Filmkritik: „From Up On Poppy Hill“ (2011, Studio Ghibli #18)

fromuponpoppyhill_poster_500

Originaltitel: Kokurikozaka Kara
Regie: Gorō Miyazaki
Mit: Junichi Okada, Masami Nagasawa, Haruka Shiraishi u.a. (Sprecher)
Land: Japan
Laufzeit: 91 Minuten
FSK: Ab ? freigegeben
Genre: Animationsfilm (Drama)
Tags: Japan | Krieg | Familie | Geschwister | Vater | Liebe | Tod

Das Studio Ghibli auf gewohnten Pfaden.

Inhalt: Japan in den 1960ern. Das 14-jährige Schulmädchen Umi Matsuzaka hat es seit dem Verschwinden ihres Vaters nicht leicht. Noch immer hisst sie in der stillen Hoffnung auf dessen Rückkehr jeden Morgen die Signalflaggen vor dem Haus – andererseits aber ist sie sich gewiss, dass er vor Jahren im Krieg umgekommen sein muss. Nachdem ihre Mutter für einige Zeit beruflich nach Amerika gereist ist, liegt es beinahe allein an ihr den Haushalt zu führen – und nebenbei auch noch die Schule zu meistern. Eines Tages erfährt sie davon, dass ein bestimmtes Clubhaus auf dem Gelände abgerissen werden soll, und lernt bald darauf den jungen Shun Kazama kennen. Sie verliebt sich in ihn – und beschließt, gemeinsam mit ihm und zahlreichen anderen Schülern einen letzten Versuch zu unternehmen, das Clubhaus zu retten. Doch bald darauf erfährt sie mehr über Shun und ihre eigene Vergangenheit, sodass die Beziehung der beiden auf eine ganz besondere Probe gestellt wird.

Kritik: Endlich geht es weiter im GHIBLI-Universum – zumindest hier auf diesem Blog. Eigentlich erschien FROM UP ON POPPY HILL bereits Ende 2011 – jedoch nur in den japanischen Kinos; was mitunter auch der Grund für die verspätete Weiterführung der GHIBLI-Rezensionen (siehe Special hier) ist. Allerdings: ein großflächiges internationales Release des nunmehr 18.ten offiziellen Ghibli-Animes (Kurzfilme nicht mit eingeschlossen) steht noch immer aus. Das ist durchaus etwas merkwürdig, hatte man doch zuvor mit Filmen wie PONYO und ARIETTY – DIE WUNDERSAME WELT DER BORGER auch hierzulande entsprechende Erfolge feiern können. Lediglich einige wenige Länder kamen bisher in den Genuss des neuen Films – wie etwa Frankreich. Immerhin scheint ein DVD- und BluRay-Release nun auch in den USA greifbar zu werden: am dritten September diesen Jahres soll es dort soweit sein. Ob es später auch eine deutsche Fassung geben wird; darüber wird derzeit gestritten – es scheint beinahe sicher, doch wann genau; das ist eine ganz andere Frage.

fromuponpoppyhill_01

Eine beinahe ebenso wichtige wie die nach der Qualität des Films selbst. Lohnt sich das Warten auf ein entsprechendes Release, ja; zählt FROM UP ON POPPY HILL gar zu den besten der bisherigen GHIBLI-Filme ? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die bisherige GHIBLI-Filmografie. Nicht nur zwecks etwaiger Vergleiche – sondern auch, um den Film bestmöglich thematisch einzuordnen. Somit können potentielle Interessenten bereits vorab auf den Film aufmerksam gemacht werden – während sichergestellt ist, dass andere nicht allzu bitter enttäuscht werden. Denn eines ist sicher: FROM UP ON POPPY HILL ist einer der weniger magischen, weniger fantastisch orientierten GHIBLI-Filme. Und: er ist insgesamt weniger für eine deutlich jüngere Zuschauergruppe geeignet, wie es beispielsweise PONYO war. Was nicht heissen soll, dass es sich automatisch um einen schlechteren Anime handelt – es soll lediglich auf die ungefähre Marschrichtung des Werkes hingewiesen werden. Dieses bewegt sich am ehesten im bodenständigen Drama-Bereich, und behandelt neben familiären Konstellationen vor allem auch ganz allgemeine Werte, die einen gehobenen Stellenwert in der japanischen Gesellschaft haben (Zusammenhalt, Zugehörigkeit; vorsichtig: traditionelle Rollenverteilung). Regie übernahm indes Goro Myazaki – der Sohn des eigentlichen Ideengebers und Anime-Genies Hayao Myazaki. Goro hatte sich zuvor schon mit DIE CHRONIKEN VON ERDSEE (Kritik) beweisen können – FROM UP ON POPPY HILL ist sein zweites Werk als Regisseur.

