TV-Kritik / Anime-Review: STEINS;GATE

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Originaltitel: Steins;Gate
Typ: Anime-TV-Serie
Umfang / Laufzeit: 24 Folgen + 1 OVA (je ca. 23 Minuten)
Land: Japan
Regie: Takuya Satō, Hiroshi Hamasaki
Studio: White Fox
Genre: Thriller / Science Fiction / Drama
Tags: Steins Gate, Reading Steiner, Okabe, Telefonmikrowelle, SERN

Die Liste der 24 Episoden (deutsche Titel):

01 Prolog vom Anfang und Ende 13 Metaphysische Nekrose
02 Zeitsprungparanoia 14 Physische Nekrose
03 Parallelweltparanoia 15 Missing Link Nekrose
04 Interpreter Rendezvous 16 Opfernde Nekrose
05 Starmine Rendezvous 17 Made in Complex
06 Divergenz des Schmetterlingseffekts 18 Fraktale Androgynie
07 Divergente Singularität 19 Endlose Apoptose
08 Chaostheorie Homeostase 20 Finale Apoptose
09 Homeostase der Illusionen 21 Zusammenbruch des Kausalprinzips
10 Homeostase der Komplementäre 22 Zusammenbruch des Wesens
11 Dogma im Event Horizon 23 Öffne das Steins Gate
12 Dogma in der Ergosphäre 24 Erreichter Punkt

Ein ver-rückter Wissenschaftler und eine zweckentfremdete Mikrowelle.

Inhalt: Rintarō Okabe ist ein junger, von manchen als verrückt bezeichneter Wissenschaftler; der im japanischen Akihabara sein Hobby zum Beruf macht. In seinem Wohnzimmer hat sich der notorische Laborkittel-Träger eine Art Forschungszentrale eingerichtet, in der er mit seinen besten Freunden Daru und Mayuri ständig neue Ideen austüftelt. Doch noch häufiger verbringen die drei einfach nur Zeit miteinander – und leben offenbar recht sorgenlos in den Tag hinein. Eines Tages aber geschieht etwas – etwas, dass zuerst wie ein blosser Zufall; oder aber ein weiteres Hirngespinst von Okabe anmutet. Schon bald aber sind jegliche Irrtümer ausgeschlossen: die drei haben es auf irgendeine Art und Weise geschafft, mithilfe einer modifizierten Mikrowelle Textnachrichten in die Vergangenheit zu schicken. Dies führt nicht nur dazu, dass die drei von nun an überaus erpicht darauf sind auszuprobieren, in wie fern man mithilfe dieser kleinen Zeitmaschine seine eigene Gegenwart beeinflussen könnte – sondern auch zu einem Anstieg der Mitarbeiterzahl. Alsbald und über Umwege gesellt sich eine anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Zeitreisen zu ihnen, Makise Kurisu. Die anfänglichen, eher locker betrachteten Experimente weichen jedoch über kurz oder lang wahnwitzig-ernsten Theorien – und lassen die Grenzen zwischen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer wieder verschwimmen. Zu allem Überfluss scheint sich auch noch eine mysteriöse Organisation, SERN genannt, in die Geschicke der Forscher einzumischen – denn auch sie wollen die Entwicklung einer Zeitmaschine vorantreiben, um so den späteren kommerziellen Markt und wenn nicht sogar die gesamte politische Welt zu beherrschen.

