Filmkritik: „The Big Lebowski“ (1998)

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Originaltitel: The Big Lebowski
Regie: Joel Coen, Ethan Coen
Mit: Jeff Bridges, Julianne Moore, John Goodman u.a.
Land: USA
Laufzeit: 117 Minuten
FSK: Ab 12 freigegeben
Genre: Komödie
Tags: Lebowski | Namensvetter | Drogen | Alltag | Gangster | Entführung

Die wundersame Odyssee des Jeffrey Lebowski.

Inhalt: Jeffrey Lebowski (Jeff Bridges) ist ein ewiger Hippie, der sich selbst den Spitznamen ‚Der Dude‘ gegeben hat. Das Leben des offenbar überzeugten arbeitslosen ist nicht besonders spektakulär, doch scheint er zufrieden mit dem was er hat. Neben den nötigsten Einkäufen und einem ausgiebigen Drogenkonsum ist er vor allem am Bowlingsport interessiert, dem er zusammen mit seinen Freunden Walter (John Goodman) und Donny (Steve Buscemi) nachgeht. Eines Tages aber geschieht etwas merkwürdiges: zwei Männer tauchen in der Wohnung des verdutzten ‚Dudes‘ auf, und legen ihm in einer recht aufdringlichen Manier nahe; endlich die Schulden seiner Frau zu begleichen. Schnell stellt sich heraus: es handelt sich um eine Verwechselung. Eine schicksalhafte noch dazu: ein sichtlich wohlhabender alter Mann, der den selben Nachnamen trägt; ist der eigentliche Adressat dieser Botschaft. Eben den beschließt der ‚Dude‘ dann auch zu besuchen – schließlich wurde bei dem Zwischenfall sein Lieblingsteppich besudelt, den der ‚echte‘ Lebowski nun bezahlen soll. Wenig begeistert über diesen Vorschlag schickt er den ‚Dude‘ fort – meldet sich aber kurz darauf doch wieder bei ihm. Denn zur großen Überraschung aller benötigt der wohlhabende Lebowski nun doch die Hilfe seines ungeliebten Alter Ego’s: seine Frau wurde entführt, offenbar von denselben Männern die auch dem ‚Dude‘ einen ungebetenen Besuch abstatteten.

Kritik: Man kann kaum den Filmtitel THE BIG LEBOWSKI in den Mund nehmen, ohne dabei automatisch auf mit dem Film verbundene Attribuierungen wie ‚Kult‘ oder ‚Klassiker‘ zu stoßen. Wohl auch, da es sich um einen Film der berühmt-berüchtigten Coen-Brüder handelt, die zuvor vor allem mit ihrer Regiearbeit zu FARGO, und später der zu NO COUNTRY FOR OLD MEN im Gespräch sein sollten. Doch nicht nur das famose Regisseurs-Duo ist es, auf welches man sich hinsichtlich des Kult-Status von THE BIG LEBOWSKI bezieht – auch eine gewisse, über den Film transportierte Lebenseinstellung und schlicht charakterliche Coolness ist es, die viele Fans seit jeher begeistert. Eine, die wohlgemerkt über den blossen Kontext des Films hinausgeht und im besten Fall als Parodie jener Lebenseinstellung zu verstehen ist, für die man allgemein plädiert. Dass eine US-Komödie mit leichten Krimi- und Thrilleranleihen überhaupt eine solche anzubieten vermag, ist sicherlich eine kleine Besonderheit – und tatsächlich wirken nicht wenige Aspekte des Films geradezu zeitlos. Sei es der besondere Charakter des ‚Dudes‘, die abgedrehte Handlung um eine nur vermeintliche Entführung oder die vielen teils unmöglichen Dialoge, von denen zahlreiche Passagen bis heute als berühmte Film-Zitate überdauern – so weit her ist es nicht mit der Zusammenführung der beiden Begriffe THE BIG LEBOWSKI und ‚Kult‘. 

