Metal-CD-Review: CRYSTALLION – Hattin (2008)

crystallion_hattin
Album: Hattin | Band: Crystallion (weitere Band-Inhalte)

Land: Deutschland – Stil: Heavy / Power Metal – Label: Dockyard 1

Alben-Lineup:

Thomas Strübler – Gesang
Patrick Juhász – Gitarre
Florian Ramsauer – Gitarre
Stefan Gimpl – Bass
Martin Herzinger – Schlagzeug
Manuel Schallinger – Keyboard

01 The Ambush
01.56
02 Wings Of Thunder
05.28
03 Vanishing Glory
07.45
04 Under Siege
06.00
05 The Battle – Onward 06.55
06 The Battle – Higher Than The Sky
08.26
07 The Battle – Saracen Ascension
07.13
08 Preach With An Iron Tongue 11.08

Geschichte geht nicht epischer.

Was haben sich CRYSTALLION aus Deutschland / Bayern bloss dabei gedacht ? Nach einem guten, aber doch recht typischen Power Metal-Genrealbum als Debüt (A DARK ENCHATED CRYSTAL NIGHT, 2006 – Review) legten sie gute zwei Jahre später plötzlich HATTIN vor – ein Konzeptalbum mit schwerwiegendem historischen Inhalt. Dass sich Bands im Laufe der Jahre weiterentwickeln und sich dabei bestenfalls auch spürbar verbessern (musikalisch, technisch, inhaltlich), ist eine der Voraussetzungen, um in einem überlaufenen Genre zu bestehen – aber wirkliche Quantensprünge gelingen dabei den wenigsten. Ein Kandidat dieser wenigen ist die 2003 gegründete Band CRYSTALLION – und der handfeste Beweis das vorliegende Album. 

Dabei hätte das Ganze auch schnell in die Hose gehen können. Ein Konzeptalbum, welches sich hauptsächlich mit den Kreuzzügen und einer der wichtigsten Schlachten um Jerusalem (1187) beschäftigt, ist eben automatisch gespickt mit potentiell die Gemüter erhitzenden Themen. Besonders, wenn das Ganze dann auch noch – oder gerade noch – im musikalischen Bereich des Power Metals angesiedelt ist; der gerne mal etwas martialisch, ausschweifend und teilweise verherrlichend daherkommt. Doch selbst wenn nicht die Gefahr bestand, etwaige Gemüter allzu sehr zu erhitzen, so liefen CRYSTALLION immer noch Gefahr, ihr Projekt unfreiwilligerweise ins Lächerliche abdriften zu lassen. Es darf jedoch eine vollständige Entwarnung gegeben werden – CRYSTALLION umgehen beide Fettnäpfchen, und schaffen somit den schwierigen Spagat zwischen ernstzunehmender, neutraler Geschichtsstunde und zünftiger Power Metal-Kost. Das Ergebnis ist vor allem eines: absolut unterhaltsam.

Bereits das Intro THE AMBUSH macht klar, auf welche Reise sich der Hörer dieses Mal begeben würde: eine, die etwas weiter weg von den fantastischen Inhalten des Debütalbums führen würde, hinein in die Realität; respektive Vergangenheit. Die druckvollen, Soundtrack-artigen Klänge sorgen für einen frischen Wind, bis eine Erzählstimme einsetzt und dem Hörer die ersten nötigen Randdaten zur Verfügung stellt. Gerade in den Erzählparts liegt oft die Crux eines Power Metal-Albums, welches eine Geschichte erzählen will – doch CRYSTALLION geben sich auch hier keine Blösse. Richtig spannend wird es dann mit dem (durchaus sagenhaften) Opener WINGS OF THUNDER – eine melodischen Hymne, vollgepackt mit hochqualitativen Metal-Elementen und einem ganz speziellen Charme. Die ausserordentlich versierte Produktion lässt einen erst einmal innehalten – und die einzelnen Instrumenten-Parts ungetrübt genießen. Besonders auffällig und positiv hervorzuheben ist der markante Einsatz des Basses, sowie das rundum organische Schlagzeugspiel – endlich einmal gibt es wieder eine Band, die allen Mitgliedern gleichsam ihre Aufmerksamkeit schenkt, beziehungsweise ihnen einen entsprechenden Raum gibt.

