Filmkritik: „L’Auberge Rouge – Mord Inklusive“ (2007)

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Originaltitel: L’Auberge Rouge
Regie: Gérard Krawczyk
Mit: Josiane Balasko, Christian Clavier, Gérard Jugnot u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: 95 Minuten
FSK: Ab 12 freigegeben
Genre: Komödie
Tags: Herberge | Blutig | Mord | Priester | Gäste | Betreuung | Remake

Horror-Herberge trifft Lustspiel.

Inhalt: Pierre (Christian Clavier), Rose Martin (Josiane Balasko) und der ausschließlich per Gebärden sprechender Violet (Frédéric Epaud), den die beiden als Kind aufgenommen haben; leiten den abgelegenen Gasthof Zum Schorfigen. Der befindet sich tatsächlich irgendwo in einer Einöde, umgeben von einer schroffen Berglandschaft – sodass sich nur wenige Gäste hierher verirren. Die wenigen, die dennoch auftauchen; werden vom kauzigen Trio erst gut bewirtet – doch danach ausgeraubt und umgebracht. Bisher konnten sich die drei so ihren Lebensunterhalt sichern, wohl auch da in dieser Gegend niemand nach einem Vermissten suchen würde. Nun aber kommt eine größere Gruppe an, die aufgrund einer Panne am Kutschenwagen notgedrungen für Reparaturen Halt machen muss. Unter ihnen sind auch der Priester (Gérard Jugnot), sein eifriger Schüler Octave (Jean-Baptiste Maunier), sowie eine handvoll gut betuchter Reisender. Eigentlich wittern die Martin’s ihre große Chance, einen letzten Coup zu landen – doch dass dabei ausgerechnet ein Priester zu Schaden kommen soll, das geht Frau Martin dann doch zu weit.

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Kritik: L’AUBERGE ROUGE – das ist ein französischer Film der Gegensätze. Ein makaberer Horror, der größtenteils auf einer wahren aber nicht eindeutig belegbaren) Begebenheit basiert; trifft hier auf eine komödiantisches, schwarzhumoriges Lustspiel der besonderen Art. Ein solches, dass grundsätzlich relativ minimalistisch gehalten ist, und letztendlich nur von einer einzigen (aber aufwendig gestalteten) Kulisse sowie seinen Charakteren lebt. Die gleichsam schaurige wie kuriose Grundidee im Zusammenspiel mit einer Reihe verrückter (aber gelungener) Einfälle gerät unter der Regieführung Gérard Krawczyk’s so zu einer vergleichsweise ungewöhnlichen französischen Komödie, die über weite Strecken überraschend gut unterhält.

Einer der Hauptgründe für das Funktionieren des Films ist ohne Zweifel das Geschick der Filmemacher, sowie die damit einhergehende inhaltliche Ausrichtung und -Gewichtung. Wo sich andere konsequent für eine Genre-Zugehörigkeit entschieden hätten (gerade der Horror böte sich an), fällt L’AUBERGE ROUGE recht vielseitig, bunt; ja schlicht herrlich inkonsequent aus. Dies hat mitunter auch zur Folge, dass etwaige Erwartungen seitens der Zuschauer nur selten in Erfüllung gehen, und der Film auch im späteren verlauf noch die ein oder andere Überraschung bereithält. Es beginnt damit, dass die eigentlichen, vermeintlich Bösewichter des Films alles andere als furchterregende Gestalten sind – sondern vielmehr ein kauziges Pärchen mit einem fragwürdigen Interpretation ihres (Bewirtungs-)Berufes. Nicht nur, dass ihre Absichten auf irgendeine makabere Art und Weise nachvollziehbar erscheinen; sie werden grundsätzlich sympathischer dargestellt als die Opfer, die in der Herberge nicht viel mehr als eine heruntergekommene Spelunke sehen.

Dabei begeht L’AUBERGE ROUGE aber nicht den Fehler, etwaige Gewalttaten zu rechtfertigen oder gar zu verharmlosen. Denn trotz aller schwarzhumoriger Einflüsse erscheint die offensichtliche Gefahr, die von diesem merkwürdigen Gasthaus ausgeht; stets greifbar. Wie auch die Moral von der Geschicht‘, die zwar keinesfalls mit einem erhobenen Zeigefinger präsentiert wird – aber das Böse doch noch in seine Schranken weist. Die Tatsache, dass die zugrunde liegende wahre Begebenheit keinen wirklich greifbaren Fall behandelt, sondern vielmehr eine Art böses Märchen – unterstützt diesen Eindruck. Und wieder begeistert L’AUBERGE ROUGE mit einem markanten Gegensatz: einerseits ist er politisch absolut unkorrekt (wie es bei einer guten schwarzhumorigen Komödie der Fall sein sollte), andererseits wirft man nicht einfach alle Werte über Bord. Man spielt lediglich mit ihnen, und sorgt so für einige äußerst spritzige, witzige, oder einfach nur kuriose Film-Momente.

