Filmkritik: „Durst“ (2009)

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Originaltitel: Bakjwi
Regie: Park Chan-wook
Mit: Song Kang-Ho, Kim Ok-vin, In-hwan Park u.a.
Land: Südkorea
Laufzeit: 133 Minuten
FSK: Ab 16 freigegeben
Genre: Horror / Drama / Thriller / Fantasy
Tags: Durst | Thirst | Bakiwi | Vampir | Südkorea | Liebe | Experiment

Ein erfrischender Vampirfilm, der so viel mehr ist.

Inhalt: Sang-hyeon (Kang-ho Song) ist ein Priester, der verschiedene Krankenhäuser und die dort stationierten, schwer verletzten oder gar todgeweihten Patienten besucht. Er versucht stets, tröstende Worte zu finden – doch beginnt er langsam aber sicher zu zweifeln. Er stellt sich selbst, seinen Glauben und seine offensichtliche Machtlosigkeit im Angesicht des immer wieder miterlebten Todes in Frage – und sucht nach einem Ausweg. Geradezu gelegen kommt ihm ein Aufruf zu einem Experiment, dass angeblich zum Wohle der Menschheit durchgeführt wird. Er meldet sich prompt als Versuchskandidat – und stirbt daraufhin, wie auch alle anderen Teilnehmer vor ihm. Sang-hyeon jedoch hat das Glück – oder Pech – als einziger der Probanden überraschend ins Leben zurückzukehren; nämlich als Vampir. Sein Leben wird fortan komplett auf den Kopf gestellt; und seine ehemaligen Anschauungen als Priester geraten ins Wanken. Schließlich muss er von nun an Menschenblut konsumieren, um nicht zu verenden – nur, woher sollte man dieses nehmen ohne jemandem zu schaden ? Dann lernt er eine junge, verheiratete Frau kennen – und ein schwerer Schicksalweg beginnt.

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Kritik: Vielleicht war es einfach einmal wieder an der Zeit für einen Film, der sich halbwegs ernsthaft mit dem Thema des Vampirismus auseinandersetzt. Einen sogenannten Vampirfilm (eine Bezeichnung, die nicht zu Unrecht negativ behaftet ist), der dabei nicht den eher trivialen Pfaden seiner vielen Vorgänger folgt; sondern stattdessen gehobene Unterhaltung für Erwachsene bietet. Dieses Merkmal ist es glücklicherweise auch, welches Park Chan-wook’s (OLDBOY) Werk auszeichnet, und dementsprechend von der Masse abzuheben weiss. Neben der Tatsache, dass der Film aus Südkorea stammt, versteht sich – denn das Groß an (bekannteren) Vampirfilmen stammt bekanntlich aus dem Westen, und nicht selten direkt aus der Traumfabrik Hollywood’s.

Eine willkommene Abwechslung also – die sich nicht zuletzt in der etwas anderen, fernöstlichen Machart (inklusive vergleichsweise tief gehender Psychologie) und dem extravagant-intensiven Spiel der koreanischen Darsteller niederschlägt. Doch nicht nur diese auf den ersten Blick frisch und ungewohnt erscheinende Aspekte (besonders, wenn man sonst weniger Werke aus Fernost konsumiert) sind es, die den allgemeinen Zuschauer von DURST begeistern werden. Auch wenn sie einen Großteil der Filmwirkung ausmachen, stehen dem handwerklichen und inszenatorischen Part eine solide Story, intensiv-verstörende Charakterporträts und ein Hauch Fantasy zur Seite. Und ja; auch eine Liebesgeschichte gibt es – allerdings eine, die weitaus ungewöhnlicher, bewegender und vielleicht auch erschreckender dargestellt wird als in so manchem Vergleichswerk. In DURST wird man keine sich gegenseitig anschmachtenden Charaktere vorfinden, die erst ihre Schüchternheit überwinden und im weiteren Verlauf ihr Geheimnis (Stichwort Vampir) offenbaren – zwischen den beiden hier dargestellten Haupt-Protagonisten geschieht das alles recht schnell. Und, auf eine merklich andere Art und Weise – angefangen beim befremdlichen, nächtlichen Kennenlernen auf einer Straße; über die Verstrickungen des weiblichen Parts in ihrer eigentlichen Familie und -Ehe, bis hin zur potentiell unendlichen Liebe, die über den Tod hinausgeht.