Doch auch das Gitarrenspiel und der Gesang sind beileibe nicht von schlechten Eltern – auch wenn Leadsänger Thomas Strübler (eventuell bekannt aus JUVALIANT) eine vergleichsweise typische Power Metal-Stimme hat. Angesiedelt in den höheren Gesangslagen, gibt er sich jedoch keinen ausschweifenden Scream-Eskapaden hin, sondern bleibt im Sinne der Geschichsstunde weitestgehend bodenständig; und vor allem angenehm zu hören. Dieses Konzept wird nun auch im folgenden VANISHING GLORY weitergeführt. Ein kurzes Intro mit vollem Instrumenteneinsatz weicht alsbald einer harmonisch-sphärischen Passage, die die Spannung noch einmal bis zum Zerbersten aufbaut. Die Entladung erfolgt sogleich – und präsentiert sich in Form einer Bass- und Gitarren-lastigen Instrumentation voller Kraft, Ausdrucksstärke, aber eben auch (Fein-)Gefühl. Sehr gut, und weitestgehend dezent-unterstützend ist das Keyboardspiel von Manuel Schallinger, der genau darauf geachtet hat dass keine allzu plumpen oder kitschigen Klänge den Weg in die (Hintergrund-)Komposition finden.

Die (auch inhaltliche) Spannung spitzt sich zu – und präsentiert dem Hörer mit UNDER SIEGE eine scheinbar auswegslose Situation. Hier handelt es sich um einen weiteren sehr guten, vielleicht etwas ungewöhnlichen Titel mit einer ureigenen Dramatik. Die Grundstimmung scheint hier sehr variabel, eine grundsätzlich positiv anmutende Instrumentalstimmung im Midtempo-Bereich steht im Gegensatz zu den Textinhalten. Musikalisch 1A ist das Ganze ohne Zweifel – so lassen auch die Gitarrensoli keine Bedenken zu. Nun aber folgen drei zusammenhängende Titel, die sich – und das ist vielleicht gar keine große Überraschung – als das absolute Alben-Highlight herausstellen. Die epische THE BATTLE…-Sage ist nämlich genau das: verdammt episch, und in ihrer Wirkungskraft und Intensität einfach unschlagbar. Während ONWARD als Vorspiel mit allerlei Raffinessen und Stimmungswechseln auftrumpft, fungiert das schier unglaubliche HIGHER THAN THE SKY als die stellvertretende Hymne des Albums – von der Melodie über die unaufhaltsame Power, bis hin zum gut ausgearbeiteten Inhalt – hier stimmt einfach alles. Hier handelt es sich nicht nur um den besten Titel des Albums – sondern ohne Zweifel auch um einen der besten und herausragendsten aus dem Jahre 2008. Überwältigt von dem bisherigen Eindruck bleiben nur noch SARACEN ASCENSION (tolle Tempi- und Stimmungswechsel) und PREACH WITH AN IRON TONGUE (etwas lockererer Titel mit tollen Refrain und Instrumentalpart) als Ausklang.

Fazit: Gerade im Power Metal gibt es immer wieder Bands, die historische Ereignisse aufgreifen und sie in ihrer Musik – vielleicht auch in einem Konzeptalbum – verarbeiten. Das kann je nach Band und Erfahrung mal gelingen, mal missglücken – zumeist aber bewegt sich das Ergebnis auf einem akzeptablen Niveau, irgendwo anzusiedeln zwischen epischer Dramatik und der übertragenen Spielfreude des Power Metal. CRYSTALLION aber nehmen sich ihr anliegen so stark zu Herzen, dass sie mit HATTIN für die Entstehung einer bisher so nie dagewesenen, absolut ernstzunehmenden Power Metal-Geschichsstunde sorgen. Auf diesem Album findet sich weder Kitsch noch viel Schnickschnack – lediglich die teils hymnischen Refrains bedienen das Genre so wie man es sich vielleicht vorgestellt hat (und teilweise vom Vorgänger-Album kennt), und erinnern damit auch etwas an andere Genre-Vertreter – übertreffen diese aber auch in dieser Hinsicht. Wenn CRYSTALLION mit diesem Geschichts-Album nicht Geschichte schreiben, mit welchem dann ? HATTIN ist in jeder Hinsicht überragend, und lässt unzählige Geschichten-erzählenden Power Metal-Bands von Schweden bis Italien verdammt alt aussehen. Ein Meilenstein für die Band – ein Meisterwerk für alle.

Musik: 10/10 | Gesang: 9/10 | Produktion: 10/10 | Inhalt: 10/10 | Vielfalt: 10/10 | Wirkungskraft: 10/10

Anspieltipps: Grundsätzlich alle, insbesondere THE BATTLE… HIGHER THAN THE SKY


10oo10

Über Kommentare Freut Sich Jeder.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.