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Überhaupt weiss – neben der sogar einige Überraschungen und Twists bereithaltenden Story – vor allem auch der inszenatorische Part von THE BIG LEBOWSKI so manchen Augenschmaus bereitzuhalten. Die stimmige Kameraführung, der perfekte Schnitt, die gut gewählten Kulissen und auch die Kostüme (die offenbar nicht immer solche sind, Jeff Bridges benutzte hier angeblich teils private Kleidung) sorgen dafür, dass der Film einen ganz eigenen, unverwechselbaren Look irgendwo zwischen den wilden siebzigern und dem tatsächlichen Produktionszeitraum (Ende der 90er) erhält. Doch belässt man es in THE BIG LEBOWSKI nicht allein dabei – auch einige markante Bowling-Szenen und abgedrehte Traumsequenzen hat man dem Film spendiert – die ihr übriges zur porträtierten (Seelen-)Welt von Jeffrey Lebowski beitragen. Wirkliche Action-Szenen gibt es indes nicht, was in diesem Fall gut ist – vielmehr legt man den Fokus auf die Interaktion zwischen den Charakteren; sowie allerlei abgedrehte Situationskomik.

THE BIG LEBOWSKI als Kultfilm zu bezeichnen ist dahingehend verständlich. Man sollte allerdings enorm vorsichtig sein, ihn als unantastbares Meisterwerk abzustempeln. Denn das ist er keinesfalls – auch wenn nicht wenige Kritiker und Film-Fans eben dieser Meinung sind und diese entsprechend verteidigen. Stichhaltige Argumente dafür gibt es – neben den oben genannten – allerdings kaum, sodass man sich bestenfalls in einem mehr oder weniger gehobenen Mittelfeld treffen kann; treffen sollte. Die Gründe dafür sind offensichtlich: THE BIG LEBOWSKI ist ein grundsätzlich nicht immer leicht zu kategorisierender Film. Das spräche eigentlich für ihn, jedoch weiß man als Zuschauer nur selten, woran man eigentlich ist. Es werden zwar hie und da effektive Lacher generiert, doch ist es ausgerechnet das Porträt des Hauptprotagonisten, welches nicht durchgängig überzeugt und gute Unterhaltung garantiert. Dass es oftmals ziemlich vulgär zur Sache geht, kann man dabei noch am ehesten verschmerzen; gehört dies zum Grundton des Films dazu. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt werden es der Zufälle und makaberen Begebenheiten dann doch etwas zu viel; der ‚Dude‘ in seiner stets ultracoolen Art schrammt stets knapp an der Grenze des erträglichen. Des erträglichen (schlechten) Geschmacks, des unfreiwilligen Fremdschämens, der charakterlichen Überzeichnung, der Unglaubwürdigkeit.

Um eben jenem (durchaus gewollten) Gesamteindruck gerecht zu werden, setzt man zudem auf recht totalitäre Methoden: etwaige Drama-Komponente oder ein potentiell ernster Grundton des Films werden komplett ausgeblendet. Doppeldeutig oder besonders gut durchdacht ist hier nichts – es geht um die schnelle Komik, die schnelle Verwurstung des makaberen mit zwei oder drei Charakteren als Galionsfiguren. Allerdings: so richtig makaber (besonders, andersartig) sind selbst die nicht. Während andere werke zumindest teilweise auf gewisse Identifikationsmöglichkeiten setzen und halbwegs alltagstaugliche Charaktere mit dafür umso ausgeprägteren speziellen Zügen auffahren, präsentiert THE BIG LEBOWSKI tatsächlich mehr oder weniger durchschnittliche Looser – die schlicht das Glück haben, nicht vorschnell unter die Erde zu kommen. Ein willkürlich erscheinendes Glück, welches allzu oft herausgefordert wird, versteht sich. Das hat zur Folge, dass man kaum in die charakterliche Welt des Films eintauchen kann – es gibt zu wenige Zugangspunkte. Zu abgedreht, und doch zu normal (und damit uninteressant) sind die Charaktere – sofern sie nicht ohnehin kaum eine Rolle spielen.

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Denn so toll sich der Cast auch liest, nicht alle bekommen die Aufmerksamkeit die ihnen zugestanden und dem Film eventuell gut getan hätte. Das beste Beispiel dafür ist Steve Buscemi, der in diesem Fall nicht mehr zu tun hat als sich ständig von seinem Kumpel den Mund verbieten zu lassen – etwas dürftig für einen hochkarätigen (und durchaus speziellen, somit eigentlich LEBOWSKI-tauglichen) Darsteller. Beinahe ebenso ärgerlich wird es dann auch bei den anderen, zahlreichen Nebendarstellern. Ein spezieller Bowlingsportler, den der ‚Dude‘ und Co als Päderasten abstempeln, bietet offensichtlich einiges an komödiantischem Potential – doch wird er vorschnell fallen gelassen, zum großen postulierten ‚Duell‘ kommt es erst gar nicht. Die als solche bezeichneten ‚Deutschen‘ um Darsteller Peter Stormare (ebenfalls ein Typ für eher ungewöhnliche Rollen) wirken wie fehlgeleitete Karikaturen und haben wenig Screentime – während man über die Person um die es im Hinblick auf die Entführungs-Handlung eigentlich geht, so gut wie gar nichts erfährt. Von jener vermeintlich entführten blebit somit auch nicht viel mehr hängen als der markant-plumpe Satz Blas Mal.