Wie Park Chan-wook dabei vorgeht, gleicht einem kleinen aber feinen Geniestreich: der grundsätzlich eher still gehaltene, auf ein Kammerspiel getrimmte Film strotzt in seinem Subtext nur so vor komplexen Themen insbesondere kultureller Art, sich aufdrängenden Fragen und allzu menschlichen Dilemmata. Jene Menschlichkeit, die in allen Ebenen von DURST mitschwingt, haucht vor allem den Charakteren Leben ein – und macht ihr Handeln so nachvollziehbar. Ein Priester, der mit seinem Leben und Schaffen immer unzufriedener ist und sich machtlos fühlt; der nach einem Experiment dann aber gleich über Mächte verfügt, die er kaum zu kontrollieren geschweige denn sinnig einzusetzen vermag ? Eine junge Frau, gefangen in einer beengenden familiären Konstellation, die ebenfalls auf der Suche nach einem Ausweg ist; und so selbst wenig gegen eine vergleichsweise blutige Bekanntschaft einzuwenden hat ? Das klingt gewiss spannend, und das ist es auch. Nach der Zusammenführung dieser beiden (an und für sich schon vielversprechenden) Charaktere geht es indes erst richtig los: die ungewöhnliche Liebe gedeiht, und bringt neben mancher Errungenschaft auch den ein oder anderen (blutigen) Verlust mit sich. Irgendwo zwischen Liebe und Wahnsinn, Angst und Frustration, Selbstverwirklichung und Gegenwehr suchen die beiden einen Weg – und finden ihn, auch wenn sie sich dabei nicht wirklich einig sind.

Jedoch offenbart DURST nicht immer jene kinematografische Qualität, nicht zuletzt handelt es sich um einen Film der Gegensätze. Einen, in dem der Alltag endlich auf die lang ersehnte, schicksalhafte Wendung trifft – und einen, in dem auf tiefere charakerbezogene Porträts plötzlich intensive und lange Sexszenen folgen. Zwar erscheinen sie in diesem Zusammenhang durchaus sinnig (schließlich sind sie nicht selten mit der Darstellung der eigentlichen Vampir-Begierde kombiniert) – andererseits ziehen sie sich in die Länge, und stören den sonst spannenden Filmfluss. Sicher, dass auch hier gewisse unterschwellige Töne mitschwingen (beispielsweise das gemeinsame Merkmal, sich geradezu animalischen Trieben hinzugeben) rettet vieles – doch eben nicht alles. So muss man sich entscheiden, ob man jene Szenen als überaus glaubhaft in Szene gesetzt und perfekt vertont (alleine die Atemgeräusche) bezeichnen würde – oder sie als eher voyeuristische Maßnahme, die nicht viel mehr Sinn ergibt als Lücken zu füllen; einstuft. Ebenfalls fragwürdig: das Ausblenden des gesamten Makrokosmos der Vampir-Verwandlung. Es geht einzig und allein um Park Chan-wook, seine Freundin; und stellenweise ihre Familie – doch näheres zum Experiment, möglichen Verfolgern, Konflikte mit dem Gesetz oder Unbeteiligten (bis auf die merkwürdigen Szenen in einer Art Christen-Zeltlager) et cetera bekommt man nicht zu sehen. Was nicht heissen soll, dass DURST ein mordfreier Film ist – im Gegenteil. Doch bis etwas explizites passiert, vergeht viel Zeit – sodass es bereits schon wieder fast zu spät ist für etwaige Reflexionen. Ein (weiterer) Ausweg muss her – den man dann auch entsprechend und in einem geradezu bedrückenden Finale präsentiert bekommt.

Fazit: DURST ist weder Horror noch Thriller – sondern vielmehr ein leicht surreales, charakterbezogenes Vampir-Drama mit Fantasy-Anleihen. Wer hier knallharte Action oder ein spannendes Katz- und Mausspiel erwartet, wird enttäuscht – bis auf einige kurze Sprung- und Kampfszenen (entsprechend den Vampir-Fähigkeiten sieht das natürlich spektakulär aus), sowie eine handvoll kurzweiliger Aussaugungs-Szenen gibt es diesbezüglich nicht viel zu sehen. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so – schließlich wohnen DURST ganz andere, eben nicht typisch Hollywood-affine Qualitäten inne. Diese beziehen sich vor allem auf die geradezu kunstvolle Inszenierung im Arthaus-Stil (samt stimmiger Optik, tollen Kamerafahrten und schlichten aber wirkungsvollen Kulissen), das Engagement der Darsteller und das Porträt eines Priesters, der nicht nur zu einem Vampir wird – sondern im gleichen Atemzug auch seine erste große Liebe kennenlernt. Mit viel Fingerspitzengefühl wird so das Innenleben der Charaktere ausgeleuchtet, das es eine wahre Freude ist – oder eben ein (Kunst-)Film wie dieser. Eine Empfehlung für alle, die das gewöhnliche meiden und sich dennoch gut unterhalten wissen wollen.

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „Durst“ (2009)

  1. Ah den meintest du. Über diesen Film hab ich schon mal gelesen und wollte den irgendwann auch mal schauen, weil der ganz gut bewertet wurde und von Park Chan-Wook ist.
    cu morgen
    cb

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