Filmkritik: „Django Unchained“ (2012)

djangounchained_500

Originaltitel: Django Unchained
Regie: Quentin Tarantino
Mit: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio u.a.
Land: USA
Laufzeit: 165 Minuten
FSK: Ab 16 freigegeben
Genre: Western
Tags: Django | Django Unchained | Christoph Waltz | Jamie Foxx | Sklaverei

Diesem Django stellt sich besser niemand in den Weg.

Inhalt: Die USA, Ende des 19. Jahrhunderts. Dr. King Schultz (Christoph Waltz) ist ein ehemaliger Zahnarzt, der sich seit einigen Jahren als verschlagener Kopfgeldjäger verdingt. Er plant bereits seinen nächsten Coup, bei dem er auf Django (Jamie Foxx) trifft, der zu diesem Zeitpunkt noch in Ketten gelegt ist. Als sich herausstellt, dass Django über wichtige Informationen verfügt, wird er kurzerhand von Dr. Schultz befreit – und auf eine abenteuerliche Reise mitgenommen. Die beiden treffen eine Vereinbarung, auf dass sie gemeinsam ihrem jeweiligen Ziel näher gebracht werden – doch nach und nach entwickelt sich zwischen dem ungewöhnlichen Duo eine echte Freundschaft. Nachdem Dr. Schultz seinen neuen Schützling als gleichberechtigten Kopfgeldjäger-Partner gewinnen konnte, steht beiden eine verhängnisvolle Reise bevor – Django ist auf der Suche nach seiner ebenfalls versklavten Ehefrau Broomhilda (Kerry Washington), die vor einiger Zeit von ihm getrennt wurde. Ihr Weg führt sie zur Farm eines reichen Plantagenbesitzers namens Calvin Candie (Leonardo DiCaprio), der eine makabere Faszination für Sklaven-Kämpfe entwickelt hat und dabei stets von seinem loyalen Haussklaven Stephen (Samuel L. Jackson) begleitet wird. Der gewiefte Dr. Schultz und der sich als schwarzer Sklaven-Peiniger ausgebende Django setzen auf eine Lösung auf Verhandlungsbasis – doch sind dabei stets bereit, doch noch die Waffen zu zücken.


djangounchained_01

Kritik: Als einer der wenigen Regisseure die es vermögen, sperrige und eigenwillig inszenierte Inhalte erfolgreich mit einer gewissen Massenkompatibilität zu verbinden, schickte das amerikanische enfant terrible Quentin Tarantino kürzlich sein neustes Werk DJANGO UNCHAINED ins Rennen. Dass jenes Wörtchen DJANGO im Filmtitel auftaucht, kommt dabei keinesfalls von ungefähr. Schließlich stand Frank Nero, der den Titelheld des 1966’er Westernstreifens DJANGO von Sergio Corbucci mimte, selbst Pate für diese ungewöhnliche Neuverfilmung. Eine Neuverfilmung im absolut weitesten Sinne, versteht sich – in Anbetracht dessen, dass jemand wie Quentin Tarantino ohnehin sein eigenes Ding durchziehen würde; keine allzu große Überraschung. Und so ist DJANGO UNCHAINED vor allem eines: ein ‚echter‘ Tarantino, mit typisch tarantinoesken Inhalten und Referenzen. Das besondere dabei ist, dass er sich endlich einem lange gehegten Traum hingeben konnte – der daraus bestand, einmal einen ‚richtigen‘ Western zu drehen. Genau das (und noch einiges mehr) ist DJANGO UNCHAINED nun auch geworden. Ein Film, der reichlich (Wüsten-)Sand aufwirbelt, und dabei eine handvoll besonders rauer Typen präsentiert – die jedoch lieber mit erst zu Worten greifen, und danach zum Colt.

