Filmkritik: „We Need To Talk About Kevin“ (2012)

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Originaltitel: We Need To Talk About Kevin
Regie: Lynne Ramsay
Mit: Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller u.a.
Land: USA, Großbritannien
Laufzeit: 115 Minuten
FSK: Ab 16 freigegeben
Genre: Drama / Thriller
Tags: Kevin | Massaker | Amoklauf | Mutter | Familie | Schwester | Beziehung

Auch ein Filmprojekt wie dieses eignet sich zum Verheben.

Inhalt: Kevin (Ezra Miller) verhält sich seiner Mutter Eva (Tilda Swinton) gegenüber bereits als Baby und Kleinkind merkwürdig. Er schreit ununterbrochen, und scheint sich besonders in ihrer Gegenwart unwohl zu fühlen – während er mit seinem Vater Franklin (John C. Reilly) auch als Teenager bestens auskommt. Während Eva schon lange irgendetwas böses, unaussprechliches schwant; bleibt sie über weite Strecken macht- und sprachlos – bis es zu einem dramatischen Zwischenfall kommt, und sich das Leben der Familie auf einen Schlag ändert. Von nun an muss Eva allein mit einer schweren Last umgehen, und sich jenen Menschen stellen, die nur noch Verachtung für sie übrig haben.

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Kritik: Wir müssen über Kevin reden – tun aber genau das nicht. So einfach könnte man den 2012’er Film von Lynne Ramsay in nur wenigen Worten beschreiben. Ein Film, der eine augenscheinlich intakte Familiensituation mit der Geburt eines Kindes in schwer zu charakterisierende Abgründe der menschlichen Seele stürzt. Dieses Kind ist Kevin, der im weiteren Verlauf zu einem echten Enfant Terrible avanciert, aber auch schon zu Beginn mit anderen Satansbraten wie Damien (DAS OMEN) und Co. konkurrieren könnte. Doch bewegt man sich mit WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN in einem gänzlich anderen Genre – einem, bei dem es schon schwerer fällt zwischen Fiktion und Realität zu trennen, und anschließende Diskussionen (die über den Filmkontext hinausgehen) beinahe unumgänglich sind. Denn, und das ist sicher – der Film kann sowohl als verstörendes, relativ in-sich-abgeschlossenes Kammerspiel betrachtet werden, wie auch als Gesellschaftsparabel mit leidig aktuellem Bezug. Ein Ziel hat Regisseurin Lynne Ramsay mit ihrem Film also schon erreicht: sie nähert sich als eine der wenigen Mutigen einem verdammt schwierigen, beinahe unverfilmbaren Thema; ohne dabei eine zu offensichtliche Stellung zu beziehen.

Ihr Film, das ist das Stichwort – denn eigentlich basiert WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN auf dem gleichnamigen Roman von Lionel Shrivers, der bereits 2003 veröffentlicht wurde. Im Rahmen des Wettbewerbes der 64. Filmfestspiele in Cannes wurde die Verfilmung erstmals gezeigt – eine Verfilmung, die mit einem vergleichsweise geringen Budget von ca. 7 Millionen Dollar auskommen musste, trotz relativem Staraufgebot. Aber: kann eine kantige Verfilmung eines kantigen Stoffes, die offenbar mehrere Jahre in Planung war, überzeugen – und wenn ja, auf welcher Ebene ?

Kevin’s Mutter, intensiv gespielt von Tilda Swinton; weiss sich in Bezug auf ihren Sohn Kevin einfach nicht zu helfen – es scheint, als würde das übliche Band der Liebe durch ein solches des Hasses ersetzt werden. Währenddessen pflegt Kevin einen relativ normalen Umgang mit seinem Vater – was dazu führt, dass sich das Ehepaar kaum über ihren Sohn austauscht und so zwei grundsätzlich verschiedene Beziehungsstränge zu ihrem Sohn etablieren. Sie leben zusammen, aber eben nicht miteinander – und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Jedoch: was einerseits als Clou des still-verstörenden Films zu bezeichnen ist, gerät für den Zuschauer andererseits zu einer echten Zereiss- und Geduldsprobe. Denn nicht nur dass es schwer zu glauben ist, dass Kevin seit seinen ersten Atemzügen ein gestörtes Verhältnis zu seiner Mutter (oder generell dem weiblichen Geschlecht) hat – der Film macht auch keine Anstalten, selbige Charakterentwicklungen feinfühlig und glaubhaft darzustellen. Als explizites Drama, welches sich einem inhaltlich anspruchsvollen und allgemein schwer verdaulichen Thema annimmt, ist diese Vorgehensweise zusätzlich ärgerlich – und lässt den Film einstweilen in eine undefinierbare Richtung driften, die sich irgendwo zwischen Surrealismus und Charakterstudie bewegt.