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KritikGarantiert Spoilerfrei: STEINS;GATE ist schon so ein Fall für sich. Als eine der wohl ungewöhnlichsten Anime-Serien der letzten Jahre, die interessanter- und seltenerweise auf einem Computerspiel (!) basiert, begeistert sie Fans und Interessenten aus aller Welt. Und das trotz oder gerade wegen der augenscheinlich schwer zugänglichen Thematik um schwarze Löcher, Weltlinien, Zeitmaschinen und allerlei andere wilde Theorien – der allgemeinen Anime-Mainstream sieht jedenfalls anders aus. Das besondere dabei ist, dass STEINS;GATE nicht ausschließlich auf die Präsentation derartiger Theorien setzt und gar wie eine nüchterne Wissenschafts-Serie daherkommt – sondern stattdessen mit einer bunten Charakter-Riege und reichlich (Situations-)Komik aufwartet. So entstehen 24 ebenso bunte Episoden mit einem hohen Unterhaltungswert, der sich von Episode zu Episode auf einen anderen Schwerpunkt gründet. Inspirierende Ideen, wissenschaftliches Futter und fantastische, metaphysische Gedanken; gepaart mit lebhaften Charakteren und einem generell lockeren Erzählgewand ? In der Tat könnte man STEINS;GATE als einen der Anwärter auf den Titel des besten Animes aller Zeiten betrachten.

Doch Vorsicht – diese großzügige Attribuierung muss man an der ein oder anderen Stelle doch wieder etwas entkräften. Und zwar schneller, als man denkt. STEINS;GATE ist wieder erwarten nicht die perfekte, makellose Serie geworden; zu der man es hätte bringen können. Oder müssen – sorgen doch gerade die frischen Ideen und aufregenden, sinnig in die Handlung eingebundenen Weltlinien-Theorien und Zeitreisen für nicht wenige Aha- und Gänsehautmomente. Bei einem derartigen Themenschwerpunkt, der trotz des wechselnden Fokus geradezu bedrohlich über allem schwebt, gilt es eben nicht nur die einzelnen Zutaten wohl zu dosieren – sondern auch für eine insgesamt stimmige Atmosphäre, und ein bestenfalls in sich geschlossenes Erzähluniversum zu sorgen. Dies jedoch verpasst STEINS;GATE leicht – wobei die möglicherweise ungünstig gewählte Art der Inszenierung besonders beim ärgerlichen, äußerst zähen Auftakt auffällt. Es dürfte nicht jedem Zuschauer leicht fallen, das Interesse an der Serie auch nach den ersten 4 oder 5 Folgen zu wahren – denn wo es noch recht spannend und spekulativ begann, transferiert man die allgemein vorherrschende Stimmung schnell in einen verdächtig grotesken, wenn nicht gar albernen Bereich.

Hier ist es besonders Hauptcharakter Okabe, der im Rampenlicht steht – und an dessen Porträt man sich mit einigem guten Willen gewöhnen muss. Seine exzentrische, flippige Art; die er in jedem Fall beibehalten würde, selbst wenn wortwörtlich die Welt untergeht – wird nicht jedermanns Geschmack treffen. Was gleichzeitig ein positiver Aspekt ist, offenbart sein Charakter im weiteren Verlauf doch noch eine nicht uninteressante Tiefe; bei einem stets schwer einzuschätzenden Gesamtbild. Deutlich nerviger und vor allem plump charakterisiert fallen dagegen Okabe’s anfängliche Begleiter aus – zu Beginn nur Mayuri und Daru. Erstere ist ein Mädchen mit einer schicksalhaften Vergangenheit; die zwar ein gewisses Gespür für Menschen an den Tag legt, sonst aber weitestgehend stumm bleibt oder nur unwichtige, auf kindlich-einfältig getrimmte Wortfetzen von sich gibt – zweiterer ist der etwas dickliche, sich tollpatschig anstellende; aber natürlich geniale Computer-Freak aus der Klischee-Kiste. Sind diese ersten Vorstellungsrunden erst einmal überstanden, und hat man sich an die Charaktere gewöhnt – dauert es noch immer eine ganze Weile, bis STEINS;GATE richtig an Fahrt aufnimmt. Bis zur Episode 10, oder vielleicht sogar 15 könnten viele Wünsche offen bleiben – danach gibt es dann das sicherlich von vielen erwartete Futter für das Hinrschmalz, aber eben auch für das Herz. Wäre dieser schrecklich träge, oftmals viel zu alberne und mit Klischees überzogene Auftakt nicht gewesen – dann hätte STEINS;GATE schon eher das Potential gehabt, in der obersten Anime-Liga mitzuspielen.