Quasi im Vorbeigehen knöpft sich Tarantino – und das ist ebenfalls typisch – wieder ein historisch bedeutsames Thema vor, welches unmittelbar mit dem Begriff der Ungerechtigkeit (oder auch Unmenschlichkeit) verbunden ist wie kein zweites. Nach dem kontroversen Ansatz aus INGLORIOUS BASTERDS, in dem die Nazi-Gewalt vorzeitig durch eine (fiktionale) Macht der Gerechtigkeit niedergeschlagen wurde, geht es nun also der Sklaverei in den früheren USA an den Kragen. Sicher sollte man hier keine politisch korrekte, historisch akkurate oder detailliert ausgearbeitete Studie mitsamt wichtiger Randdaten erwarten – aber das braucht es auch gar nicht. Tarantino beschränkt sich auf das absolut notwendigste, und zeigt den Missbrauch der ‚weissen Herren‘ an ihren dunkelhäutigen Sklaven aus einer direkten, ungeschönten Perspektive. Einer, bei der man den Schweiß und das Blut geradezu zu schmecken glaubt; die Auswirkungen von Kontrolle und Gewalt intensiv geschildert werden. Zwar schlägt man hier das eine ums andere Mal etwas über die Stränge, gerade was spätere Schießereien betrifft – doch der Begriff des Fleisches spielt eben keine untergeordnete Rolle in DJANGO UNCHAINED. Menschen, die zu einem eben solchen Stück Fleisch degradiert werden, zu einem arbeitenden Stück Fleisch – und das Bestreben der anderen, solche Vorgänge mutwillig zu unterstützen oder sich dagegen aufzulehnen.

djangounchained_02

Markant ist, dass Tarantino in diesem Fall weniger auf makabere Haudrauf-Action, als vielmehr einen großen Wert auf die Dialoge legt. Zwar bekamen diese auch in DJANGO UNCHAINED’s Vorgängern immer eine entsprechende Bühne – doch gerade in Anbetracht der vergleichsweise langen Spieldauer von knapp 3 Stunden fällt derlei Gewichtung nun noch auffälliger aus. Das ist nur gut, und sorgt gerade zu Beginn (der Kennenlern-Phase der Charaktere) und gegen Ende (die Verkaufsgespräche) für einen hohen Unterhaltungswert. Leicht problematisch ist dagegen, dass Django über weite strecken eher wortkarg bleibt – und die Bühne so hauptsächlich Dr. Schultz überlässt. Der wird zwar grandios von Christoph Waltz gespielt; doch erinnert die gesamte Rolle inklusive der ihr auferlegten Intelligenz und Verschlagenheit stark an eine 2.0-Version von SS-Mann Hans Lander (ebenfalls Christoph Waltz, in INGLORIOUS BASTERDS). Offenbar arbeiten Tarantino und Waltz gerne zusammen, was nichts schlechtes ist – doch muss man damit rechnen, in Zukunft nicht mehr derart überrascht zu werden. Selbige Überraschung folgt in DJANGO UNCHAINED dann allerdings doch noch – nur ist es diesmal ausgerechnet Leonardo DiCaprio, der Waltz die Show stiehlt. Neben dem herrlich rau agierendem Jamie Foxx machen DiCaprio, sowie eventuell auch Samuel L. Jackson als gealterter Berater ihre Sache besonders gut – und verleihen DJANGO UNCHAINED so einen markanten, starken darstellerischen Aspekt.