Darüber hinaus machen allerlei Zeitsprünge, die völlig willkürlich auftreten und die Handlung unnötig konfus erscheinen lassen, es dem Zuschauer schwer sich in das Geschehen einzufühlen, sich den Charakteren zu nähern – und eine für diesen Film so dringend benötigte Empathie zu entwickeln. Und nicht nur das: die eher ärgerliche Nutzung selbiger Zeitsprünge führt dazu, dass der Film stark vorhersehbar ausfällt – das Ende wird grundsätzlich schon in den ersten Minuten vorweggenommen. Das wäre sicher nicht allzu gravierend, hätte man die ein oder andere Überraschung, respektive Wendung (und sei es in Bezug auf die Charakterporträts) parat – doch handelt es sich hierbei um ein Luftschloss. Die Charaktere bleiben starr; das von manchen gelobte Ende bietet alles andere als eine beeindruckende / schockierende / aufrüttelnde Kehrtwende. Man hält es hier ebenso wie im gesamten Verlauf des Films und gibt sich zurückhaltend, macht höchstens dezente Andeutungen – die dann ins Leere laufen.

Es ist schwer zu sagen, welche Botschaft Regisseurin Lynne Ramsay transportieren wollte – sollte sie sich eine explizite ausgesucht haben, so schlägt sie mit diesem Unterfangen fehl. Und selbst die Daseinsberechtigung des Films in Bezug auf verschiedene Genres ist anzuzweifeln. Für ein Drama ist WE NEED TO TALK… zu hochstilisiert, zu unnahbar – und allein aufgrund der handwerklichen Ebene zu abgehoben. Für ein Dasein als Thriller fehlt es an einer nachvollziehbaren Entwicklung, nachhaltigen Enthüllungen und vor allem (Selbst-)Reflexionen – beinahe alle Elemente (wie Charakter-Aspekte) sind von Beginn an vorgegeben und bleiben fix. Besonders die stereotype, selten nachvollziehbare und beinahe unmenschlich wirkende Beziehung zwischen Kevin und seiner Mutter gerät zu einem Ärgernis, da es keine Anhaltspunkte hinsichtlich ihres Verhaltens gibt. Es bleibt letztendlich dem Zuschauer überlassen zu urteilen, ob es sich hier um eine Art dynamische Hassliebe handelt, oder vielleicht sogar um einen rein physisches Problem (was die Fieber-Krankheit von Kevin, mit der er sich seiner Mutter gegenüber plötzlich normal verhält, andeutet) – und in wie fern Schuldzuweisungen zu machen sind. Was Lynne Ramsay schafft ist, eine makabere; fast surreal anmutende Eltern-Kind-Beziehung darzustellen, die sich jenseits von gut und böse bewegt, und weniger im Drama- als vielleicht im Kunstfilmbereich anzusiedeln ist.

Auch ist es schwierig, in einem Fall wie diesem von guten oder schlechten darstellerischen Leistungen zu sprechen. Es ist eben nicht damit getan, möglichst nachdenklich / zerbrechlich / innerlich leidend anzumuten, wie es besonders Tilda Swinton mit ihrer Gestik und Mimik geradezu zelebriert. Auf der anderen Seite haben die Kinder und Teenager-Darsteller von Kevin nicht viel mehr zu tun, als grimmig-hinterhältig dreinzuschauen – eine charakterliche Flexibilität (und damit Nachvollziehbarkeit) sieht anders aus. Letztendlich sieht das Drehbuch zu wenig Spielraum für die Charaktere vor. All diese Aspekte führen zu einem unvermeidbaren Ergebnis: etwas schreckliches passiert, muss passieren – spätestens jetzt sollten Fragen gestellt werden. Doch sieht der Film dergleichen nicht vor, auch nicht nach dem alles verändernden Ereignis – das offenbar gar nicht so viel verändert wie allgemein zu vermuten. Eher im Gegenteil… doch sollte ein jeder selbst einen Blick auf das makabere Finale erhaschen, dass unglaubwürdiger nicht hätte ausfallen können. Gepaart mit der generellen Einschränkung / Hilfs- und Sprachlosigkeit der Charaktere ein echtes Ärgernis, oder aber eine kleine Frechheit.