Einen Großteil dieser Wirkung geht dabei von den involvierten Charakteren aus, deren Riege bunter nicht hätte ausfallen können. Das charmant-böse Pärchen, dass in den Morden nicht viel mehr als eine nötige Maßnahme zwecks der Sicherung des eigenen Lebensunterhaltes sieht; die Taten aber teilweise auch bereut – wie es der markanten Beicht-Szene zu entnehmen ist – bildet hier den Dreh- und Angelpunkt des Films. Hinzu kommen auf der anderen Seite eine Ansammlung von mal mehr, mal weniger versnobten Gästen; sowie ein Priester und sein entschlossener Schüler. Was unabhängig voneinander betrachtet vielleicht nicht funktioniert hätte – auch, da hier vielerlei Stereotypen bedient werden – ergibt in der bunten L’AUBERGE ROUGE-Mischung ein lebendiges Gesamtbild mit einer Vielzahl urkomischer Interaktionen. Beispielsweise entscheidet sich der erst noch verdammt eifrige Priester-Schüler plötzlich doch noch gegen dem ihm auferlegten Weg – indem er die Bekanntschaft mit der Tochter des Gastwirtes macht. Dies seinem ehemaligen Vorbild zu erklären, erweist sich dementsprechend als echte Mammutaufgabe.

Stichwort Beichte: jene markante Szene ermöglicht es erst, dass der Film trotz des ohnehin schon unterhaltsamen Flusses gegen Mitte / Ende noch einmal ordentlich an Fahrt aufnimmt. Eine simple Idee wie diese ermöglicht so noch viele weitere merkwürdige Momente – schließlich muss der Priester sein Beichtgeheimnis wahren, möchte auf der anderen Seite aber dennoch nicht zulassen, dass noch weitere Menschen zu schaden kommen. Wie die (Charakter-)Schlacht am Ende ausgeht, davon sollte man sich wahrlich selbst ein Bild machen. Allerdings gibt es auch einige kleinere Minuspunkte zu verbuchen. So werden alle Charaktere als schablonenhafte; aber äußerst vielversprechende Figuren mit haufenweise Potential eingeführt – welches jedoch nicht immer ausgenutzt wird. Gerade in Bezug auf die Rolle des Spitzen-Schneiders Simon Barbeuf (François-Xavier Demaison) gäbe es da sicherlich noch einiges mehr herauszuholen.

Fazit: L’AUBERGE ROUGE ist eine verdammt gute Komödie – bei aller Liebe und gutem Willen aber eben auch keine grundsätzlich neue. Tatsächlich handelt es sich, auch wenn es aufgrund des Bekanntheitsgrades der entsprechenden Vorlage sicherlich nicht den Anschein hat; um ein Remake. Der Originalfilm mit dem gleichnamigen Titel (im deutschen DIE ROTE HERBERGE) stammt aus dem Jahre 1951, und wartete mit exakt derselben Story und größtenteils auch -Umsetzung auf. Natürlich wirkte dies damals noch nicht ganz so zeitlos und universell wie heute – sodass man zumindest sagen kann, dass ein Remake in diesem Fall angebracht war. Zumindest angebrachter als bei vielen neueren, bekannteren und längst zu Kultfilmen avancierten Werken, die schon nach wenigen Jahren neu gedreht werden. Das muss dann doch wirklich nicht sein. Bleibt zu sagen: L’AUBERGE ROUGE überzeugt in jeder Hinsicht, vor allem aber in Bezug auf die makabere Grundsituation und -Stimmung, die Charaktere – und auch auf der technischen Seite macht der Film einen tadellosen Eindruck. Die Kulissen sind nett und stimmig, die Kostüme herrlich übertrieben und aufwendig, die Darsteller schienen alle einen Heidenspaß gehabt zu haben. Der überträgt sich dementsprechend auch auf den Zuschauer… im besten Fall.

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Ein Gedanke zu “Filmkritik: „L’Auberge Rouge – Mord Inklusive“ (2007)

  1. Ich mag ja EINIGE französische Komödien und auch das französische Kino insgesamt. Es spielen sogar drei Darsteller mit, die ich ganz gerne mag, Christian Clavier, Jean-Baptiste Maunier und allen voran Gerard Jugnot, der mich/uns konsequent durch die letzten Dekaden des französischen Kinos – vom ewigen Nebendarsteller bis zum Hauptprotagonisten – begleitet, aber erst seit „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ seinen Bekanntheitsgrad um einiges steigern konnte.Die Optik ist auch sehr gut gelungen, leider funktioniert der Humor für mich nicht so gut…k.a. warum der Funke nicht überspringen mochte…vielleicht müsste man sich das unsynchronisierte Original ansehen.

    Wertung: 5,5/10

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