So oder so gibt es auch eine handvoll Elemente, die DJANGO UNCHAINED als wahrhaft perfektes Werk disqualifizieren. Und damit ist nicht einmal die lange Spielzeit gemeint, die eigentlich recht gut ausgenutzt wird – bis auf die Tatsache, dass man dem Zuschauer erstaunlich wenige Einblicke in die Seelenwelt der Charaktere anbietet. Es ist zwar teilweise beabsichtigt und ein Stilmittel; doch das Gefühl, dass alle involvierten Charaktere nur ‚eine große Show‘ abziehen, gerät irgendwann einfach zu vordergründig. So bleiben die Charaktere vor allem eines: Schablonen, die lediglich mit speziellen Eigenheiten ausgestattet wurden, aber nicht wirklich mit einer Seele. Ebenfalls hervorzuheben ist das letzte Viertel / Fünftel des Films, welches letztendlich eher enttäuscht, als dass es mit der bis hierhin etablierten Qualität mithalten könnte. Hie und da wird es etwas zu vorhersehbar, zu unglaubwürdig – oder schlicht zu nervig. Dass wichtige Film-Figuren sterben werden, war zwar abzusehen – doch dass dies unbedingt auf eine solch thumbe Weise geschehen muss, nicht. Der geradezu lächerliche Sklaventransport gegen Ende, der zudem mit einem denkbar schlechten darstellerischen Kurzauftritt von Tarantino höchstselbst aufwartet, ist dabei nur ein (fader) Vorgeschmack auf das eigentliche Ende, in dem vor allem die Begriffe (sinnloses) Gemetzel und (scheinheilige) Glorifizierung zur vollen Geltung kommen. Spannend bleibt, dass DJANGO UNCHAINED quasi ein Hieb in die Magengrube der Amerikaner und deren Geschichte ist – und so die mit INGLORIOUS BASTERDS etablierte Retter- und Weltmachtsstimmung wieder ein wenig zu schmälern weiss, sicherlich berechtigterweise.

Fazit: DJANGO UNCHAINED ist ein Film, der sowohl als Tributzollung an die Geschichte des Films selbst, als auch als eigenständig-makaberer Western verstanden werden kann. Quentin Tarantino sei Dank – der Spagat zwischen popkulturellem Mainstream und offen ausgelebter, eigensinniger Film-Passion geht in diesem Fall sehr gut auf. Trotz der recht ansehnlichen Spieldauer kommen keine explizite Längen auf; das Spiel der Darsteller ist geradezu berauschend, die spannenden Charakter-Konstrukte sowie die erfrischende Mixtur aus Lovestory, raubeiniger Härte und politischem Statement einzigartig. Aber: der Film verliert gerade im letzten Viertel stark an Glaubwürdigkeit, Faszination – und macht einer merkwürdigen Leidenschaft Platz, die dann doch etwas überkandidelt daherkommt. Eine Leidenschaft, die zwar von Tarantino stammt und entsprechend ausgelebt wird – zu der man aber keinen so guten Draht herstellen kann wie in den 2 Stunden zuvor. Die einzigen potentiellen Gegenmaßnahmen: entweder, man hätte den Film doch um eine gute halbe Stunde kürzen, oder aber das Ableben einer gewissen Hauptfigur und die finale Schiesserei ganz, ganz anders inszenieren müssen. Doch dafür ist es nun zu spät… es bleibt bei einem witzig-spritzigen Film mit einem hohen Unterhaltungswert, bei dem auch die ernsten Untertöne alles andere als zu kurz kommen.

75oo10

Advertisements

5 Gedanken zu “Filmkritik: „Django Unchained“ (2012)

  1. Jetzt muss ich doch mal meinen Kommentar dazu bisschen updaten. Kill Bill 1/2 fand ich beide Klasse, aber Django Unchained ist so ein verdammt overrated Stück Poser-Filmware und eine Szene hat mich mit seinem deplatzierten Humor besonders genervt und das war die KKK-Sack über dem Kopf Szene, wo minutenlang nur herumgeblödelt wird, mit Jonah Hill, den ich schon von Haus aus irgendwie gar nicht mag. (sowas wie ein US-Axel Stein) Ich wollt da echt schon abschalten. ^^

    Für mich hat „Django Unchained“ nicht nur nichts mit einem Meisterwerk zu tun, für mich ist er einfach nur unterdurchschnittlich und „mildly entertaining“. 4,5/10

    Lösung: Die Top 20 hat er selbst schon erwähnt (Ergänzungen liefen die Kommentare)
    http://www.moviepilot.de/news/quentin-tarantino-s-top-20-der-besten-spaghetti-western-146870
    Für einen „ungeübten“ würde ich mit „Zwei glorreiche Halunken“ anfangen, den kann man sich auch als Nichtwesternfreund immer wieder ansehen, weil er eine gute Portion zynischen Humor hat.