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Fazit: WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN ist ein Film der etwas anderen, da schwer bekömmlichen Sorte. Jedoch macht ihn dies allein nicht zu einem Garanten für besonders anspruchsvolle Kost – jegliche Anzeichen von fundierten Inhalten und Entwicklungen werden im Keim der auf Kunstfilm getrimmten Kameraführung und Szenengestaltung ertränkt. Lynne Ramsay’s Herangehensweise an den schweren Stoff ist nicht nur unorthodox, sondern teilweise auch unverständlich und für die Umsetzung und den Gehalt des Films eher ungünstig. Auch unter den gängigen Gesichtspunkten des Drama- oder Thrillergenres kann WE NEED TO TALK… nicht überzeugen. Vielmehr handelt es sich um einen Kunstfilm, der keiner ist – und der lediglich bei kaum anspruchsvollen und schnell zu beeindruckenden Zuschauerschichten eine Wirkung entfalten kann. Eine durchaus diskutable Wirkung, die eine konsequenten Aussage verweigert und die Zuschauer so relativ allein mit sich selbst und seinen Gedanken zurücklässt. Ein Film wie I KILLED MY MOTHER (Kritik) bietet zwar keine ähnlich ausufernde Finaldarstellung, kommt aber mit einer vergleichbaren Grundidee daher und ist grundsätzlich eher zu empfehlen als WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN.

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4 Gedanken zu “Filmkritik: „We Need To Talk About Kevin“ (2012)

    1. Vielen Dank für die Rückmeldungen. Wie oft wir (fast) einer Meinung sind wenn es um etwaige Final-Wertungen für Filme geht, ist schon bemerkenswert. 🙂

      Bezüglicher neuer Rezensionen sieht es momentan eher mau aus. Filme sind einige reingekommen, aber ich warte noch auf irgendein Highlight. Ganz egal aus welchem Bereich / Genre. Zuviel ist entweder Mist oder nur durchschnittlich… und das reicht mir nicht (mehr). Wenn Du also noch einen aktuellen Tipp hast, nur her damit. 😉 MfG, Oli

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      1. Gibt eh noch alte Rezensionen von dir, die ich noch kommentieren muss. hehe ^^ Kommt ja immer mal wieder ein Film dazu den ich irgendwann dann doch gesehen habe. Würd ja gerne Co-Rezensent sein, aber mir fehlt da einfach auch die (vor allem regelmäßige!) Lust dazu, auch wenn’s mir mit dir sicherlich Spaß machen würde. Ich bin dann eher doch der Medienkonsument und beschränke mich auf das zugegebenermaßen stil- und zwanglose „Senf dazu beitragen“. 🙂

        Im Grunde haben wir eine ähnliche Meinung zum „Durchschnittsfilm“, bis auf einige Ausreißer, wo wir eine differenzierte Meinung haben. Und dann gibts so jeweilige „Spezialgebiete“ wo wir einen völlig verschiedenen Zugang zu haben.

        Ich muss mal in meiner „Historie“ (sprich: Gekauftes bzw. Aufgezeichnetes) schaun welche Filme da in Betracht kommen könnten bzw. ich als Filmtipp weiterreichen kann, da die Liste ja beinahe endlos erscheint…wie die Liste deiner Power Metal Alben, ich glaube das hört nie auf. 😀

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        1. Naja und ich finde ja so richtig üblen (vielleicht auch polarisierenden) Mist sollte man (quasi als Warnung oder vielleicht Empfehlung, je nachdem ^^) hin und wieder auch noch Besprechen. 🙂 Manchmal (sind nicht viele) hast du so Filme in deinen Rezensionen, die ich mir aus mangelndem Interesse (und der Flut an Filmen) wohl nie anschauen würde.

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