CD-Review: SANTIANO – Mit Den Gezeiten (2013)

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Track-Liste:

01 Gott Muss Ein Seemann Sein
02 Drums And Guns – Johnny I Hardly Knew Ya
03 Salz Auf Unserer Haut
04 Seemann
05 Bis In Alle Ewigkeit (Walhalla)
06 Wir Sind Uns Treu
07 Have A Drink On Me
08 Sieben Jahre
09 Gestrandet
10 Rolling Home
11 Marie
12 Great Song Of Indifference
13 Hoch Im Norden

Eine Seefahrt, die ist lustig… bis die Seekrankheit zuschlägt.

So lange war es noch gar nicht her, dass SANTIANO mit ihrem Erfolgsalbum BIS ANS ENDE DER WELT durchstarteten. Und wie – die sympathische deutsche Seemanns-Clique hat die Herzen vieler wortwörtlich im Sturm erobert. Und das trotz, oder gerade wegen der recht simplen Band-Idee: SANTIANO verknüpfen in ihrer Musik traditionelle Volkslieder mit poppigen Klängen, und garnieren das Ganze mit einer Art abenteuerlichem Seemanns-Charme; gern auch Chanty genannt. Aber auch dem irischen Folk widmen sie einige Lieder – immer dann wenn Bandmitglied Peter Sage zum Mikrofon und allerlei traditionellen Instrumenten greift und auf englisch gesungen wird. So erreichen sie eine bemerkenswerte Anzahl von Hörern, und können grundsätzlich überall auftreten – ob nun schunkelnd im Musikantenstadl, massentauglich im Privatfernsehen; oder als besonderer Special Guest auf dem Wacken-Metalfestival. Seit der Veröffentlichung der Special Edition, zahlreichen Live-Auftritten und Fernsehberichten sind SANTIANO nach wie vor in aller Munde, und nicht nur dort: die bemerkenswerten Chartpositionierungen der Band sprechen Bände. So ist es kein Wunder, dass ein zweites Album recht zeitnah veröffentlicht werden sollte. MIT DEN GEZEITEN heisst das gute Stück; ein Album, welches erneut schnell die deutsche Chartspitze erklommen hat.

Eines ist klar – SANTANIO haben es mit dem Nachfolgealbum zu BIS ANS ENDE DER WELT nicht ganz leicht. Und das in vielerlei Hinsicht: zum einen fehlt der markante Überraschungseffekt eines Debütalbums, zum anderen weisen die Marketingstrategien und insbesondere die schnelle Veröffentlichungsabfolge auf einen potentiell ‚ausschlachtenden‘ Musikfeldzug hin. In wie weit die Jungs von SANTIANO hier selbst noch ein Mitspracherecht haben, sei einmal dahingestellt – man sollte jedoch vorsichtig sein, zu schnell zu viel Material abzuliefern. Schließlich riskiert man so nicht nur, dass die Hörer des Konzeptes vorschnell überdrüssig werden – auch der (hier: diskutable) Faktor der Originalität könnte darunter leiden. SANTIANO hatten in Bezug auf ihr Debütalbum schlicht das Glück, eine Nische zu finden und zum exakt richtigen Zeitpunkt in diese hereinzuspringen; mit einem entsprechend immensem Überraschungseffekt. Denn eines ist klar: nicht nur SANTIANO machen Musik wie die auf BIS ANS ENDE DER WELT oder MIT DEN GEZEITEN dargebotene. Anders gesagt: sie haben das Rad nicht neu erfunden, sondern sind lediglich zu Galionsfiguren eines Genres aufgestiegen. Eines Genres, dass nur auf den ersten Blick so wirkt, als wurde es gerade erst erfunden: tatsächlich bedient man sich aus zahlreichen anderen, generell aber schwerer zugänglichen musikalischen Bereichen und ‚versimpelt‘ sie, trimmt sie mehr oder weniger deutlich hinsichtlich einer größeren Massenkompatibilität. Das ist an und für sich nichts schlechtes, ist das Ergebnis doch äußerst unterhaltsam, und könnte die Hörer im besten Fall auch zu einer Art ‚Ursprungssuche‘ animieren.

Somit ist aber auch klar, dass sich SANTIANO früher oder später einmal etwas weiter aus dem Fenster lehnen und explizit neues wagen müssen, wollen sie weiterhin qualitative (nicht: erfolgreiche) Musik produzieren. Genau das macht man auf MIT DEN GEZEITEN aber (noch) nicht – vielmehr wird das Konzept des Vorgängeralbums noch einmal aufgewärmt. Neben dem ohnehin schon verlogenen Überraschungseffekt sorgt das vor allem dafür, dass die 13 neuen Titel teils enorme Einbußen hinsichtlich ihrer Aussage- und Wirkungskraft machen. Überhaupt wird schnell deutlich, dass das neue SANTIANO-Album noch poppiger klingt als das Debüt – was die allgemeine Zugänglichkeit noch einmal erhöht, andererseits aber auch zu einer deutlich schnelleren Abnutzung der Titel führt. Bereits der Opener GOTT MUSS EIN SEEMANN SEIN macht dies überdeutlich: gesanglich ist das Ganze nach wie vor einwandfrei, doch fehlt das gewisse Etwas; der Schmackes mit dem die Titel auf dem Debütalbum dargeboten wurden. Einen absolute Mitsing-Refrain gibt es natürlich – wie bei grundsätzlich jedem Titel – obendrauf.