    Wahrscheinlich kann man sich jetzt mit Kennern streiten, ob „Spiel mir das Lied vom Tod“ nich noch ne Stufe besser ist, super Film keine Frage, zum Teilen auch großes Drama (beim Eröffnungsmassaker und der anschließenden Beerdigung hab ich immer nen Kloß im Hals, geschuldet auch der wunderbaren Cinematographie und der Musik von Ennio Morricone), allerdings finde ich ihn im eigenen Genre manchmal auch etwas zu überbewertet. (ähnlich wie „The Godfather“ wenn es um Mafiafilme oder Film generell geht) Man höre und staune sollen Dario Argento und Bernardo Bertolucci auch zum Entstehen des Filmes beigetragen haben. Ich finde einfach beide Filme gut…wers etwas unterhaltsamer mag präferiert ersteren, wer mehr Drama/Westernepos haben will greift zum zweiten. (Tarantino hat bei „Django Unchained“ wohl versucht beide zu „mixen“ und dann nochmal seinen eigenen Senf dazu zu geben)

    Wer nen richtigen „Schlag in die Magengrube“ braucht, der schaut sich (in der Auflistung find ich ihn nicht) „Soldier Blue“ (Das Wiegenlied vom Todschlag) an. (von Rober Ebert nur mit 1,5/4 bewertet ^^)

    Gefällt 1 Person

  2. Bei dir klingt das alles so ernst…ich glaube Tarantino hat mit Ernsthaftigkeit gar nichts mehr zu tun. ^^ Tarantino will vor allem eins…seinen Stil konsequent durchboxen, da ist die Sklaverei nur ein Kontext um den man herum bauen kann, wie es bei Inglorious Basterds mit den Nazis der Fall war. Bei dir klingt das stellenweise so als ob er einen Geschichtsfilm (was er damals bei Inglorious Basterds wohl selbst geglaubt hat) abgeliefert hätte. Da ich dutzende von Italowestern gesehen habe, u.a. auch Django und diverse Ableger werde ich mit seinem Stil in einem Western nicht zufrieden sein. Für ihn muss alles „cool“ und „fuck“ sein…da muss Hip Hop rein…da muss ein Schwarzer als Django rein…ich bin mal gespannt ob irgendwann mal ein weißer „Shaft“ verfilmt wird. ^^ Das akzeptiere ich nur sehr widerwillig und die Fresse von Waltz stehe ich nicht noch einmal einen kompletten Film durch. 🙂 Nein, mit diesem Film hat Quentin Tarantino nicht den Western zum Leben erweckt (es gab nämlich schon etliche GUTE Western in den letzten Jahren)…was wir hier haben ist die Wiederauferstehung des Blaxploitation Films, von dem Tarantino scheinbar auch Fan sein muss. 🙂 (siehe „Jackie Brown“, teilweise auch „Pulp Fiction“) Man beachte auch die Namen der Charaktere „Broomhilda Von Shaft“ ist da nur ein Beispiel. ^^

    Gefällt mir

    1. Blaxploitation… ich wusste doch, dass es da einen Fachbegriff gibt. Danke, dass Du ihn nun erwähnt hast, das lässt vieles klarer erscheinen 🙂
      p.s. Stichwort „cool“ und „fuck“… in der Tat. Wäre vielleicht nicht so das Problem in Sachen Verhalten, Schlagfertigkeit und der Dialoge, gehört ja irgendwie immer dazu bei Tarantino. Doch die deplatzierten Hip Hop-Beats (die gehören tatsächlich zum OST von Django Unchained) hätte es wahrlich nicht gebraucht… alles in Maßen bitte.

      Gefällt mir

      1. Ich muss mir immer noch Kill Bill Vol 1+2 ansehen…die sahen immer vielversprechend aus…Vol 3 ist ja auch schon in der Mache. Sonst habe ich eigentlich die ganzen Filme von ihm gesehen (so viele sind es gar nicht)…und eben Django Unchained. Death Proof war mir persönlich einfach zu viel „lässiges Gequatsche“..sowas gabs ja schon in seinen Klassikern, aber im Fall von Death Proof war das schon WAHNSINNIG zäh, dabei gabs einige klasse Szenen. ^^

        Gefällt mir

Zögert bitte nicht, einen Kommentar zu hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s