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Es ist eben kein leichtes, mit einem Thema wie diesem umzugehen. Mögliche Genre-Pendanten wie SERIAL EXPERIMENTS LAIN (Review) machen vor, wie es (potentiell erfolgreicher) gehen kann. Eine fantastische Geschichte, die in einem dystopischen Szenario endet; mit allerlei intelligenten Bezügen auf die Menschheitsgeschichte – kann eigentlich nur düster und grundlegend ernst inszeniert werden, will man nicht einen großen Teil der Wirkungskraft verschenken. STEINS;GATE macht indes genau das – und lenkt mit den merkwürdigen Comedy-Einlagen und insgesamt viel zu flachen Charakteren vom wesentlichen ab, auch wenn sich dieser Faktor im weiteren Verlauf mildert. Diese nicht ganz eindeutige Marschrichtung offenbart zumindest zweierlei positive Nebenwirkungen: zum einen macht man die Serie einer breiteren Zuschauergruppe zugänglich, die in Anbetracht einer Thematik wie dieser vielleicht allzu trockene Inhalte befürchten – und zum anderen beweist man eine große Portion Mut. Denn so etwas wie STEINS;GATE hat es bisher tatsächlich noch nicht gegeben – eine ehrenwerte Feststellung, doch tröstet sie nicht gänzlich über die so auftretenden Unstimmigkeiten hinweg.

Es bleibt, sich an das zu klammern was die Serie in jedem Fall beherrscht: das Vermitteln von teils wissenschaftlich, teils weit hergeholten Theorien; verpackt in eine packende Story um zwei oder drei besonders interessante und ansprechende Charaktere. Hier darf das Zuschauer-Hirn auch entsprechend arbeiten; man kann einfach nicht anders als zu versuchen, sich diese wilden Theorien möglich sinnig zu erklären und abzuspeichern. Nach einigen mehr oder weniger zermürbenden Durchläufen kann das auch ganz gut funktionieren – denn im Gegensatz zu anderen Serien geizt man bei STEINS;GATE nicht allzu sehr mit Hinweisen auf die Serien-interne Logik. So entwickelt die Serie schnell einen ganz eigenen Charme, und setzt sich unweigerlich im Gedächtnis fest. In erster Linie natürlich die Grundidee selbst – und erst danach (und mit einigem Abstand) das Porträt der Charaktere um Okabe, Makise; aber auch Moeka und Suzuha (sowie deren vielfältigen Interaktionen). Dann gibt es da natürlich noch SERN – jene ominöse Forschungs-Organisation mit offensichtlichem Realitätsbezug, die Jagd auf die findigen Forscher macht. Gerade hier wäre aber noch viel mehr drin gewesen – so ganz rund wirkt die Darstellung dieses Widersachers aus dem Schatten nicht, letztendlich wird sie auch schlicht zu schnell abgehandelt. Kommen wir nun also zu einer Übersicht der Charaktere, der Optik und Akustik.