Die Chancen für den Film stehen dabei alles andere als schlecht – wie bei grundsätzlich allen GHIBLI-Werken. Denn obwohl das Studio hauptsächlich für die eher episch-fantastischen, alle Generationen gleichermaßen ansprechenden Geschichten bekannt ist (DAS SCHLOSS IM HIMMEL, PRINZESSIN MONONOKE, CHIHIROS REISE), sind unter der Leitung der renommierten Zeichenschmiede auch einige hochkarätige Dramen erschienen. Etwa das zeitlos-grandiose Antikriegsdrama DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN (Kritik) oder das stark realitätsbezogene Charakter-Drama TRÄNEN DER ERINNERUNG (Kritik), um nur zwei Beispiele zu nennen. Mit eben jenem Werk, und eventuell noch FLÜSTERN DES MEERES ist FROM UP ON POPPY HILL letztendlich auch am ehesten vergleichbar. Angesiedelt vor einem Schul-Setting um ein bestimmtes Clubhaus, welches eine kleine Gruppe von Schülern unbedingt erhalten möchte (es droht ein Abriss); meistert die junge Umi voller Tatendrang ihren Schul- und Hausarbeitsalltag – und verliebt sich kurz darauf in einen ihrer Mitschüler, Shun. Stets bedacht auf einen ernsten und zutiefst ehrlich wirkenden Unterton verknüpft man hier eher lockere und teils witzige Alltagsszenen (das gesamte Gebaren um das Clubhaus und die ausufernden Podiumsdiskussionen) mit tieferen Drama-Elementen. Diese beziehen sich vor allem auf die familiäre Situation von Umi, die früh ihren Vater verloren hat; und bieten so einiges an Potential.

fromuponpoppyhill_02

Wie auch die Geschichte von Shun; Umi’s neuer Liebe. Hier beweist das Studio GHIBLI erneut ein enormes Fingerspitzengefühl: plump wirkt hier nichts, vielmehr absolut authentisch und wunderbar gemäßigt dargestellt. Man meint so fast, die Schüchternheit der Charaktere in sich spüren zu können – eine bloße Effekthascherei oder perfide Symbolik sucht man vergebens. Der eigentliche Clou des Films ist letztendlich, dass er für eine kompromisslose Liebe plädiert; und überdies seine Charaktere lebendiger und in ihrem Handeln nachvollziehbar darzustellen vermag als so mancher Real-Film.

Umso schwerer fällt es, auf die Schattenseiten des Films einzugehen – denn eigentlich hat er keine expliziteren. Und doch gibt es da etwas, was dem Film seine Faszinationskraft raubt, ihn eher zu einem gewöhnlichen Anime denn zu einem unverwechselbaren GHIBLI macht. Natürlich bleiben die typischen Charakteristika (vor allem die optischen) erhalten – der Detailreichtum ist enorm, die Zeichnungen und Animationen wie gewohnt von hoher Qualität. Doch ist es vor allem der etwas zu willkürlich und belanglos wirkende Ansatz, der den Film zu allem macht – nur zu keinem überragenden Meisterwerk. Das Setting in den 60er Jahren ist gut gewählt, und die Kriegsthematik wird dezent mit in das Handlungsuniversum einbezogen – aber dennoch, so richtig mitreissen will das Gezeigte nicht. Etwas zu blass bleiben auch die Charaktere, die offenbar kaum Ecken und Kanten haben – noch weniger, als man ohnehin schon von GHIBLI gewöhnt ist. Folglich erscheint die Welt in FROM UP ON POPPY HILL sehr heil und gleichförmig fließend, ohne dass man markante und in Erinnerung bleibende Höhepunkte (wie bei grundsätzlich allen bisherigen GHIBLI-Filmen) eingeplant hat.