So sorgen dieses Mal vor allem die anständigen Interpretationen von irischen oder zumindest irisch angehauchten Volksliedern für ein Aufhorchen. DRUMS AND GUNS bietet eine nette Instrumentalkulisse aus Trommeln und eine allseits bekannte Melodie, garniert mit der markanten Gesangsperformance von Peter Sage. Wenn dann auch noch der halbwegs schmetternde Männerchor hinzukommt, geht einem doch schnell wieder das SANTIANO-Herz auf. Noch feucht-fröhlicher wird es dann mit HAVE A DRINK ON ME – eine Party-Hymne zum abfeiern und Spaß haben. Hier wird man schnell mitgerissen werden, wie immer trotz oder gerade wegen des simplen Textes. Die kurzen Instrumentalpassagen und der generell recht energetische, peppige Gesamteindruck sorgen dafür, dass auch diese Nummer alles andere als ein Langweiler ist. Der GREAT SONG OF INDIFFERENCE bietet dann auch endlich die gewünschte Portion Frische und Innovation – zumindest gesanglich hat man SANTIANO so noch nie gehört, Peter Sage sei Dank.

Bei allen anderen, eher typischen Seemanns-Liedern sieht es dann aber vergleichsweise schlecht aus – besitzt man bereits das Debütalbum, kann man sich diese Nummern grundsätzlich sparen. Sie wirken am ehesten wie lauwarme Neuaufgüsse mit altbekannten Melodiebögen, wenig neuen Elementen und kaum Überraschungen. BIS IN ALLE EWIGKEIT (WALLHALLA) scheint sogar direkt vom Vorgänger kopiert worden zu sein, mit einem anderen Textgewand verziert, versteht sich. Warum man dieses Mal dann ausgerechnet auf eine (vergleichsweise außergewöhnliche) Nummer wie KAPERFAHRT verzichtet, bleibt ein Rätsel. Diese war mitunter die Hymne des ersten Albums, und bot durch die symphonische Komponente auch Metal-Fans eine markante Anlaufstelle. Die Nummern auf MIT DEN GEZEITEN wirken insgesamt deutlich zu gleichförmig, zumal einige der instrumentellen Elemente immer wieder auftauchen. Die einzige Abwechslung, die man so noch erfährt; ist die Mischung aus eher fröhlichen gute-Laune-Nummern (SEEMANN, SIEBEN JAHRE) und Balladen (WIR SIND UNS TREU). Auch GESTRANDET gehört zu den Balladen, und zeigen SANTANIO von ihrer bisher wohl ruhigsten Seite – zumindest zu Beginn, später wird’s wieder etwas kräftiger. Das klingt eigentlich gar nicht schlecht, doch der weibliche Gastgesang trieft geradezu vor Schmalz und Kitsch, und kann den Darbietungen der raubeinigen Männer auch sonst nichts entgegensetzen.

Fazit: MIT DEN GEZEITEN ist ein durchaus tanzbares Album geworden – bietet ein nicht mehr ganz so großes musikalisches Vergnügen wie der Vorgänger BIS ANS ENDE DER WELT. Zumindest für all jene, die sich nicht unbedingt zu beinharten SANTIANO-Fans zählen und schlicht auf der Suche nach musikalischer Abwechslung und erfrischenden Klängen sind. In dieser Hinsicht ist der Vorgänger nach wie vor die bessere Wahl – insbesondere für etwaige Metal-Freunde, die sich einmal den Spaß machen wollen potentielle musikalische Parallelen aufzudecken (zum Folk- oder auch Power Metal). SANTIANO sind heute erfolgreicher denn je – aber vielleicht ist genau das ein Problem; beziehungsweise könnte es zu einem werden. Schließlich weiss man, dass alles was sich gut verkauft, zumeist weniger von qualitativer oder inhaltlicher Relevanz ist – mit immer gravierenderen Auswüchsen, je länger und intensiver man dem allgemeinen Medien-Wahn ausgesetzt ist. Ausnahmen gibt es immer wieder – SANTIANO haben nun das Ruder in der Hand und können bestimmen, wohin ihre Reise gehen wird. Die Tendenz verspricht momentan eine kleine Flaute – doch wer weiss, vielleicht erhalten die Jungs beim nächsten Album wieder einen entsprechenden Rückenwind. Zu wünschen wäre es ihnen allemal !

Absolute Anspieltipps: SEEMANN, HAVE A DRINK ON ME, GREAT SONG OF INDIFFERENCE


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„Längst nicht mehr so überraschend wie das Debütalbum.“

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