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Charaktere

STEINS;GATE bietet eine auffällig bunte Riege von Charakteren, die hinsichtlich ihrer inhaltlichen Gewichtung und Bedeutung jedoch stark variieren. Von markanten, schier die ganze Serie tragenden Charakteren wie Okabe und Makise über spannende, jedoch bereits auffällig spärlich beleuchtete Figuren wie Moeka bis hin zu beinahe bedeutungslosen und ärgerlich eindimensionalen Klischee-Puppen wie Mayuri, Daru, Ruka oder Feris ist grundsätzlich alles vertreten. Warum genau die Macher eine solche Vorgehensweise bevorzugten, ist nicht gänzlich nachvollziehbar – einige Figuren geraten zu einem waschechten Nerv-Faktor, während man andere schneller liebgewinnen kann. Es ist eben ein Unterschied, ob man einen stets menschlich und authentisch wirkenden Okabe dabei beobachtet, wie er zwischen seiner ureigenen Ironie und dem leichten Wahnsinn seines Schicksals als Reading Steiner balanciert – oder ob man einen regelrecht gefühllosen, stets witzelnden und für Klischee-Witze herhaltenden Daru über 24 ihn kaum beeinflussende Episoden begleitet. Hier wäre mehr, und vor allem ein ausgewogeneres Potential drin gewesen: eine oder zwei offensichtlich eindimensionale Figuren – als Nebencharaktere – ja. Eine ganze handvoll dagegen eher nein; und schon gar nicht wenn man hier nur selten einen Funken Menschlichkeit (Stichwort Authentizität) erahnen kann. Ebenso gut wie schade ist, dass man keinen wirklichen Antagonisten präsentiert bekommt – das ist mutig und irgendwie erfrischend, andererseits hätte es zu einer Serie wie dieser vielleicht besser gepasst.

Optische Aspekte

STEINS;GATE ist dezent-schick – nicht mehr und nicht weniger. Gerade die Charaktere sind markant und detailreich gezeichnet, die Hintergründe und Schauplätze wirken oftmals besonders stimmig oder gar malerisch. Wer jedoch deutlichere Sci-Fi-Anspielungen erwartet, wird enttäuscht: bis auf einige kritzelige Weltlinien, eine klobige Zeitmaschine und einige dezente Effekte (Mikrowelle, Zeitfragmente) gibt es in dieser Hinsicht nicht viel zu sehen. Immerhin gibt es so gut wie nie Hektik oder übertriebene Stilmittel zu vermelden – das Ganze geht in einem (entspannten) Guss herunter.

Akustische Aspekte

STEINS;GATE besitzt einen grundsätzlich hochkarätigen, aber leider auch kaum prägnanten Soundtrack. Ansonsten gilt auch hier: nichts ist wirklich spektakulär und beeindruckend, noch müsste man dringend Verbesserungsbedarf anmelden. Die Sprecher sind allesamt ambitioniert und erscheinen passend gewählt, wenngleich man es hinsichtlich bestimmter Merkmale eindeutig übertrieben hat (dies geht jedoch mit den jeweiligen eingeschränkt-eindimensionalen Charakter-Profilen einher).

Fazit: STEINS;GATE hat das Zeug zu einem der heißesten Anime-Kandidaten überhaupt gehabt, doch letztendlich scheitert er  -wenn auch auf hohem Niveau – an der etwas unentschlossenen Orientierung hinsichtlich der Genre-Gewichtungen. Generell hätte man den Grad des Slapsticks und der abseitigen Erzählungen vermindern, oder aber zumindest etwas anspruchsvoller inszenieren sollen. Denn die allgemeine Blödelei (besonders zu Beginn) will einfach nicht so recht zu den späteren Ereignissen und vermittelten Inhalten passen. Um in der absoluten Oberliga mitspielen zu können, fehlt es STEINS;GATE auch an besonderen optischen und akustischen Merkmalen, herausragenden Alleinstellungsmerkmalen – anders gesagt, markanten Einzigartigkeiten; die sich nicht allein in der erzählerischen Ebene widerspiegeln. Die ist indes das stärkste Element der Serie – von witzigen Momenten über dramatische Charakterentwicklungen, packende Thriller-Elemente und spannende Zeitsprung-Eskapaden bis hin zu einer geradezu epischen Ausweitung der metaphysischen Thematik ist ein hoher Unterhaltungswert garantiert. Wenn man bereit ist kleinere Abstriche zu machen, kein Meisterwerk erwartet – und schlicht auf der Suche nach einer besonders anregend-inspirierenden Sci-Fi-Thrillerserie ist, ist man mit STEINS;GATE gut beraten. 


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„Eine etwas andere Anime-Serie mit Mindfuck-Garantie.“

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