Stattdessen wird immer wieder auf den ‚Dude‘ und seinen Kumpan Walter geschwenkt. Immerhin, John Goodman scheint in dieser Rolle geradezu aufzugehen und spielt herrlich überdreht – doch wirklich in Erinnerung bleiben wird er nicht. Auch nicht der eigentliche Geschichten-Erzähler, der sich ab und zu zum ‚Dude‘ an den Tresen gesellt. Zwar ist die im Film dargebotene Geschichte wie versprochen eine, die es sich eventuell lohnt zu erzählen – doch keine derart außergewöhnliche (und vor allem ausgefeilte, trotz der kleinen Überraschungsmomente), die einen uneingeschränkten Kult-Status rechtfertigt.

Fazit: THE BIG LEBOWSKI wird man entweder lieben oder hassen – wobei kaum Platz für einen Lerneffekt bleibt. Entweder, der Funke springt bereits beim ersten Ansehen und in den ersten Minuten über, oder gar nicht. Auch nicht beim zweiten, dritten oder vierten Ansehen; sofern man sich dies zutraut und entsprechend hart gesotten ist. Eine eben solche Charakteristik kann verständlicherweise nicht zu einer Attribuierung als zeitloser TOP-Film führen, auch wenn filmische Querschläger wie dieser hier grundsätzlich immer nett und herrlich unorthodox sind. Ein wenig mehr Einigkeit sollte dann aber doch herrschen; zumindest wenn es um die inhaltliche Qualität eines Films wie THE BIG LEBOWSKI geht. So werden Fans ‚ihren‘ Film weiterhin lieben, andere nach dem ersten fragwürdigen Genuss einen großen Bogen um alle Kult-Unterstellungen machen. Die Lösung ist denkbar einfach: man gebe dem Film schlicht die Wertung, die er verdient.

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4 Gedanken zu “Filmkritik: „The Big Lebowski“ (1998)

  1. Schön das Du mal Zeit für diesen Film gefunden hast. Und interessant, dass er Dir nicht zusagt. So hat jeder seinen Geschmack – und das ist gut so.

    Meine Wertung zu diesem Film: 10/10 (einer meiner Lieblingsfilme).

    Was diesen Film so stark macht ist die Darstellung des Dudes durch Jeff Bridges (und: John Goodman kommt auch genial rüber) und die Dialoge, die Handlung verkommt zur Nebensache – und das ist durchaus auch die Intention der Macher. Für mich DAS Meisterstück der Coen-Brothers (wobei man „O Brother, Where Art Thou?“ nicht ganz auslassen darf).

    PS: Auf englisch ist er noch ein bisschen besser 😉

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    1. Horst, der Mann mit dem Durchblick…gefällt mir. ^^ Es gibt im Film auch so Szenen die einfach nur herrlich komisch sind ohne dass man weiß, worüber man da eigentlich lacht…ich meine vor allem diese Szene. LOL (der Dude könnte in dieser Szene auch der gute Oli sein, der absolut keine Ahnung hat, fassungslos daneben steht und sich wundert warum diese Kreaturen hier bloß kichern *g*) Die deutsche Sprachfassung schwächt den Film tatsächlich um einiges ab, auch wenn ich die Synchro auch mag.

      (sorry, es handelt sich um eine dieser künstlich verlängerten Versionen..finde aber gerade keine andere ^^)

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  2. Mutig. ^^ Ich verstehe deine Kritik hier gar nicht, außer die, dass Steve Buscemi wenig Freiraum gewährt wird, da stimme ich dir absolut zu. Da dies einer meiner Lieblingsfilme ist und die Philosophie (wenn man es so nennen darf) in diesem Film durchaus auf mich überspringen vermag, weichen unsere Wertungen mal wieder TOTAL AB. 🙂

    Wertung: 10/10 (!) LOL

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