Schönheitskönigin oder der nervige Eintreiber vom Finanzamt auf dem Behandlungsstuhl Platz genommen hat. Die Wirkung resultiert hier aber nicht aus dem eigentlich bodenständigen Gewaltgrad, sondern hauptsächlich aus der Vorstellungskraft des Zuschauers – die durch die typische Zahnarzt-Geräuschkulisse entsprechend angespornt wird. Natürlich wird es in THE DENTIST früher oder später auch einmal richtig zur Sache gehen – doch wirklich harte Szenen bilden hier eher die Ausnahme. Anders gesagt: man kann sie an einer Hand abzählen – was nur gut ist. Schließlich hätte man THE DENTIST auch weitaus blutiger und brutaler inszenieren können – mit einer hohen Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Der Film ist gut so, wie er ist – mit der zumeist subtilen Brutalität, dem überzeichnet dargestellten psychischen Verfall des Zahnarztes, dem allgemeinen Retro- und Trash-Charme.

Fazit: Die Geschichte von THE DENTIST ist eigentlich recht simpel und vorhersehbar, die Effekte sind selbst für das Jahr 1996 nicht zeitgemäß, die schauspielerischen Leistungen halten sich in qualitativen Grenzen. Und doch wohnt Brian Yuzna’s Werk etwas ganz eigenes, unverkennbares inne – wohl auch, da er die offensichtlichen Missstände perfekt ausgleicht. Sei es mit einer Portion Witz, den wenigen aber markanten Horror-Szenen, den liebevollen Kulissen, der geschickten Kameraführung oder den geradezu kultig anmutenden, herrlich-überzeichneten Sprüche und Ansichten des Zahnarztes (Stichwort Fäulnis – der Zähne, aber auch der Seele). Der Unterhaltswert ist enorm hoch, auch oder gerade weil man ihn kaum in eine Schublade stecken kann. Folglich ist es schwer, den Film einer einzelnen Zielgruppe nahezulegen – Horror-Fans werden sich vielleicht zu selten ekeln und gruseln, Thriller-Fans einstweilen langweilen; andere werden Probleme mit dem unvollständigen Charakterporträt und der nur angeschnittenen Gesellschaftskritik bekommen. Kurzum: man muss schlicht einen etwas speziellen Geschmack haben, um in den Genuss von THE DENTIST – und auch die anderen Werke von Brian Yuzna – zu kommen. Wenn man dies aber für sich bestätigen kann, steht dem (makaberen) Filmvergnügen nichts mehr im Weg. Aber auch davon abgesehen ist THE DENTIST letztendlich mehr als nur ein x-beliebiges, trashiges B-Movie. Er ist Kult.

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„Dezent-blutige Zahnarzt-Mär zwischen Exploitation und Psycho-Thriller“

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5 Gedanken zu “Filmkritik: „The Dentist“ (1996)

  1. 8,5/10 ? Habt ihr den Film auf Deutsch oder auf Englisch gesehen? Ich hab ihn mir vor ner Weile mal gekauft und war total enttäuscht, seit dem liegt er jetzt auch in meinem DVD-Ausmusterregal…Die DVD ist übrigens seit 3 Jahren beschlagnahmt…konnte sie aber trotzdem bei rebuy für ein paar wenige Euro kaufen. ^^. Also Oli, wenn ihn noch im Original brauchen solltest kannst du ihn gerne haben. ^^ Ich fand ihn weder spannend, noch gut gemacht oder unterhaltsam noch irgendwie witzig…der Film ist einfach nur SCHLECHT, billig, scheiße. ^^ Es gibt durchaus ja Trash der mich überzeugen kann, aber der Film ist schlicht langweilig. Kultfilm…NAja. ^^

    Wertung: 3,5/10

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    1. Auf deutsch… die Synchro ging absolut in Ordnung, d.h. dieses Mal keine unfreiwilligen Lacher aufgrund eben jener. Fast schon schade eigentlich 🙂

      Könnte ich schon was mit anfangen, mit dem Original… wolltest mir doch ohnehin noch eine Liste zukommen lassen. Wie wäre es mit diesem Monat… 😉

      p.s. Die User-Wertung ist registriert, ich weiss nur noch nicht ob ich diese in Zukunft einbauen werde. Versuche es aktuell mit einem zusammenfassenden Spruch… es wird aber noch gebastelt.

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      1. Ich hoffe ja doch…u.a. wegen dir versuche ich mir immer meine persönliche Wertung zu notieren wenn ich einen Film gesehen habe ^^ und ich finde die Vergleiche immer ganz interessant. Ich bin mir sicher dir fällt schon was ein…so nen plakativen doofen Spruch kannste auch an einer anderen Stelle hinsetzen, gibt genug Platz. *g* 🙂

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  2. „Er ist Kult“ ahahha der Hammer, also doch so eine hohe Wertung von dir bekommen. Da hab ich mal wieder einen Streifen am Start gehabt, was!? Auf DVD haben den Film die wenigsten, hahah vllt. ist der mal viel Wert. ( so wie heute schon, vom Inhalt 😉 ) CB hat die krassen Filme.
    bis die Tage , tschöösssss !!

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