Gerade das Porträt von Umi wirkt so stellenweise doch etwas weit hergeholt: wie sie es schafft, all die ihr auferlegten Aufgaben zu meistern – in Anbetracht des Todes ihres Vaters und der Nicht-Anwesenheit ihrer Mutter – ohne psychisch oder physisch zusammenzubrechen, bleibt ein Rätsel. Schließlich handelt es sich hier um ein erst 14-jähriges Mädchen – dass sie nicht einmal einen größeren Gefühlsausbruch durchlebt, scheint etwas merkwürdig. Die (potentielle) Crux: ähnlich wie in anderen Ländern scheint man hier nicht immer ganz so akzeptable Botschaften zu verpacken, ob nun absichtlich oder nicht. Wo in den USA selbige Nation möglichst darauf bedacht ist, gut in entsprechenden Werken wegzukommen (gerne auch im Zusammenspiel mit der Armee und der Position als friedliebende Weltmacht), scheint man in Japan schon früh das Gefühl vermitteln zu wollen, dass alle Mitglieder der Gesellschaft möglichst akkurat zu funktionieren haben. Und was bietet sich da besser an als ein Film, der von der Aufmachung und Thematik her insbesondere an ältere Kinder / Jugendliche adressiert ist ? All das mag vielleicht nicht zu 100% auf FROM UP ON POPPY HILL zutreffen – doch handelt es sich um ein auffälliges Merkmal; eines das hier weitaus deutlicher hervorsticht als in allen anderen GHIBLI-Filmen zusammen.

fromuponpoppyhill_03

Fazit: FROM UP ON POPPY HILL ist vor allem etwas für Freunde des anspruchsvollen, aber dennoch möglichst zugänglichen Charakter-Dramas. Man sich recht gediegen – was einerseits die große Stärke des Animes (Glaubwürdigkeit, Realitätsbezug; teilweise: entstehende Empathie) ist, ihn andererseits aber auch zu einem Werk macht, welches man nicht unbedingt gesehen haben muss. Zumindest in Bezug auf die GHIBLI-Filmografie, die diesbezüglich mit so manch hochkarätigerem Werk aufzuwarten weiss – ob nun eher fantastisch angehaucht oder nicht. Stellenweise hat man unweigerlich das Gefühl, als wäre der Anime etwas zu glattgeschliffen, zu gewöhnlich; und vor allem auch zu langatmig ausgefallen. Und vor allem: etwas zu beliebig was die Geschichte angeht (Clubhauserhaltung + Nachkriegsdrama + Selbstfindung + Erste Liebe); potentiell fragwürdige Botschaften (sieh oben) inklusive. Hier hat man gerade aus dem Hause GHIBLI schon ausgefeilteres, spannenderes und in sich stimmigeres erleben dürfen. Nichts desto Trotz bleibt FROM UP ON POPPY HILL ein gerade noch überdurchschnittliches Drama, gesetzt dem Fall man besitzt ein entsprechendes Durchhaltevermögen.

60oo10

3 Gedanken zu “Filmkritik: „From Up On Poppy Hill“ (2011, Studio Ghibli #18)

  1. Witzig, hab den Film erst letzte Woche gesehen 🙂 Man erkennt sofort die Handschrift des Studios welches ich echt sehr nice finde. Besonders Ghibli legt es Wert darauf, alte Zeichenarten zu behalten was ich persönlich total genial finde vor allem da sich eine gewisse und einzigartige Atmosphäre bildet. Meh.. wahrscheinlich empfinde ich das nur so, da ich mit den ganzen alten Zeichentrick und Anime kram aufgewachsen bin. Ich hab von denen gelebt! Damn.. Man vermiss ich das alles. Auf jeden Fall fand ich den Film echt sehr nett aufgebaut. Die Handlung war ganz nett, nichts Weltbewegendes aber das muss es auch nicht sein. Oft stecken hinter simplen Geschichten größere Schätze als man vorerst denkt. Ich fand ihn echt schön. auch die Charaktere waren menschlich und lebendig, der Standort ein schönes flecken Erde und das Klubhaus war ein wahres Kunstwerk! ^^

    Schöner Film. Wie zu erwarten. 7/10

    Ps: Hast du das kleine Ghibli Schild auf dem Schiff am Ende gesehen? War wohl eine art kleines Easter egg 😀

    Gruß
    Lf

    Gefällt mir

Über Kommentare Freut Sich Jeder.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.