Filmkritik: „Imaginaerum“ (2012)

nightwish_imaginaerum_film_500

Originaltitel: Imaginaerum
Regie: Stobe Harju
Mit: Marianne Farley, Quinn Lord, Francis X. McCarthy u.a.
Land: Kanada, Finnland
Laufzeit: 86 Minuten
FSK: Ab 12 freigegeben
Genre: Drama / Fantasy
Tags: Nightwish | Soundtrack | Filmmusik | Finnland | Oper | Traumwelt

Schreiben Nightwish nun auch Filmgeschichte ?

Inhalt: Der alternde Komponist Tom Whitman (Francis X. McCarthy) ist schwer krank und liegt im Sterben. Die Ärzte haben Mühe, ihn am Leben zu halten, und schicken daher nach der Tochter des Mannes, Gem (Marianne Farley). Sie soll bestimmen, ob im Falle eines erneuten Infarkts versucht werden soll, ihn wiederzubeleben. Gem, die sich im Laufe der Jahre immer mehr von ihrem Vater abgewandt hat, unterschreibt das Papier – und begibt sich in das riesige Anwesen ihres Vaters, wo sie auf eine ebenfalls informierte Freundin von Tom trifft. Währenddessen scheint Tom in seinem komatösen Zustand sein bisheriges Leben zu rekapitulieren – auch, um mit unerledigten Dingen abzuschließen. Dabei erinnert er sich vor allem an seine Kindheit, sodass er als zehnjähriger Junge (Quinn Lord) durch seine eigene Fantasie reist. Alles, was er hier erlebt scheint in vielerlei Hinsicht mit der Realität verknüpft zu sein – Tom kommt seinen Ende, aber gleichzeitig auch seiner persönlichen Erlösung näher. Aber auch Gem entdeckt im Haus ihres Vaters immer mehr Hinweise darauf, dass sie ihm vielleicht doch nicht so egal war wie sie es die meiste Zeit über vermutet hat.

nightwish_imaginaerum_film_01

Kritik: IMAGINAERUM ist ein Film von und mit NIGHTWISH, der bekannten Symphonic Power Metal-Combo aus Finnland – die etwa ein Jahr vor der Erstausstrahlung ein gleichnamiges Studioalbum (Review) veröffentlichte. Ein kluger Schachzug – schließlich konnte man die zahlreichen internationalen Fans so bestens auf die zu erwartende visuelle und akustische Reise einzustimmen. Hervorzuheben ist, dass alle 5 Bandmitglieder auch unmittelbar in die Produktion miteinbezogen wurden – allen voran Tuomas Holopainen, der nicht nur einen größeren darstellerischen Auftritt hat, sondern auch am Drehbuch mitschrieb. Andererseits ist IMAGINAERUM aber nicht ausschließlich an explizite Bandkenner und -Fans adressiert; handelt es sich doch um einen recht eigenständigen, vergleichsweise aufwendig produzierten und inszenierten Film. Einer, der selbstverständlich wie kein zweiter von seinem Soundtrack lebt. Einige Elemente und Stücke wurden direkt vom gleichnamigen Studioalbum der Finnen in den Film portiert, sodass durchaus auch mal stark rockige und symphonisch-metallische Klänge zu hören sind. Zusätzlich engagierte man den Komponisten Petri Alanko, der auf den Kompositionen von NIGHTWISH aufbauend noch einen eigenen Soundtrack für den Film schrieb – IMAGINAERUM – THE SCORE. Den Regieposten übernahm ein bis dato unbekanntes Talent – Stobe Harju, ebenfalls auf Finnland.

Die Chancen stehen also durchaus gut für IMAGINAERUM – einen ambitionierten Film, der mehr sein möchte als ein erweitertes Musikvideo. Und tatsächlich hat man ab der ersten Sekunde das Gefühl, mit einer Art Fantasy-Blockbuster konfrontiert zu sein – der sich insofern als Blockbuster definiert, als dass er mit seiner überbordernden Magie und Symbolik nur so um sich wirft, sich dabei aber immer noch angenehm von der Hollywood-Konkurrenz distanziert. Dabei ist die eigentliche Story von IMAGINAERUM eine recht simple – es geht um nicht mehr und nicht weniger als einen alten Mann, der eine Art erweitertes Nahtoderlebnis (Infarkte, fortschreitende Demenz) hat und dabei Schlüsselpunkte seines Lebens noch einmal erlebt. Was man aber letztendlich aus dieser simplen Prämisse gemacht hat, ist durchaus beeindruckend – auch wenn die ganz großen Überraschungen am Ende ausbleiben und die Symbolik der im Film dargestellten Schlüsselelemente schnell offenbart. Dazwischen ist der Film vor allem eines: unterhaltsam, und einstweilen sogar richtig spannend.

nightwish_imaginaerum_film_02

Der eigentliche Clou des Films ist dabei die ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung, die letztendlich den Kern des Films ausmacht. Während sich der alte Mann in seinem Dämmerzustand auf die Suche nach Elementen seiner Vergangenheit macht (und dabei immer wieder von einem Schneemann bedroht wird; der versucht, wichtige Erinnerungen zu stehlen – untrügliche Symbolik zur Demenzerkrankung) tut seine Tochter es ihm gleich – in der realen Welt, versteht sich. Dieses Porträt einer Annäherung ist gespickt von Schicksalsschlägen und einer tiefen Emotionalität, die sich im Laufe des Films immer weiter zuspitzt und IMAGINAERUM letztendlich zu einem bewegenden Drama macht. Einem inhaltlich zwar simplen, aber angenehm ungewöhnlichen Drama – welches den Zuschauer vor allem mit seinen fantastischen Bildern verzaubert. Und das trotz oder gerade wegen der allgemein eher düsteren Bilder, die das Innenleben von Tom und seinen dazugehörigen Kampf aufzeigen. Hier erlebt man eine wundersame, teils verstörende Mischung aus DER POLAREXPRESS (Winter-Setting, Schneemann, Gondelfahrt) und INCEPTION (Traumsequenz, Zeitlupeneffekte), die sich durch viele gelungene Einfälle und investiertes Herzblut als eigenständig genug herausstellt, mit ganz großen Genrevertretern konkurrieren zu können.

Der Hauptkritikpunkt an IMAGINAERUM bleibt demnach eine fehlende inhaltliche Tragweite und Komplexität – die sich zweifelsohne angeboten und dem Film sicher gut getan hätte. Davon abgesehen gibt es grundsätzlich nur wenig zu beanstanden. Einige der CGI-Sequenzen sind technisch nicht perfekt (Flug des Schneemanns zu Beginn), die beiden längeren Auftritte der NIGHTWISH-Band im Film selbst sind zwar nett und passen sogar zur Geschichte – stören aber leicht den Filmfluss. Großes Lob muss dagegen den involvierten Darstellern zugesprochen werden – allen voran den ‚beiden‘ Tom’s Francis X. McCarthy und seinem jüngeren Alter Ego Quinn Lord. Der dritte (mittlere) Altersabschnitt von Tom wurde a’la NIGHTWISH von Tuomas Holopainen gespielt – doch genügte hier das blosse Auftreten und ein paar Gesten, leider. Auf der weiblichen Seite dagegen stehen nicht alle Zeichen auf grün – während Joanna Noyes als 73-jährige Ann noch wunderbar markant spielt (und dabei gekonnt zwischen einer gewissen Keckheit und Trauer pendelt), ist die Rolle von mit Marianne Farley nicht unbedingt perfekt besetzt. Ihr Spiel scheint etwas zu starr und unbeweglich, wie auch das der weiblichen Kinderdarsteller. Der Soundtrack gehört verständlicherweise zu den größten Stärken von IMAGINAERUM – hier stimmt einfach alles, auch wenn die metallische Einlage gegen Mitte ein wenig wie ein Fremdkörper wirkt.

nightwish_imaginaerum_film_03

Fazit: IMAGINAERUM ist kein Meisterwerk, aber doch ein gelungenes Fantasy-Drama mit Musical-Anleihen geworden. Fans von NIGHTWISH können bedenkenlos zuschlagen, und auch Nicht-Kenner der musikalischen Materie erwartet eine zauberhaft düstere, makaber-bewegende Reise in die (Geistes-)Welt eines auf der Schwelle zum Tode stehenden Mannes. Die Vater-Tochter-Geschichte ist gut ausgearbeitet, auch wenn die ‚Lösung‘ in diesem Falle dann doch etwas zu schnell und simpel daherkommt – sicher auch ein Problem im Zusammenhang mit der vergleichsweise knappen Spieldauer. IMAGINAERUM ist nicht weniger als ein Film über den Tod, die Liebe, das Aufarbeiten und Abschließen; die so vieles sagende Musik. Eine Empfehlung – auch wenn noch mehr drin gewesen wäre.

85oo10

Über Kommentare Freut Sich Jeder.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.